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Nr. 158.

83. Jahrgang.

Donnerstag, 13. Juni 1935.

Frieden zwischen Bolivien und Paraguay

Festlegung einer Demarkationslinie durch neutrale Kommission.

Jubel in Paraguay.

Asuncion, 13. Juni. Ganz Paraguay steht voll­kommen unter dem Eindruck der Unterzeichnung des Abkommens über die Waffenruhe im Chaco. Die Be­völkerung eilte bei Bekanntwerden der Nachricht in großer Erregung auf die Straße und gab ihrer Freude über das bedeutsame Ereignis jubelnd Ausdruck. Die Häuser tragen allenthalben reichen Flaggenschmuck.

Dem Kongreß ging ein Antrag zu, den Oberbefehls­haber im Chaco-Krieg, General Estigarribla, zum „Marschall von Paraguay" zu ernennen, die höchste militärische Ehrung, die das Land zu ver­geben hat.

Aber vorläufig noch Fortsetzung der

Feindseligkeiten.

Asuncion, 13. Juni. (Eig. Drahtmeldung.) Das Außen­ministerium veröffentlicht folgende kurze Mitteilung: „Der heldenmütige, im Kriege siegreiche paraguayische Soldat hat den Frieden für das Vaterland erobert. Ein Abkommen be­endet den Streit mit Bolivien. Es ist um 12 Uhr in Buenos Aires unterzeichnet worden."

Das ganze diplomatische Korps begab sich am Donners­tag in den Regierungspalaft und sprach dem Präsidenten die Glückwünsche der auswärtigen Regierungen aus. _ . ....

Obwohl auf Grund des Abkommens die Feindselig- keiten bereits am Freitagmittag eingestellt werden müssen, geht der Krieg im Chaco einstweilen weiter. Die Paraguayer hoffen, bis zum Inkrafttreten der Waffenruhe noch den Ort Ravelo besetzen zu könne«.

Paris blickt auf Moskau.

28. Berlin, 13. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die englische Presse beschäftigt sich ziemlich eingehend mit den deutsch-englischen Flottenbe­sprechungen, die programmäßig morgen in London wieder .aufgenommen werden. Es hat wenig Zweck, auf Einzelheiten der englischen Darstellungen einzugehen, zumal eine amtliche englische Stellungnahme nicht vor­liegt und die Besprechungen noch nicht abgeschlossen sind. Im ganzen aber kann man aus den englischen Darstellungen nur den Eindruck gewinnen, daß die Besprechungen bis jetzt einen nicht un­günstigen Verlauf genommen haben. Weiter kann man aus den Pressemeldungen entnehmen, daß England die Unterzeichner des Washing­toner Flottenabkommens über den Ver­lauf der deutsch-englischen B e s p r e ch u n g est auf dem Laufenden gehalten hat. Während man in den Vereinigten Staaten von Amerika darauf­hin der Hoffnung Ausdruck verleiht/ daß die deutsch­englischen Besprechungen den Grundstein für ein allgemeines Abkommen zwischen den großen Seemächten zur Beschränkung der Flottenrüstungen bilden möge, ist das französische Echo weniger freundlich. Man sucht hier sehr lebhaft nach Gegen­argumenten gegen die bekannten deutschen Forderungen und die Anzeichen sprechen dafür, daß mit französischen Einwänden gegen die erneute „Verwässerung" der Militärklauseln bon Versailles zu rechnen ist. Laval hat diese Dings gestern bereits mit dem Marineminister PiiStri besprochen und wie verlautet soll auch der heutige Ministerrat sich mit dieser Frage beschäftigen.

Man ist überhaupt in Paris z. Zt. nicht sonder­licherbaut von der Haltung Englands. Einmal geht das auf die Haltung Englands in den Flottenbesprechungen zurück, dann aber auch auf die Äußerungen des Prinzen von Wales und den bevor­stehenden Besuch englischer Frontkämpfer in Berlin. Auch die Pariser Blätter vermögen dabei nicht den Ausspruch des englischen Thronfolgers als private Äußerung hinzustellen, denn nach den englischen Meldungen.kann kein Zweifel darüber bestehen, daß es sich nicht um eine spontane Rede, sondern u m eine w o h l d u r ch d a ch-t e mit amtlicher Billigung erfolgte Äußerung handelt. Ihr kommt also das volle Gewicht einer regierungsamt­lichen englischen Kundgebung zu, auch wenn die äußere Form nicht darauf schließen ließ. Daß im übrigen diese Äußerung der Stimmung weiter engli­scher Kreise entspricht, geht nicht zuletzt daraus her­vor, daß auf der gestrigen Tagung des Nationalver- balütes des englischen Baugewerbes in Folkestone eine neue Botschaft guten Willens angenommen wurde. Ge­richtet ist diese Botschaft an die Konferenz der deutschen Baugemeinschaft, die diese Woche in Berlin tagt. Eben­so ist auch beachtenswert, daß die englische Presse nahe­zu ausnahmslos die Worte des Prinzen von Wales be­grüßt hat. Das Blatt „Star" meint u. a., daß man schon viel zu lange gewartet habe, um den Deutschen i diese Art von Entgegenkommen zu zeigen.

