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83. Jahrgang.

Freitag, 7. Ium 1935.

Nr. 153.

Das Kabinett Laval ist das dritte, das der bei keiner

Der Umbau des englischen Kabinetts

*

) zum Ünterstaats- arin), der die ur-

Ministerpräsident: Baldwin.

Lordpräfident des Geheimen Rates: Ramsey M a c d o - n a l d.

Macdonalds scheiden also aus: der Unterrichtsminister Lord Halifax, der Lordkanzler Lord S a n k e y, der Innen­minister Sir John Eilmour und der Luftfahrtminister Lord Londonderry. Nach den bisherigen Dispositionen dürfte die amtliche MinisterlistL nicht vor Freitagabend be­kannt werden.

Kabinett Laval gebildet

Der Retter in der Not. — Demonstrationen in Paris.

Die voraussichtliche Ministerliste.

London, 6. Juni. Die Kabinettsliste, die Baldwin nach dem Rücktritt Macdonals dem König unterbreiten wird, hat nach Informationen der „Evening News" folgen­des Aussehen:

Partei eingeschriebene Senator gebildet hat. Seit 1931 hat Lava! fast ununterbrochen einen Ministerposten bekleidet. Das Außenamt übernahm er nach dem Tode Barthous im Oktober 1934. Laval ist von Berus Rechtsanwalt. Er steht i m 5 2. L e b e n s j a h r. Das jetzt gebildete Kabinett Laval ist das 99. der dritten Republik und das zehnte der lausenden Legislaturperiode^ Es besteht aus vier Senatoren, 16 Abgeordneten. 13 Minister gehörten bereits der kurzlebigen Regierung Bouisson an. Neu einge­treten sind Flandin, Berard, Fabry, Bonnet, Regnier, Akar-

Die alten Aufgaben.

as. Berlin, 7. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die französische Regierungskrise hat nach mancherlei Zwischenspielen am gestrigen Tage damit geendet, baß schließlich Pierre Laval erneut mit der Bildung des Kabinetts beauftragt wurde und bald nach Mitternacht eine vorläufige M i n i st e r l i st e bekannt geben konnte. Es hat schon nach dem Scheitern des ersten Versuches Lavals Politiker gegeben, die die Meinung vertraten, daß man doch noch wieder auf Laval zurückgreifen würde, zu­mal dieser bei den ersten Verhandlungen keineswegs alle Möglichkeiten voll ausgeschöpft hatte, ganz offen­sichtlich, um sich nicht den Weg für einen zweiten Ver­such zu verbauen. Als dann im Verlauf des gestrigen Tages Plätri bekennen mußte, daß es ihm nicht möglich fei, ein Kabinett zu bilden, und als der Staats­präsident dem Fraktionsführer der Radikalsozialisten, ohne ihn offiziell mit der Kabinettsbildung zu beauf­tragen, anheimgestellt hatte, die Bildung einer Re­gierung zu versuchen, was Delbos aber ablehnte, da war Laval der,Retter in der Not. Wenn es ihm jetzt gelang, ein Kabinett zu bilden, so hatte dazu wohl nicht unwesentlich beigetragen, daß auch die Herren Parlamentarier sich schlietzl i ch nicht der Einsicht verschließen konnten, d a ß d i e Krise beendet werden muß. Zn der Pariser Innenstadt kam es im Laufe des gestrigen Abends wieder zu Demonstrationen und Zusammen­stößen mit der Polizei. Diese Vorfälle wurden mit Recht von >den Abgeordneten als ein Warnungs- f i g n a l betrachtet. Das jetzt zustande gekommene Kabinett Laval bedeutet keinen grundsätzlichen Wechsel. Die Bemühungen der Radikalsazialisten um eine Linksregierung sind zunächst gescheitert. Auch das neue Kabinett Laval ist wieder ein Burg­friedenskabinett, wenn auch Laval den Radikal­sozialisten Zugeständnisse hat machen müssen. Er gab den Radikalsozialisten das Innenministerium.. Im ganzen wird man sagen können, daß die neue Liste im wesentlichen eine Mischung der Kabinette Flandin und Bouisson bedeutet, wobei es bemerkenswert ist, daß Flandin selbst dem neuen Kabinett angehört. Neue Namen tauchen in der Liste kaum auf. Man hat im wesentlichen auf den „eisernen Bestand" zu­rückgegriffen und hat mehrere Minister aus dem Kabinett Flandin ohne weiteres übernommen. Trotz­dem darf man wohl annehmen, daß die Kammer diesem neuen Kabinett das Vertrauen nicht verweigern wird, wobei es freilich noch fraglich ist, wie weit die Vollmachten gehen werden, die man Laval bewilligt. Im ganzen aber herrschen nirgends Gelüste, das Spiel der letzten Tage zu wieder­holen und das Ansehen des Parlaments noch weiter herunter zu wirtschaften. Das ist ein Plus für Laval, dessen Kabinett nun den alten Aufgaben gegenüber- stoht, vor allem der Aufgabe, Ordnung in die Finanzen zu bringen, eine Ausgabe, über die schon viele französi­sche Kabinette gestürzt sind. Außenpolitisch wird zweifellos der alte Kurs weiter gesteuert werden, zumal Laval neben der Bkinisteipräsidenlen- schast das Außenministerium bei behält.

