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Nr. 195.

Samstag, 20. Juli 1935.

83. Jahrgang.

Habsburger Hoffnungen.

Otto hofft auf „ehebaldigste" Heimkehr. — Arbeit hinter den Kulissen.— Was wird Prag tun?

Die Propaganda geht weiter.

as. Berlin, 20. Juli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Ein Handschreiben Ottos von Habsburg, das durch den Erzherzog Eugen in Persenbeug in Niederösterreich überreicht wurde, läßt sehr deutlich die Hoffnungen der Habsburger erkennen und zeigt zu­gleich, daß man sich über die Lage nicht dadurch täuschen lassen darf, daß die Habsburger Restauration in der letzten Zeit etwas in den Hintergrund getreten war. Nicht zuletzt haben die Besprechungen in Sinaia, die zur erneuten Ablehnung der Habsburger Restauration durch die Kleine Entente führte, dazu beigetragen, daß die amtlichen österreichischen Kreise es für zweckmäßiger halten, zunächst leise zu treten. Otto von Habsburg dagegen macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Er erklärt in diesem Schreiben zunächst einmal, daß das „nunmehr er­wachte" österreichische Volk immer stärker nach der Wiederaufrichtung der Monarchie verlange unter ihm, ,bem Sohn des Märtyrerkaisers", dessen Programm er, Otto, übernommen habe. Roch etwas deutlicher wird er dann im Schlußsatz des Schreibens, der lautet: „Wolle Gott geben, daß mir ehebaldigst die Stunde der Heimkehr schlägt." Es kann keinem Zweifel Unter­liegen, daß gewisse österreuchische Kreise durchaus auf der gleichen Linie arbeiten und bemüht sind, Stimmung für eine möglichst baldige Rückkehr Ottos zu machen. Es wird versichert, daß diese Kreise sich auf den Vatikan stützen, der die Rückkehr der Habsburger durchaus begrüßen soll und daß diese Rück­kehr auch von den jüdischen Kreisen unter­stützt wird. Immerhin scheint man es aber doch vor­zuziehen, es nicht zu einer offenen Volksab­stimmung über die Staatsform kommen zu lassen, vielmehr will man, so berichtet hierzu der „Völkische Beobachter", die Bürgermeister auffordern, festzu­stellen, wie ihre Gemeindemitglieder zu der Habs­burger Frage stehen. Auf diese Weise hofft man, den Schein einer Mitwirkung des Volkes zu wahren, glaubt sich andererseits sicher, daß die von der

Regierung ernannten Bürgernkeister erklären werden, ihre Eemeindemitglieder wünschten von ganzem Herzen die Rückkehr des „angestammten Herrscherhauses." Es scheint auch, als ob man damit rechnet, daß die außen- politischen Widerstände überwunden werden können. Dabei brachte gerade die letzte Zeit außer­ordentlich scharfe Äußerungen maßgebender südslawischer Kreise gegen die Habsburger Restauration. Offen­sichtlich rechnet man in SB i en ab er auf Prag. Allerdings hat auch Herr Benesch sich den Be­schlüssen von Sinaia angeschlossen und auch die tschechischslowakische Presse hat demzufolge sich in der letzten Zeit wieder entschiedener gegen die Habsburger ausgesprochen. Mit der Zusicherung aber, daß die Habsburger unter allen Umständen die österreichisch­tschechische Grenze respektieren würden, hofft man in Wien die Widerstände in Prag doch noch überwinden zu können. Zu solcher Hoffnung glaubt man umsomehr Grund zu haben als sich in letzter Zeit zweifellos das Verhältnis zwischen Prag und Wien er­heblich gebessert hat. In diesem Zusammenhang verweist man insbesondere darauf, daß Dr. Benesch an­läßlich des Autounfalls des Bundeskanzlers an feine Beileidskundgebungen die Versicherung knüpfte, daß die Zusammenarbeit der Tschechoslowakei mit Österreich seit dem Vorjahr zu einer wirklichen Gewähr für den Frieden in Mitteleuropa geworden sei. Zweifellos gibt man sich in Wien der Hoffnung hin, daß die h y st e r i s ch e Fu r ch t der Tschechen vorder Ausbreitung des nationalsozialistischen Gedankengutes sowie gemeinsame katholische In­teressen zu einer weiteren Zusammenarbeit führen werden, auf der man dann eines Tages aufbauen könne, um die Restauration der Habsburger zu vollziehen. Daß man in Südflawien sehr wesentlich anders über diesen Punkt denkt, darüber scheint man sich in Wien zunächst einmal hinwegsetzen zu wollen. Jedenfalls geht in Österreich die Propaganda für die Habsburger munter weiter, wobei freilich keineswegs gesagt ist, daß nun Otto von Habsburgs Wunsch auf „ehebaldigste" Heim­kehr in Erfüllung gehen wird.

MiWll WWWer in WW genommen.

Dersammlimgsverbot für den NSDFB.

