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Nr. 239.

Montag, 2. September 1935.

83. Jahrgang.

Unsere deutsche Wehrmacht.

Paris, 1. Sept. Der New Parker Berichterstatter des „Petit Parisien" macht über die amerikanische Ge- sellschaft, die in Abessinien die Konzessionen erworben hat, folgende Angaben: Die „African Exploitation and Development Corporation" sei am 11. Juli 1935 im Staate Delaware in das Handelsregister eingetragen worden. Der Zweck des Unternehmens sei die Ausbeutung und Hebung der natürlichen Bodenschätze in Afrika. Das Kapital der Ge­sellschaft bestehe aus 5000Aktien zu je 100 Dollar. Als Gründer seien in der Eintragung an­gegeben: Arthur Britten, Edward Williams und Bincent Westrup. Dogmen seien die Hauptaktionäre, die sie vertreten, nicht bekannt.

Der Engländer Francois Rickett sei in Amerika wenig bekannt. Der hauptsächliche Finanzberater des Kaisers von Abessinien, der auch die Anfangsverhand­lungen geführt habe, fei der Amerikaner Everett Andrews CoIjon. Er habe den Auftrag über­nommen, die Finanzen Abessiniens auf eine neue Grundlage zu stellen und die Währung zu festigen. Colson sei seit 1930 Berater des Negus und habe einen beträchtlichen Einfluss auf den Kaiser, den er meist in mäßigendem Sinne ausübe.

Nach dem „Matin"-Derichterstatter in London JpH Rickett bei seiner Ankunft in Addis Abeba ein Empfehlungsschreiben eines ägyptischen Ministers vor­gewiesen haben.

England rät ab.

London, 1. Sept. In einer Erklärung des Foreign Office wird am Samstagabend erklärt, dass der britische Gesandte in Addis Abeba ermächtigt worden ist, dem abessinischen Kaiser mitzuteilen, dass die britische Regierung ihm rate, die Konzession vor­läufig nicht zu erteilen.

Washington kümmert sich nicht um private Pläne.

Washington, 1. Sept. Die Meldung über den neuen abessinischen Kanzessionsvertrag hat hier derartig über­raschend gewirkt, dass man zunächst an der Richtigkeit der Nachricht zweifelte. Inzwischen ist das Abkommen bestätigt worden, und die amerikanische Regie­rung hat alsbald die Haltung eingenommen, dass sie sich um private Pläne nicht kümmere, smäern lediglich darauf achte, dass amerikanische Interessen im Auslande nicht schlechter gestellt oder weniger geschützt werden als die anderer Nationen.

Man nimmt an, dass sich die amerikanische öffentliche Meinung zunächst abwartend und kritisch verhalten werde, dass aber die Stimmung, wenn der Vertrag wirklich durchgeführt werde und umfangreiche Bestellun­gen auf die dem Ausfuhrverbot nicht unterliegenden Waren eingehen sollten, sich allmählich für das Projekt erwärmen werde. Die öffentliche Meinung würde sich dann auch energisch gegen eine italienische Ein­mischung in die friedliche Entwicklung Abessiniens aus­

Panzerwagenabwehrgeschütz sichert eine Straße.

Bei den Manövern des Wehr­kreises II im Raum Tantow— Greifenhagen war es besonders unsere Jugend, die dem Manöverbild besondere Auf­merksamkeit schenkte und auch die Panzerwagenabwehrgeschütze bewunderte.

(Scherl Bilderdienst, M.)»

tafitöt um hie uWuW Konzession

Die beschwichtigenden Erklärungen Londons und Washingtons.

Mussolini schweigt sich aus.

