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Freitag, 9. August 1935

83. Jahrgang.

Werkte glich nachmittags, Samstags eet« u. nachmittags Fernfprecher-Sarnrnel-Nr. 59631.

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schlagen. Die Polizei muhte immer und immer wieder gegen die Meuterer vorgehen, die zum Teil von den Dächern mit Gewehren auf die Beamten schossen. Schließlich wurden Senegalschützen eingesetzt, denen es gelang, gegen 2 Uhr morgens die Straßen zu säubern. Die Meuterer verteidigten sich mit großer Zähigkeit und errichteten Barrikaden, in deren Schutz die Läden zahlreicher Straßen geplündert wurden. Sämt­liche Straßenlaternen im Unruhegebiet wurden zerstört, so daß die Kriegsmarine Scheinwerfer zur Verfügung stellen mußte, in deren Lichtkegel die Säuderungsaktion Äurchgesührt wurde. Etwa 50 Meuterer wurden fest­genommen, unter ihnen eim Italiener und mehrere nordafrikanische Arbeiter.

Die Beisetzung des Brester Todesopfers.

Paris, 8. Aug. Die Beisetzung des bei den Unruhen in Brest gestorbenen Arsenalarbeiters fand am Donners­tagnachmittag von dessen ehemaliger Wohnung meinem Vorort von Brest aus statt. Etwa 10 000 Personen, meist Arbeiter .des Arsenals, und der umliegenden Ort­schaften, nahmen an dem Trauerzug teil. Fast alle hatten irgendeine rote Blume angesteckt. Die Bei­setzung erfolgte ohne Zwischenfall auf einem der Brester Friedhöfe.

Im Laufe des Nachmittags hat man den Eindruck einer Entspannung -der Loge. Dessenungeachtet bildet der Zustand in Brest nach wie vor das Tagesgespräch der französischen Presse.

Unruhen auch in Cherbourg.

Paris, 8. Aug. Der „Paris Soir" meldet in einer Spatausgabe, daß die meisten Belegschaften des Marine- Arsenals von Cherbourg am Donnerstagnachmittag um 16 Uhr die Arbeitsstätten verlassen hätten. Eine Gruppe extremistischer Rädelsführer habe sich zur Untersee­boot f l o t t i l l e begeben und dort die Internationale angestimmt. Inzwischen seien auch die streikenden Ar­beiter im Zuge vom Arsenal zur Unterseebootsflottille vorgedrungen. Sämtliche Truppen von Cherbourg stunden alarmbereit. Die Eingänge der Marinewerk- statten würden von Marinefeuerwehr bewacht. j

| Erneute Meuterei in Toulon.

rote und zahlreiche Verletzte. — Regelrechte Barrikadenkämpfe. — Einsatz von Senegalnegern.

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Der „Matin" plaudert aus der Schule. — Vor neuen Verhandlungen der Generalstäbe. Der Angriff von Norden.

kommen motorisiert an die Brenner Grenze geschickt wird. Nun werden sich bekanntlich am Brenner also an der Grenze gegen Österreich, in diesem Sommer oie großen Manöver abspielen, zu denen die Italiener rund eine halbe Million Mann aufbieten. Lk Paris verkündet man mit Genugtuung, daß diesen Manovern als Operationsgedanke ein ,-von Norden kommender A n g r >i ff" zugrunde liegen werde. Mit anderen Worten heißt das, daß man an Deutschland als Angreifer denkt. Das ist immerhin, um einen gang milden und ganz diploma- trfchen Ausdruck zu gebrauchen, ein mehr als-selt- s a m e s Verfahren, wenn man hier, und sei es auch nur in der Form eines Manöverplanes, Deutschland irgendwelche Angriffsabsichten unterschiebt. Zugleich ist es aber auch eine bemerkenswerte Begleit­musik zu den neuen Paktgesprächen. Sie wird uns nötigen, die neuen Donaupaktpläne mit doppelter Vorsicht zu betrachten. Schließlich aber zeigen die Meldungen auch, daß das englische Blatt „Star" sich auf dem Holzweg befinden dürste, wenn es ange­sichts der abessinischen Frage, den Italienern ausein­anderzufetzen versucht, die Gefahr für sie bestehe darin, daß England und Frankreich die „faschistische Mario­nettenpartei" in Österreich in aller Ruhe ihrem eigenen Schicksal überlassen würden, sobald die Italiener mit Abessinien voll zu tun hätten. Das englische Blatt fährt dann fort: Auf dem Papier sei die Unabhängig­keit Österreichs gewährleistet, tatsächlich aber werde die gegenwärtige Regierung in Wien von italienischer Seite unterstützt und kontrolliert. Es gäbe keine Bürg­schaft zur Aufrechterhaltung dieser „eigenartigen" Lage. Wie gesagt, angesichts der Haltung Frankreichs und an­gesichts der französisch-italienischen Generalstabs­besprechungen wird diese Meinung in Rom keinen großen Eindruck machen.

Ein Gedenktag mit positiven Vorzeichen.

