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Nr. 250.

Freitag, 13. September 1935.

83. Jahrgang.

„System der Sicherheit."

„Wir hoffen, daß sich aus den Kämpfen nuferer Zeit organisch umgrenzte Nationalstaaten entwickeln und daß^disse im eigenen Wesen ruhenden Nationalstaaten ein System zur Sicherung alles dessen bilden, was wir mit Stolz europäische Kultur nennen, zur Sicherung der Lobensnotwendigkeiten der weißen Raffe, zur Abgren­zung der Lebensgebiete dieses weißen Menschentums gegenüber den wertvollen Raffen und Völkern anderer Erdteile."

Diese Worte, die der Reichsleiter Alfred Rosen­berg auf dem Parteikongreß in Nürnberg gesprochen hat, stellen das dar, was Deutschland dem englischen Bekenntnis zum Gedanken der kollektiven Sicherheit an die Seite zu setzen hat. Sir Samuel Hoare will als entscheidendes Organ dieser Kollektivität einzig den Völkerbund anerkennen. Man könnte über den Grund­gedanken des Völkerbundes durchaus sprechen, wenn er bereits von den Voraussetzungen organisch umgrenzter Nationalstaaten auszugehen vermöchte. Das eine hat sich aber im bisherigen Verlaus der Entwicklung er­wiesen, daß die Genfer Einrichtung selbst diese Voraus­setzungen nicht zu schaffen vermag. Sie wurde mit der anders gerichteten Zielsetzung gegründet, einen, voll­kommen desorganisierten und Unnatürlichen Zustand zu verewigen. Erhaltung des Status guo — das sollte der Inhalt der kollektiven Sicherheit sein. Mit anderen Worten: Genf wurde als ein Instrument der Sisger- mächte geschaffen, mit dem man die Besiegten' immer in der Unterdrückung halten und die eigene Vorherr­schaft sich gegenseitig verbürgen wollte. Darum mußte schließlich die Rückkehr zur Natur im Sinne der ge­schichtlichen Vernunft und >der nationalen Notwendig­keiten auf Wögen außerhalb von Genf gesucht werden.

Die Begründer dieses Völkerbundes mußten selbst allmählich zur Erkenntnis gelangen, daß der innere Entwicklungsdrang der Geschichte und die Kraft der natürlichen volklichen Tatsachen stärker ist als eine Konstruktion, die zum Teil aus einer ab­strakten Idee, zum Teil auf einem antiquarischen Zm- perialismus errichtet worden ist. Man suchte nach allen möglichen Auswegen. Man glaubte sie in zwei- öder mehrseitigen Bündnisverträgen zu finden; die Abmachungen Frankreichs mit seinen östlichen Traban­ten, das franzüsisch-sowjetrussische Bündnis, die Stresa- front, die auf den Ostpakt und den Donaupakt zielenden Pläne — um nur einige Ausgeburten der wachsenden nervösen Unsicherheit zu nennen — alles wurde in den Rahmen der sogenannten kollektiven Sicherheit gepreßt.

Der Führer hat stets einen anderen Weg gewissen. Die Rückkehr zu natürlichen, organischen Grundlagen

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Die Pariser Presse über den Aufmarsch des Arbeitsdienstes.

Paris, 13. Sept. (Eigene Drahtmeldung.) Der Verlauf der gestrigen Kundgebung in Nürnberg tritt in der hiesigen Presse hinter der Nachricht von der Einberufung des Reichs­tages etwas zurück. Immerhin weisen die Nürnberger Sonderberichterstatter aus den überwältigenden Eindruck hin, den der Aufmarsch des Arbeitsdienstes ge­macht hat, und auf die ungeheure Volkstümlich­keit, der der Führer sich erfreue.

Der Nürnberger Sonderberichterstatter des „Journal" schreibt unter anderem: Der Ausmarsch dieser „halben Soldaten" habe den Eindruck einer blinden Kraft gemacht, die nichts aufhalten könne. Es handele sich nicht um eine Parade, sondern um das Steigen eines Flusses, um die Flutwelle eines Meeres. Man möchte sich gegen eine Beunruhigung verteidigen. Fahnen und Männer; Männer und wieder Männer! Es fei unmöglich, die Er­gebenheit und Leidenschaft zu schildern, mit der die Männer des Arbeitsdienstes den Gruß des Führers erwidert hätten. Durch die Lautsprecher sei die mächtige Stimme «des Führers

erklungen. Das sei keine irdische Stimme, sondern eine ge­heiligte Stimme, die das Evangelium der Arbeit un.d des Vaterlandes verkünde. Gr sei mit dem Ein­druck nach Hause gegangen, nicht einer Parade beigewohnt zu haben, sondern einem feierlichen Gottesdienst.

