Einzelbild herunterladen
 

Jf

<

Mittwoch, 3. Juli 1935.

83. Jahrgang.

Nr. 178.

rers und Reichskanzlers,

Staatssekretär

u r a t h,

Anlaß sehen, -diese Dinge überhaupt zu erörtern. Es scheint, als ob man in Frankreich die große Friedens­rede Hitlers am 21. Mai mit ihren Ausführungen über das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich doch nur sehr ungenügend gelesen habe.

Eine Ehrenkompagnie der Leibstandarte ehrt den Gast.

Die englisch-italienische Auseinandersetzung.

Polens Autzenminister in Berlin

Die Berliner Gespräche — Nervosität in Paris. — Die italienischen Manöver.

Joseph Beck.

Zwei Tage weilt der polnische Außenminister O b e r st Beck in der Reichshauptstadt, der Mann, dessen Name in Europa immer wieder genannt wird, der als einer der engsten Vertrauten des großen pol­nischen Marschalls galt, und dem nun die Aufgabe ge­worden ist, nach dem Tode Pilsudflis die Außenpolitik Polens fortzuführen. Dieser hochgewachsene schlanke Mann mit dem schmalen Kopf und den beiden dicht nebeneiiranderstehenden Augen, die fest und wie es scheinen will, unergründlich in die Welt blicken, steht seit dem 2. November 1932 an der Spitze des polnischen

(Weltbild, M.)

Außenministeriums. Jung, sehr jung — Beck ist 1894 geboren und ist wohl der jüngste der europäischen Außen­minister —, übernahm er dies Amt nach gründlicher und umfassender Vorbereitung im polnischen Staats­dienst.

Oberst Beck gehört zu dem Kreise der Männer, die unter Pilsudski in der polnischen Legion fochten. Er gehört nicht zu jener alten Generation der Obersten, die, wie der polnische MinisterpräsDent Slawek schon vor dem Weltkriege Mitverschworene Pilsudskis waren und mit ihm gegen das rusiische Regime schon damals kämpften. Als Sohn einer gutbürgerlichen Familie aus Galizien studierte Joseph Beck in Wien als der Weltkrieg ausbrach. Als überzeugter Pole trat er so­fort in die polnische Legion, in die berühmte erste Legion Pilsudskis und zwar als Foldartillerist. Als dann die politischen Schwierigkeiten mit den Mittelmächten be­gannen und Pilsudski seine Legionen aus der Front zurückzog, da trat Beck in den Dienst der POW., der geheimen Militärorganisation. Nach der Schaffung des selbständigen polnischen Staates, als es in dem Kriege gegen die Sowjetunion galt, Polen zu verteidigen, zog Beck an der Spitze einer reitenden Batterie erneut in den Kampf. Auch hier bewährte er sich wieder als glänzender und unerschrockener Soldat — auch Beck ist also gleich dem Führer alter Frontsoldat — und wurde in den Generalstab kommandiert. Bald trat seine aus­gesprochene diplomatische Begabung hervor und schon im Jahre 1919 ging er in besonderer Mission nach Ru­mänien, zwei Jahre später war er militärischer Sach­verständiger bei den schwierigen Brüsseler Verhand­lungen über den Wilnastreit. Ein Jahr darauf wurde er Militärattache an der Botschaft in Paris. Es folgen die Jahre, in denen es Pilsudski für erforderlich er­achtete, sich von den Staatsgeschäften zurückzuziehen und de,n Parteien die Herrschaft zu überlassen. Auch Beck quittierte damals den Dienst und bekannte sich auch da­mit zum getreuen Gefolgsmann des Marschalls. Als dann int Mai Pilsudski der Meinung war, daß man die Dinge nicht mehr treiben lassen könne, da gehört Beck zu denjenigen Offizieren, die das Stadtzentrum von Warschau für Pilsudski erobern. Der Marschall, der dann wieder das Kriegsministerium übernahm, er­nannte Beck zu seinem Kabinettschef, eine Ernennung, die das Vertrauensverhältnis zwischen den bsiden Männern auf das deutlichste charakterisiert. Im Pilsudski-Kabinett von 1930 wurde Beck als llnter- staatssekretär mit der verantwortungsvollen Pflicht eines Vizeministerpräsidenten in das Ministerpräsidium berufen. Mit dem Rücktritt des Marschalls wechselte er dann im gleichen Jahre als Unterstaatssekretär in das Außenministerium über, deffen selbständige Leitung er als Nachfolger Zaleskis dann im November 1932 über­nahm.

