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Donnerstag, 26. September 193b.

Abessinien als Zitadelle Afrikas.

Von Max Erühl.

Die Deutsche Äthiopien-Expedition, di« feiner» eunter der Leitung von Max Erühl große Gebiete ssmiens bereiste, hat in mancher Hinsicht das Dunkel über dem fast sagenhaften Kaiserreich auf­gehellt. Zu den großen Problemen dieser Tage und Wochen äußert sich Max Erühl jetzt in seinem Buche Oeftrniien, di« Zitadelle Afrikas", das soeben im '-chlrefsen-Derlag Berlin SW. 11 erschienen ist.

Der schwarz« Erdteil war nach der Verselbständigung Nord- und Südamerikas und der britischen Dominions bis heute neben den indischen Ländern und den Südseeinseln der «tnjige noch fast völlig in sich geschlossene koloniale Macht- derelch Europas. Er war und ist gleichsam der europäische Hauskontlnent. Dieser älteste Kolvnialboden Europas schien bisher Mglechder einzige, dessen Besitz völlig ungefährdet

. Wochte eapan über China, Ändochina und Siam und zugleich über die Philippinen, Borneo und Java eines Tages bis nach Indien Vordringen, Afrika schien darum doch, schon ferner Nahe zu Europa wegen, für alle absehbare Zeit ge­sichert. Wenn Japan sich wirtschaftlich an der östlichen Küste Afrikas und darüber hinaus in Abessinien auch politisch fest- zujetzen verpmid, so war das mehr eine interessante Seltsam- teit als das Anzeichen einer wirklichen Gefahr.

, Der Abessinienkonflikt nun bringt auch Afrika in die Gefahrenzone. Schon der erste Widerhall dieses Konfliktes an der farbigen Welt, längst vor seinem wirklichen Ausbruch, zeigt um welch einen bedeutenden Einsatz hier gespielt wird. Gewiß sind die Kundgebungen fortschrittlicher Negerkomitees m Nordamerika und anderwärts zumeist eine mehr lächer- W als erhebliche Angelegenheit. Trotzdem sind sie ein Symptom, das, mit ernsthafteren Gef-ahrenpunkten zusammen betrachtet Beachtung verdient. Gerade die jüngste Zeit hat einige^solcher Gefahrenpunkte, nach denen Europas Herrschaft über den schwarzen Erdteil doch nicht so ganz ungefährdet er scheint, deutlich^ werden lassen. Wenn Frankreichs Herr- schaft über Nordafrika durch heftige Unruhen in Algerien, .einer wertvollsten Kolonie, erschüttert wird, wenn in dem Abesstmen rast benachbarten britischen Uganda die ein« heimische Bevölkerung, eine der intelligentesten Rassen Afrikas, sich praktisch weitgehend von der weißen Bevor- munüuna freizumachen verstand, wenn im Kupfergebiet von Nordrhodepen, also im innersten Kontinent, eine fanatische gtegeriefte unter der Führung desKaisers .des schwarzen "I?. einen blutigen Auf stand organisierte, der nur durch den Einsatz militärischer Machtmittel niedergeworfen werden konnte, jo zeigt dies, daß auch imeuropäischen Hous- kantment nicht alles in Ordnung ist, daß auch hier unter der Afche Funken glimmen,,die nur durch einen Sturmwind ier großen Politik angeblasen zu werden brauchen, um zu einem verheerenden Feuerbrand zu werden,

. Der kleinste Rückschlag, der geringste Mißerfolg Italiens bei seinem afrikanischen Feldzug könnte genügen, einen solchen Sturmwind anzufachen. Es ist daher fälsch wenn man Mussolinis Unternchmen mit -dem Mexiko-Abenteuer des dritten Napoleon vergleicht. Napoleon vermochte sich mit einem allerdings erheblichen Prestigeopfer und mit «irrer..jnnerlüA zerrütteten Armee, die sodann den deutsch- franzosifchen Krieg verlor aus seinem Abenteuer zurück- WZ-iehen. Sein Scheitern hatte nur die Revolutionierung C^epfos, nicht die eines ganzen Erdteils zur Folge. Eben diezer Vergleich zeigt, wie sehr sich die Dinge seit siebzig oahren zum Dynamischen und Revolutionären hin gewandelt haben.

allerdings spricht wenig oder garnichts für einen Rückschlag oder gar Mißerfolg Italiens. Mit einer gewaltigen Übermacht an ausgebildeten Mannschaften und an Kriegsmaterial und vor allem mit der durch den Faschis­mus geweckten Kampfesfreude und Siegeszuversicht werden die -italienischen Truppen und faschistischen Milizsoldaten in

Wiesbadener Tagblatt

das nach dem Ende -der Regenzeit offen vor ihnen ausge­breitete Land marschieren. Fast -schon mit Sicherheit lassen sich. die ersten großen Stege und Eroberungen voraus- bestimmen. Den Abessiniern aber bleibt vorerst nichts, als sich wie die Russen 1812 auf ihren Schnee und Ju-arez 1863 auf das gelbe -Fieber auf die Unzulänglichkeit ihres Kern- landes, das sie gleich einer Zitadelle zu verteidigen bestrebt fein werden, zu verlassen.