as. Berlin, 2. Sept. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die grosse Erregung, die am Samstag durch die sensationelle Meldung von der Konzessions- vergebung in Abessinien überall entstanden war, hat sich durch die beschwichtigenden Erklärungen der amtlichen englischen und amerikanischen Stellen etwas gelegt. Trotzdem bleibt die Situation natürlich recht ernst, vor allem im Hinblick auf die bevorstehenden Verhandlungen des Völkerbundsrates. Denn die Er­klärungen der englischen und amerikanischen Regierung werden in Abessinien selbst, wie man von dort hört, aller Wahrscheinlichkeit nicht zu einer Zurückziehung der er­teilten Konzession führen. Jedenfalls haben aber die massgebenden Stellen in England und Amerika durch ihre Stellungnahme formell ihr Möglichstes getan, um dem so plötzlich aufgetauchten neuen Konfliktsstosf seine unmittelbare Gefährlichkeit zur nehmen. Wenn aber auch an der Erteilung der Konzession nichts mehr ge­ändert werden wird, wie das wahrscheinlich ist, so mutz man doch annehmen, datz trotz der erwähnten Erklärun­gen die englischen und amerikanischen Privatinteressen in Abessinien den Schutz der hinter ihnen stehenden staatlichen Stellen finden werden. Entscheidend bleibt, wie Mussolini, der sich bisher noch ganz zurückge­halten hat, auf diese neueste Wendung im abessinischen Konflikt reagieren wird. In Berliner politischen Kreisen ist man der Ansicht, datz man alle Meldun­gen über den neuen Tatbestand und seine möglichen politischen Auswirkungen mit grötzter Vorsicht beurteilen müsse. Das wird umso notwendiger sein, als sich herausgestellt hat, datz in London und Washington vielfach die merkwürdigsten Auffassungen über die Be­deutung des Ölvorkommens in Abessinien bestehen. Ein Teil der amerikanischen Presse behauptet allen Ernstes, daß nach der Ansicht amerikanischer Geologen von einem Ölvorkommen in Abessinien garnicht die Rede sein könne. Auf Grund deutscher Forschungen hat man jedenfalls in allen in Betracht kommenden Ber­liner Wirtschaftskreisen schon längst die Vermutung ge­habt, daß das Ölproblem in dem abessinischen Konflikt eine besondere Rolle spielen wird. Deutschland steht jedenfalls in dieser neuen Streitfrage ebenso völlig neutral, wie in dem ganzen italienisch-abessinischen Konflikt. Das gilt auch für alle Versuche, die bereits in gewissen ausländischen Zeitungen gemacht wurden, mit dem Ziel, Deutschland in irgend einer Form in den Streit mit Yineinzuziehen. Die allgemeinen Forderun­gen, die Deutschland auf den verschiedenen politischen und wirtschaftlichen Gebieten für die Verwirklichung seiner Gleichberechtigung erhebt, haben nichts zu tun mit irgendwelchen etwaigen Kompromissen in den kom­menden Verhandlungen des Völkerbundsrates, oder zwischen den mit dem italienisch-abessinischen Konflikt direkt interessierten Mächten.

Herbstübungen des Heeres 1935.

In diesen Tagen ist das deutsche Landschaftsbild auf neue Art belebt worden. Nachdem die Truppen in harter und pflichttreuer Arbeit ihre Ausbildung erfahren haben, kommt es nun darauf an, draußen im Gelände praktisch zu erproben, was sie auf dem Exerzierplatz und in der Jnstruk- tionsstunde gelernt haben. Die Tage der HerbstÄbungen stellen an Führer und Mannschaften gewiß oft harte An­sprüche, aber-der Geist der Truppe ist so, daß man diesen Ansprüchen gern gerecht wird, auch wenn es große Willens­kraft und viel Schweißtropfen kostet.

Die Herbstübungen im Jahre 1935 sind nicht, wie in einigen anderen Ländern, Manöver großen und größten Stiles, sondern sie entsprechen dem Stand der Ausbildung. Sie verschmähen große Wirkungen nach außen und innen, sie sind vielmehr einem möglichen Ernstfall der Verteidigung angepaßt. Hier aber sollen sie gerade dem einzelnen Sol­daten und der Führung zugleich ein möglichst naturgetreues Bild der Wirklichkeit geben, damit auf diese Weise das ver­mieden werden kann, was 1914 unser Schicksal wurde. Ge­rade in diesen Tagen der Erinnerung gedenken wir in tiefem Ernst der jungen Helden von Langemarck^ aber wir müssen heute auch darauf achten, was der Heerespsychologe Dr. Lucke ausgeführt hat: „So heilig uns auch der Klang des Namens und die Erinnerung an Langemarck ist, bei dem wir Kriegs­freiwilligen wohl zu sterben, aber keinen bleibenden Erfolg zu erringen vermochten, so sehr wollen wir aber unsere junge Garde vor einem zweiten Langemarck behüten: Denn nicht die Begeisterung allein kann das technische Material des Gegners überwinden, es gehört auch eigenes Material und besonders feine Beherrschung dazu."

„Was wir in den Kämpfen von 1914 an. bestem deutschen Blut verloren haben" so schreibt Generalleutnant a. D. Kubisch, der im Weltkriege Chef des Generalstabes des 3. Refervekorvs des Antwerpen-Eroberer General v. Beseler war, „weil Kampftechnik durch Begeisterung ersetzt werden mußte, hat unserem Heer in der Folgezeit furchtbar gefehlt. Die zukünftigen Führer lagen im Schlamm Flanderns be­graben".

