Einzelbild herunterladen
 

.Ml.......- W ‘

Sonntag. 18. August 1935.

2v!esbadener Tagblatt

Nr. 224. Seite 3.

Rund um die FunkaussteUung.

(Von unserer Berliner Schriftleitung.)

.D^^roSE Deutsche Rundfunkausstellung, die gegenwär- ti« in den Ausstellungshallen am Kaiserdamm in Berlin ab- M^ten wird, ,,t dl« Wülste ihrer Art. Sie ist aber bestimmt ^?e DutzendmVstellung, sondern ein« Ausstellung, die auf ÄÄnth^ Niveau steht. Sie ist ganz außer« ^dentüch zweckmäßig und nicht minder vornehm aufgebaut. «I1.^?^^Hungen sind ia längst keine Ausstellungen von m^I> keine Industrieschauen, sondern k^scmders seit der Machtübernahme allgemeine Erstellungen des Rundfunkwesens an sich und seiner Fort- In diesem Jahre eine weitere Halle hinzu- ktKt5a?etn-e,li. kreieren und großzügigeren Auf- dau als rn den Vorjahren ermöglichte.

dem Volkssender, über den an dieser Stelle schon gemäss^ Erde, bildet den Hauptanziehungspunkt natur« die Halle des Fernsehens.

$5 „ ^em lm Halbdunkel liegenden Raum führt in der großen Fernfeh st ratze die Reichsrundfunkgesellschaft

hat also sozusagen sein Kino zu Hause und es ist noch nicht so, daß man nun wirklich eigentlich „fernsehen" könnte. Die be­sorgte Gattin kann also auch mit einem solchen Apparat nicht etwa feststellen, was der Gatte am Biertisch treibt, die Stammtischbrüder können in dieser Hinsicht ganz beruhigt sein. Die Techniker versichern uns vielmehr, datz bis auf weiteres gar keine Rede davon sein könne, datz wir etwa mit Hilf« eines Fernsehers di« Vorgänge in einem normal be­leuchteten Zimmer verfolgen können. Hierfür fehlen vorerst noch wichtige physikalische und chemische Erfindungen. Be­kanntlich ist es aber immerhin möglich, schon jetzt ein Gegen- fernseh-Fernaespräch,zu führen, wenn beide Teilnehmer sich in einer mit entsprechenden Vorrichtungen versehenen Kabine befinden. Auch das eröffnet schon allerlei Möglichkeiten und vielleicht wird man später einmal in Heiratsanzeigen nicht mehr lesen, datz Bildzusendung erwünscht ist, sondern man wird gleich ein Gegenfernsehgespräch vereinbaren, um nicht nur Antlitz, sondern auch gleich die Stimme der oder des Zu­künftigen kennen zu lernen. Im übrigen zeigt eine in der

■

Bildbericht von der Erogen Deutschen Funkausstellung.

p$en Verlegen, einer Fernsprechleitung von einem fahrenden Kraftwagen aus, ein Bild aus der mMtarischen Schaunummer, die von einer Nachrichtenabteilung des Heeres täglich gezeigt wird — daneben: Richtige Antennen geben sicheren Blitzschutz — unten links: Das kleinste Empfangsgerät oer Welt daneben: Der Hauptanziehungspunkt ist die „Fernsehstraße", in der die neuesten Fern­sehgeräte gezeigt werden. (Presse-Bild-Zentrale, Atlantic, 2 Weltbild, M.)

Ausstellung befindliche große Karte eines Fernsehrundfunk­netzes, das nach kulturpolitischen Gesichtspunkten aufgebaut ist, wie sehr man sich in der Reichsrundfunkgesellschaft schon heute mit der Ausgestaltung des Fernsehbetriebes beschäftigt, wenn auch vielleicht noch einige Zeit vergehen mag, bis dieses Fernsehrundfunknetz in dieser oder anderer Form Wirklichkeit wird. Angemerkt sei dabei noch, datz auf der gleichzeitig in London stattfindenden großen englischen Funkausstellung überhaupt keine Fernsehempfänger zu sehen sind und datz in England der Fernsehsendebetrieb erst im Frühjahr nächsten Jahres ausgenommen wird.