Denn dieser Krieg wird in seinem entscheidenden Teil eine Nervenvrobe -sein. Davon, ob -die Nerven eines faschistischen oder -halbarischen Volkes die stärkeren sind, wird das künftige Schicksal Afrikas und nicht Afrikas allein -ab- hänge-n.

Denn wenn tote Hinten bisher kein Faktor -der Welt­politik gewesen ist, so würde es durch einen siegreichen Wider­stand gegen die Eroberungsabsichten Italiens geradezu zwangsläufig zu einem solchen. War die vor zwei Jahren nach Japan -hin geknüpfte Verbindung nicht viel mehr als eine interessante Kuriosität, -so würden künftige außen­politische Verbindungen wesentlich ernsthafteren Charakter haben.

Uber ihre wahrscheinliche Richtung lassen sich honte nur Vermutungen anstellen, die aber sicher begründet werden können. Zweifellos wird Japan in der künftigen Außen­politik eines abessinischen Staates, der [einen Besitzstand ge­mährt oder gar die italienischen Küstenländer hinzugewonnen

Nr. 263. Seite 3.

hat, -ein-e wichtige Rolle spielen können. Aber um die Haupt» rolle zu ipielen, -dürfte es nach wie vor zu entlegen und zu« «telch.W sehr -mit -seinen fernöstlichen Sorgen beschäftigt sein. Es bechränkt sich daher heute -auf die Nolle eines wohlwollen- ben Zuschauers und muß sich -auf sie beschränken.

Daher wird ein zu außenpolitischer Aktivität erwachtes Abessinien darauf angewiesen fein, sich im benachbarten vorderen Orient nach Bundesgenossen umzuschauen, im Orient, dem es als ein semitisch hamitischer und halb- -i-flamnscher Staat mindestens ebenso eng zugehört wie dem afrikanischen Kontinent. Der vordere Orient aber ist bereits heute eine der stärksten Schütterzonen der Weltpolitik. Nach dem Zusammenbruch -des osmanischen Reiches zunächst zer­stückelt und gleichsam balkanisiert, ist er heute in einer neuen, überaus bedeutsamen Frontbildung begriffen, in der auch einem künftigen Abessinien eine Rolle zugedacht fein könnte. Der türkisch-persische Block, der sich bereits auf den Irak und Afghanistan zu erstrecken beginnt, steht hier -gegen die saudisch- i-slamische Front. Schon jetzt zeigt sich die türkische Diplomatie, während Ibn Saud sich ablehnend verhält, -lebhaft um die abessinische Freundschaft bemüht. Da aber der türkisch- persische Block seinen eigentlichen Rückhalt in Rußland hat, Könnte, gelänge es, Abessinien in ihn einzubeziehen, die russische Außenpolitik vielleicht eines Tages zum eigentlichen Nutznießer der italienisch-abessinischen Auseinandersetzung werden.

Abessinien räumt eine 30-Kiiometer-Zone.

Keine Mobilmachung.

Addis Abeba, 25. Sept. Einer amtlichen Mitteilung zu­folge hat der Kaiser von Abessinien an den Völkerbund ein Telegramm gerichtet, in dem es heißt:

2n Anbetracht der ständigen Herausforderungen und zur Vermeidung von Zwischenfällen ist Befehl gegeben worden, die abessinischen Truppen auf der ganzen Front 30 Kilometer zurückzunehmen. Die Durchführung dieses Befehles ist strengstens befolgt worden. Der Kaiser bietet dem Völker­bund an, einen Beobachter z u entsenden, damit bei künftigen Zwischenfällen gleich zu Anfang der Schuldige fest- gestellt werden kann.

Di« abessinische Regierung dementiert am Mittwoch wiederum die Gerüchte von einer angeblichen Generalmobil- satton.

Lloyd George tritt erneut für Abessinien ein.

