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Lchellenberg'Iche tzofbmhdruckerei, „lagblatt.Saus". Wöchentlich lKZ 7 Ausgaben Mwbnnltifi HnAmibm Sam.fnn. ii.i*. » »

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Wöchentlich

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Nr. 198.

Dienstag, 23. Juli 1935.

83. Jahrgang.

Letzte Rettungsversuche.

Immer wieder Abessinien. — Englands Besorgnisse um sein Weltreich. — Frankreich befürchtet Störung seiner eigenen Interessen.

Was wollen die Japaner?

as. Berlin, 23. Juli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Immer wieder beschäftigt die abessinische Frage die Regierungen in London und Paris. So hat gestern das englische Kabinett getagt und sich eingehend mit diesem Problem befaßt. Heute folgt eine Sitzung der französischen Regierung und ebenso ist für heute auch eine Aussprache über die abessinische Frage im Oberhaus vorgesehen. So weit sich die Dinge im Augenblick übersehen lassen — über die gestrige eng­lische Kabinettssitzung ist recht wenig bekannt geworden — besteht in London nach wie vor die Absicht, den Völkerbund mobil zu machen, wobei man offensichtlich auf die Hilfe Frankreichs rechnet.

Wenn England sich so intensiv immer und immer wieder bemüht, den Ausbruch des Krieges in Abessinien zu verhindern, so ist wohl dafür nicht nur die Sorge -um den Völkerbund maßgebend, für dessen Ansehen es in der Tat ein äußerst schwerer Schlag sein würde, wenn jetzt seine beiden Mitglieder, Italien und Abessinien, in einen Krieg gerieten. Man fürchtet in London starke Rückwirkungen eines Krieges in Abessinien auf das britische Weltreich. Man glaubt, daß die Reger im benachbarten Sudan nicht ruhig bleiben werden und daß auch sonst die jetzt in Addis Abeba ausgegebene Parole, die Schwarzen müßten zusammen­halten, über die Grenzen Abessiniens hin­aus wirksam werden könnte. Italienische Meldungen über englische Truppenverschiebungen in Ägypten und anderen afrikanischen Gegenden lassen den Schluß zu, daß London für einen solchen Fall bereits Vorsichtsmaßnahmen trifft. Aber auch Frankreich ist es keineswegs sehr wohl. Es fürchtet, daß es zu einer Stellungnahme gezwungen werden könnte, die entweder das französisch-italienische Verhältnis oder aber die Be­ziehungen Paris-London gefährden könne.

Die ganze Frage wird noch weiter dadurch kompli­ziert, daß die Japaner neuerdings starkes Interesse an Abessinien nehmen. Sie haben zwar zunächst die Erklärung abgegeben, daß sie keine politischen Interessen in Abessinien hätten, aber der Ton scheint hier auf dem Wort „politisch" gelegen zu haben, denn es werden nunmehr „Wirtschaftsinteressen" in den Vordergrund geschoben. Jedenfalls nimmt Tokio gegen Rom Stellung. Eine große japanische Firma lehnte einen Auftrag auf 100 000 Paar Schnürschuhe ab, weil Grund zu der Annahme bestand, daß diese Schuhe für die italienische Armee be­stimmt seien. Kurzum, die Stimmung in Japan ist nicht gerade italienfreundlich. Das wieder verstimmt die italienische Presse ganz außerordentlich, die nun massive Angriffe gegen Japan richtet, offen von Japan als Feind spricht und aus der man so­gar etwas über die „Verbrüderung gegen die weiße Kultur" lesen kann. Aber auch sonst schlägt die

italienische Presse recht kriegerische Töne an und es ist deshalb schwer vorstellbar, daß den letzten Rettungs­versuchen, die jetzt England unternimmt, ein Erfolg de- schieden sein könnte.