^zwanzig serienmäßig hergestellte Fernseh-Empfänger aus | ihrem Besitz vor, wobei durch eine geschickte Aufstellung dafür f gesorgt ist, datz wirklich jeder Besucher sich von der Leistungs­fähigkeit der Apparate überzeugen kann. Man wird feststellen müssen, daß ganz außerordentliche Fortschritte erzielt sind, daß aber das letzt« Wort noch nicht gesprochen ist. Immerhin, wer Geld genug hat, oder wer das Glück hat, in der Lotterie auf der Ausstellung einen solchen Fernseh- Empfänger zu gewinnen, der wird schon heut« viel Freude an »en Fernseh-Sendungen haben. Übermittelt werden heute in dem Fernsehprogramm zum allergrößten Teil Filme. Man

Für denjenigen, der Sinn für Humor hat, verrät der amtliche Führer der Rundfunkausstellung noch, datz das Fern­sehen eigentlich gar keine neue Sache ist und daß sicher schon der alte Rat Goethe Besitzer eines Fernsehempfängers war, heißt es doch in seinem Faust: „Was seh ich? Welch ein himmlisch Bild zeigt sich in diesem Zauberspiegel . . .“ Deut­licher kann ein Fernsehgerät gar nicht gekennzeichnet werden, und wer etwa noch Zweifel hat, der sei noch auf die Zeilen verwiesen: „Wenn ich es wage, nah zu gehn, kann ich sie nur als wie im Rebel sehn." Das ist aber für den Film und für das Fernsehen durchaus typisch, und gerade vor den großen Fernsehbildern auf der Ausstellung heißt es immer wieder, daß man möglichst weit zurücktreten möge, um den richtigen Eindruck zu gewinnen.

Was die

Rundfunkempfänger

anlangt, so wurde hier schon in der Vorschau festgestellt, daß sensationelle neue Konstruktionen nicht zu finden sind, wäh­rend allgemein die bewährten Konstruktionen noch verbessert wurden. Eine große Rolle spielt der A l l st r o m e m p f ä n - ge r, der in erster Linie für diejenigen gedacht ist, die noch an ein Gleichstromnetz angeschlossen sind und früher oder später mit einer Umstellung des Netzes rechnen müssen. In sehr starkem Maße haben sich die Konstrukteure diesmal des kleinen 2-Röhrengerätes angenommen, das ge­wissermaßen die Übergangsstufe darstellt vom Volksempfänger zum großen Fernempfänger. Diese kleinen Geräte in der Preisklasse von etwa 150 Mark besitzen jetzt alle Vorzüge, die man noch vor zwei oder drei Jahren nur von den großen Ge­räten erwarten durfte. Im übrigen sind auf der Ausstellung aber auch Luxus - und Qualitätsempfänger, Ge­räte mit 6 und 9 Röhren zu sehen, die alles können, was beim heutigen Stand der Technik überhaupt möglich ist. Es gilt eben auch für die Rundfunkempfänger der alte Satz: Das Leben ist schön, aber teuer. Man kann es auch billiger haben, aber dann ist es weniger schön. Für Autobesitzer sind beson­dere Autoempfänger geschaffen worden. Nicht uner­wähnt bleiben aber soll auch, daß für Haushaltungen, die nicht an das elektrische Lichtnetz angeschlossen sind, sehr gute Batterie-Empfänger gezeigt werden.

Ein« Klasse für sich ist der neue zum erstenmal gezeigte

Arbeitssront-Empsänger,

der 295 Mark ohne Lautsprecher kostet und der dem Gemein- fchaftsempfang in großen Betrieben dienen soll. Auch dieser Apparat wird ebenso wie der Volksempfänger, für den eine Neuauflage von einer Million beschlossen worden ist, von allen deutschen Firmen hergestellt. Für die Schaffung dieses neuen Empfängers war der Leitsatz „Kein deutscher Betrieb ohne eigene Rundfunkanlage" und so wird er zweifellos überall den Lautsprecher an den Arbeitsplatz und in die Pausenräume bringen.

Bei dieser Gelegenheit sei auch einmal darauf verwiesen, daß der Sättigungsgrab für den Rundfunk in Deutsch­land zweifellos noch nicht erreicht ist. Bei uns nehmen gegenwärtig etwa 36 % der Haushaltungen am Rundfunk teil, in Großbritannien 55 %>, in Dänemark gar 61 % und in den Vereinigten Staaten sogar 69%. Es ist also zu hoffen und zu erwarten, daß die Rundfunkindustrie auch weiterhin gut beschäftigt sein wird und daß dank des Ausbaus des Rundfunks unter [einen gegenwärtigen Leitern die Zahl der Hörer, die heute rund 6,5 Millionen beträgt, stetig weiter­steigen wird.

Das ist nicht nur für die Rundfunkindustrie von Bedeu­tung, sondern auch für das gesamte kulturelle Leben Deutsch­lands, unterstützt doch, wie Minister Goebbels in seiner Er­öffnungsansprache unterstrich, der Rundfunk das deutsche Kulturleben in allen seinen Sparten. So fließen dem Musik­leben, den deutschen Theatern, insbesondere in den Grenzge­bieten, den Volkstumsverbänden und vielen anderen kulturellen Einrichtungen Gelder zu, die aus den Rundfunk­gebühren stammen. Daß der Rundfunk darüber hinaus aber auch sehr wesentliches für das künstlerische Leben getan hat dadurch, daß er die schöpferischen Kräfte der jungen'Schaffen­den heranholte, ist ebenfalls schon von Minister Goebbels betont worden.

