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Nr. 235.
Donnerstag, 29. August 1935.
83. Jahrgang.
Die Kleine Entente tagt.
Gegen die Rückkehr der Habsburger. - Mm den Donaupakt. — Belgrad und Moskau.
Beneschs Pläne.
a?- Berlin, 29. Aug. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In dem schön gelegenen jugoslawischen Äurort Blei» beginnt heute die Konferenz des ständigen Rates der Kleinen Entente. Hier also werden sich der tschechoslowakische Außenminister Benesch, sein rumänischer Kollege Titulescu und der jugoslawische Ministerpräsident Stoj ad ino w itsch, der zugleich Außenminister ist, treffen, um über die wichtigen politischen Fragen zu beraten. Wohl überall sieht man diesen Verhandlungen mit Interesse entgegen, setzen sich die Herren doch an den Verhandlungstisch in einem Augenblick, der für die europäische Politik nicht Mamz ohne Gefahr ist.
. Zweifellos wird man sich auch in Bled wieder bemühen, festzustellen, daß man völlig einig ist, wie ja Herr Benesch unlängst anläßlich des 15jährigen Bestehens der Kleinen Entente in die Welt hinaus posaunte, daß man einig war, einig ist und einig bleiben wird. Wie weit diese Einigkeit nun tatsächlich gehen wird, bleibt abzuwarten. In der Habsburger Frage allerdings scheint, nachdem Prag gegen die Wiederkehr der Habsburger entschiedener Stellung genommen hat, eine Einigkeit zu bestehen. Man will unter gar keinen Umständen eine Wiederkehr der Habsburger dulden und man kann sich dabei darauf stützen, daß auch in Österreich selbst die Stimmung keineswegs den Habs- burgern so günstig ist, wie gewisse Kreise das glauben machen möchten. Aus einer unlängst veröffentlichten Siatiftik ergibt sich nämlich, daß trotz aller Bemühungen noch nicht einmal 25 Prozent de: österreichischen Gemeinden zu bewegen war, Otto von Habsburg zu ihrem Ehren
bürger zu ernennen. Weniger ist man sich bereits in der Frage des Donaupaktes einig, für den Italien und Frankreich nach wie vor und gerade angesichts des abessinischen Konfliktes ein reges Interesse Zeigen. Während Prag gar keinen Zweifel daran läßt, daß es einen solchen Pakt auch dann unterzeichnen würde, wenn sich Deutschland nicht daran beteiligt, ging bisher die jugoslawische Auffassung dahin, ohne aktive Beteiligung Deutschlands sei der D o n a u p a k t s i n n l o s. Es scheint nun, als ob man die Belgrader Regierung günstiger stimmen wolle mit der Möglichkeit, daß Italien sich nachgiMger zeigen werde und bereit fein werde. In g o f l a w i e n an der wirtschaftlichen Erschließung Albaniens zu beteiligen. Schließlich gehen die Bemühungen Beneschs dahin, den jugoslawischen Kollegen zur Anerkennung der Sowjetunion zu veranlasse n. Titulescu ist bekanntlich längst für die Moskauer Politik gewonnen und wenn trotzdem der in Aussicht genommene Beistandspakt zwischen Bukarest und Moskau noch nicht unterzeichnet ist, so liegt das nicht an Herrn Titulescu, sondern daran, daß er int eigenen Lande auf erhebliche Widerstände stößt. Ob es Herrn Benesch gelingen wird, Belgrad zum Einschwenken in die Sowjetrußlandfront zu veranlassen, erscheint recht fraglich.
Ob man sich über etne Entschließung gegen die Habsburger Restauration hinaus in Bled einigen wird, bleibt also abzuwarten. Es wäre wohl denkbar, daß gerade in diesem Augenblick, in dem alles im Fluß ist, auch Stojadinowitfch eine Festlegung vermeiden wird. Zur Beurteilung der Frage, ob sich die Kluft zwischen der Kleinen Entente und Italien verkleinert, wird man die weitere Reise des jugoslawischen Ministerpräsidenten abwarten müssen.
Schweres Autounglück des belgischen Königspaares. Die Königin tot, der König verletzt.
Luzern, 29. Aug. (Gig. Drahtmeldung, 13.30 llhr.) Der König von Belgien ist in der Nähe von Küß » acht am Vierwaldstätter See am Donnerstagvormittag mit seinem von ihm selbst gesteuerten Wage» verunglückt. An einer Kurve geriet der Wage» plötzlich über die Böschung
des Seeusers. Die Königin wurde dabei gegen einen Baum geschleudert. Sie erlitt einen Schädelbruch, der de» Tod herbeiführte. Der König wurde mehrfach a m Kops verletzt, die Wuuden sollen jedoch ungefährlich sei». Der noch im Wagen befindliche Chauffeur erlitt Schnittwunden. Die Stelle, an der der Wagen verunglückte, wird als durchaus ungefährlich bezeichnet. Umso weniger konnte bis jetzt aufgeklärt werden, wie es zu dem Unglück kam. Der König war nach dem Unfall so benommen, daß auch von ihm noch keine Angaben zu erlangen waren.
