Wirsbsdem TsMt
Druck und Verlag: gRHAoitHt* 7 AUSÜttbeN .«»mittaas.SamsLL Bor« U. nc
7 Ausgaben
Wöchentlich
Wiktäg«» nachmittag», Samstags Bor- u. nachmittags
Unterhaltungsbeilage.
mit einer täglichen
Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 7405.
Höchste Abonnentenzahl aller Tageszeitungen Wiesbadens und Nassaus.
Telegramm-Adreise: Ta,blatt Wiesbaden.
Fernsprecher-Sammel-Rr. 59631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.
£. Schellenberg'sche Host-chbruUerei, ^agblatt. Haus' Geschäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.
Anzeigenpreise: Ein Millimeter Höh- der 22 Millimeter breiten ©palte im Anzeigenteil ®runb- preis K Rpf.. der 85 Millimeter breiten Spalte tm Teiiieil 45 Rpf., sonst laut Tarif Nr. s. Nachlatzstaffei C. - Für die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen. - Schluß der Anzeigen.Annahme 10 Uhr vormittags. Größere Anzeigen müssen spätestens einen Tag vor dem Erscheinungstage aufgegeben werden.
Bezugspreise: Mr eine Bezugszeit von 2 Wochen 94 Rpf., für einen Monat RM. 2 —, em- schließlich Traglohn. Durch die Post bezogen RM. 2.S5, zuzüglich 42 Rpf. Bestellgeld, Einzelnummern 10 Rpf. — Bezugsbestellungen nehmen an: der Verlag, die Ausgabestellen, die Träger und alle Postanstatten. — In Fällen höherer Gewalt oder Betriebsstörungen haben die Bezieher leinen Anspruch aus Lieferung des Blattes ober auf Rückzahlung bes Bezugspreises.
t
83. Jahrgang.
Dienstag, 16. Juli 1935.
Nr. 191.
Abessinien und der Völkerbund.
Italien mobilisiert zwei weitere Divisionen. — Rom baut 10 ll-Boote. Die Suezkanal-Gesellschaft macht gute Geschäfte.
Völkerbundsrat nach dem 25. August.
as. Berlin, 16. Juli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die Aussichten auf eine friedliche Beilegung des italienisch-abessinischen Konfliktes sind in den letzten Tagen trotz aller Vermittlungsversuche nicht gerade gewachsen. Wenn jetzt Mussolini, wie aus einer amtlichen italienischen Meldung heroorgeyt, eine weitere Heeres- und eine weitere Schwarz- hemdendi-vision gegen Abessinien mobi- l i s i e r t, so ergibt sich auch daraus, daß man in Italien den offenen Konflikt für unvermeidlich hält. Das läßt auch die italienische Presse durchblicken, die in der neuen Mobilisierung einen weiteren Beweis dafür sieht, daß Italien sich unter keinen Umständen von seinem bisherigen Wege ab bring en lassen werde und daß es sich auch nicht durch die Politik gewisser europäischer Mächte werde beeinflußen lassen. Zugleich zeigt die Ankündigung des Baues von 10 U-Booten, die bereits in den ersten Monaten des Iaihres 1936 spätestens vom Stapel lausen sollen, daß Italien bestrebt ist, seine Machtposition in jeder Beziehung auszubauen. In militärischen Kreisen bezweifelt man im übrigen, ob die jetzt erfolgte Einberufung von Spezialisten der Jahrgänge 1909, 1910 und 1912 noch mit dein abessinischen Konflikt in Zusammenhang steht, da der Bedarf an Spezialisten für Ostafrika längst gedeckt sein dürfte. Man ist vielmehr der Ansicht, daß die italienische Regierung die Gelegenheit benutzt, um unauffällig die Technisierung und Motorisierung der Armee durchzuführen, daß diese ganzen militärischen Maßnahmen nicht eben billig für den italienischen Staat sind, braucht nicht besonders betont zu werden.