Dit> zwölfte Große Deutsche Rundfunkausstellung, die Berlin einen starken Zustrom von Besuchern aus dem Reich bringen wird, gibt alles in allem einen vorzüglichen Überblick über den gegenwärtigen Stand des deutschen Rundsunkwesens und damit auch einen ausgezeichneten Überblick über das groß« Können und die hervorragenden Leistungen der deut­schen Rundfunkindustrie. W. A.

Liebezu Briefmarken.

Ein Gang durch die Wiesbadener Briesmarkenausstellung.

Sammeln. Daumier hat einmal ein bezeichnendes -ötlb gemalt. Im Laden eines Althändlers steht ein Mann Por Graphiken. Hochaufgerichtet, die Hände in den Taschen bes Überziehers. Sein Gesicht sehen wir nicht, aber es starrt unverwandt auf eine Zeichnung an der Wand. Wir wissen, was in seinem Kopf vorgeht. Dieses Bild — er ist verliebt iartn; ein Begehren sitzt in seinen Augen, er möchte es paben. Aber er weiß nicht, soll er es erwerben — sein Ichabiger Anzug spricht nicht von zu reichen Mitteln — oder joll er verzichten und immer unglücklich darüber werden? „2 amateut“ steht unter diesem Bild.

3d) kenne ein Witzbild. Bei einem Kunsthändler sitzt ein reicher Mann. Der Händler hält ihm ein kleines Bild ®or. Ziemlich fassungslos betrachtet es der Reiche: „Hm, Wr schön. Was stellt es eigentlich vor?" — „4000 Mart, für Sie“, ist die Antwort.

I» Zwei Extreme. Die Verliebtheit und der ENutzen, die Leidenschaft und der materielle fr- ^rt. Beide Typen etwas übertrieben, sicher. Aber da­ss zwischen lassen sich alle Beweggründe des Sammlers ein« Es. lu8en-. Nie ist das Extrem in Reinkultur vorhanden. Auch dem Liebhaber leuchtet der Wert ein und auch wer bloß die »Ware" sieht, hat Augenblicke, wo er verliebt ist: die Seele 6 Ernes Sammlers ist wohl nie einheitlich. Die Gefühle ver- •L Assden sich. Ich glaube, so ein Verliebter kann eine schöne «riefmarke behandeln, wie jemand, der einen Bucheinband der aus der Seide des Kleides der Geliebten ist. x Äfd man weiß von Auktionen — und man sieht es auch der UWiesbadener Ausstellung an: hier stecken Werte. Nicht M?wß die wirtschaftlichen der Post und ihres Apparates, MVioern auch private. Es gibt schätzungsweise 10 Millionen i Briefmarkensammler auf der Welt: 2 Millionen davon sind U Deutsche. Selbst Devisen schaffen Briefmarken.

U Dies Sammeln ist eine Kunst. Es will gelernt, geübt, UUEl i e b t fein. In einem Raum der Ausstellung ist eine & r-di)r,chau. Man fängt danach am besten mit General- EcntmIungen an. Aber diese weite Welt der Marken ist wie I •te unterirdische Höhle in „Aladdins Wunderlampe". Der cnS? Schustersohn, der in ihren ersten Raum kam, steckte sich ■ Taschen voll Silber. Aber als er in den zweiten Saal »«langte, warf er dies fort und sackte Gold ein. Jin dritten

aber entledigte er sich des Goldes, als er die Diamanten er­blickte. Wo nimmt eigentlich dies Sammeln ein Ende?

