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83. Jahrgang.
Donnerstag, 10. Ottoberl93S.
Nr. 277.
Bischof von Meißen wegen Devisenvergehen verhaftet.
Zn das Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert.
Berlin, 10. Okt. (Gig. Drahtmeldung.) Die Zustiz- pressestelle Berlin teilt mit: Im Verlauf des Strafverfahrens gegen katholische Geistliche und Ordensangehörige wegen Devisenvergehen hat sich dringender Verdacht dafür ergeben, daß der Bischof von Meißen, Peter Lege in Bautzen, an den in seinem Bistum vorgekommenen Devisenvergehen beteiligt ist. Auf Grund des Ergebnisses der Ermittlungen hat der Eeneralstaatsanwalt beim Landgericht Bautzen gegen den Bischof wegen zweier fortgesetzter Devisenvergehen Anklage bei der Strafkammer des Landgerichts erhoben, die wegen dringenden Tatverdachts Haftbefehl erlassen hat. Der Bischof wurde gestern auf Grund des gerichtlichen Haftbefehls feftgenommen und in das Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert.
Ein Loch im Sanktionssystem.
— Die Debatte in Genf geht weiter.
Die Haltung Österreichs und Ungarns.
Sperrung der englischen Kohlenlieferungen.
äs. Berlin, 10. Okt. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die gestrige Vollversammlung des Völkerbundes hat den Engländern nicht die von I ihnen erhoffte E instimmig keil in der Sankrions-
frage gebracht. Ö st e r r e i ch wie auch Ungarn haben ** erklären lasten, daß sie nicht in der Lage seien, sich den Tanktionsboschlüsten des Rates anzuschließen. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß diese Stellungnahme der beiden Länder eine Folge der engen Zu- samme»arbeit mit Italien ist, die im März vorigen Jahres vereinbart wurde und auch in einem Konsultativpakt ihren Ausdruck fand, das heißt in einem Pakt, der die Unterzeichner verpflichtet, in allen wichtigen Fragen der großen Politik von irgend einer Entscheidung miteinander Fühlung zu nehmen. Mit der Stellungnahme Österreichs und Ungarns erhält a das Sanktionssyste m, noch ehe es ausgearbeitet
' ist, e i n Loch. Soweit finanzielle Sanktionen in Frage
" kommen, wird das allerdings belanglos sein, denn
weder Österreich noch Ungarn sind in der Lage, Italien Anleihen zu gewähren. Anders liegen die Dinge auf wirtschaftlichem Gebiet. Man weist in Genf beispiels- i weise darauf hin, daß es keine völkerrechtliche Bestim
mung gäbe, Österreich und Ungarn daran zu hindern, von anderen Ländern Kriegsmaterial und Wirtschasts- erzeugniste zu kaufen und diese an Italien weiter zu , leiten. Offenbar befürchtet man aber auch,
daß noch weitere Staaten sich dem S ta n d -
punkt Österreichs und Ungarns anschließen könnten, Staaten, die nicht auf den Verdienst an etwaigen Lieferungen für Italien verzichten wollen. So klingt es sehr glaubhaft, wenn aus London gemeldet wird, daß die englische Regierung mit fast allen europäischen Staaten wegen der Sanktionsfrage verhandele und ihnen den britischen Schutz zusichere, wenn sie sich der englischen Führung in der Sanktionsfrage fügen würden. Es ist auch wohl anzunehmen, daß dieses Thema in den gestrigen Londoner Kabinettsberatungen eine sehr erhebliche Rolle gespielt hat. Dabei ist aufgefallen, daß in diesen Beratungen auch der Staatssekretär für Bergbau teilnahm, der nicht als Mitglied des Kabinetts gilt. Man glaubt daraus schließen zu können, daß eine Sperrung der Kohlen- e i n f u h r nach Italien zu dem englischen Sanktions- Programm gehört. In einem englischen Blatt wird zu diesem Thema daraus verwiesen, daß Italien fast die Hälfte seiner Kohlen — eine Einfuhr, die sich kaum drosseln läßt, da Italien fast keine Kohle besitzt — aus England bezieht. Aus Genf, wo heute die Gespräche in' der Vollversammlung weitergeführt werden, hört man zu dem gleichen Thema, daß die englischen und französischen Finanz- und Wirtschaftssachverständigen sich über einen gemeinsamen Sanktionsplan geeinigt haben, der die Zustimmung Edens gefunden haben und der dem von der Vollversammlung zu bildenden Sanktionsausschuß unterbreitet werden, soll.