Von all diesen Dingen ist man, wie gesagt, in Paris wenig erbaut. Ein Teil der Pariser Blätter versucht deshalb, das Schwergewicht auf den Besuch des treuen Gefolgsmannes der französischen Politik, des tschecho­slowakischen Außennünisters Bene sch in Moskau zu verlegen. Man gibt oer Hoffnung Ausdruck, daß dem Beistandspakt Prag-Moskau bald ein gleicher Pakt zwischen Rumänien und der Sowjetunion folgen müße und glaubt guten Grund zu der Annahme zu haben, daß dieser Pakt in Kürze abgeschlossen werden wird. In diesem Sinne begrüßt man das Zusammenarbeiten der Kleinen Entente mit Moskau und die dabei zutage tretende „slawische Ge­meinschaft". Allerdings verkennt man auch in Paris nicht, daß sich dadurch die Lage für Italien nicht gerade leichter gestaltet. Man versucht nun aber Italien jur diese Verständigung zu gewinnen mit dem Hinweis darauf, daß Moskau regen Anteil nimmt an der Aufrechterhaltung des Friedens in Mitteleuropa (!) und daß Moskau an der Ilnab- hängigkeit Österreichs sehr interessiert -sei. Ob man mit solchen Argumenten auf Italien sehr großen Eindruck machen wird, bleibt abzuwarten. Bisher jedenfalls hat die italienische Presse keinen Zweifel daran aufkommen ' lassen, daß ihr eine Stärkyng des sowjetrussischen Ein- flusses auf dem Balkan höchst unerwünscht erscheint.

Vortrupp der Kameradschaft!

Ain Dienstag hat Sir Samuel Hoare, der neue englische Außenminister, sein - verantwortungsvolles Amt in Downing Street angetreten. An demselben Tag wurde eine Rede des englischen Kron­prinzen veröffentlicht, die richtunggebend sein kann für eine neue Epoche der britischen Politik überhaupt. Ist man berechtigt dieses Zusammentreffen als ein Symptom anzusehen? Soll man diese Einheit der Termine als gutes Omen oder gar,als geschicktes Arrangement betrachten?

Es ist nicht anzunehmen, daß der Prince of Wales seine Ansprache an die „British Legion", die englischen Frontkämpfer, nur zur Schilderung seiner persönlichen Ansicht benutzt hat. Er spricht zu selten über hohe Poli­tik, als daß man annehmen könnte, es habe sich nur um einen reinen Zufall gehandelt. Vielmehr kann .man sicher sein, daß der große Effekt dieser Rede von vorn­herein berechnet und beabsichtigt war, und daß damit von höchster Stelle aus die zukünftige Profilierung der englischen Politik Deutschland gegenüber angedeutet werden sollte.

Wir haben in Besprechungen mit Frontkämpfern bereits einige Erfahrung. Seit Reichsminister Rudolf Heß am 8. Juli des vergangenen Jahres von Königs­berg aus feinen Appell an alle Frontkämpfer der Welt richtete, ist zwar schon einige Zeit vergangen, aber in dieser Zwischenzeit ist das winzige Samenkorn der Ver­ständigung schon aufgegangen. Es war jedoch bisher noch so, daß die Schößlinge gewissermaßen unter ganzen Bergen von Gestrüpp verborgen blieben. Denn die Franzosen, die ass Frontsoldaten den Weg nach Berlin gefunden haben, sind zu Hause nicht eben mit großen Ehren aufgenommen worden. Das amtliche Frankreich hat sogar einen solchen „illegitimen" Versuch der Ver­ständigung von sich aus als unerwünscht bezeichnet.

Umso erfreulicher ist es. daß nun der englische Kron­prinz grundsätzlich seiner Ansicht Ausdruck verleiht, daß gerade die ehemaligen Gegner am besten geeignet seien, den Weg zueinander zu finden. Denn, so steht am Rande zu lesen, sie alle haben es ja erfahren, wie ritterlich der andere kämpfte, was er zu leiden und durchzumachen hatte, und was für ein Kerl er in Wirk­lichkeit ist. Frontsoldaten brauchen sich keinen ent­nervenden Pazifismus vorwerfen zu lassen. Sie wissen, daß sie ihren Mann gestanden haben, und daß sie wieder ihren Mann stehen würden, wenn es fein müßte. Frontkämpfer sein heißt, alles verstehen, aber auch alles verzeihen können.

