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Nr. 257
83. Jahrgang.
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Erötzte Auflage aller Tageszeitungen Groß-Wiesbadens.
Freitag, 20. September 1935.
Mr -inen Monat RM. 2.-. ein. nummern 10 Rpf. - B-zug-b°lt-allna°nnebme'n ßn. Rpf. Bestellgeld, Einzel.
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Innung der itoliouijdipn PetickW-MsorgW durch Englund?
Brotpreiserhöhung in London.
_ London, 19. Sept. Nachdem der Mehlpreis in London in den letzten acht Tagen drei malerhöht-worden ist, rst nunmehr der Preis für ein 1800 Gramm schweres ;®tot von 7% Pence auf 8 Pence (0.46 RM.) erhöht worden Die neuen Preise Haden ab Montag nächster Woche Geltung. Es besteht kein Zweifel, daß die Brotpreiserhöhung in ,den ärmeren Schichten der Bevölkerung mit sehr gemischten Gefühlen ausgenommen werden wird.
„Glorious" und „Courageous" sowie ein Hosp i talschiff. Di- Zahl der in Aden eingetroffenen Kriegsschiffe beläuft sich auf zehn, darunter sind die Kreuzer „Norfolk" und „Colombo". In Haifa befinden sich drei Kreuzer und zwei ll-Boote. In P o r t Said halten sich das Schlacht'chisf „Borham", der Kreuzer „Despatch" und ein Zerstörer auf. Die Reutersche Übersicht teilt ferner mit, daß in Suez am 18. September ein Aviso an gekommen, aber weitergefahren ist. Aus Singapur wird gemeldet, daß das Flug,zeugmutterschiff „Hermes" und drei Zerstörer dort am 18.'Sept eingetrofsen sind.
Malta wird in obenstehender Übersicht nicht erwähnt.
„Parecchio.“
Das Wort, das als Überschrift über dieser Betrachtung steht, ist ein ganz gewöhnliches italienisches Wort; es tst so bescheiden, daß es dies selbst in seiner Bedeutung ausdrückt, denn es heißt so viel wie „einiges, manches, etwas." Mehr an Bescheidenheit und Selbst- bekenntnis kann man von einem Wort, das noch etwas auf sich hält, schließlich nicht verlangen. Und doch ist es einmal in der italienischen Politik zu einer großen Berühmtheit gekommen und der wilde Schlachtruf zweier Parteien gewesen, von denen es die eine im sinne diplomatischer Besonnenheit gebrauchte, während es die andere in höhnische Anführungszeichen setzte und ihm das Brandmal nationaler Schmach aufdrückte.
Es war im Frühjahr vor zwanzig Jahren, als sich in Italien die Entscheidung darüber näherte, ob man im Kriege neutral bleiben oder an die Seite der Entente gegen die früheren Bundesgenossen treten solle. Die nach beiden Seiten geführten Verhandlungen halten feste Formulierungen des Kaufpreises ergeben. Die Entente bot viel, was sie selbst nicht besaß und was sich Italien durch das Blut feiner Söhne selbst erobern sollte. Die Mittelmächte boten weniger; das in österreichischem Besitz befindliche „Trentino", den unzweifelhaft ^volksmäßig zu Italien gehörenden südlichen Teil von Südtirol mit Trient, und die Jsonzogrenze, an der Italien dann in zwölf blutigen Schlachten die Blüte seiner Jugend opferte. Die Italiener sind an sich sehr nüchterne und geschäftlich kühl rechnende Menschen, und es gab viele, die es vorgezogen hätten, ohne Opfer etwas Sicheres zu bekommen, wenn es auch weniger war, als mit dem Risiko eines Krieges Größeres, aber Unsicheres zu erkaufen. Damals entstand, von Giolitti, dem Führer der Neutralitätspartei, in die parlamentarische Kampfarena geworfen, das Wort „Parecchio" und wurde, kaum daß es ausgesprochen war, zum Kennwort einer historischen Entscheidung zwischen einer realpolitischen Auffassung von den Zielen und Wegen Italiens und dem in imperialistische Weiten greifenden jungen Nationalismus. Das Ende kennt man: Giolitti wurde als Strohpuppe mit dem „Parecchio" um den Hals auf den Plätzen der Städte verbrannt, und Italien, in dem der Stern Mussolinis zu leuchten begann, marschierte an den Jsonzo!
Wir werden heute an das Wort und die in ihm liegende historische Bedeutung wieder erinnert durch Ausführungen, die der Pariser „Temps" den Verhandlungen in Genf und der gegenwärtigen Lage Italiens widmet. Es heißt dort: „Italien steht auf dem Punkte, wo es durch den Völkerbund „quelque chose", etwas, angeboten bekommt, was sich mit der Zeit den Zielen sehr wohl nähern könnte, die sich Mussolini gesetzt zu haben scheint.. Man kann nicht glauben, daß er, der so viele Beweise seines Wirklichkeitssinnes gegeben hat, um des eiteln Ruhmes willen die Kanonen sprechen lassen und die schwierige und verdienstvolle Vermittlung Frankreichs zunichte machen wird. Würde er damit seinem Lande einen Dienst erweisen? Glaubt man, daß ein im Anfang vielleicht erfolgreicher, aber im weiteren Verlauf sicher schwieriger und harter Feldzug Italien Ergebnisse bringen wird, die wesentlich über das hinausgehen, was es mit einiger Geduld ohne Schwertstreich haben kann?"