Wählt England schon im November?
Günstige Aussichten für die Regierung.
London, 10. Okt. (®ig. Drahtmeldunq.) Die gesamte heutige Morgenpresse rechnet damit, daß die englische Regierung bereits Ende November — man spricht vom 21. oder 28. November — die Ne uwahlen für ‘Ms Parlament ausschreiben wird.
Die endgültige Entscheidung darüber wird voraussichtlich davon abhängen, ob die Entwicklung in Gens im Sinne der englischen Regierung verläuft. Die Aussichten der nationalen Regierung Baldwins bei den Wahlen werden in der gegenwärtigen Lage, in der di« überwältigende Mehrheit des englischen Volkes sich hinter die außenpolitischen Entscheidungen stellt, als besonders günstig betr achtet.
Der „Daily Telegraph" meldet, «s sei die Ansicht de» Kabinetts, ein neues Mandat für die Regierung vom eng-
Die militärische
lischsn Volk zu fordern. Dadurch werde die Regierung in ihrer Stellungnahme zur Politik bet kollektiven Sicherheit nur gestärkt werden. Auch sei man der Ansicht, daß die Wählerschaft Gelegenheit haben müsse, zur Aufrüstungspolitik der englischen Regierung Stellung zu nehmen. Die Regierung werde wahrscheinlich unter dem Schlagwort „V e r t e i d i - g u n g und wirtschaftliche Entwicklung" in die Wahlen gehen. Sn einem Leitaufsatz schreibt das Blatt: Die Regierung hat die Ausgabe vollendet, vor die sie im Jahre 1931 gestellt war. Sie steht jetzt angesichts der veränderten Weltlage vor neuen großen Aufgaben. Eine Neuwahl wird die Entschlossenheit der britischen Nation beweisen, den Frieden durch kollektives Zusammengehen aufrecht zu erhalten, und die Bereitschaft zu jedem Opfer, das eine solche Politik verlangt.
Lage in Afrika.
Deutscher Sieg im Memelland.
81 Prozent der Stimmen für die Einheitsliste abgegeben. Die Niederlage der litauischen Politik.
Wenn auch die amtlichen Ergebnisse der Wahlen zum Memellandtag, einer Wahl, die vor 10 Tagen beendet war, noch immer nicht vorliegen, so kann man auf Grund der bisherigen Auszählung doch sehr zuver- lässigsSchlüsse auf die Zusammen s e tz u n g des k ü n f - tigen Landtages ziehen. Es ergibt sich danach, daß mindestens 23 Vertreter der Einheitsliste, Ä. h. 23 Memelländer ,und nur 5 Li lauer in dem neuen Landtag fitzen werden, wahrend ein Mandat noch als strittig gilt. Reuter glaubt auch dieses Mandat der Einheitsliste zuzählen zu können, sodaß damit genau wie im alten Landtag die Deutschen 24 Abgeordnete, die Litauer nur 5 zählen würden.
Das ist also das Ergebnis des litauischen Terrors, des unsinnigen Wahlrechts und all,der taufend Schikanen, denen die Memelländer ausgesetzt waren. Wieder haben die Memelländer gezeigt, daß sie und ihre Heimat deutsch sind und sie zu dieser Heimat, stehen, daß sie die Methode der litauischen Politik entschieden ablehnen und entschlossen sind, den Kampf weiter zu führen für ihre im Memelgebiet garantierten Rechte. Mit Recht sagt ein schwedisches Blatt, dieses Wahlergebnis sei eine „Niederlage und Enttäuschung für Kowno." Für die Welt aber ergibt sich die Frage, was gedenkt nunmehr Kowno zu tun, nachdem all die Einbürgerungen der Eroßlitauer im Memelland nichts nützten und was gedenken die Signatarmächte zu unternehmen? Werden jetzt endlich im Memelgebiet die Terrormaßnahmen aufhören? Wird endlich das ungesetzliche litauische Direktorium verschwinden und einem gesetzlichen Direktorium Platz machen, das das Vertrauen des Landtages genießt? Die Welt kann an dem Bekenntnis der Memelländer zu ihrer deutschen Heimat nicht vorübergehen.. Die Signatarmächte müssen dafür sorgen, daß dem so klar zum Ausdruck gebrachten Willen der memMändifchen Bevölkerung nun endlich Rechnung getragen wird.