Die Ministerliste.

Die neue Regierung heute bereits vor der Kammer.

'...„'.'"L »gierung Bouisson an. treten sind Flandin, Berard, Fabry, Bonnet, R combes, Maupoile und der erst nachträglich sekretär berufene Blaisot (Richtung Mari,, sprünglich dem Landw irtschaftsminister Cathala zugedachte Vertretung der Elsaß-Lothringer Angelegenheiten üben

Zum Staatssekretär für Indien wird voraussichtlich Lord Linlithgow ernannt werden. — Als Anwärter für den Posten des Kriegsministers wird der jetzige Finanzsekretär des Schatzamtes Duff Cooper genannt. Aus dem Kabinett

ja die tragende Macht des Kabinetts ist, trägt. Außen­politisch dürfte im wesentlichen der alte Kurs weitergesteuert werden. 2n dieser Hinsicht leiretar gilt für England das gleich wie für Frankreich, wenn auch abinett ( kleineNuancierungen nicht ganz ausgeschlossen sind.

Schatzkanzler: Neville Chamberlain (unver­ändert).

Lordkanzler: Lord Hail sham.

Innenminister und Stellvertreter des Ministerpräsi­denten im Unterhaus: Sir John Simon.

Außenmini st er: Sir Samuel Ho a r e.

Dominienminister: Thomas (unverändert).

Kolonialminister: Malcolm Macdonald.

Erster Lord der Admiralität: Sir Bolton E y r e s Monsell (unverändert).

Luftfahrtminister: Sir Philipp C u n l i f f e - L i st e r, der zum Rang eines fjker erhoben wird.

Unterrichtsminister: Oliver Stanley.

Arbeitsminister: Ernest Brown.

Landwirtschaftsminister: Walter Elliot (unver­ändert).

Gesundheitsminister: Sir Hilton Poung (unver­ändert),

Wirtschaftsminister: Walter Runciman (unver­ändert). M.

Postminister: Sir Kingsley Wood (unverändert).

Minister für Schottland: Sir Godfrey Collins (unverändert).

Staatskommissar für öffentliche Arbeiten: eit Ormsby

Core (unverändert). .. „

Verkehrsminister: Höre Belisha (unverändert). Lordsiegelbewahrer: Anthony Eden (unverändert).

Pensionen: Maupoil (Abg., Radikalsozialist). Landwirtschaft: Cathala (Aba., Radikale Linke), der gleichzeitig die elsässisch-lothringischen Ange­legenheiten mitverwalten wird.

Öffentliches Gesundheitswesen: Lafont (Abg., Neu- sozialist). „ .

Postminister: Mandel (Abg., Unabhängig).

.. Im Laufe des Vormittags findet eine Minister­besprechung statt. Am heutigen Freitagabend um 6 Uhr tritt die neue Regierung bereits vor das Parlament.