Schon allein der Transport der Truppen und des Materials durch den Suezkanal ist eine verhältnismäßig teure Angelegenheit. Bis vor kurzem verlangte die Suezkanalgesellschaft für eine Nettotonne Fracht 5,75 Eoldfranken und für jeden Passagier, das heißt also auch für jeden Soldaten, 10 Goldfranken. Sachverständige berechneten, daß Italien auf diese Weise rund 3 Millionen Eoldfranken an die Suezkanalgesellschaft bezahlt hat, eine Ziffer, die sich übrigens genau mit der Ziffer der Mehreinnahmen der Kanalgesellschaft im ersten Halbjahr 1935 deckt. Französische und italienische Schiffahrtsgesellschaften haben nun unlängst der Suezkanalgesellschaft eine Klage auf Herabsetzung der Gebühren angedroht. Dieser Gerichtsentscheidung ist aber die Kanalgösellschaft ausgewichen, indem sie vom 3. d. M. ab die Frachtsätze um 20 Prozent senkte, während die Gebühren für die Passagiere nicht ermäßigt wurden, sodsß jeder italienische Soldat, der nach Eritrea befördert wird, auch weiterhin zehn Gold- franken Kanalgebühr kostet. Zurzeit ist also bei diesem Konflikt die Suezkanalgesellschaft, deren Aktien sich zum größten Teil in englischen Händen befinden, der lachende Dritte.
Im übrigen gehen hinter den Kulissen die Verhanb- lungen um eine Kompromißlösung weiter, wobei
immer neue Vermittlungsvorschläge auftauchen. Den Völkerbund scheint man zunächst einmal ausgeschaltet zu haben. Das ergibt sich wenigstens aus den Ausführungen des englischen Außenministers, daß der Rat zusammentreten werde, wenn bis 25. August noch keine Regelung der abessinischen Frage erreicht sein sollte. Damit sind die Bemühungen, den Rat noch in diesem Monat zusammenzuberufen, vorerst einmal gescheitert. Allerdings glaubt man zu wissen, daß die Vereinigten Staaten beabsichtigen, noch vor dem 25. August eine Aktion der Unterzeichner des Kellogg-Paktes durchzuführen und daß in dieser Richtung schon ein Schritt bei den Großmächten in Vorbereitung sei. Ob das den Tatsachen entspricht, ist im Augenblick nicht zu übersehen, noch weniger, ob einer solchen Aktion ein Erfolg boschieden sein würde. Ein großer Teil, auch der amerikanischen Presse, scheint sich bereits damit abgefunden zu haben, daß der Kellogg-Pakt in ostafrikanischem Grab beigesetzt ist.
Bier Forderungen Italiens?
London, 15. Juli. Reuter meldet aus Genf, daß die Rücksprache zwischen London, Paris und Rom zwecks Erzielung eines Kompromisses in ixt i ta li en is ch- ab ess i n i s ch en Streitfrage fortgesetzt werde. Dieser Meldung zufolge, sollen die Italiener vier Forderungen voigelegt haben:
1. B e r i ch t i g u n g d e r Grenzziehung,
2. wirts chaf t l i ch e Zugeständnisse,
3. Bau einer Eisenbahn Mischen Eriträa utn8 Sc mali land,
4. Einsetzung italienischer Berater in den abessinischen Regierungsämtern.
In den ersten beiden Punkten, so heißt es in dem Bericht weiter, erwarte man wenig Schwierigkeiten. Adan glaube aber, daß die abessinische Regierung die Errichtung sogen. „Schutzzonen" zu beiden Setten der geplanten Eisenbahn ablehnen und sich auch in der Frage der Berater ablehnend verhalten werde.
Der diplomatische Mitarbeiter Reuters meldet hierzu, in London sei noch keine Information über etwaige italienische Forderungen eingegangsn.
England und die Waffenausfuhr nach Abessinien.