Das englische Echo der Bozener Beschlüsse.
Die italienische Armee.
Wer, mit oder ohne seine Schuld, nicht den Rock bes Soldaten trägt, ist ein unglücklicher und beklagenswerter Bürger; et kann nie hoffen, einen hohen Posten im Staate zu bekleiden. „Giornale d'Italio."
Seit dem Jahre 1933 hat Mussolini die Verwaltung der drei militärischen Ministerien, Krieg, Marine und Luftmacht, in seiner Hand vereinigt. Zn seiner Eigenschaft als Ministerpräsident hat er die oberste Leitung des Generalstabes der Armee und des Nationalen Verteidigungsrates inne. Seine alljährliche Teilnahme an den großen Manövern hat sich bei dem gewaltigen Aufmarsch an der Brennergrenze, der zm Zeit stattfindet, zum tatsächlichen obersten Kommando der Manöver gewandelt. Das will heißen, daß Mussolini nicht nur der politische Diktator, sondern, unbeschadet der Stelluirg des Monarchen, auch der „Oberste Kriegsherr" Italiens ist, in dessen Hand nicht nur die Entscheidung über einen Krieg, sondern auch die Führung des Krieges liegen würde. Die Totalitätsi^e des Faschismus, die keine Trennung der Gewalten kennt und alle Staatsfunktionen aus staatlichem und nationalem Geiste ableitet; hat in der Person dieses politischen Frontkämpfers, der in den 13 Jahren seiner Macht der militärischen Bereitschaft Italiens den größten Teil seiner Tatkraft zuwandte, ihren letzten Ausdruck gefunden. Es wäre müßig und subaltern, seine Fähigkeit zu militärischer Führung zu erörtern: in der Tat ist die italienische Armee, wie sie heute ist, in weitestem Maße seine Schöpfung, über deren Einsatz und Verwendung er allein zu bestimmen hätte.
Die Reorganisation der unter den demokratischen Regierungen vernachlässigten Armee ist noch im Gange, in ihren Grundlinien aber bereits festgelegt. Die leitenden Gesichtspunkte sind nach der zahlenmäßigen Stärke die Aushebung und Ausbildung der gesamten wehrfähigen männlichen Bevölkerung im Alter von 21 bis 55 Jahren, die annähernd 8 Millionen beträgt, nach der organisatorischen Seite die Reformierung des Unteroffiziers- und Offizierskorps, sowie der Stäbe und des Generalstabes, nach der technischen die Nutzbarmachung der Erfahrungen des Weltkrieges und der modernen Anschauungen vom Wesen eines künftigen Krieges. Italien hat gegenwärtig bei einer Bevölkerung von rund 45 Millionen einen Rekrutierungsbestand von etwa 560 000 Mann, von denen es jedoch bisher nur 300 000 einberief, die 22 000 Offiziere und 23 000 Unteroffiziere nicht eingerechnet. Die stehende Armee ist in 13 Korps zu 2 oder 3 Divisionen, im ganzen 31 Divisionen gegliedert; dazu kommen drei „fliegende" Divisionen, die bei den jetzigen Manövern zum erstenmal zur Verwendung kommen, und vier Brigaden „Alpini", einer für den Gebirgskrieg besonders geschulten Truppe. Die Infanterie zählt 112 Regimenter mit verschiedener Bataillonsstärke. Das neue in
Die Erklärungen des Duce werden auf das sorgfältigste geprüft.
London, 29. Aug. (Gig. Drahtmeldung.) In ihrem Leit- aufsatz sagt die „Times", die italienische Behauptung, Italien habe jedes mögliche Mittel für eine friedliche Regelung des Streites mit Abessinien versucht, sei erstaunlich. 3n Wirklichkeit habe Italien vor zwei Wochen die Möglichkeit gehabt, eine friedliche Regelung zu erreichen. Gs habe sie aber beinahe geringschätzig abgelehnt. Mussolini habeinden letztenMonatenbewiesen, daßerk riegerische Methoden friedlichen verziehe. England wolle selbstverständlich den italienisch-abessinischen Streitfall nach wie vor nach den Regeln des Völkerbundes behandeln. Die letzte Folge davon könnte im Falle eines erwiesenen Angriffes logischerweise die kollektive Anwendung von Sanktionen fein.