London, 25. Sept. Lloyd George hielt in Bristol eine Rede, in der er wieder auf den italienisch-abessinischen Kon­flikt zu sprechen kam. Er forderte, daß de rVöl kerb und im Interesse des kleinen und unbewaffneten Abessinien intervenieren müsse. Niemals habe ein klarerer Fall vorgelegen. Ein Land, das den Abessiniern seit Tausenden von Jahren gehöre, wolle Italien heute be­sitzen. Er fordere nicht, daß England allein die notwendigen Schritte i m I n t e r e s -s e d e r M e n s ch l i ch k e i t tun sollte. Vielmehr müsse jede weitere Aktion gemeinsam mit den­jenigen unternommen werden, die zur Mitarbeit bereit seien. Lloyd George warf dann dem Schatzkanzler Neville Cham­berlain die Hintertreibung von Sühnemaßnahmen vor.

Chertok nach New York ab gereist.

London, 25. Sept. Der New Porter Konzessionär Cher­tok ist am Mittwoch von Southampton nach New Port ab­gefahren. Er will in etwa drei Wochen nach England zurück­kehren. Bei seiner Abreise gab er seiner Überzeugung Aus- d r uck, d a ß es ni ch t z u 'm K r i e g e in Abessinien kommen werde.

Große italienische Truppentransporte nach Ostafrika.

Rom, 25. Sept. Wie die römische Presse am Mittwoch meldet, liegen im Hafen von Neapel 10 Dampfer aus- fahrtbereit, die in den nächsten 24 Stunden mitrund 9000 * Soldaten und Schwarzhemden und großen Mate­rialbeständen nach Ostafrika in See gehen werden.

Kriegsmaterial-Liste der USA.

für das Ausfuhr-Verbot.

Washington, 25. Sept. Das kürzlich von Präsident Roosevelt unterzeichnete Neutralitätsgefetz enthält be- tanntlich ein Waffen- und Munitionsausfuhr- v e rbot für die Vereinigten Staaten. Zurzeit stellt di« Re­gierung eine ßifte der als Kriegsmaterial zu betrachtenden Waren auf, die von der Industrie mit Spannung erwartet werde. Diese Aufstellung soll, wie verlautet, ungefähr den Vorschlägen entsprechen, die Botschafter Davis im Novem­ber 1934 der Genfer Abrüstungskonferenz unterbreitete und die dann mit einigen Abänderungen am 12. April d. I. in Genf veröffentlicht wurden. Die amerikanische Negierung ist mit diesen Abänderungen der Abrüstungskonferenz einver­standen und wird den Genfer Bericht als Grundlage für ihre eigene Liste des Kriegsmaterials verwenden. Eingeschlossen in diese Aufstellung sind Waffen, Munition und Flugzeuge, jedoch keine Rohstoffe.

USA. und Sowjetrutzland.

St. Louis, 26. Sept. Der große amerikanische Kriegsteil­nehmerverband American Legion nahm auf seiner Jahrestagung unter großem Beifall einen Beschluß an, in dem die Rückgängigmachung der Anerkennung Sowjetrutz- lands gefordert wird. Ferner wird die sofortige Aus­weisung aller radikalen Propagandisten und Mitglieder von Verbänden, die einen Umsturz in den Vereinigten Staaten anstreben, verlangt. Insbesondere soll kommunistische Propaganda in Universitäten und Schulen verboten werden.

Ein rheinisches weinfest ntr Zeit der Römer.

Als Rom am Anfang seiner Geschichte die kleine Haupt­stadt des kleinen Landes Latium war, hatte es einen Krieg gegen die benachbarten Tusker verloren. Man war nahe daran, einen ehrenvollen Frieden zu schließen. Aber im lebten Augenblick, als man sich schon über alles übrige geeinigt hatte, rückten die Tusker mit einer unannehmbaren Bedingung heraus: Rom sollte seine sämtlichen Weine aus- liefern, den Seltner, mild, süß und hlumig, den Falerner, schwer, erdig und voll, den Cäcuber, spritzig, süffig und mit aromatischem Bukett. Da gärte die römische Volksseele wie junger Wein. Man eilte zu den Waffen und kämpfte mit dem Mute der Verzweiflung für die edlen Tropfen. Die Tusker wurden vernichtend geschlagen, und zur Erinnerung an den feuchtfröhlichen Sieg stifteten die Römer die beiden sogenannten Vinalien. Das erste der Feste fand im Früh­ling statt, wenn der Wein blüht, das zweite am 19. August, dem Eröffnungstag der Weinlese. Trinken durfte man den neuen Wein allerdings erst nach den nächsten Frühlings- vinalien und mußte sich inzwischen an den alten Wein halten.