Diese Ausführungen zeigen allein schon, welch ernster Sinn den alljährlichen Herbstiibungen und auch den Übungen dieses Jahres zugrunde liegt. Die Übungen find in diesem Jahre auch deshalb militärisch von großer Bedeutung, weil sie zum erstenmal nach der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht statffinden. Wenn auch dieses Mal die Übungen wieder in kleinen Verbänden stattfinden, so ist mitent- scheidend die große friderizianische Sparsamkeit, von der jüngst der Reichsfinanzminister gesprochen hat und die in der Wehrmacht durchaus lebendig ist. Alle verantwortlichen Stellen in der Wehrmacht wissen, daß dem Volke durch die Neuschaffung der Wehrmacht Opfer zugemutet werden müssen, um so größer fühlen aber alle Stellen den Zwang der Sparsamkeit dort, wo gespart werden kann und wo ge­spart werden muß.

Die Tage der Herbstübungen sind aber nicht nur Tage des Ernstes, sondern zugleich Tage der Freude. Und mit «besonderer Freude sind die jungen Angehörigen der rmacht gerade in diesem Jahr überall in den Quar­tieren von allen Volksgenossen aufgenommen worden. Wie fest und tief Volk und Heer miteinander verbunden sind, das zeigt sich gerade in den Herbstübungen dieses Jahres. Es ist überdies erfreulich zu begrüßen, datz von (eiten des Heeres selbst Gelegenheit genommen wird, die Bevölkerung über Truppenübungen zu unterrichten. So hat Oberst Mummen- teh, der Chef des Eeneralstabes des 6. Armeekorps, Ge­legenheit genommen, seinen Volksgenossen in Rheinland- Westfalen, Hannover und Oldenburg über den Reichssender Köln einen Ausblick über die Herbstübungen in der Lüne­burger Heide zu geben. An den Übungen sind vorzugsweise die Truppen aus Westfalen und Niedersachsen beteiligt. Oberst Mummenchey sagte u. a.: „Die Zeiten der Holz- atrappen von Geschützen, der Panzerwagen aus Pappe und Blech und der Flugzeuge in Gestalt von Kinderballons sind vorbei! Eine stolze, freie Truppe, ausgerüstet mit allen neu­zeitlichen Waffen, eine moderne starke Infanterie, leichte und schwere Artillerie, Panzerfahrzeuge, Kampfwagen­abwehrgeschütze, motorisierte und berittene Aufklärungs- formationen und zugeteilte Kampfflieger werden in der

sprechen. Jedenfalls bezeichnet man schon jetzt die Nach­richt von dem Abschluß der Konzession als „die Mel­dung des Jahres."

Die Auffassung in Addis Abeba.

Paris, 1. Sept. Der Sonderberichterstatter von Havas meldet aus Addis Abeba, in dortigen politischen Kreisen versichere man, datz man sich mit der Frage der P^etroleumkonzessionen bereits seit drei Jahren beschäftige. Sie seien zunächst einem Italiener, dem Vertreter einer amerikanischen Gesellschaft, angeboten worden. Er habe jedoch ver­schiedene Vertragsbestimmungen nicht annehmen wollen. Darauf sei man dann mit einer anderen Ge­sellschaft in Verbindung getreten, und der Vertrag sei zuftandegekommen.

Man versichere in abessinischen Kreisen, daß die ganze Angelegenheit überhaupt keinen politischen Charakter trage. Man wisse in Addis Abeba nicht, ob, oder in welchem Masse die Konzessionsgesellschaft mit britischem Geld arbeite. Die britische Gesandtschaft sei über die Angelegenheit nicht auf dem laufenden gehalten worden.

Was die Vertragsbestimmungen betreffe, so höre man lediglich, daß die Gesellschaft der abessinischen Re­gierung eine jährliche Pacht zahlen werde. Ob bereits eine Zahlung erfolgt sei, sei nicht zu erfahren. Man habe in Addis Abeba auch keine Ahnung von dem mög­lichen Petroleumgehalt des fraglichen Gebietes und könne auch nichts über die Absichten der Konzessions­gesellschaft sagen in dem Falle, dass ein Regierungs­wechsel in einem Teil des Konzessionsgebietes statt­finden sollte.

Die „African Exploitation and Development Corporation".