England und Frankreich seien bereit gewesen, Abessinien zu den wesentlichsten Zugeständnissen an Italien zu zwingen. So gut wie sicher sei es auch, daß der Völkerbund in seiner Gesamtheit diese Zugeständnisse gutheitzen werde. England und Frankreich hätten sich mehr als hereit gezeigt. Mussolini zu einem Arbeitskameraden bei der Kolonisierung Afrikas zu machen, aber er habe die Vorschläge nicht nur verworfen, sondern er habe sich sogar geweigert, sie ernstlich zu er- wägen. Offenbar fei er entschlossen, Abessinien seinen Willen mit Gewalt aufzuzwingen, wobei er die ihm hinderlichen Verträge beiseite schiebe. Man erwarte, daß Mussolini in Genf Abessinien beschuldigen werde, völlig ungeeignet für Mitgliedschaft im Völkerbund zu sein. Vielleicht werde er sogar Abessiniens Ausstoßung fordern. Dies wäre aber um so sonderbarer, als Italien zusammen mit Frankreich die Zulassung Abessiniens zum Völkerbund befürwortet habe. Man müsse sich auf eine lange Liste von Anschuldigungen gefaßt machen. Möglich sei, daß Mussolinis Anklage int Hinblick auf die Rückständigkeit Abessiniens und die dortige Sklaverei einen gewissen Eindruck machen werde. Befriedigend fei immerhin, daß Mussolini seinen Standpunkt
ausführlich dargelegt habe. Seine Erklärungen würden aufs sorgfältigste erwogen werden.
In diesem Zusammenhang, so sagt die „Moming Post", schlage man eine Neuverteilung der Völkerbundsmandate vor. Aber man würde den Eindruck vermeiden, daß ein solcher Schritt unter dem Einfluß der Furcht erfolge. Bevor Großbritannien eine solche Initiative ergreife, müsse cs nach seiner Wehrmacht schauen. Es müsse aufrüsten, wenn es großmütig sein wolle.
Vorbereitung begriffene Rskrutierungsgesetz wird wahrscheinlich die jetzt bestehende Dienstzeit von 18 Monaten auf ein Jahr herabsetzen und den Bestand an wehrfähiger Mannschaft voll erfassen. In Wirklichkeit ist schon heute durch die letzten Mobilisationen für Afrika und die Aufstellung von Ersatzformationen der oben- umrissene Friedensrahman weit ausgedehnt: es stehen zur Zeit mehr als 500 000 Mann unter Waffen,
Verstärkung der englischen Flotte beschlossen»
Inkraftsetzung der Gleitklausel des Londoner Abkommens.
Loudon, 29. Aug. (Eig. Drahtmeldung.) Der Marinemitarbeiter des „Daily Telegraph" glaubt zu wissen, es fei beschlossen worden, die „Gleitklausel" des Londoner Flotten- vertrages in Kraft zu setzen, die eine Verstärkung der britischen Flotte über die Vertragsgrenzen hinaus ermögliche. Als Grund werde das schnelle Wachsen der fremden Kriegsflotten in den letzten sechs Jahre» angegeben. Aus der Meldung geht nicht hervor, ob es sich um einen Beschluß der Admiralität oder um die endgültige Entscheidung der Regierung handelt.
Britische Kriegsschiffe am Suezkanal und vor Haifa.
London, 29. Aug. (Gig. Drahtmeldung.) Die britische Mittelmeerflotte geht heute von Malta zu ihrer zweiten Sommerkreuzfahrt in See. Aus dem Plan für die Fahrt er
gibt sich, daß sich während des Monats September ständig britische Kriegsschiffe am Eingang des Suezkanals und vor Haifa aufhalten werden, wo die wichtige Petroleumleitung aus dem Irak endet. — Das Flaggschiff „Resolution" mit Admiral Sir W. W. Fisher an Bord wird vom 2. bis 20. September in Port Said bleiben. Am 21. September wird es von dem Schlachtschiff „Revenge" abgelöst werden, das bis zum 30. September in Port Said vor Anker liegen wird. Das dritte Kreuzergeschwader geht nach Haifa. Andere Schiffe werden Alexandrien, Zypern und griechische Häfen besuchen. Das zur Mittelmeerflotte gehörende Schlachtschiff „Barham", das zur Jnstandfetzung in England war, wird am 2 Sept nach dem Mittelmeer auslaufen.
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London, 29. Aug. Wie aus Aden gemelitet wird, trifft der britische Kreuzer „Eolombo" am Donnerstag in der Hafenstadt Berbera, dem Hauptort von Britisch-Somaliland, ein, um dort bis auf weiteres die Entwickelung der Dinge zu beobachten.
Die „Eolombo" hat 4250 Tonnen Wasserverdrängung. Ihre Bewaffnung besteht aus fünf 15-Zentimeter-Ge schützen, zwei 7,ö-Zentiineter-Geschützen und acht Torpedorohre«.
