Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener Sagblatt

wDaiCllTnCD \vta*^ < •nubuuuvll M«ktäattcknachmittags. Camstaasvor-u.no

7 Ausgaben

Wöchentlich

Werktäglich nachmittags, Samstags vor- u. nachmittags

8. Schellenberglche HofdnchLnxlrr«, »lagbtatt. Soul*.

Unterhaltungsbeilage.

mit einer täglichen

Postscheckkonto: Frankfurt a. M. Nr. 7405.

Höchste Abonnentenzahl aller Tageszeitungen Wiesbadens und Nassaus.

Telegramm-Adresse: Tagblatt Wiesbaden.

83. Jahrgang

Sonntag, 2. Juni 1935

Nr. 148

Evangelischer Pfarrer in Kärnten verhaftet.

ist ver-

FMM BAet eine WWng bet SireWont

Fernsprecher-Sammel-Rr. 59631. Berliner Bllro: Berlin-Wilniersdorf.

Geschäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.

Wien, 31. Mai. Der evangelische Pastor der Stabt Wolfsberg in Kärnten, Wilhelm Wölfch«, ist ver­haftet worden. Das Landesgericht in Klagenfurt hat wegen angeblicher staatsfeindlicher Betätigung das Hochverratsverfahren gegen ihn eingeleitet. Es ist dies die zweite Pastorenverhaftung innerhalb kurzer Zeit.

Bundespräsident Millas den beiden Genannten nahesteht. Diese Nachricht jedoch wird vom Bundeskanzleramt als un­richtig erklärt.

Zwei Unioersitätsprofefforen ihrer Ämter enthoben.

Wien, 31. Mai. Der Ordinarius für Zoologie an der Universität Wien, Professor Dr. Paul Krüger, und der Ordinarius für Chirurgie an der Universität in Graz, Dr. Peter Wa lze n - Wiesentreu sind vom Bundeskanzleramt ihrer Ämter enthoben worden. Gegen sie ist ein Disziplinar­verfahren eingeleitet.

Wie di« ..Reichspost" dazu bemerkt, soll in beiden Fällen die Suspendierung wegen staatsfeindlicher Äuße­rungen erfolgt sein. Professor Krüger war der Leiter des Bundes der Reichsdeutschen in Österreich.

Kommt eine Welt'Währungs-Konferenz?

as. Berlin, 1. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die Unruhe verschwindet nicht aus der Welt. Eben erst hat Belgien die Abwertung seiner Währung hinter sich, schon folgt der Ansturm auf den Franken. Inzwischen aber sind bereits die Angriffe der Spekulation aus den Gulden und auf den Schweizer Franken abgeschlagen worden. Und nicht nur Europa hat feine Wirtschaftssorgen, sondern auch in den Ver­einigten Staaten von Amerika legt man sich die Frage vor, was eigentlich werden soll, nachdem der Oberste Staatsgerichtshos die NIRA-Gesetze für ver­fassungswidrig erklärt hat. Zwar wollen auch die schärfsten Gegner der NIRA-Eesetzgebung nicht die Verantwortung für eine völlige Vernichtung dieser Gesetze, die die Grundlage des gegenwärtigen amerika­nischen Wirtschaftslebens bilden, übernehmen, aber man ist sich klar darüber, daß schon einige wenige Außen­seiter die ganze Entwicklung gefährden können. Schon spricht man hier von der Möglichkeit von Riesenstreiks. Schon aber legt man sich hier auch die Frage vor, ob es nicht nötig und erforderlich ist, die Verfassung zu ändern, wenn eben diese Ver­fassung es dem Präsidenten nicht ermöglicht, sein Sanierungswerk fortzuführen. Die Unantastbarkeit der Verfassung ist zwar ein Glaubenssatz, der in Amerika von je mehr Gültigkeit gehabt hat, als in Europa, aber auch hier fragt man sich doch, ob nicht un­gewöhnliche Zeiten ungewöhnliche Mittel rechtfertigen.

In der französischen Kammerdebatte, die dem Sturz Flandins voranging, ist das Wort gefallen, daß Frank­reich einen Roosevelt gebrauche, obwohl ja gerade jetzt Herr Roosevelt auch festgefahren ist und man nun nach Mitteln sucht, um seinen Wagen wieder flott zu machen. Tatsächlich aber ist auch in Frankreich kaum jemand entschlossen, die notwendigen Folgerungen aus diesem Ruf nach dem Retter zu ziehen. Die Ang st vor der Diktatur ist ungeheuer, sie ist jedenfalls viel größer als die Vernunft. Da nun überdies noch in Jahresfrist in Frankreich gewählt werden muß, so will auch keine Partei irgend einem Teil der Bevöl-

Seltsamer Patriotismus.