Em englisches Urteil.
London, 10. Okt. (Eig. Drahtmeldung.) , Sn einem Leitaufsatz vertritt die „Times" die Ansicht, daß die 6 i s = . herigen italienischen Erfolge in Abessinien
nicht sehrüberzeugend seien. Wenn die italienischen Zeitungen von dem angeblichen ungeheueren Eindruck der i# italienischen Siege in London sprächen, so sei dies eine Ver-
»**- drehung der Tatsachen. Das englische Publikum
1 sei höchst überrascht, daß der italienische
K Vormarsch nicht schneller vor sich gegangen
sei. Man sei der Ansicht, daß Italien wenig Ursache habe, sich seiner militärischen Leistungen zu rühmen.
„Daily Telegraph" meldet aus Rom, die Tatsache, daß bisher keine italienischen Verlust Ziffern veröffentlicht worden seien, habe eine gewisse Besorgnis bei vielen Italienern verursacht. Man befürchte, daß die Verluste der italienischen Truppen schwer seien. Seit der Erstürmung von Adua am Sonntag ' habe die italienische Armee so gut wie keine Fortschritte gemacht.
Frachtkonjunttur auf der Donau.
Die Fronten in Nordabeffinien.
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Auf Grund der Meldungen aus Rom, Addis Abeba und London über die Stellungen und Bewegungen der italienischen und abessinischen Truppen haben wir diese Karte gezeichnet, auf der die ungefähre Truppenverteilung dargestellt ist.
(Wagenbovg-Eisner, M.)
Durch Vorratskäufe Italiens.
Wien, 10. Okt. Nach einer Wiener Zeitungsmeldung haben die gegenwärtigen politischen Spannungen zu einer bedeutenden Belebung des Frachtverkehrs auf der Donau geführt. So soll die Donau-Dampfs chiffahrts- Gesellschaft derartig stark beschäftigt sein, daß ihr 232 000 Tonnen fastender Gesamtladeraum nicht mehr hin reicht, alle Aufträge zu bewältigen. Selbst die beiden kürzlich sertiggestellten großen Schleppboote von je tausend Tonnen konnten keine fühlbare Entlastung bringen. 2n der Meldung wird darauf hingewiesen, daß es sich bei den Verschiffungen hauptsächlich um Vorratskäufe Italiens, aber auch anderer Weststaaten handele, wobei in erster Linie der Transport von Getreide und von Erdöl aus Rumänien eine Rolle spiele.
Diese starke Belebung der Berschiffungstätigkeit auf der Donau ist umso bemerkenswerter, als bekanntlich die schwierig« Wirtschaftslage der letzten Jahre erst vor kurzem die Donau-Dampjschiffahrts-Gesellschaft zu einer einschneidenden Sanierung zwang Damals wurde das Aktienkapital von 18,9 Mill. Schilling auf 10,9 Mill. Schilling herab
gesetzt und sodann auf 12,9 Millionen Schilling wieder erhöht. Außerdem wurde von einer italienischen Gruppe, die aus verschiedenen italienischen Schiffahrtsgesellschaften bestehen soll. Vorzugsaktien im Betrage von 10 Millionen Schilling übernommen.
Holland zu Sühnematznahmen bereit.
Haag, 10. Okt. Anläßlich der am Mittwoch in der ersten Kammer erfolgten Annahme des Gesetzes zum Erlaß von Ausfuhrverboten in Zeiten internationaler Spannungen gab Ministerpräsident Di. Colijn die Erklärung ab, daß die niederländische Regierung ihren Völlerbundsoerpflich- tungen getreulich nachkommen werde. Die Regierung werde sich also auch an Sühnemaßnahmen beteiligen, wenn ste auch hinsichtlich der von ihr zu ergreifenden Ausführungsmaßnahmen eine gewisse Vorsicht beachten werde. Obwohl die Beschlüste des Völkerbundes abgewartet werden müßten, Hobe die niederländische Regierung doch bereits Gesetzentwürfe vorbereitet, durch die die Einfuhr italienischer Waren und die Gewährung holländischer Kredit« an Italien untersagt werden.