Weimar, 19. Juli. Der thüringische Minister des Innern teilt mit: Auf Grund verschiedener Handlungen und Maß­nahmen, die sich gegen die Autorität des Staates richten und wegen Verbreitung unwahrer Be­hauptungen, die geeignet sind, die Haltung des Staates in der Öffentlichkeit in Mißkredit zu bringen, sowie wegen Verächtlichmachung einzelner Parteigliederungen mußten mehrere führende Persönlichkeiten des NSDFB. (Stahlhelm) in Thüringen in Schutzhaft genommen werden und in das Konzentrationslager Bad Sulza übergeführt werden. Aus den gleichen Gründen mußte eine Verordnung erlassen werden, nach der

1. das Tragen von Abzeichen oder von einheitlicher Kleidung jeder Art, die die Zugehörigkeit zum NSDFB. (Stahlhelm) kennzeichnen,

2. alle Versammlungen einschließlich Pflichtappelle, ge­schlossene Mitgliederversammlungen, Konzerte oder sonstige Saalveranstaltungen des NSDFB. (Stahlhelm),

3. das öffentliche Zeigen der Fahnen des NSDFB. (Stahlhelm) auf Gebäuden und Grundstücken verboten sind.

Auflösung des NSDFB. in Schlesien.

Br eslau, 19. Juli. Die Staatspolizeistelle iür den Re­gierungsbezirk Breslau als Leitstelle für Schlesien teilt mit:

„Auf Grund des 8 1 der Verordnung des Herrn Reichs­präsidenten zum Schutze von Staat und Volk vom 28. 2. 33 ist durch Erlaß des Geheimen Staatspolizeiamtes vom 19. Juli 1935 der Nationalsozialistische Deutsche Front- kämpferbund (Stahlhelm) in seinen sämtlichen Gliederungen für den Bereich der Regierungsbezirke Breslau, Liegnitz und Oppeln mit sofortiger Wir - kung auszulösen. Das Vermögen der aufgelösten Gliederungen wird beschlagnahmt.

Pariser Kundgebungen ruhig verlaufen.

20000 Personen auf dem Opernplatz.

Paris, 19. Juli. Bis 20 Uhr werden in Paris keinerlei Zwischenfälle gemeldet. Die Polizei beschränkte sich darauf, den Verkehr aufrecht zu erhalten, der in der Umgebung der abgesperrten Straßenzüge hier und da von mehr oder weniger großen Gruppen aufgehalten wird. Allenthalben hörte man Sprechchöre ausruzen: „La — val Demission — Daladier an die Macht! Unsere Lohne — Löhne — Löhne!" Zwischendurch erklingt die Internationale, die von einem Teil der Kundgeber mit dem kommunistischen Gruß beant­wortet wird. Di« Hüter der Ordnung können jedoch ohne Mühe jede Ansammlung zerstreuen und die umringten Autobusse und Kraftwagen wieder freimachen. Die Polizei wird im wesentlichen mit dem Ruf begrüßt: „Polizei, steh' uns bei!" 3m großen und ganzen spielt sich die Kundgebung, abgesehen von großem Geschrei, harmlos a b, da an ihr nur das Linkslager beteiligt ist und folglich zu Zusammenstößen mit Andersgesinnten keine Gelegenheit geboten ist. Die Polizei nimmt hier und da Verhaftungen vor, wo Demonstranten sich ihren Weisungen widersetzen.

Von der Polizei wird die Zahl der Demon­strant e n, die sich zwischen 18 und 20 Uhr auf dem Opern­platz versammeln wollten, auf 2 0 0 0 0 geschätzt, In- zw sichen ist der Zustrom abgeflaut; der Verkehr in der Innenstadt wurde zwischen 20 und 21 Uhr wiederhergestellt. Zu scharfen Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Immer­hin hat die Polizei eine größere Menge von Demonstranten, die sich ihren Weisungen widersetzten, auf etwa 15 Lastkraft­wagen abtransportiert.

Bor dem Schwurgericht von Ried in Ö st erreich hatte sich heute der Sozialdemokrat Otto Reisl wegen des Ver­brechens gegen das Sprengstoffgefetz zu verantworten. Er hatte vor einigen Monaten einen Draht über die Starkstrom­leitung in Eberschwang-Ried geworfen, wodurch die Stadt durch Kurzschluß mehrere Stunden im Dunkel lag. Wahrend dieser Zeit wurden regierungsfeindliche Flugblätter verteilt. Bei einer Haussuchung wurden Waffen und eine große Menge Munition gefunden. Der Angeklagte wurde zum Tode durch den Strang verurteilt.

Blick in die Wett.

