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Nr. 240.
Dienstag, 3. September 1935.
83. Jahrgang.
Beginn öer kriegerischen Operationen?
Eine Alarm-Meldung...
London, 2. Sept. Reuter meldet nm Montag aus Diredawa: „Ein unbestätigter Bericht besagt, daß eine Vorhut von 1000 italienischen Truppen und 1300 Mann Eingeborenentruppen die abessinische Grenze westlich von Assab überschritten hat und in die Provinz Danakil einmarschiert. Dem Bericht zufolge verlassen die Abessinier fluchtartig ihre Dörfer."
Eine Bestätigung dieser sehr unbestimmt gehaltenen Reutermeldung liegt noch nicht vor.
...und ihr Dementi.
Rom, 2. Sept. Von zuständiger italienischer Seite wird das in einer Reutermeldung verzeichnete Gerücht entschieden in Abrede gestellt, wonach stärkere italienische Truppenkontingente nach einem kurzen Zwischenfall, bei dem ein kleiner italienischer Wachtposten von Abessiniern überfallen worden war, in abessinisches Gebiet eingedrungen seien. Im gegenwärtigen Augenblick seien keinerlei derartige Vorfälle in irgendwelchen Gebieten zwischen den italienischen Kolonien in Abessinien zu verzeichnen.
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as. Berlin, 3. Sept. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die zuständige Stelle für ein aktives Eingreifen Italiens in den abessinischen Konflikt wäre natürlich Rom. Aus Rom liegt sogar ein Dementi vor, über die von Reuter berichteten Vorgänge. Infolgedessen muß man die Nachrichten, die von dem V e - ginn der Kampfhandlungen sprechen, mit großer Zurückhaltung beurteilen und man muß zunächst daran denken, daß ja am Mittwoch der Völker
bundsrat in Genf zusammentreten soll und daß in der Stimmung, die sich daraus ergibt, vieleicht lokale Ereignisse von einzelnen Berichterstattern allzu aufgeregt beurteilt werden. Unter diesen Vorbehalten kann man sich klar machen, was ein Vorgang, wie ihn die englische Presse meldet, für eine Bedeutung haben würde: während im Norden der italienischen Kolonie Eritrea sehr hohe Gebirgszüge auf abessinischem Gebiet liegen und einen Durchgang erschweren, zieht sich im Süden Eritreas die abessinische Kolonie Danakil, ein Hochplateau, hin, auf dem zwar tropische Hitze herrscht, das aber immerhin von einigen Flußläufen durchströmt wird. Die Provinz Danakil liegt zwischen der italienischen Kolonie Eritrea und der Bahnlinie, die von dem französischen Hafen Dschibuti nach Addis Abeba führt. Die Bahnlinie ist dabei so angelegt, daß nach Möglichkeit Berge vermieden werden. Sie folgt der Talsohle, die im abessinischen Hochgebirge vom Osten nach Westen verläuft. Unmittelbar an die französische Kolonie Somali-Land schließt sich das Sultanat Aussa an, das unter abessinischer Herrschaft steht, durch das die Bahnlinie führt. Die Entfernung zwischen der Südgrenze der italienischen Kolonie Eritrea und dem zunächst natürlich auf abessinischem Gebiet befindlichen Punkt ber Bahnlinie beträgt etwa 200 Kilometer. Diese geographische, klimatische Sachlage könnte durchaus erklären, daß Vermutungen und lokale Ereignisse eine Meldung zustande gebracht haben, die mit den tatsächlichen Geschehnissen nicht in Einklang stecht. Man wird abzuwarten haben wie sich, so dicht vor der Völkerbundstagung und nach den Nachrichten über den amerikanisch - englischen Pachtvertrag, der Widerspruch zwischen der jetzt vorliegenden Reuter- Meldung und dem italienischen Dementi erklärt.
Kriegsschiffe unbekannter Nationalität
sollen in den atlantischen Gewässern kreuzen.