Briefmarken. Sie sind in tausenden vorhanden. Es gibt davon 75 000 verschiedene Sorten. Jede hat ihr Gesicht und ihre Geschichte. Ja, sie haben ihr Ge­sicht, auch wenn nicht in fremder Sprache und in fremder Währung ihr Geburtsschein geschrieben wäre. Eine siamesische Marke unterscheidet sich von einer englischen und die Marken der Sammlung „Übersee" sind bunt wie die Kolibris ihrer Urwälder. Einige haben ein seltenes Gesicht. Ein Sachsendreier. Der Kenner sieht sich daran satt. Andere haben ein eigenartiges Gesicht. Sie verraten die Gelegenheit, der sie entstammen. Andere haben ein s ch ö n e s Gesicht. Man kommt (auch als Laie!) noch einmal gerne, ihre Zeichnung und Farben genüßlich zu sehen. Sie haben alle ihre Geschichte. Da ist die Hitlermarke vom 9. November 1923, da ist die letzte Marke aus dem fran­zösisch besetzten Saargebiet, aber auch die, die noch in der Nacht verkündigt, daß die Saar heimgekommen zum Mutter­land, da ist die seltenste Postkarte, eine bayerische; bei diesen badischen sind die Ortsstempel durch Nummern ersetzt, hier hat sich der „Sprudel Wiesbaden" 1901 verewigt, die ersten Marken Estlands sind auf Papier von deutschen Gene­ralstabskarten gedruckt, Feldpostbriefe mit seltsamen Ver­merken und Jnzlationsumschläge mit den damals wenig ge­achteten Jnflationsmarken haben Wert bekommen, Misch- franfaturen erzählen postalische Kuriositäten, die „Regie- tungsmarfe“ ausWiesbaden erzählt ihre Geschichte, als es in der französischen Besetzung keine Dienstmarken gab und man zu Notbehelfen griff. Die Stadtpost Warschau ist eine Kriegsgeschichte, mit diesen Marken waren die Ladun­gen versichert, die unsere beiden U-Boote (die Blockade durch­brechend) während des Krieges nach Amerika brachten. So­gar Versuche der Reichsdruckerei mit Bildpostkarten sind da. Und jede der Marken hat auch ihre perfönliche Ge­schichte. Denn jeder sammelt individuell. Die Gedanken und Gefühle werden offenbar. Da ist die Sammlung „Memel" (General Rotte). Ein Respekt befällt einem vor dieser immensen Arbeit. Das ist schon kein Sammeln mehr; das ist Forschung. Briefmarkensammeln überschreitet die Grenzen der Liebhaberei; das ist Wissenschaft.

Die Ausstellung. Ganz zum Kultus werden Blumen erst durch das Arrangement. Blumenbinden ist eine Gabe. Es rückt alles ins Licht. Bei Briefmarken geht es ebenso. Manche Sammlungen bezwecken sogar bloß dieses allein: die Schönheit der Anordnung, die Zu­

sammenstellung, das Betonen des Vollende­ten, die Vorbildlichkeit der Erhaltung. Und gar die Vielfalt der Gesichtspunkte: die Postwert­zeichen des dritten Reiches, altdeutsche Marken, deutsche Ganzsachen (die Samlung Dr. Barths-Wiesbaden ist eine der wichtigsten und vollständigsten Sammlungen Deutschlands), das moderne Italien, altgeschnittene Stücke, Belgien, Eelegenheitsmarken, Alt-Sizilien, ein hervor­ragendes Werk, prämiiert auf der internationalen Brief­markenausstellung, die mehrfach ausgezeichnete Sammlung: deutsche Geschichte und deutsche Geschicke „Meiner Heimat zur Ehr, meinen Kindern zur Lehr", die Welt ehrt Zeppelin, die Sammlung des Verlagsdirektors des Wiesbadener Tag­blatts, Pabst, „Deutsche Kolonien" mit sehr wertvollen Stücken, Originalbogen, „Die Ukraine, ein Sondergebiet der Nachkriegszeit", Ali-Chile, Elsatz-Lothringen (Oberst Wiec­zorek). Firmen-, Werbe-, Gelegenheits- und Serienstempel von Wiesbaden und Mainz (Prof. Dr. Schellenberg) die Poststempel von Mainz und Wiesbaden mit deü ersten Marken von 1851 (Eg. Schneider-Wiesbaden), inter­essante Erstflüge, die Frau als Sinnbild für Gerechtigkeit, Kunst und Wissenschaft, die fürstliche Frau, Frauenrassen, als Sinnbild des Landes, als Gottheit, als Heilige, eine Spezial­sammlung Preußen, Baden, Niederlande. Aber dies sind nur einige der Gesichtspunkte, nach denen hier im Längs- und Querschnitt Liebe und Fleiß diese erstaunlichen Leistungen zusammengebracht hat. Heraldik und Kunst lernt man aus ihnen, fremde Währung und Geschichte, Wandlungen, Re­gierungsformen, Graphik eines Landes, Charakter, Wirt­schaft — die ganze Kultur der Erde breitet sich in diesen zarten Gebilden aus. Und erst die Geographie! Spiegel ber schönen Welt sind diese kleinen Papierbilder. Und so kommen die Märchen und die blauen Standen und bas weite Weltgefuhl.

D Königin, du weckst der alten Wunde Unnennbar schmerzliches Gefühl.

So denkt der Laie bei einem Gang durch die Ausstellung. Der Sammler und Fachmann aber ... er wird neue An­regung gewinnen und was uns Erfreuung und Neuland mar, ihm ist es Studium und Bewunderung. Er weiß um btc Mäzene und die Fälscher, er kennt Auktionen und träumt oon Okkajionen. Er sieht Aufgaben und das Ziel wird ihm immer klarer: Nur sammeln, woran man seine Leidenschaft gebangt hat: Denn jeder echte und richtige Sammler ist ein Kulturträger. HR.