Allerdings machen beide Parteien jetzt schon die Er­fahrung, daß ein Krieg eine recht kostspielige Angelegenheit ist. Die Italiener haben sich ver­anlaßt gesehen, die Golddeckung von 40 Prozent vorübergehend aufzuheben, was nicht gerade als Zeichen der finanziellen Stärke ausgelegt werden kann, selbst wenn betont wird, daß es sich hier um eine vorübergehende Maßnahme handelt. Es scheint, daß schon die bisherigen Vorbereitungen Italien recht er­hebliche Gelder gekostet haben. Die Abessinier wieder bemühen sich in England um eine Anleihe von 2 Millionen Pfund Sterling. Man macht in Rom und in Addis Abeba, noch bevor der Krieg eigentlich begonnen hat, wieder die alte Erfah­rung, daß zum Kriegführen drei Dinge gehören, näm­lich: .Geld, Geld und nochmals Geld.

Verlegenheitslösung—Bölkerbundsblamage.

Paris, 23. Juli. Die gestrige Unterredung des englischen Botschafters Sir George Clerk mit dem Ministerpräsidenten Laval hat insofern eine Entscheidung herbeigeführt, als Frankreich der englischen Forderung nach baldmöglichster Einberufung des Völkerbundsrates zur Regelung des italie­nisch-abessinischen Streitfalles zustimmt, und beide Mächte angesichts der geringen Aussichten für eine friedliche Lösung die Anwendung von Artikel 15 des Völkerbundspaktes anregen, der Italien nach dreimonatiger Frist die'Möglichkeit geben würde, rechtmäßig mit Abessinien Krieg Zufuhren, ohne den Bestand des Völkerbundes zu gefährden. Diese Verlegenheitslösung ist gewählt worden, um schwere internationale Verwicklungen zu vermeiden, die man vor allem in Paris von einem etwaigen Austritt Italiens und möglicherweise auch Englands aus dem Völkerbund befürchtet. Man erwartet den Zusammen­tritt des Dölkerbundsrates für Ende dieses oder spätestens Anfang nächsten Monats.

Ob Italien sich auf ein solches Verfahren, das fein militärisches Vorgehen in Abessinien verzögern müßte, e i n l a sse n w i rd, ist die große Sorge der franzö­sischen Öffentlichkeit. In gut unterrichteten Kreisen glaubt man, daß die französische Regierung in Rom mit allem Nach­druck dafür eintreten werde. Doch dürfte man erst in einigen Tagen klarer sehen.

Daß man nicht etwa die gleiche Überraschung erleben werde wie beim Austritt Japans wegen mandschurischen An­gelegenheit, dafür würden, so meint das „Oeuvre", die Groß­mächte schon sorgen, d. h. sie würden sich so einigen, daß keine Einstimmigkeit zustande komme, so daß Italien und Abessi­nien rechtlich ihre Handlungsfreiheit wiedererlangen könnten. Frankreichund England hätten die Hoffnung aufgegeben, die italienischen Pläne zu ver­hindern. Der etwaige Austritt Italiens aus dem Völker­bund aber würde Frankreich in eine sehr gefährliche Lage bringen. Sir George Clerk und Laval hätten also nach einem Mittel gesucht, die äußerst gefährlichen Rückwirkungen des italienisch-abessinischen Konflikts möglichst zu mildern.

„Änis ter farbigen Halfen gegen hie weihe flultur."

Massive italienische Angriffe auf Japan.

Rom, 22. Juli. Die unvermutete Solidari- tätserklärung Japans mit Abessinien bildere heute das Tagesgespräch. Es verlautete allerdings, daß der hiesige Botschafter Sugimura Pressevertretern gegenüber noch einmal seine bisherige Haltung bestätigt habe. Jeden­falls scheinen die großen'Verschiedenheiten zwischen hiesiger und Tokioter japanischer Auffassung einer baldigen Aufklä­rung zu bedürfen. Die italienische Presie hält sich ganz an die Meldungen aus Tokio über die japanische Haltung und geht mit den schärfsten Angriffen gegen Japan ins Gefecht. Die plötzliche „Verbrüderung Japans und Abessiniens" wird als „Bündnis bei f ar« bigen Rassen gegen die weiße Kultur" darge­stellt. Diese Auffassung kommt bildlich in einer Karikatur des „Lavoro Fascifta" zum Ausdruck, auf der ein japanischer vollbewaffneter Soldat zu sehen ist, der mit offenen Armen auf einen abessinischen Krieger mit Schild und Speer zueilt. Eine nicht weniger leidenschaftliche Sprache führt die Abend­presse. Das halbamtliche „Giornale d'Jtalia" schreibt, daß „angesichts einer kriegerischen Kundgebungder Gelben", wie sie die neue Haltung Tokios darstelle, alle Weißen verpflichtet seien, dieser Tatsckche alle Aufmerksamkeit zu schenken. Japan sei heute das letzte Land, das berechtigt sei, von Frieden, von der Gerechtigkeit und von der Verteidigung der Völkerrechte zu sprechen.' Japan versuchte jetzt auf billige Weise sich ein billiges Prestige unter allen farbigen Rassen Asiens und Afrikas zu schaffen. Es nehme, nicht ohne sich dabei schwer zu