London, 2. Sept. Die englischen Presseberichterstattcr auf den Azoren werden seit einiger Zeit durch Kriegsschiffe unbekannter Nationalität beunruhigt, die in den atlantischen Gewässern kreuzen sollen.
Montag meldet Reuter aus Ponta Delgada (Azoren), daß der Schleier des Geheimnisses immer dichter werde. Zwei zu dieser rätselhaften Kette gehörende Unterseeboote hätten Vorräte von Fischerbooten in einiger Entfernung von der Insel eingenommen, ohne daß es gelungen sei, die Nationalität der Schiffe sestzustellen. Die Bemannung der Fischerfahrzeuge konnte lediglich mitteilen, daß die Mannschaft der Unterseeboote der portugiesischen Sprache nicht mächtig gewesen sei. Zum erstenmal wurde in der vorigen Woche über die Angelegenheit 'berichtet, als es hieße, daß 2 3 Schiffe festge- stelltworden seien,die keine Flagge führten. Bekannt ist, daß sich die portugiesische Flotte zurzeit auf einer llbnngsfahrt befindet, doch spricht laut Reuter die große Zahl der Schiffe gegen die Vermutung, daß es sich um portugiesische Schiffe handeln könnte.
Japanischer Protest in Moskau überreicht.
Wegen der Komintern-Propaganda.
Tokio, 3. Sept. (Eig. Drahtmeldung.) Der japanische Botschafter in Moskau, Ohta, hat im Auftrag seiner Regierung den Protest gegen die in den Reden der japanischen Kommunisten auf dem Moskauer Kongreß der Komintern zum Ausdruck gekommene kommunistische Propaganda überreicht. In dem Protest heißt es, daß die Sowjetregierung diese Propaganda nicht nur nicht verhindert, sondern sogar in der Sowjetpresse veröffentlicht habe. Moskau sei für die Tätigkeit der Komintern verantwortlich und verstoße daher gegen den japanisch-sowjetrussischen Vertrag.
Mr. Rickett.
Über Nacht ist ein Mann in der ganzen Welt berühmt geworden, der bisher auch in seinen engeren Kreisen wenig bekannt, jedenfalls nicht besonders ausgefallen war. Er ist keiner jener gewaltigen amerikanischen Finanzmagnaten, die jetzt allerdings auch seltener geworden sind, keiner der großen führenden englischen Industriellen, von denen man immer von Zeit zu Zeit spricht, wenn große Revolutionen an der Börse oder in der Wirtschaft ausbrechen. Mr. F. W. Rickett, der sich jetzt mit seiner überraschenden Gründung eines Finanzkonsortiums zur wirtschaftlichen Ausbeulung des mitten in einem politischen und diplomatischen Kampfe stehenden abessinischen Reiches sozusagen als neue Großmacht in die Angelegenheit eingemischt hat, ist bisher mehr das gewesen, was man mit einer etwas vagen Bezeichnung einen „Financier", einen Finanzmann, nennt, das heißt einen Mann, der sich auf Grund seiner guten Kenntnisse der Wirtschaftswelt, ihrer Verflechtungen und Persönlichkeiten mit Neugründungen, Fusionen und ähnlichem beschäftigt, ohne selbst für seine Person irgendeinen Wirtschaftszweig zu repräsentieren oder eine Finanzmacht für sich darzustellen. Solche Männer pflegen sehr einflußreiche und meistens auch sehr wohlhabend zu sein, ohne daß sie gerade zu der oberen Klasse im Reiche des Goldes g-ohören und ohne daß man außerhalb der Atmosphäre vertraulicher Bank- und WirtschaftsEonserenzzimmer viel von ihnen erfährt.