Der „Figaro" betont, man müsse sich erst einmal über die ungeheure Volkstümlichkeit, der sich der Führer erfreue, klar werden, wenn man die augenblickliche Lage in Deutsch­land richtig beurteilen wolle. Dieser Mann sei beliebt. Der Berichterstatter weist aus das große Entgegenkommen hin, das die Nürnberger Bevölkerung den Ausländern und ins­besondere den Franzosen erweise. Zwei SA.-Männer hätten ihm erklärt, Deutschland werde niemals Krieg gegen Frank­reich führen, und in dieser Erklärung habe ein aufrichtiger und ehrlicher Ton gelegen.

Der deutsche Reichstag einberufen.

Nürnberg, 12. Sept. Der deutsche Reichstag ist auf Sonntagabend 21 Uhr nach Nürnberg «in- berufen worden zur Entgegennahme einer Regierungs­erklärung.

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Eine Erklärung des Staatssekretärs Hüll.

Washington, 18. Sept. Staatssekretär Hüll gab am Donnerstag folgende Erklärung ab:

Angesichts des tiefen Interesses der Regierung der Ver­einigten Staaten von Amerika und der weit verbreiteten Be-

Zeit war jedoch keinerlei Seegang. Die griechische Regierung beabsichtigt ernste Schritte in Rom zu unternehmen und hat außerdem die griechische Vertre­tung beim Völkerbund beauftragt, dort ebenfalls geeignete Schritte einzuleiten.

sorgnis des amerikanischen Volkes wegen der kürzlichen poli­tischen Entwicklungen, die anscheinend eine ernste Bedrohung des Weltfriedens darstellsn, halte ich es für wünschenswert, diejenigen Schritte nochmals auf,zu,zählen, welche die Regie­rung der Vereinigten Staaten unternommen hat, um auf jedem möglichen praktischen Wege zu einer friedlichen Bei­legung des gegenwärtigen italienisch-abessinischen Konfliktes beizutrwgen.

Regierung und Volk der Vereinigten Staaten wünschen Frieden. Wir find der Ansicht, daß inter- nationale Streitfragen auf friedlichem Wege geregelt werden können und müssen. Wir haben zusammen mit 62 anderen Nationen, darunter Italien und Abessinien, einen Vertrag unterschrieben, in dem die Umterzeichnerländer den Krieg als Instrument nationaler Politik verurteilen und sich unter­einander verpflichtet haben, ihre Streitfragen ausschließlich durch friedfertige Mittel zu regeln.

Unter den gegenwärtigen Weltverhältnisse» kann eine Androhung von Feindseligkeiten irgendwo nur eine Be­drohung der politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Interessen aller Rationen sein.

Verstärkung der britischen Malta-Garnison.

London, 12. Sept. Das britische Kriegsministerium teilt mit: „Angesichts der internationalen Läge ist beschlossen worden, die Infanterie-Garnison in Malta, die 1929 von Truppen, die nach Palästina gingen, entblößt wor­den ist, auf die vorgesehene Stärke zu bringen. Zu diesem Zweck werden in Kürze folgende Einheiten nach Slalta gesandt werden: Das 2. Bataillon des Linoolnshire- Regiments, das 2. Bataillon der südwalisischen Grenzertrup- pen, das 1. Bataillon der künigl. schottischen Erenzertruppen. Sämtliche Bataillone liegen zurzeit in Catterick. Ent­sprechende Befehle werden ausgegeben."

Die Wh! Wichen üonöon unö üiom.

Eine peinliche Notwendigkeit für Laval.

Ein bewaffneter Konflikt in irgend einem Weltteil kann nur unerwünschte und widrige Folgerscheinumgen in allen anderen Weltteilen auslösen. Alle Nationen haben das Recht, zu verlangen, daß alle Fragen zwischen irgend welchen Nationen ihre Lösung auf friedliche Weise finden.

Mit gutem Wille» gegenüber alle» Nationen fordert die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika solche Länder, welche bewaffnete Feindseligkeiten in Erwä­gung ziehe», aus, die Erklärung und den Pakt von Paris endlich zu berücksichtigen, den Pakt, den alle llmterzeichmermächte zu dem Zweck unter- sch rieben Haban, den Frieden sicherzustellen und der Welt die unberechenbaren Verluste und menschlichen Leiden zu er­sparen, die ein Krieg unausbleiblich als Begleiterscheinung oder zur Folge hat.

Ein Kommentar des Staatsdepartements.