Angebliche Pläne der englischen Marineleitung.
Paris, 20. Sept. Der' Berichterstatter des „Echo de Paris" in London berichtet seinem Blatte, die englische Marineleitung sei der Überzeugung, im Ernstfälle Ita'l ien durch Abschnüren der Petroleumlieferungen ma ttsetzen zu können. Dieser Absicht entsprächen auch die Flottenbewegungen. Die Schließung des Suezkanals würde die Versorgung durch den Persischen Meerbusen und die Petroleum-linre von Abadan abschneiden. Die Bewachung der Palästinaküste und Haifas würde die Zuführen von Petroleum, aus dem Irak sperren. Selbst wenn die Italiener dort Erfolge haben sollten, würden die Engländer leicht das Petroleum an der Quelle in Mossul aufhalten können. Um den Italienern die Lieferungen aus dem Kaukasus abzuschneiden, sollen gegenwärtig Verhandlungen mit der türkischen Regierung über die S ch l i e ß u n g'd e r D a r baue l l e n im Gange sein. Durch Sperrung der Meerenge von Gibraltar werde Italien von der Zufuhr amerikanischen Petroleums abgeschnitten. Es könnte dann nur noch auf dem Festlandsweg über die Schweiz, Deutschland und mittelbar über Rumänien Petroleum beziehen, vorausgesetzt, daß die Lieferanten dieser Länder trotz der etwaigen Vorschriften des Völkerbundes Italien versorgen könnten. Nach Ansicht zuständiger englischer Kreise würde Italien mithin binnen kurzem kein Petroleum mehr haben.
Die Verteilung der britischen Kriegsschiffe im Mittelmeer.
London, 20. Sept. Das Reutersche Büro veröffentlicht eine Übersicht über die Verteilung der britischen Kriegsschiffe tm Mittelländischen Meer. Danach Befinden sich in Gibral- ta r die Schlachtkreuzer „Hood" und „Renown", ferner vier Kreuzer, neun Zerstörer und drei Minensucher. J<r Alexandria liegen nunmehr insgesamt 29 britische Kriegsschiffe von denen das Schlachtschiff „Resolution" mit Admiral William Frsheran Bord erst am 18. September er eingetroffen ist. Zu dem Geschwader in Alexandria q-- horen unter anderem die Schlachtschiffe „Revenge" und „-Bauanr, drei Kreuzer, die beiden Flugzeugmutterschiffe
Pessimismus in Genf.
Nach Mussolinis Ablehnung. — Scharfe Sprache der italienischen Blätter gegen England. Was erörterten Laval und Eden?
Man sieht, das alte Wort vom „Parecchio" ist in der französischen Form von „quelque chose" wieder zu Ehren gekommen. Wenn man in den Ausgaben des „Temps", die vor zwanzig Jahren erschienen sind, nach- blattern wollte, so würde man sicherlich finden, daß das, roas_ jetzt als höchste Staatsweisheit gepriesen und empfohlen wird, damals als feiges Schachern mit den heiligsten nationalen Zielen Italiens verdammt verstehen die veränderte Sprache des französischen Blattes und rechnen es ihm nicht an daß es von andern französischen Interessen aus die italieni- !che Lage anders sieht, als im Jahre 1915. Aber das fatale ist, daß es feine Mahnung heute an dieselbe politische Eeistesrichtung in Italien, ja, an denselben Mann richtet, deren Entscheidung es vor zwanzig Jahren gepriesen hat und von denen es jetzt das Gegenteil verkamt und erwartet. Ist dies möglich, selbst wenn man die Politik als die voraussetzungsloseste und veränderlichste Kunst ansieht?
der -rat ist die Lage Italiens der vor zwanzig -Zähren überraschend ähnlich. Jetzt wie damals hat es Europa durch feine Rüstungen und die hinter ihr stehenden Forderungen unter einen Druck gesetzt dem sich dieses durch das Angebot von „Parecchio" zu ent- ziehen jucht. Auch jetzt können für die italienische Ent- scheidung zwei Auffassungen öder, wenn man will, Weltanschauungen geltend gemacht werden, die einer nüchternen, rechnenden Realpolitik, die Gewinn und Verlust abwiegt und die einer romantisch-heroischen Gestaltung des nationalen Schicksals zu großen i-mperia»
Keine Mitteleuropa-Garantie.
England wird sich nicht binden.
Paris, 19. Sept. Der „Matin" meldet aus London, daß die englische Antwort auf die französische Anfrage über bi» Anwendung der Völkerbundssatzu'ngen auf Europa in einigen Tagen der französischen Regierung übermittelt werden würde. Die englische Antwort werde der Genfer Rede Sir Samuel Hoares entsprechen. Es sei al io mcht zu erwarten, daß England eine ausdrückliche und vollkommene Garantie bezüglich eines Angriffes in Mitteleuropa geben werde Es werde vielmehr darauf Hinweisen, daß fein Versprechen, den Völkerbundsfatzungen treu zu bleiben aus- reichen müßte.