Am 10. August find fünfzehn Fahre vergangen, seit der Friedensvertrag vonSevres zwischen den alliierten Mächten und der geschlagenen Türkei for­mell geschlossen wurde. Tatsächlich ist das Vertrags­werk, das einer absoluten Knechtung des türkischen Staates gleichkam, niemals in Kraft getreten. Wäre es auf den entnervten Charakter des letzten türkischen Sultans bezw. der Konstantinopler Regierung ange­kommen, so hätte das türkische Volk an diesem 10. August 1920 nicht nur sein eigenes Todesurteil unterschrieben, sondern auch selbst vollzogen. Ein Mann aber war es, der mit leidenschaftlicher Energie und mit nimmer­müder Aktivität gegen diesen Schandvertrag zu Felde zog, der keine der gehässigen Bestimmungen dieses Dik­tates anerkannte, sondern im Vertrauen auf die völ­kische Kraft der türkischen Nation zum Widerstand auf­rief und tatsächlich nach einer Reihe ebenso genial wie erbittert geführter Kämpfe im Jahre 1923 einen Ver­trag erzwang, der einer werdenden Großmacht würdig erschien. Daß es auch Mustava Kemal Pascha nicht gelingen konnte, in Lausanne einen Frieden mit den Alliierten zu schließen, der die Türkei von allen Lasten befreite, lag in der unabwendbaren Tatsache der türkischen Nidderlage Mitte 1918 begründet. Immerhin aber wurden die diffamierenden Bestim­mungen des Sövres-Bertrages restlos beseitigt, ja, der Führer bet Türkei konnte mit Stolz in seiner großen Rechtfertigungsrede vor der Nationalversammlung im darauf folgenden Fahre sagen, daß von diesen Schand- bestimmungen in Lausanne nicht einmal mehr die Rede gewesen sei. Zwischen Sövves und Lausanne liegt der Beginn des Neubaues des türkischen Staates. Wohl keine europäische Macht, am wenigsten aber die Alliier­ten, hätten es für möglich gehalten, daß der „kranke Mann am Bosporus",wie man die Türkei unter dem Sultanat und Kalifat nannte, nicht nur nicht sterben würde, sondern daß neues Leben aus den Ruinen blühe. Notwendig war allerdings, daß das Alte und Morsche zerstört wurde, daß Kemal Pascha sowohl das Sultanat als auch das Kalifat zertrümmerte und mit den aufbau­willigen Kräften der türkischen Nation — zunächst der von ihm begründeten Volkspartei — ein Reich schuf, das er bewußt in Gegensatz stellte zu der Türkei der Vorkriegs- und der Kriegszeit. Der Vertrag von Svvres war überhaupt nur möglich, weil zu jener Zeit in Konstantinopel noch die sultanische Scheinregierung ihr Wesen oder besser gesagt, ihr Unwesen trieb und durch diplomatische Ränke auf Kosten der Wohl­fahrt der Nation am Ruder bleiben wollte. Konstanti­nopel hätte jeden Vertrag geschluckt, auch den erbärm­lichsten und erniedrigendsten. Man lhorchte in Paris und London erst auf, als Kemal Pascha stolz und mutig Mitteilen ließ, die einzige Regierung, die Handlungs­freiheit besitze, und berechtigt sei, im Namen der Türkei die Unterschrift zu leisten, befinde sich in dem damaligen Angora. Bon dort aus führte Kemal Atatürk, wie er jetzt heißt, einen geradezu heldischen Kampf um die Existenzgrundlagen seines Volkes. In drei Jahren blutigen Ringens gelang es ihm, das Gespenst von Stores zu bannen, die griechischen Truppen vernichtend zu schlagen, und es mag für ihn ein stolzes Gefühl ge­wesen sein, als die türkische Unterschrift unter einen Vertrag gesetzt wurde, in dem die sofortige Räumung aller von den alliierten und griechischen Truppen be­setzten Gebiete und zwar unverzüglich, vorsah. Um diesen Gedenktag mit positiven Vorzeichen, den die Türkei morgen feiern kann, richtig zu verstehen, muß man daran erinnern, daß im Vert»ag von Sävres alliierte Polizeioffiziere überall über das Land ver­teilt werden sollten, daß die ganze Türkei unter Kon­trolle der damaligen Feindmächte unter besonderer Be­rücksichtigung der griechischen Wünsche und Bedürfnisse gestellt werden sollte, kurzum, daß das Land und das Volk zu Sklaven erniedrigt worden wären, wenn nicht ein Mann in der Stunde tieffter Not die Flamme der ewigen Erneuerung angefacht und zum Leuchten ge­bracht hätte. Zwischen Stores und Lausanne liegen viele Versuche, vor allem von selten der Alliierten, mit der Türkei doch nochzu einer Verständigung zu kommen, die den egoistischen Wünschen der Gegner aus dem Welt­kriege entgegenkäme. Mustafa Kemal Pascha hat sich zwar solchen Verhandlungen nicht grundsätzlich ent­zogen, ist aber auch keinen Schritt zurückgewichen von der Linie, die er sich selbst gezogen hatte. Es ist uns heute noch erinnerlich, wie ein englischer Marineoffizier ihn zu Besprechungen auf sein Kriegsschiff einlud, aber eine glatte Abfuhr erhielt, nebst der kühlen Aufforde­rung, nach Angora zum Ghazi zu kommen, falls ihm an Beiprechungen gelegen sei. Das tat ein Mann in einer Zeit, in der man von außen her noch nicht er­kennen konnte, daß Hier ein Erneuerungswerk im Gange war, das fast einzigartig in der Geschichte da-