Washiugton, 13. Sept. (Eigene Drahtmeldung.) Un­mittelbar nach der Erklärung des Staatssekretärs Hüll be­tonten Beamte des Staatsdepartements, daß der Staats­sekretär keineswegs offiziell den Kelloggpakt an gerufen hab«. Er habe sich vielmehr lediglich sowohl an Italien und Abessinien wie an andere Nationen, die an einer friedlichen Beilegung des Konfliktes interessiert seien gewandt, um dadurch eine weitere Anstrengung zur Vermeidung von Blutvergießen zu machen.

Protestschritte Griechenlands gegen das An­laufen der Häfen durch italienische Schiffe.

Athe«, 13. Sept. (Gig. Drahtmeldung.) Ohne Benach­richtigung der griechischen Regierung haben erneut zwei ita­lienische Zerstörer die Abyssos-Bucht bei Laurium ange- lausen. Außerdem hat der italieniiche Gesandte in Athen nach dem Anlaufen der Insel Arsida die Regierung in Athen davon unterrichtet, daß das Torpedoboot die Insel als Zufluchtshafen mrfgefucht habe. Zu der in Frage kommenden

Bor der Völkerbundsrede

des französischen Ministerpräsidenten.

as. Berlin, 13. Sept. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) überschattet von den EreMliffen in Nürn­berg sind in der deutschen Öffentlichkeit die Vor­gänge in Genf vielleicht etwas stärker in den Hintergrund getreten, als es ihrer poli- schen Bedeutung entspricht. Auch heute wirkt die Rede des englischen Außenministers Hoare als das bisher wichtigste Ereignis in Genf noch in allen interessierten Kreisen nach. Mit gleicher Spannung erwartet man für heute die Ausführungen des französischen Ministerpräsidenten Laval. Es mehren sich die Anzeichen, daß sich in der franzö - sischen Haltung eine Wendung von vielleicht entscheidender Bedeutung vorbereitet. Nicht ohne Grund richtete dieser Tag« „Eiornale d'Ztalia" einen dringenden Appell an Laval, seinen bisherigen Kurs durchzuhalten. Aber es fragt sich sehr, ob dieser Appell noch zur Zeit kommt. Frankreich, oder besser gesagt. Laval, persönlich, befindet sich in einer starken Ver­legenheit. Der französische Ministerpräsident hat, wie jetzt feststeht, im Januar in Rom Mussolini tat­sächlich freie Hand für Abessinien ge­geben. Diese Vereinbarungen sind zwar schriftlich nie fixiert worden, zweifellos erscheinen sie aber in den Protokollen und in den italienischen Privataufzeich­nungen über die römische Konferenz. Andererseits ver­stärkt sich der Druck auf Laval, zugunsten der neuen, wie man in Paris vielleicht glaubt, etwas unsicheren Freundschaft zu Italien nicht auf die erprobte englische Freundschaft zu verzichten. Man hat in einflußreichen französi­

schen Kreisen nicht die geringste NeiMng, durch ein all­zu weites Entgegenkommen gegenüber Italien England weiter aus eine Linie zu drängen, auf der sich neue Ent­scheidungen nach Art des deutsch-englischen Flottenab- kommens entwickeln könnten. Großen Eindruck hat in Frankreich die beispiellose Geschlossen­heit der öffentlichen Meinung in England von links bis rechts, vom „Daily Herald" bis zur „Morning Post", in der Beurteilung der Rede des eng­lischen Außenministers gemacht. Es ist sehr bezeichnend, nicht nur für jene Rede, sondern für den gesunden poli­tischen Sinn des Engländers, wenn in einem so wich­tigen Augenblick das sozialistische Oppofikionsblatt schreibt,. es sei nur ein Zufall, daß ein Konservativer in Genf gesprochen habe, denn seine Stimme sei nicht di« Stimm« einer Partei, sondern bi« Stimm« Eng­lands. Laval wird trotz seiner persönlichen Abmachun- gen mit Mussolini den italienischen Regierungschef darauf aufmerksam machen, daß angesichts dieser eng­lischen Haltung ohne ein Nachgeben Italiens die Katastrophe eines Krieges unver­meidlich fei und daß Mussolini sich endlich schlüssig werden müsse, ob er die Verantwortung dafür über­nehmen wolle. Ein Ausdruck der Spannung, die zwi­schen Laval und Mussolini besteht, ist ein aus Genf kommendesGerücht, daß der französische Ministerpräsident über das Wochenende nach Rom fliegen werde. Schon als Charakterisierung der Lage ist dieses Gerücht be­merkenswert. Die Wahl zwischen Rom und London wird für den französischen MinisterprÄsidenten das Kernstück seiner heutigen Rede vor dem Völkerbund sein, und sie wird gleichzeitig eine der schwierigsten unb heikelsten Aufgaben dar stellen, vor die sich der viel- gewandte Laval in seiner außenpolitischen Praxis bis­her gestellt sah.