Ein solcher Mann ist Mr. Rickett, der nun, beklatscht von dem größten Teil der öffentlichen Weltmeinung, gegen den schwergerüsteten Ritter Mussolini, nur mit einer leichten Konzessionsschleuder bewaffnet, in die Schranken reitet, bisher offenbar gewesen. Er ist ein Mann Ende der vierziger Jahre und lebte bisher das Leben eines unabhängigen englischen Gentleman. Er hat eine große Jagd in Berkshire, was in England wie der Grundbesitz ein beliebtes Mittel zur Erreichung und Pflege einer gesellschaftlichen Stellung ist. Wahrscheinlich haben die wenigsten seiner vornehmen Gäste, die er bei seinen Jagden sah, gewußt, daß er nicht nur ein guter JJäger, sondern auch ein großer Geschäftsmann war. Sicher hat er dabei nie über Petroleum gesprochen, obwohl er diesem wichtigen Stoff hauptsächlich seine Aufmerksamkeit schenkte. Petroleum ist jedoch kein gewöhnlicher Handelsartikel, obwohl er auch das ist, sondern er ist ein politisches Machtinstrument, besonders für England, dessen auf allen Meeren der Erde fahrende und das Empire schützende Flotte mit Ol geheizt wird, sodaß man mit einiger Zuspitzung wohl sagen kann, das Glück Englands rieche nach Petroleum. Besonders in den vorderasiatischen Ländern, im Irak und in Persien ist in den Jahren nach dem Kriege die Politik und Diplomatie Englands durch das Bedürfnis bestimmt worden, über die dortigen Ölvorkommen die Hand zu halten und sie dem wirtschaftlichen und politischen Vordringen Sowjetrußlands zu entziehen.
In diesen geheimnisvollen Vorgängen, die für die Kenntnis der englischen Politik sehr wichtig sind, aber
Der letzte Weg der toten Königin.
Mussolini empfängt Balbo.
Eingeborenentruppen aus Libyen gehen nach Ostafrika.
Rom, 3. Sept. (Eig? Drahtmeldung.) Der italienische Regierungschef empfing Luftmarschall Balbo, den Gouverneur von Libyen, zu einer längeren Unterredung. Balbo erstattete eingehend Bericht über die Lage in feiner Kolonie und hob hierbei die militärischen Gesichtspunkte im Hinblick auf die Tatsache hervor, daß zahlreiche freiwillige Eingeborenentruppen nach Ostafrika verschickt werden. Diese Truppen sollen nunmehr durch Streitkräfte aus dem Mutterland ersetzt werden.
Ein Vetter des Königs von Italien meldet sich als Freiwilliger.
Rom, 3. Sept. (Eig. Drahtmeldung.) Der Herzog von P i ft o j a, ein Vetter des Königs von Italien, hat sich bei der Schwarzhemden-Divifion „1. Februar" als Freiwilliger nach Ostafrika gemeldet. Er ist der erste Prinz des königlichen Hauses, der den Wunsch geäußert hat, in den Reihen der faschistischen Miliz gegen Abessinien zu kämpfen. Der Herzog wurde dem Kommando der vom Stabschef der Schwarzhemden befehligten Division Peruzzi zugeteilt.
Die Einberufung der 200000 Italiener.
Rom, 2. Sept. Die 200 000 Italiener, die nach der Ankündigung in der letzten Rede Mussolinis im September unter die Fahnen gerufen werden sollen, werden aus den Jahrgängen f911, 1913 und 1914 rekrutiert werden. Sie werden mindestens drei Monate Dienst zu tun haben und in der zweiten Hälfte des Septembers eingestellt werden.
Die Trauerfeierlichkeiten in Brüssel.