Das sind die äußeren Stationen im Leben Becks. Er ist nie ein Freund langer Reden gewesen und auch seine Rechenschaftsberichte im Parlament haben sich immer r>er Kürze befleißigt. Er ist auch kein Freund großer

Begleitworte der polnischen Presse.

Warschau, 3. Juli. (6in. Drahtmeldung.) Die Warschauer Presie veröffentlicht das Programm des Berliner Besuches des Außenministers Beck und bringt lange Auszüge aus den Artikeln Berliner Blätter.

Der zum Regierungslager gehörende „K u r j e r P o - rannt)“ schreibt, die politische Bedeutung des Besuches Becks st ehe außer allem Zweifel. Es handele sich dabei um die Fortsetzung der Friedensarbeit durch Verhandlungen und in der nachbarlichen Verständi­gung, um die Fundamente des europäischen F r i e d e n s z u s e st i g e n. Es wäre natürlich übertrieben, schreibt das Blatt, wenn man den Besuch nur als eine reine Höflichkeit ausfassen wollte. Der polnische Minister werde mit dem Führer und Reichskanzler und mit dem deutschen Außenminister die beide Länder interessierenden laufenden politischen Fragen besprechen. Er werde versichern können, daß Polen entschlossen ist, die Politik seines großen Marschalls fortzusetzen. Sehr stark hebt das Blatt hervor, daß die noch fehlende Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich Schwierigkeiten in Europa Hervorrufe und Frankreich sogar zu künstlichen Ersatz­konstruktionen veranlasie, die seine Beziehungen mit seinen natürlichen Bundesgenossen erschwerten. Der Artikel gibt schließlich der Ansicht Ausdruck, daß eine französisch-deutsche Verständigung zustandekommen werde.

Paris und Rom.

as. Berlin, 3. Juli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der polnische Außenminister Oberst Beck trifft, wie schon angekündigt wurde, heute in Berlin ein. Es ist dies der erste offizielle Aufenthalt eines polnischen Außenministers in der Reichshauptstadt und schon diese Tatsache allein zeigt den Wandel, der sich in den letzten zweieinhalb Jahren in den deutsch-polnischen Beziehungen vollzogen hat. Es ist dabei selbstverständlich, daß an den Be­sprechungen, die Deck mit den maßgebenden Persönlich­keiten des neuen Deutschland haben wird, alle Fragen besprochen werden, die beide Länder berühren. Daraus ergibt sich, daß man auch nicht an dem großen Fragen­kreis vorbeigehen wird, den man unter dem Stichwort Ostpakt zusammenfaßt. Gerade diese Tatsache scheint in Paris eine gewisse Nervosität hervorgerufen zu haben, wenn man sich in der französischen Hauptstadt auch damit zu trösten versucht, daß der französische Bot­schafter erst am Samstag Gelegenheit gehabt hat, dem polndschen Außenminister die Auffassung der franzö­sischen Regierung darznlegen. Immerhin sieht Paris den Berliner Gesprächen mit sehr großer Aufmerksamkeit entgegen und man läßt hier und da plötzlich ein gewisses Interesse an einer deutsch­französischen Aussprache durchblicken. Man befürch­tet nämlich eine weitere Festigung der Beziehungen zwischen Deutschland und Polen und angesichts des deutsch-englischen Flotten­abkommens fürchtet man in das Hintertreffen zu ge­raten. Allerdings ist diese Ansicht keineswegs allge­mein in Paris verbreitet. Es gibt auch weiterhin fran­zösische Blätter, die vor allem angesichts des Front- lämpfertreffens nachdrücklich vor allen direkten Ver­handlungen mit Berlin glauben warnen zu muffen. Daß dabei die alten Verdächtigungen Deutschlands wieder­kehren, sei nur nebenbei bemerkt, denn es hat auch keinen Sinn, sich mit solchen französischen Blättern, die immer nur die alte Walze abspielen lassen, auseinander- zusetzen.