So sehr sich auch die internationale Presse Auf der trotz sommerlicher Hitze mit den Fragen der Stelle großen Politik befaßt, so ist doch irgendein getreten. Fortschritt nicht zu verzeichnen. Auch die große Rede des englischen Außenministers Sir Samuel Hoare hat die Entwicklung nicht ge- f ö r d e r t. Der englische Außenminister hat es sich reichlich bequem gemacht, wenn er wieder einmal die Verantwortung für die weitere Gestaltung der Dinge Deutschland zuschiebt und dabei völlig an der großen Friedensrede des Führers vom 21. Mai vorbeigeht, die in ihren 13 Punkten ein konstruktives Friedenspro­gramm und ein Programm auf weite Sicht enthielt. Zu einem Teil sind die Sorgen um Abessinien naturgemäß mitverantwortlich, wenn im ganzen auf der Stelle getreten wird. Immer wieder tauchen Nach­richten über Vermittlungsvorschläge im Abessinien­konflikt auf und immer wieder fragt sich der Zeitungs­leser, wie es möglich sein soll, den offenen Konflikt zu verhüten, nachdem Italien seine militärischen Maß­nahmen derart umfangreich gestaltet und durch die Mobilisierung einer weiteren Heeres- und einer wei­teren Schwarzhemden-Division in den letzten Tagen noch ausgebaut hat. So geschäftig man auch in dieser Frage ist — man denke nur an die Reise des General­sekretärs des Völkerbundes Avenol nach London und Paris — so bleibt doch abzuwarten, ob diesen Bemüh­ungen irgendein Erfolg beschieden sein wird.

Der Südosten Europas lenkt neuerdings Unruhe wieder die Aufmerksamkeit in stärkerem auf dem Maße auf sich. Vor allem ist es die Zu- Balkan. sammenkunft zwischen dem südslawischen Prinzregenten Paul und dem rumänischen König Carol in Sinaia gewesen, die Anlaß zu mancherlei Kombinationen und Stoff zu vielen Arti­keln gegeben hat. Wenn auch kein amtlicher Bericht über diese Besprechungen ausgegeben wurde, so läßt sich doch wohl mit Sicherheit feftstellen, daß sich die drohende Habsburger Restauration als vorzüglicher Kitt für die Kleine Entente erwiesen hat. Man ist im Negati­ven wieder völlig einig, nämlich darin, daß die Wiedereinrichtung eines Habsburger Reiches unter allen Umständen vermieden werden muß. Sehr viel weniger einig scheint man sich aber in der Frage der Politik, die man Sowjetrußland gegenüber verfolgen soll, zu fein. Die anfangs auftauchenden Nachrichten, daß der Abschluß des r u män isch-so w jet r uss i - scheu Beistandspaktes unmittelbar bevorstehe, dürften zwar dem Wunsche Titulescus aber nicht der Wahrheit entsprochen haben. Offenbar ist diese ganze Frage vertagt worden bis zur Konferenz der Kleinen Entente, die im August stattfinden soll. Daß fast gleichzeitig mit den Besprechungen von Sinaia auch in Rom Verhandlungen zwischen dem griechischen Kriegsminister Kondylis und Mussolini statt- fanben, hat die Zahl der Kombinationen nur noch er­höht. Man wird aus diesen römischen Gesprächen — die übrigens keinen osiziellen Charakter hatten —. wohl den Schluß ziehen können, daß die Gegensätze zwischen Rom und Athen sich wesentlich verringert haben, man spricht sogar von der Mög­lichkeit, daß Griechenland Rüstungsbestellungen an italienische Firmen geben könnte, und man geht sicher­lich auch nicht fehl in der Anahme, daß Kondylis sich vergewissert hat, wie Italien Zur Wiedereinführung der Monarchie in Griechenland steht. Er dürfte dabei eine durchaus positive Antwort erhalten haben, denn die Befürchtung, daß ein Königreich Griechenland all­zusehr in das englische Fahrwasser geraten könnte, scheint auch in Rom überwunden zu sein. Im übrigen aber lassen Ausführungen der griechischen Presse er­kennen, daß die Wiedereinführung der Monarchie noch zu mancherlei Auseinandersetzungen führen dürste, nehmen doch einige griechische Blätter jetzt schon da­gegen Stellung, daß Kondylis und ein kleiner Kreis um den Kriegsminister mit der Einführung des König­tums eine Art faschistischen Systems verbinden wollen.

In der nordirischen Hauptstadt Belfast Kämpfe hat die Polizei zurzeit einen recht schweren in Ulster. Stand. Die Unruhen wollen kein Ende nehmen und immer wieder berichtet der Draht über neue blutige Zusammenstöße in Belfast. Den unmittelbaren Anlaß gab die Feier des Jahres­tages der S ch l a ch t a m B o y n e - F l u ß, in der vor 245 Jahren der protestantische Wilhelm von Dranien seinem katholischen Widersacher Jakob II. die schwere und entscheidende Niederlage beibrachte. Alljährlich wird das Gedächtnis dieser Schlacht von den in Nord­irland organisierten Oranien-Männern (der so­genannten Orange-Partei) feierlich begangen. Dabei werden immer aufreizende und heftige Reden gegen den katholischen Widersacher von da-