<■

6 Jahre Premier-Minister.

Vom Fischerdorf zur Downing-Street.

(Von unserem England-Mitarbeiter.)

Don der breiten Prachtstraße, der White-Hall, an der die großen Regierungsgebäude liegen, die Kaserne der romantisch uniformierten Garde zu Pferd, wo an einer Haus­wand eine Gedenktafel verkündet, daß hier „Seine Majestät König Jacob hingerichtet wurde" — von dieser Prachtstraße, auf bei modernster Verkehr und seltsamste Überlieferung sich mischen, zweigt ein kurzes schmales Sträßchen ab, unscheinbar und von Fremden leicht zu übersehen. Dieses Sträßchen hat Weltruf, wie irgend eine der anderen Regierungsstraßen einer der Großmächte. Hier, in der Downing-Street wird die britische Politik gemacht. Betont bescheiden sicht das zweistöckige, schmale graue Haus aus, das der offizielle Sitz bes ersten Ministers ist. 6 Jahre, fast auf den Tag genau, war dieser erste Minister R am s a y M «c d o n a l d, aus einem schottischen Fischerdorf zum Leiter der englischen Politik aufgestiegen. Eigentlich hat er sogar 6% Jahre lang an der Spitze der englischen Politik gestanden, aber zwischen den ersten neun Monaten Macdonald-Regievung und der nun seit 6 Jahren ununterbrochenen zweiten Periode seiner Ministerpräsidentschaft lag ein Zwischenraum von 5 Jahren. Wenn er, den auch politische Krisen von ungewöhnlichem Ausmaß, gesundheitliche Krisen, die seine Sehkraft bedrohten, nicht aus der verantwortungsvollen Stellung des Premier- Ministers verdrängen konnten — wenn er jetzt sein Amt ver­läßt so ist damit ein Einschnitt gegeben, der es wohl lohnend macht,, dieses romantische Leben eines Politikers genauer anzusehen.

69 Jahre ist der Mann jetzt alt, der seine erste Bildung in -der schottischen Dorfschule von Lossiemouth erhielt, wo er im armseligen Häuschen seiner Großmutter, nur von ihr und seiner Mutter, erzogen, aufwuchs, ein Bücherwurm schon als Junge, bet den Lesevorrat des Dor fuhr mache rs verzehrte, der, während er sich mit Feldarbeit. durchbrachte, volis- tümliche naturwisfenschaftliche Schriften las, sich als Unter« lehret an der Dorsschule kurze Zeit crnähkte. Damals be­gann seine systematische Selbstfortbildung, die ihn in, die ersten wissenschaftlichen Prüfungen hineinführte, ihm einen Zeitschriftenpreis für die .cheste Novelle" einbrachte, bis er sich aus dem schottischen Dorf nach -der Hauptstadt London durchschlug, und als Fakturenschreiber -im Warenhaus seine Eroßstadtkarriere begann. Über Hilfsarbeit in einem Laboratorium. Sekretärarbeit für einen Parlaments- kandidaten, schriftstellerische Mitarbeit für Zeitungen und Zeitschriften, -führte sein Weg zur englischen Arbeiterpartei, für die er zum ersten Male 1895 ein Mandat zu erringen suchte. Mit dem Fahr 1900 begann seine ständige offizielle Tätigkeit für die Labour-Party, deren Sekretär er 10 Jahre lang war, -deren Führer er von 1909 bis 1914 wurde. Im Krieg verlor er diese -leitende Stellung der erstarkenden Partei — die Labour-Party war -damals ja noch nicht ein gleichberechtigter Faktor, sondern nur ber danebenstehende Dritte im politischen Wechselspiel zwischen Liberalen und Konservativen — durch seine ausgesprochen pazifistische

Paris, 7. Juni. Kurz vor 3 Uhr früh hat Ministerpräfi- *• deut Laval sein Kabinett gebildet, das sich wie folgt zu- sammensetzt:

Ministerpräsident und Auswärtiges: Laval (Sena­tor, parteilos).