Angesichts der gesamten politischen Entwicklung, b e - tont man in Paris die Freundschaft mit Italien besonders stark. So unterstreicht auch die französische Presie, daß an den schon angekündigten großen italienischen Manövern diejenigen italienischenKorps, die in der Nähe der französischen Grenze liegen, nicht be­teiligt sind. Auch diese Tatsache wird als ein Ergebnis der guten französisch-italienischen Beziehungen hinge­stellt. So zufrieden man aber auch ist, daß Italien wieder einmal seine Macht am Brenner demonstriert, so kommt Pertinax doch zu dem Schluß, daß das keineswegs ausreichend sei, sondern daß sich infolge der ganzen Geländebeschaffenheit eigentlich nur Südslawien Österreich gegenüber rühren könne, da es leicht nach Graz und Wien einrücken könnte. Aber gerade hier kommt die Verständigung, das heißt die Ver­ständigung zwischen Rom und Belgrad nicht weiter. Das sind Kommentare, die für die französische Einstellung sehr charakteristisch sind, uns allerdings ganz kalt lasten, da wir nicht den mindesten

heiligt und ungestraft bleiben. In den Rang eines Mit- arbetters Englands erhoben, würde es sogar ermutigt und belohnt. Der Streit zwischen Italien und Abessinien würde dann nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben sein. Ein Aufschub aber bedeute für Abessinien einen Porteil, das Zeit zu weiteren Kriegsvorbe^eitungen gewinne. Ein abessinischer Hafen in Zaila würde weiter einen offensichtlichen wirtschaft­lichen Vorteil für England und eine wirtschaftliche Benach­teiligung für Italien bedeuten. Hinsichtlich der gebietlichen Angebote Englands bedanke sich Italien, etwa durch Zutei­lung von Ogaden einen neuen unfruchtbaren und wüsten­artigen Landstrich zu bekommen, dessen wirtschaftlicher Wert gleich Null sei. Italien habe genügend wertlose, unfrucht­bare Gebiete. Derartige Gebiete schüfen kein neues, nutz­bares Arbeitsfeld, sondern vermehrten nur die Last nutzloser und hinderlicher Landstriche.

Die „Tribuna“ hebt besonders hervor, daß sich England nach den klaren Ausführungen Hoares im Unterhaus ebenso­wenig an die abessinischen Vermittlungsvorschläge mehr halte wie Italien. Unumwunden spricht das Blatt von „hinter­hältigen“ Vorschlägen Edens an Mussolini, die jeden mög­lichen Verdacht über die wahren Beweggründe Englands auf- tauchen ließen.

Pressekritik an der Erklärung Edens.

Rom, 2. Juli. Die römische Abendpresse nimmt in einer energisch protestierenden Form zu den Unterhauserklärungen Edens Stellung. Besonderes Gewicht legt man auf den in hiesischen Kreisen herrschenden Eindruck, daß die Ausfüh­rungen selbst im eigenen Lande alles andere als günstig ge- wirtt hätten. Man befleißigt sich daher, allen kritischen Stel­lungnahmen englischer Blätter breiten Raum zu geben.