Brüssel, 3. Sept. (Eig. Drahtmeldung.) Königin Astrid, die ein tragischer Unglücksfall mitten aus der Blüte des Lebens ritz, hat ihre letzte Fahrt aus dem Palais in Brüssel an getreten. Die Königsgruft in Laeken, die sich kaum über dem Sarge des in ähnlich grausamer Weise ums Leben gekommenen Königs Albert geschlossen hatte, hat sich wieder geöffnet, um die junge nordische Prinzessin, die noch nicht zwei Jahre Königin der Belgier war, aufzunehmen. Gestern abend ist die Tote von ihrem schimmernd weißen Ruhebett, an dem seit Freitag nahezu ununterbrochen ein Strom trauernder und dankbarer Menschen vorbeidefilierte, in den Holzsarg gelegt worden, der heute in den für sie bereiteten Marmorsarkophag in der Krypta in Laeken Platz finden soll. -Ohne Unterschied der Klassen und ohne Rücksicht auf die völkische Zugehörigkeit hat in diesen Tagen Belgien und seine Bevölkerung in rührender Weise um die früh Dahingegangene getrauert. Es war eine echte, tiefempfundene Volkstrauer.
Die Beisetzungsfeierlichkeiten weichen von denen beim Begräbnis König Alberts fast nur dadurch ab, daß der große Vorbeimarsch der Armee und der Frontkämpserverbände vor dem vor dem Schloß aufgebahrten Sarge ausfallen. Der Sarg der toten Königin ruht nicht auf einer Geschützlafette, sondern auf dem hohen baldachinartigen Leichenwagen, der Leopold n. und seiner Gemahlin zur letzten Fahrt gedient hat. Alles andere ist beinahe eine Wiederholung des Programms. das sich vor 16 Monaten auf dem gleichen Wege und in der gleichen Reihenfolge abgespielt hat. Truppen eröffnen und schließen den Trauerzug, in dem der schwergeprüfte junge König, gefolgt von seinen nächsten Anverwandten aus mehreren europäischen Fürstenhäusern unmittelbar hinter dem Sarge seiner Gemahlin einhergeht. Alle hohen Würden
träger, zahlreiche Sondermissionen auswärtiger Staatschefs, ^das ganze diplomatische Korps geben der Königin das letzte Geleit. Truppen, Frontkämpfer und Tausende von Schulkindern bilden Spalier auf dem Wege, der zunächsr in die Collegialkirche der Heiligen Gudula führt, wo der Sarg während der vom Kardinal-Erzbischof von Mecheln zelebrierten feierlichen Seelenmesse auf einem monumentalen Katafalk aufgebahrt wird. Nach der feierlichen Einsegnung der Leiche folgen der König und die Irauergäfte in Wagen dem Sarge nach der etwa eine Stunde entfernten Kirche von Laeken, wo unter ausschlfttzlicher Anwesenheit der königlichen Familie die Beisetzung in der Gruft erfolgt.
Eine dichte traurig und andächtig gestimmte Menschenmenge drängt sich hinter dem Spalier. In zahlreichen Sonderzügen ist die Bevölkerung heute früh aus der Provinz her- 6 et geeilt, um Abschied von der Königin zu nehmen. Alle Fenster der Häuser, an denen der Trauerzug vorübergeht, sind dicht besetzt, Kandelaber sind schwarz umflort. Überall hängen Fahnen heraus, aber das Fahnentuch ist zum Zeichen der Trauer fest an die Fahnenstange geknüpft.
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Der vom Führer und Reichskanzler mit feiner Vertretung bei der Beisetzung der Königin der Belgier beauftragte Sonderbotschafter Dr. vonKeller war bereits am Montag in Brüssel eingetroffen.
Der deutsche Geschäftsträger Dr. Bräuer hat im Namen des Führers und Reichskanzlers und der Reichsregie- rung zwei prächtige Kränze niedergelegt.
Trauerbeflaggung in Berlin anläßlich der Beisetzung.
Berlin, 2. Sept. Aus Anlaß der Beisetzung der Königin der Belgier flaggen am Dienstag, den 3. September, die Gebäude der Präsidialkanzlei, der Reichskanzlei, des Reichstages und sämtlicher Reichsministerien Halbmast. _