Plünderung der Läden.

| Paris, 9. Aug. (1.30 Uhr früh.) Die Unruhen M -t. o u l o n haben im Laufe des Donnerstagabend 'klnen sehr ernsten Charakter angenommen. Nach Ein- .druch der Dunkelheit ist es zu heftigen Zu- isiammenstößen zwischen Aufrührern und WalizHi gekommen. Um Mitternacht zählte man nah einer amtlichen Mitteilung bereits zwei Tote Wvr den Aufrührern, einen schwerverletzten Polizei- veamten und über 50 Verletzte, darunter 20 Ordnungs- •jMtte. Privat Meldungen, die zur Stunde nicht nach- ^Mrüft werden können, sprechen sogar von fünf Toten über hundert Verletzten.

", den Unruhen ist vor allem die untere Stadt be- “OTTen. Gegen 21 Uhr, als Polizeikräfte Ansammlun- vn zerstreuen wollten und einige Revolverschüsse in die «Ust abgaben, prasselte aus den Fenstern der um- Wtknden Häuser ein Hagel von Wurfgeschossen . . - Art auf die Beamten herab. Gleichzeitig wurden W.den Straßen die Ladenscheiben eingeschlägen. Ko- Märwarenläden geplündert, die Deckel der Kanali- Monsschächte herausgerissen und gegen die Polizei- Mrde geschleudert.

Kurz nach Mitternacht hält der Widerstand der Mvührer unverändert an. Der Präfekt hat ein Infanterie angefordert, da die 6e= Stene Mobilgarde in den engen Straßen der Unter- Segen die Aufrührer nichts ausrichten kann. Die Mkinwerfer der Kriegsschiffe leuchten ständig die ^cher der Häuser im Aufruhrbezirk ab. Die Anf­ührer versuchten den Bahnhof zu stürmen, ^®en aber von der Mobilgarde zurückgeschlagen.

Unruhen werden von der halbamtlichen franzö- ^yen Nachrichtenagentur selbst als „tatsächliche »euterei" bezeichnet. Während das Znnen- gSitoium die Zahl der Todesopfer mit zwei angibt, der Sonderberichterstatter des „Petit Parisien" Tote und zweihundert Verletzte.

Stellvertreter des Bürgermeisters von Toulon Hf® Laufe der Unruhen angegriffen und nieberge« worden; sein Zustand ist besorgniserregend, le m, -Meuterer versuchten das Gaswerk zu stürmen; wurden aber von Senegalschützen zuriickge-

Amgruppierungen.

kL.®?; 8. Aug. (Drahtbericht unserer Berliner

Abteilung.) . Der „Malin" hat das Verdienst, wieder einmal auf die Zusammenarbeit der Generalstäbe Frank- rechs und Italiens verwiesen zu haben. Reu ist dieses aMna an sich nicht mehr, denn man war sich ohnehin nicht rm unklaren darüber, daß der französische General- ltzchschef Ende Juni nicht nach Rom reiste, um dort mit fernen italienischen Kollegen über das Wetter zu sprechen. Schon in diesen Besprechungen sind aus der politi ichen Annäherung zwischen Rom und

Folgerungen gezogen Worden. Deutlich trat das Ergebnis der Verhandlun­gen zutage, als sehr bald darauf, französische Truppen von der Grenze gegen Italien an die Grenze gegen Deutschland verschoben wurden. Jetzt nun kündigt der , wie gestern berichtet wurde, an, daß der italienische Eeneralstabschef B a b o g l i o sich demnächst Mch Par i s begeben werde, um den in Rom begönne« Ml Meinungsaustausch mit Gamelin fortzusehen W-e welt man sich hier auf eine militärische Zusammen- orbeit festlegen wird, bleibt naturgemäß abzuwarten Esser aber darauf verwiesen, daß nach der Ansicht mili- wycher Sachoerständiger eine französisch-italienische Militarverelnbarung es den Franzosen ermöglichen wurde, ungefähr 5 Divisionen von der Grenze gegen gatahen abzuziehen, während die Italiener daraus mcht weniger als 9 Divisionen zur anderweitigen Ver­wendung frei bekommen könnten. Daß in Frankreich schon entsprechende Umgruppierungen, wenn auch nicht in bieiem Umfang, vorgenommen wurden, ist bereits eit worden. Aber auch Italien hat zwei der Divi- n, die an der Grenze gegen Frankreich standen, gsgen Abessinien mobilisiert. Nur eine von ihnen ist durch «i ne neue ersetzt worden, während eine andere voll-

$degnmtnt»torefie: lagMatt Wiesbaden.

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