In einem Leitarttkel des halbamtlichen „Giornale d'Jtalia“ wird betont, daß das Bedauern Edens über die Zurückweisung der englischen Vermittlungsvorschläge durch Mussolini in italienischen Kreisen auf ein noch lebhafteres Bedauern über das ungenügende Verständnis stoße, das offenbar in englischen Kreisen hinsichtlich der Be­weggründe Italiens herrsche. Das Blatt unterzieht sich der Mühe, nochmals zu erläutern, was Italien zu seiner Haltung gegenüber Abessinien veranlasie. Die englischen Vorschläge hätten in keiner Weise der italienischen Auffasiunq Rechnung getragen. Vor allem sei nichts in den Vorschlägen, was Italien eine dauerhafte Sicherheit an seinen Grenzen nach Abessinien verbürge. Abesiinien würde auch trotz aller feiner Beleidigungen und Verletzungen italienischer Rechte unbe-

Berlin, 3. Juli. (Eig. Drahtmeldung.) Mit dem fahr­planmäßigen Zuge aus Warschau traf am Mittwoch um 8,02 Uhr der polnische Außenminister Oberst Beck auf dem Bahn­hof Friedrichsstrahe ein. In feiner Begleitung befinden sich seine Gattin, seine Tochter, sein Kabinettschef Graf L u b i e n s k i sowie der Privatsekretär.

Zur Begrüßung der polnischen Gäste hatten sich auf dem Bahnsteig B des Bahnhofs eingefunden: Staatssekretär Meißner in Vertretung des Außenminister Freiherr 'von t t von Bülow, der deutsche Botschafter in Warschau von Moltke, der Chef des Protokolls Graf von Baffewitz und der Ministerialdirektor der Ostabteilung des Auswär­tigen Amtes, Meyer. Von polnischer Seite waren sämt­liche Herren der polnischen Botschaft in Berlin unter Füh­rung des Botschafters Josef L i p s k i sowie zahlreiche Mit­glieder der Berliner polnischen Kolonie anwesend.

Nach der Ankunft unterhielt sich der Außenminister in angeregtem Gespräch mit dem Reichsaußenminister und be­gab sich bann durch das Fürstenzimmer auf den Bahnhofsvor­platz, wo gegenüber dem Bahnhof eine Ehrenkompanie der Sei oft anbarte Adolf Hitler mit präsentiertem Ge­wehr den polnischen Außenminister ehrte. Nach einem kurzen Dank verabschiedete sich der polnische Außenminister von den deutschen Herren und fuhr in Begleitung des polnischen Bot­schafters nach der polnischen Botschaft, wo er zu seinem zwei­tägigen Berliner Aufenthalte Wohnung nehmen wird.

Zahlreiche Mitglieder der polnischen Kolonie und viele Berliner wohnten der Ankunft des hohen Gastes bei.

Witslisilieiin' Sanblatt

Wöchentlich 7 Ausgaben

7 Ausgaben

Wöchentlich

t. Schellenberg'lche Hofbmhdru-kerei, „Tagblatt-Hau,'

Wsktäglich nachmittag», Samstag, vor. u. nachmittag.

Unterhaltungsbeilage.

mit einer tägliche»

Telegramm-Adresse: T-Matt Wiesbaden.

Höchste Abonnentenzahl aller Tageszeitungen Wiesbadens und Nassaus.

Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr, 7405.

Fernsprecher-Sammel-Nr. 59631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.

E-fchäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.

Bezugspreis«: Für eine Bezugszeit von 2 Wochen 94 Rpf.. für einen Monat RM. 2.—, ein. Ichlienbch Traglohn. Durch die Post bezogen RM. 2.35, zuzüglich 42 Rpf. Bestellgeld, Einzel, nummern 10 Rp!. — Bezugsbestellungen nehmen an: der Verlag, die Ausgabestellen, die Träger und alle Postanstalten. — Sn Fällen höherer Gewalt oder Betriebsstörungen haben die Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung des Blattes oder auf Rüitzahlung des Bezugspreises.

Anzeigenpreise: Ein Millimeter Höhe der 22 Millimeter breiten Spalte im Anzeigenteil Grund- preis 6 Rpf-, der 85 Millimeter breiten Spalte im Tertteil 45 Rpf., sonst laut Tarif Nr. 3, Nachlatzstaffel C. — Für die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen. — Schluß der Anzeigen-Annahme 10 Uhr vormittags. Größere Anzeigen müssen spätestens einen Tag vor dem Erscheinungstage aufgegeben werden.