täuschen, an, daß der italienischen Politik in Ostafrika durch eine englische Intervention oder durch die des Völkerbundes Einhalt geboten oder daß sie auf ein anderes Gleis gebracht werden könnte. Es halte offenbar den Augenblick für gekom­men, sich mit Lärm hervorzutun, um den Verdienst dreies angenommenen italienischen Stellungswechsels einzustecken und sich dadurch eine moralische Stellung zu schaffen, die morgen dazu benützt würde, ehrgeizige Pläne gegen die gleichen englischen Interessen und die gleichen Prinzipien des Völkerbundes durchzusetzen, über die sich Japan schon seit drei Jahren hinwegsetze. — „Lavoro Fascifta" schildert ebenso leidenschaftlich erregt das Programm bcr, augenblicklichen japanischen Politik: „Unterjochung der weißen Ragen unter die gelben, Unterwerfung der westlichen Kultur unter eine japanische Vor herrsch« ft"

Einen Keil des Mißtrauens in den engliich-'ranzösisch- italienischen Block zu treiben, sei heute das Ziel Japans, um das europäische Zusammengehen zu schwächen.

Die Geschlossenheit der japanischen Armee.

Tokio, 22. Juli. Der Kaiser genehmigte eine Vorlage, die umfangreiche Personal Verände­rungen in der japanischen Armee vorsieht: diese Verände­rungen, von denen insgesamt 3 500 Heeres a n ge­hörige getroffen werden, sollen vor allem die innere Geschlossenheit der Armee stärken. Unter den verabschiedeten höheren Offizieren befinden sich auch Generale, die angeblich Gegner des Kriegsministers Hayafchi sind.

Wirtschaft und Kriegfiihren.

Zum Problem Abessinien.

Der Weltkrieg, dieser uwüberbrückte Einschnitt im Gang der modernen Geschichte, hat das Funktionieren und die Auswirkungen des wirtschaftlichen Automatis­mus von Grund aus verändert. Es gab Optimisten, die glaubten jubeln zu dürfen, daß der Wille des Menschen über die Wirtschaft gesiegt habe, aber in Wirklichkeit sind nur die furchtbaren Geister des neuen Völkerhasses hinzugekommen, Kriegsgefahren flammen auf, und immer wieder wirkt die Gewalt als Geburts­helferin von Zwangslösungen. Ebenso wie vor dem Krieg treibt die Welt auch heute an den Rand von Katastrophen. Wenn nicht ein Wunder geschieht, so wird in den nächsten Wochen der Krieg zwischen dem Reiche Kaiser Haile Selassis und Italien eine Tatsache geworden sein. Abgesehen von allem anderen, will Rom ein Wirtschaftsgebiet erringen, das doppelt so groß wie das Deutsche Reich ist und ein Kolonialreich grün­den, das vom Mittelmeer bis an die Küsten des In­dischen Ozeans reicht.