London, 15. Juli. Im Unterhaus wurde die Frage gestellt ob die Gesuche für die Waffenausfuhr nach Abessinien in letzter Zeit, abgelehnt worden seien, antwortete der Sekretär des Überseehandelsamtes, Eolville,: , Während der letzten drei Monate sind keine derartigen Gesuche abgelehnt worden." Als ein Abgeordneter fragte, ob das bedeute, daß alle Gesuche genehmigt worden seien, antwortete Colville: „Nur zwei sind eingegangen, sie werden zurzeit erwogen und sind noch nicht genehmigt worden/" Der Konservative Hauptmann Water House fragte, ob siw die Regierung nicht bewußt sei, daß sich eine Verzögerung gegen Abessinien auswirke. Hierauf antwortete der Regic- rungsvertreler, beide Gesuche seien nicht in Ordnung gewesen. Außenminister Sir Samuel Hoare teilte mit,, er hoffe, in kurzer Zeit eine Erklärung über die Waffenausfuhr nach Abessinien abgeben zu können.
$oi gkchen MiillhMlMll in Der MliWil Rme.
sozialistische Ziele nachgesagt werden. Seine Stellung im obersten Kriegsrat durfte Mazakis auch weiter beibehalten.
Als Nachfolger Mazakis wird der 61jährige General Watanabe genannt, der übrigens früher einmal Militärattache in Berlin war. Er gilt als einer der basten Kenner des Auslandes.
4000 Umbesetzungen höherer militärischer Stellungen.
Tokio, 16. Juli. (Eig. Drahtmelduwg.) Eine General- stabskonserenz, an der Prinz Kanin, Kriegsminister Hayaschi und der Ches der militärischen Erziehung, General Makazi, teilnahmen, bereitete die großen Veränderungen in der japanischen Armee vor, die zum ersten August durchgeführt werden sollen und etwa 4 0 0 0 Umbe - setzungen höherer militärischer Stellungen zur Folge haben werden. ,
Die japanische Presse hebt hervor, daß mit diesen Maßnahmen eine stärkere Vereinheitlichung der gesamten Mi litärpo litik für die Krifenzeit erreicht werden soll. Über die außenpolitische Haltung gegenüber China und Sowjetrußland sei man einheitlicher Auffassung. Dagegen seien starke innenpolitische Gegensätze vorhanden.
Auf Vorschlag des Prinzen Kanin und des Kriegsministers Hayaschi genehmigte der Kaiser den Rücktritt Mazakis, der hohe militärische Ämter bekleidet und der als Vertreter der innenpolitisch-radikalen Richtung zu den Gegnern des gemäßigten Kriegsministers Hayaschi gehört. Er soll der (5suppe von Jungoffizieren nahestehen, denen staats-
Nur noch rein litauisches Memeldirektoriuiff.
Rücktritt Buttgereits.
Memel, 15. Juli. Der Landesdirektor Heinrich Buttgereits hat am Samstag dem Präsidenten des Direktoriums Bruvelaitis sein Amt zur Verfügung gestellt. Zur , Begründung führte er neben Gesundheitsrücksichten an, daß die Landwirtschaft des Memelgebietes vor dem vollständigen Zusammenbruch stehe, da sie keinen Absatz habe. Er könne deshalb sein Mitwirken in der Memelländiichen Regierung nicht mehr verantworten.
Nunmehr setzt sich das Niemellaud-Direktorium nur noch aus Anhängern der Groß-Litauischen Richtung Bruvelaitis zusammen.
Der schwere Anfang.
Der 14. Juli, das traditionelle Fest der französischen Republik, ist, wie zu erwarten war, ohne, die vielfach befürchteten Zusammenstöße der beiden sich schroff gegen- überstehenden Volksfronten vorübergegangen. „ Dies war nicht nur zu erwarten, sondern vom Interesse der internationalen Politik auch zu hoffen. Es wäre nichts bedauerlicher gewesen, als wenn die schwebenden diplomatischen Verhandlungen durch innenpolitische Wirren in Frankreich aufs neue gestört und, in Frage gestellt worden wären, denn das Bestehen starker handlungsfähiger Regierungen, die die Verantwortung für große Entschlüsse in der auswärtigen Politik übernehmen können, ist die erste Voraussetzung dafür, daß die Fragen endlich angepackt werden, von denen die Ruhe Europas abhängt. Dies gilt nicht nur von dem abessinischen Konflikt, in dem jetzt unbedingt die Entscheidung darüber erfolgen muß, ob sich der Völkerbund aufs neue damit befassen soll, oder ob die Mächte, die den Vertrag über Abessinien im Jahre 1906 abgeschlossen haben, nämlich England, Frankreich und Italien, abseits vom Völkerbund durch diplomatische Verhandlungen den Ausbruch eines Krieges noch verhindern können.