Staatsminister: Heriiot (Abg., Radikalsozialist: Matiu (Aba., Republikanische Vereinigung); Flandin (Abg., ßinfsrepublifaner).

Justiz: Berard (Senator, Richtung Marin).

Inneres: Paganon (Ab., Radikalsozialist).

Kriegsminister: Oberst Fabry (Abg., Mittelrepubli- faner der Richtung Tardieu klnd Vorsitzender des Heeresausschusses der Kammer).

Kriegsmarine: Pietry (Abg., Linksrepublikaner).

Luftfahrt: General D e n a i n.

Handel: Bonnet (Abg., Radikalsozialist).

Finanzen: Marcel Regnier (Senator, Radikal-

Unterricht: Murcombes (Abg., Radiralsozialist). Öffentliche Arbeiten: Laurent-Rynac (Abg., Radikalsozialist).

Kolonien: Rollin (Abg., Radikalsozialist).

Handelsmarine: Roustan (Senator, Radikal­sozialist).

Arbeitsminister: Frossard (Abg., früher Alt­sozialist).

Wenn auch in England die neue Ministerliste offiziell erst heute Abend veröffentlicht werden soll, so fann doch über die Umbesetzungen kein Zweifel mehr bestehen. Die Änderungen sind, wie sich aus der vor­läufigen Liste ergibt, nicht sehr wesentlicher Natur. Vor allem interessiert außerhalb Englands, daß der Mini st er für Indien, Sir Samuel Hoare, der eben als Erfolg die Verabschiedung der indischen Verfassungsvor­lage durch das Unterhaus buchen konnte, alsNachfolger Simons das A uße n m ini st e r i u m übernimmt. Simon wechselt in das Innenministerium hinüber. Eden bleibt wie bisher Lord siegelbewahrer. Neben dem Innenminister scheidet der Luftfahrtminister aus, dem man vorwarf, daß er die Luftrüstungen vernachlässigt habe. Außerdem der Unterrichtsminister. Lloyd George wird dem Kabinett nicht angehören. Es scheint, als ob sich die Regierung nicht allzu viel von seinem „neuen Plan", über den ziemlich lange verhandelt wurde, zu eigen machen wird. AuchdieneueenglischeRegie- rung i|t eine Nationalregierung. In dieser Hin­sicht ändert sich garnichts. Wenn trotzdem Macdonald und Baldwin ihre Ämter tauschen, so war dafür einmal der Ge­sundheitszustand Macdonalds maßgebend, zum anderen aber auch die Tatsache, daß man sich entschlossen hat, die eigentlich erst 1936 fälligen Wahlen angesichts der günstigen Stimmung und der wirtschaftlich befriedigenden Lage schon in diesem Herbst stattfinden zu lassen. Das aber ließ es zweckmäßig er­scheinen, daß das Kabinett, das in diese Wahlen hineingeht, auch den Namen des Führers der konservativen Partei, die

nimmt.

„Eine energische Deflation."

Die Pariser Presse ist der Überzeugung daß -die neue Regierung, die heute nachmittag vor das Parlament tritt, sich wird durchsetzen können. „Echo de Paris" veröffentlicht folgende Erklärung Lavals: „Die Art der Vollmachten, die ich" beantrage, erlaubt es mit, nach meinen Besprechungen mit den verschiedenen politischen Gruppen und besonders den Radikalsozialisten, auf eine breite Mehrheit zu rech­nen, die sich der Notwendigkeit bewußt ist, umfang re ich e Einsparungen vorzunehmen. Nur wenn die Regierung eine energische Deflation durchführt, kann sie die Finanzen sanieren. Die Opfer, die die Gemeinschaft wird bringen müssen, werden weniger drücken und besser verteilt sein als die Opfer, die zwangsläufig mit einer Währungs­krise verbunden sind. Die Regierung der zum Handeln be­reiten Union, die ich gebildet habe, ist entschlossen, alles ins Werkzu setzen, um bie Spekulation gegen den Franken zu brechen und unsere Währung zu retten!“

In diesem Sinne wünschen die meisten Blätter Laval Erfolg.