Abessinien besitzt nicht eine einzige Meile Meeres­küste. Die Italiener sind dem Aethiopifchen Kaiserreich sowohl durch die Kolonie Eritrea als auch durch das Somaliland vorgelagert. Britffch-Somaliland ferner beherrscht einen langen Küstenstrich, während Frank­reich nur ein verhältnismäßig winziges Gebiet mit dem Hafen Djibuti besitzt. Aber da dieser Hafen der einzige Ausgangspunkt der Bahnlinie ist, die Addis Abeba mit dem Meere verbindet und somit Abessinien auffchließt, so ist er von ganz besonderer Bedeutung. Dank dieser Bahn besitzt Frankreich eine Mono­polstellung im abessinischen Außenhandel, da rund 80 Prozent der abessinischen Ausfuhr über Djibuti ge­leitet werden. Die Gesamtlänge der Strecke Djibuti— Addis Abeba beträgt 783 Kilometer, wovon 90 Kilo­meter auf französischem Gebiet liegen. Das Kapital der Dahn ist internationalisiert, Aktienpaketebefinden sich in französischem, italienischem und englischem Besitz. Unter den zwischen Mussolini und Laval in Rom seiner­zeit besprochenen französischen Zugeständnissen befand sich auch die Italien erteilte Option auf Erwer­bung eines weiteren Aktienpaketes dieser Bahn, jedoch behaupten englische Zeitungen, daß Italien trotzdem, d. h. selbst einschließlich dieses Pakets, nicht die Mehr­heit der abessinischen Bahn besitzen werde. Da diese Bahn im Kriegsfälle die Versorgung Abessiniens durchzuführen haben wird, so liegt der Gedanke nahe, Italien werde durch Fliegerangriffe versuchen, die Linie an verschiedenen verwundbaren Punkten zu unterbrechen. Dadurch dürsten bei den komplizierten Besitzverhältnissen vom internationalen Stand­punkte aus heikle Probleme entstehen, deren Folgeerscheinungen sich nicht im voraus abschätzen lassen. — England hat, wie aus den seinerzeitigen Erklärun­gen Edens im Unterhause hervorgegangen ist, Abes­sinien, um es für Zugeständnisse art Italien geneigt zu machen, als Parallelhasen für Djibuti einen eigenen Hafen Zeila mit dem dazugehörigen Hinterland an- geboten, Italien sollte dafür Dgaben erhalten. Aber diese britische Geste hat keinen Erfolg gehabt. Ogaden ist ein im allgemeinen unfruchtbares Steppengebiet, das den Italienern keinen wirtschaftlichen Vorteil verspricht, und ehe Abessinien den Hafen von Zeila ausbauen und verwerten könnte, müßten viele, viele kostbare Jahre vergehen, wenn überhaupt je ein direkter Verkehr zwi­schen Addis Abeba und Zeila sich Herstellen ließe. Weder Italien noch Frankreich würden außerdem für die Grün­dung eines Konkurrenzhafens für Djibuti zu gewinnen sein.

Unwillkürlich taucht angesichts der gegenwärtigen Lage die Frage auf, ob Abessinien wirtschaftlich und finanziell überhaupt in der Lage ist, einen Krieg mit einer Großmacht wie Italien zu führen. Gerade in den letzten Monaten hat die wirtschaftliche Kraft Äthiopiens eine Beeinträchtigung erfahren, die kaum beachtet worden ist. Die Aufwe rtung des Silbers infolge der Silberpolitik der Vereinigten Staaten bat Abessinien in beträchtliche wirtschaftliche Schwierig­keiten gestürzt. Abessinien hat eine reine Silber­währung, die insofern interessant ist, als sie zeigt, welche Rolle traditionelle Gegebenheiten im Geldwesen spielen können, und die hier zugleich ein Licht auf die wirt­schaftlichen Verhältnisse des Landes wirft. Die Silber­währung in Aethiopien ist nicht etwa auf der Grund­lage eines Bankgesetzes aufgebaut, sondern sie beruht ausschließlich auf dem Herkommen. Die Währungs­einheit Abessiniens ist der Taler, und zwar der alte Maria-Th er es ia-Taler, der seit 1751 bis zum heutigen Tage noch vom Wiener Hauptmünzamt für Abessinien geliefert wird. Einer Erklärung des Gou­verneurs -er Bank von Aethiopien gemäß ist man gar- nicht in der Lage, die Zahl der in Abessinien umlaufen­den Talermünzen abzuschätzen. Sie mag ungefähr 40