Richt weniger gilt dies für jene Fragen der europäischen Politik, an denen Deutschland direkt oder mehr interessiert ist als an dem von Italien- mit so großer Energie und unter Einsatz aller diplomatischen Risiken begonnenen Unternehmen kolonialer Ausbreitung. Die Rede des englischen Außenministers Hoare im Unterhaus hat zwar leider diese Fragen positiv nicht weiter vorwärts gebracht, aber sie enthielt doch gewisse Anregungen, diese weiteren diplomatffck- Verhandlungen zu versuchen. Solche Verhandlungen können jetzt, nachdem der für die innere Lage Frankreichs gefährliche 14. Juli ruhig vorübergegangen ist, ausgenommen werden. In der Praxis werden immer, von wem auch die Initiative ausgehen soll, direkte Verhandlungen zwischen Deutschland und Frankreich die Voraussetzung bilden für >ede weitere Behandlung der europäischen Probleme. Durch die von der französischen Diplomatie gespannten Zwirnsfäden der „Unteilbarkeit des Friedens" oder der gleichzeitigen Durchsetzung des Programms von Strefa" wird sich jedenfalls die deutsche Reichsregterung nicht behindern lassen, den Weg zur Verständigung dort resolut zu betreten, wo keine von deutschen Lebensinteressen unbedingt gebotene Hindernisse im Wege liegen.
Man kann allerdings nicht verschweigen, daß die deutsche Politik mit diesen immer wiederholten Aufforderungen zur Bozeigung ihres guten Willens einer gänzlich unnötigen Geduldprobe unterworfen wird. Der Führer und Reichskanzler hat in seiner großen Mairede, die von der ganzen Welk als dieser entscheidende Beitrag empfunden wurde, wertvolle und positive Anregungen für die Auflösung der europäischen Spannung gegeben. Die französische Diplomatie hat keine dieser Anregungen aufgenommen, wobei man vielleicht zu ihrer Entschuldigung sagen kann, daß sie gerade in den Wochen nach der Reichskanzlerrede durch innere Fragen vollständig in Anspruch genommen war, und datz das Kabinett Laval eigentlich bis zum 14. Juli auf unsicherem Boden stand.' Aber auch die Rede Hoares hätte, abgesehen von dem freundlicheren Tonfall, den die gebesserten Beziehungen zwischen Deutschland und England mit sich brachten, ebensogut vor, der Mairede Hitlers gehalten werden können, denn sie beschäftigte sich nirgends mit den darin geleisteten „Beiträgen", sondern sprach nur vom Londoner, in Strefa erneuerten Programm, und forderte, als ob inzwischen nichts geschehen sei, einen neuen deutschen Beitrag.
In diesem diplomatischen Spiel, das eine, jo ver- zweffelte Ähnlichkeit mit jener menschlichen Situation aufweist, in der sich Menschen vor dem Eintritt durch eine Tür umständlich um den Vortritt komplimentieren, bleibt nur die Hoffnung, daß in amtlichen Ministerreden nicht alles über die wirklichen Absichten _ und Möglichkeiten gesagt zu werden pflegt. Das E n t - scheidende wird immer bleiben, ob die französische Regierung und ihr Führer Laval, dem man einen ernsten Verständigungswillen nachsagt, sich nun zu der Verantwortung ausraffen können, sich mit Deutschland an den Verhandlungstisch zu setzen. Der französische Botschafter in Berlin, dem bei diesem Werke eine wichtige vorbereitende Aufgabe zufällt, hat am Sonntag bei der Feier der französischen Kolonie davon gesprochen, daß sich der bewölkte Himmel über Deutschland und Frankreich in den letzten Wochen etwas aufgehellt habe. Da er es am besten' wissen muß, so wollen wir ihm glauben und hoffen, daß ein im Innern befriedetes Frankreich auch endlich den Friede» mit Deutschland jucht und findet.