Wenn man gewöhnlich behauptet, Kaiser Probus habe den Weinbau im Rheinland eingeführt, so ist das nicht ganz zutreffend. Domitian hatte die Bereits vorhandenen Wein­berge in Germanien zerstören lassen, um den italienischen Weinen das Monopol zu sichern. War doch der Segen so groß, daß der Redner Hottensius in seinem Garten die Bäume mit Wein begoß, daß der berühmte Schlemmer Lucullus 100 000 Faß unter das Volk verteilen ließ. Probus hob das von Domitian erlassene Verbot auf, und unter Diokletian konnte Dionysos einen Triumphzug den Nhein entlang halten. Wir wollen versuchen, das Bild eines der­artigen Weinfestes in Wiesbaden etwa im Jahre 300 nach Christus zu entwerfen.

Der Priester hat im Tempel des Jupiter, der sich auf der Stelle des heuttgen Mauritiusplatzes erhob, ein Lamm geschlachtet und den Altar mit den ersten Trauben geschmückt. Damit ist das Zeichen für eine festliche Kneiperei gegeben.

Der Centurio der zweiten rhätischen Kohorte Veranstalter in seinem Hause ein Gelage. Schon am frühen Morgen find die Sklaven damit beschäftigt, Rosengirlanden um die Säulen zu schlingen und den Fußboden mit einer dicken Schicht duftender Blumen wie mit einem purpurnen Teppich zu bedecken.

Zur festgesetzten Stunde erscheinen die Gäste, lauter Offiziere der Wiesbadener und Mainzer Garnison, mit ihren Damen. Die strengen Sitten der Republik, in der es den Frauen verboten war, von der Gabe des Bacchus auch nur zu nippen, sind längst vergessen.

In dem Triclinium, das von Kandelabern mit Öl­lampen matt erhellt und von dem Duft persischer Salben erfüllt ist, lagert man sich zu je dreien auf den Polstern der Ruhebetten. Ein syrischer Knabe kniet vor dem Hausherrn

nieder und gießt aus einer silbernen Kanne den Rheingauer Wein, golden wie Bernstein, in eine silberne Schale.

Der Hausherr schreitet feierlich zu der Statue des Bacchus, die von Rofengewinden umschlungen ist. Er schüttet das Trankopfer aus, daß die gelben Tropfen von dem schneeweißen Marmorleib herabsickern. Dann wird eine zweite Schale gefüllt und geht von Mund zu Mund. Nun beginnt die Mahlzeit. Sie ist nicht so üppig wie in der Hauptstadt, aber ihre Einfachheit wird durch griechische Weine gewürzt. Schon vor dem ersten Gang nippt man von dem berauschenden Chios. Die Gäste werden allmählich ge­sprächiger. Aber das eigentliche Trinkgelage Beginnt erst, nachdem die Sklaven die letzten Schüsseln hinausgetragen haben.

Zwei Mohrenknaben Hüpfen um die Tische und gießen aus Bocksschläuchen Wein über die Hände der Gäste, damit sie sich waschen können. Dann wird der großeKrater" hereingetragen, worin man Wein und Wasser zu gleichen Hälften mischt. Wer den puren Wein tränke, würde "als ein Erzsäufer angesehen werden. Der vorjährige Wein von Bacharach, wo sich der Altar des Bacchus,Bacchi ara, er­hebt, wird mit Schöpflöffeln ausgeschenkt. Man trinkt ihn teils aus flachen Schalen, teils aus Hörnern, die an der Spitze angebohrt sind. Das Loch wird mit dem Daumen zu- gehalten. Trinkt der East, so hebt er das Horn hoch, lüftet die Spitze und läßt den Wein in den Mund sprudeln.

Der Centurio hat für Unterhaltung gesorgt. Griechische Flötenspielerinnen, die an der Front Vorstellungen geben, führen in durchsichtigen Gewändern einen Reigen auf. Plötz­lich stürzen Satyrn herein, mit Bocksfellen bekleidet, Efeu im mitten Haar, rauben die Frauen, schwenken sie wild übet sich und jauchzen: Evoe Bacchos!

Dann beginnt das Zutrinken, das nach einem bestimmten Komment geregelt und von einemmagiiter bibendi" über­wacht wird. Man läßt alle möglichen Personen hochleben. Die Sitte schreibt vor, so viele Becher zu leeren, als der Name des Gefeierten Buchstaben enthält. Natürlich steht an erster Stelle das Wohl des Kaisers. Diokletian: Das sind zehn Buchstaben, mithin ebensoviel Becher. Dem Wirt bricht der Angstschweiß aus. Aber er findet einen Ausweg und trinkt auf den Caesar. So kommt er mit sechs Bechern davon. Besonders Ängstliche bringen das Wohl der Grazien aus, da brauchen sie nur dreimal zu trinken in der Hoff­nung, die berüchtigte Pfauenfeder nicht anwenden zu müssen. Trotzdem mag es nach durchzechter Nacht in Mattiacum nicht anders ausgesehen haben als in Rom, und der Saal glich im grauen Morgen dem Schlachtfeld von Cannae, um einen Ausspruch Ciceros zu gebrauchen.