Die Angehörigen der „British Legion", die demnächst in Deutschland weilen werden, werden bei uns als Vor­trupp der künftigen Freundschaft, als eine Art Mission des guten Willens, ausgenommen werden. Sie finden ein Land vor, ldessen Gebräuche und Einrichtungen ihnen in mancher Hinsicht fremd und ungewohnt vorkommen

SloMeMiiiigen und KMünOlbesinh

Die Äußerungen des Prinzen von Wales. — Französische Besorgnisse.

Freudige Anteilnahme in ganz Südamerika.

Buenos Aires, 12. Juni. Am Mittwoch um 12.35 Uhr südamerikanischer Zeit wurde zwischen Bolivien und Paraguay ein Wafjenstillstandsabkommen unter­zeichnet. Damit ist praktisch der Frieden zwischen beiden Ländern wieder herge­stellt. Eine neutrale Militärkommission wird noch am Mittwochnachmittag zur Festlegung einer Demarkationslinie im Flugzeug nach dem Gran Chaco abreisen.

In der Kommission sind vertreten: Argentinien durch einen General und einen Oberstleutnant, Chile durch einen General und einen Oberst sowie einen Hauptmann, Brasilien durch zwei Majore.

Dankgottesdienste in Bolivien.

La Paz, 12. Juni. Der Beschluß der Waffenruhe hat in ganz Bolivien große Freude ausgelöst. In den Kirchen werden Dankgottesdienste veranstaltet. Auch in Buenos Aires und in dem übrigen Argen­tinien herrscht große Befriedigung über die Ein­stellung der Feindseligkeiten. Der Präsident der Republik, General Justo, gab dieser Befriedigung bei einer Ansprache an die Vertreter der Dermittlermächte damit Ausdruck, daß er sagte, Argentinien erlebt heute einen seinen schönsten Tage. Der Donnerstag wurde für das ganze Land zum Feiertag erklärt. Die Zeitungen erschienen zum Teil in reich bebilderten Sonderausgaben. i

Heß, Göring und von Ribbentrop begrüßen die Erklärung des Prinzen von Wales.

Berlin, 12. Juni. Das Deutsche Nachrichtenbüro meldet: Bekanntlich hat der Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, am 8. Juli v. I. in einer großen Rede in Königsberg den Frontkämpfern der anderen Völker ■ die Freundschaftshand hingestreckt. Auf dex PsinAsttagung der „British Legion", der großen englischen Frontkampferorganisation, hat nun, wie bereits gemeldet, der englische Dhronfolger in einer Rede zum gleichen Thema das Wort ergriffen.

Dem Berliner Vertreter Reuters, der den Stellver­treter des Führers um feine Meinung zu der Rede des Prinzen von Wales gefragt hat, wurde vom Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, folgendes mitgeteilt:

„Ich begrüße selbstverständlich die Worte des Prinzen von Wales. Wenn die englischen Frontkämpfer nach Deutsch­land kommen wollen, so können sie natürlich gewiß sein, daß sie von den deutschen Frontkämpfern als Kame­raden ausgenommen werden. Wenn der Front­kämpfergeist auch in der Außenpolitik der verschiedenen Län- der mehr und mehr zum Durchbruch kommt, so wird e i n großer Schritt zum europäischen Frieden getan sein."

General Göring erklärte zu der Rede des Prinzen von Wales:

Die Rede des Prinzen von Wales kann man in der Tat begrüßen. Sie ist geeignet, den Weltfrieden aufrecht zu erhalten.

Botschafter von Ribbentrop hat sich auf Anfrage des Vertreter des Reuter-Büros wie folgt geäußert:

„Die Worte des Prinzen von Wales auf der Tagung der britischen Frontkämpfer werden in Deutschland überall ein warmes Echo finden. Britische Frontkämpfer werden daher von den deutschen Frontsoldaten und von dem deut­schen Volk in seiner Gesamtheit aufs herzlichste be­grüßt werden. Erfahrungen mit Zusammenkünften von Frontkämpfern, haben uns gezeigt, daß es keinen besseren Weg zur Förderung freundschaftlicher Verständigung gibt, als eine offene und ehrliche Fühlungnahme zwischen den Männern, die an der Front gestanden haben. Ich bin über­zeugt, daß der Geist, der in den meisten Frontkämpfer­verbänden der verschiedenen Länder herrscht, sich als eine große Hilfe für die Bemühungen der verschiedenen Regie­rungen erweisen wird, endgültig Frieden und Zusammen­arbeit in Europa herbeizuführen."