Italien beschafft sich Gold.
20. Sept. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der Pessimismus, mit dem die Genfer pokitiiaien ^Kreise die internationale Lage betrachten halt an. Za, man kann sagen, daß sich dieser Pessi- s-1U 0 er st ä rkt hat, nachdem der Duce die Vermittlungsvorschläge des Fünferausschusses in ^.^b^Mnffchen (frage abgelehnt hat. An sich kann sreilich diese Wendung nicht überraschen. Aber sie hat naturgemäß hie Lage weiter zugejpitzt, und so konnte man in Eenx gestern den Ausspruch hören: Es besteht keinerlei Grund für einen weiteren Optimismus. Jedenfalls zeigt sich England sehr enttäuscht und jetzt seinerseits die militärischen Vorbereitung s maßnahmen itn Mittelmeer in u n -- verminderter Energie fort. Wenn beispielsweise in Gibraltar eine Bekanntmachung erlassen wurde, die für den Fall „gewisser Notstände" eine Llchtsperre in Aussicht stellt und der Bevölkerung anrat, sich mit Kerzen zu versehen, jo trägt dasnicht gerade zur Beruhigung bei. Auf der anderen Seite s.chlagt die italienische Presse, die doch gewiß schon bisher die Engländer nicht besonders zart behandelt hat, London gegenüber einen Ton an, der sich kaum überbieten läßt. Man versichert nochmals, daß sich durch das Gespenst der Sanktionen nicht ein Volk einschüchtern lasse, „das der •c t Richt' die Kunst und die Schönheit gekehrt habe. Man warnt aber auch England vor militärischen Voroereitungen und vor der Zusammenziehung seiner ^"eltkrafte, denn aus ähnlichen Maßnahmen habe sich der Weltkrieg entwickelt.- Ein italienisches Kokonial- blatt geht sogar so weit, den Engländern mit e i nem.Vorbeugungskrieg zu drohen, wenn die Verstärkung der britischen Flotte in dem als italienisches Meer bezeichneten Mittekmeer weitergehe.
~-te Frage, was nun weiter geschehen wird, ist schwer zu beantworten. Es hat zwar gestern eine Unterredung zwischen Laval und Eden in Genf stattgefunden, aber über den Inhalt dieser Besprechungen, ist herzlich wenig,bekannt geworden, und Laval selbst hat es entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten abgelehnt, Pressevertretern über diese Unterredung
irgend eine Mitteilung zu machen. Es verlautet nur, daß Eden nochmals versucht habe, den französischen Ministerpräsidenten für die von England geplanten Sanktionen gegen Italien zu gewinnen, und daß er sich bemüht habe, Frankreich zu einer Teilnahme an den Flottendemonstrationen im Mittelmeer zu veranlassen. Was Laval darauf geantwortet hat, ist nicht bekannt. Es ist aber wohl anzunehmen, daß er überhaupt keine endgültige Antwort erteilte, sondern auf den morgigen französischen Ministerrat verwiesen hat, der all diese Dinge behandeln wird.
~ Es ist nun wohl kein Zufall, daß die Italiener den Franzosen gerade in diesem Augenblick vor Augen führen, daß auch sie über gewisse Druckmittel verfügen. Bekanntlich hat seinerzeit der Ministerrat in Bozen beschlossen, daß die italienischen Staatsangehörigen die in ihrem Besitz befindlichen ausländischen Wertpapiere in italienische Schatzanweisungen Umtauschen müssen. Diese Anordnung konnte nur den Sinn haben, dem Staat die Möglichkeit einer Beschaffung von Gold oder Devise n durch den Verkauf dieser Wertpapiere zu beschaffen. Nach französischen Meldungen hat nun die italienische Regierung begonnen, die in ihrem Besitz befindlichen französischen S t a a t s p a p i e r e, deren Wert 1 Milliarde Franken betragen soll, zu verkaufen. Die Bank von Frankreich habe daraufhin, angeblich um ein Sinken der Wertpapierkurse bei einem plötzlichen Gesamtverkauf zu verhindern, der italienischen Regierung einen Vorschuß von 400 Millionen Eoldfranken gewährt, also etwa 65,6 Millionen Eoldmark. Das sieht nicht gerade nach wirtschaftlichen Sanktionen aus, zeigt aber auch, wie schwierig die Lage für Laval ist. Gleichzeitig bemüht sich der italienische Eenerakstabschef Badoglio, der bekanntlich erst unlängst in Pcttis verhandelte, die Gemeinsamkeit zwischen Frankreich und Italien zu unterstreichen. Er weist in einem Interview darauf hin, welche Macht beide Staaten darstellten, wenn sie zusammenhielten. Neben dem sonstigen wirtschaftlichen Druck läßt man es also in Rom auch an freundschaftlichen Aufforderungen an Laval, sich dem englischen Kurs zu versagen, nicht fehlen.