Nur ein paar große, spitze Krüge, Amphoren genannt, und ein Relief, das einen die Trauben abschneidenden Satyr darstellt, erinnern in unserem Museum an Jene fernen Zeiten. Die Trinkfreudigkeit ist aber Bis heute in den Rheinlanden die gleiche geblieben wie im klassischen Alter­tum, als man auf den Trinkgeschirren die Inschrift las: Trink hundert Jahre! Wein her! Wein macht wacker! Füll neu! Ich zwing' dich!"" W. W.

Aus Aunst und Leben.

* Italienischer Opernabend im Kurhaus. Henny Neu­mann-Knapp und Johannes Schocke vom Kölner Opernhaus sangen am Mittwoch eine stattliche Anzahl italienischer Arien und Duette, bekannteste Stücke aus be­kanntesten Opern der bekanntesten Meistern, denen im Kon- zu begegnen mehr Gewohnheit als echtes Neu- Erleoen bedeutet. Das gilt vor allem von den Stücken des mittleren Verdi: den Tenor-Arien ausTroubadour" und Traviata" und der Äoloraturarie' ausRigoletto", die ihrem Wesen nach Ruhepunkte der dramatischen Handlung bedeuten und ihren Sinn, ihr Leben erst im Zusammenhang erfahren; gerade ihre Herauslösung hat viel dazu beigeträ- gen, den großen Dramatiker Verdi zu verkennen, seine Kantabilität als bloße Ohr-Schmeichelei mißzuverstehen und seine Musik in einen schiefen Gegensatz zu der Wagners etwa zu bringen. Günstiger steht es in dieser Beziehung mit den Veristen: ihreArien" sind weniger leicht aus der Szene herauszulösen, die man daher nur als Ganzes aufs Konzertpodium verpflanzen tarnt; die Monologe der Nedda in LeoncavallosBajazzo" und des Cavaradoffi in Puccinis Tosca" sind ftimmungshaft geschlossene Szenen, und vollends die großen Duett-Finales ansBoheme" undButterfly" bilden Jo sehr Kern- und Zielvorgänge ihrer Akte, daß man sie gleichsam als deren Substrat annehmen kann. Diese Rangordnung war mehr oder weniger auch für die Eindrucks­kraft der Darbietungen entscheidend. In der Gilda-Arie kam Henny Neumann-Knapps weitgreifende Begabung noch nicht so vielseitig zur Geltung, wie in den folgenden, gehaltlich wechselvolleren Stücken. _ Daß sie freilich Koloratur und lyrisches Fach gleichermaßen beherrscht, Betonte sie nach­drücklich durch zwei Bravour-Einlagen mit Klavierbeglei­tung (Ernst Schalck), bei deren einer Franz Dannebergs Flöte mit der Kehle der Sopranistin wetteiferte. Die Rhein- heitund Tragfähigkeit ihrer Stimme kam am schönsten indessen dort zum Austrag, wo sie zum feingeschltfsenen Spiegel leidenschaftlicher seelischer Regungen wurde: in den Bereits genannten Duetten und der Butterfly-Arie. Mit solch reicher Schattierungskunst seiner Parterin vermochte es der Tenor nicht durchaus aufzunehmen, oBwohl er aus aus­gezeichnetem, auch nach der Höhe hin von Natur aus reich Bedachtem Material schöpfen konnte. Doch ist sein schönes TimBre an eine gewisse Einfarbigkeit der Tonbildung ge­bunden, die et immerhin durch lebendiges Ausdrucksver­mögen auszugleichen weiß. Auch die leichte Neigung zum Detonieren rührt wohl aus diesem äußerlich kaum sichtbaren Punkt und wäre aus ihm zu kurieren. Die vielfältigen Aufgaben der Orchesterbealeitung löste das Kurorchester unter Dr. Thierfelders verständnisvoll auf Sonderabfichten der Solisten eingehenden Leitung mit günstigem Gelingen. Die Auftakte zu den beiden Hälften des Abends gab Dr. Thierfelder mit den Ouvertüren zuTraviata" undAida". Das Publikum, dankbar für Vielfältigkeit und Qualität des Gebotenen, fetzte durch Beifall noch einige Wiederholungen