Uns Deutschen erscheint heute die Flucht gewisser Eoldbesitzer aus ihrem' Heimatland ins benachbarte Ausland, wo sie ihre Goldschätze sicherer glaubten als daheim, schon fast unvorstellbar. Die nationalsozia­listische Erziehung — die mit strengen Strafen für den wirtschaftlichen Schädling nicht spart — hat es möglich gemacht, daß unser Volk es bereits für eine Selbstver­ständlichkeit hält, daß man sein Vermögen und seine Arbeitskraft dem Vaterlande nicht entzieht. Wir stehen fast ohne menschliches Verständnis vor den Vorgängen, die eben in Frankreich eine Panik der Besitzenden Her­vorrufen. Wenn wir nach dem Schlüssel zu dieser Hal­tung suchen, so erschließt uns eine kleine Bemerkung in einem langen feuilletonistischen gehässigen Artikel gegen den deutschen Rundfunk in der Pariser Zeitung „L'Jntransigeant" manches, was heute in der Seele des Franzosen vor sich geht. Der Schreiber vergleicht die deutsche nationalsozialistische Funkpropaganda mit den Möglichkeiten in Frankreich und kommt zu dem Schluß: „Wir Franzosen würden das nicht ertragen, wir sind^zu individualistisch, wir lehnen eine so weitgehende In­anspruchnahme durch den Staat ab."

Frankreich, das Land des „contrat social", des Vertrag-Staates, verträgt es nicht, daß der Staat in Notzeiten die individualistische „Freiheit des Selbstge­nusses" einschränkt. Der Franzose erträgt nur einen Staat, der ihm diese Freiheit garantiert durch „Sicher­heit". Der Staat hat für ben Bürger, den Citoyen der großen Revolution, zu sorgen, er hat die öffentliche Arbeit als Hüter der Gesetze zu leisten, über die Sicher­heit des Rentenbezuges zu wachen und sich im übrigen möglichst unsichtbar zu machen.

Erinnerungen an Gespräche mit einem südfranzösi­schen Großgrundbesitzer in den Jahren der großen Krise wachen immer wieder auf bei solchen Betrachtungen. Dieser ehemals reiche Mann erklärte mit sturer Unbe- lehrsamkeit: Es habe keinen Sinn zu leben, nur um zu arbeiten. Wenn man als gebildeter Mensch nicht mehr von seinen Renten leben könne, so sei das Leben ver­pfuscht. Kinder habe er sich nicht angeschafft, weil er diesen Kindern nicht so viel Rente würde hinterlassen können, daß sie sorglos leben könnten. Wenn sie das nämlich nicht könnten — so sei er überzeugt, daß sie Spekulanten und Verbrecher werden müßten ...(!)

Die Goldflucht aus dem Lande des Goldes wird physiologisch und moralisch erklärlicher, wenn man sich solcher Gespräche erinnert, die zwar von einem Sonder­ling geführt worden sein mögen, die aber doch in ihrem gedanklichen Kerne irgendwie einer allgemeinen Denk­weise entsprechen müssen.

Und weiter erinnert man sich aus solchen Gesprächen der ausgesprochenen Abneigung auch sehr deutschfreund­licher Franzosen gegen die deutsche Arbeitsmoral, gegen das Ethos der Arbeit, das unserem Volk im Blute liegt. Wozu Erneuerungen an Gebäuden durchführen, wenn man ohnedies besser leben kann? — Wozu sich neue Möbel kaufen, wenn man mit den alten noch aus­kommt? — Weshalb überhaupt arbeiten, um sich zu verbessern? — Solche merkwürdigen Sophismen konnte man immer wieder hören. Und jener kuriose Mann, von dem die Presse in diesen Tagen berichtete, der sich einen eigens dazu ausgebuchten Stahlkoffer bauen ließ, um per Flugzeug Goldbarren von Paris nach London zu schaffen, ' dürfte eine sinnbildliche Erscheinung für diese französische Menschenart sein. Hier wird etwas zur Narrheit, was als Wunschtraum in einem ganzen Volke lebt. Und hören wir dann in den französischen Zeitungen immer wieder die Erklärung des französi-

Sangiprtife: Für eine Bezugszeit von 2 Wochen 94 Rpf., für einen Monat RM. 2.—, ein- schließlich Traglohn. Durch die Post bezogen RM. 2.35, zuzüglich 42 Rpf. Bestellgeld, Einzel- nummern 10 Rpf. — Bezugsbestellungen nehmen an: der Verlag, die Ausgabestellen, die Träger und alle Postanstalten. — In Fällen höherer Gewalt oder Betriebsstörungen haben die Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung des Blattes oder auf Rückzahlung des Bezugspreises.

Anzeigenpreise: Ein Millimeter Höhe der 22 Millimeter breiten Spalte im Anzeigenteil Grund- preis 6 Rpf., der 85 Millimeter breiten Spalte im Tertteil 45 Rpf., sonst laut J-ortf Nr. 3, Nachlaßstaffel C. — Für die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Platzen wird keine Gewähr übernommen. — Schluß der Anzeigen »Annahme 10 Uhr vormittags. Größere Anzeigen müssen spätestens einen Tag vor dem Erschemungstage aufgegeben werden.

kerung Opfer auferlegen, — um die man nun doch ein­mal nicht herumkommt, wenn man den Haushalt sanieren will, — um ja keinen Wähler zu verlieren. Aber auch keine der Parteien will offenbar der anderen den Ruhm gönnen, die Rettung vollbracht zu haben. Wenn schon autoritär regiert werden muß — und daß es so wie bisher nicht weitergsht, darüber ist man sich wohl überall klar — so kann die Linke nicht ge­statten, daß die Rechte autoritär regiert und beide zusammen wieder halten es für ganz unmög­lich, der Mitte solche Vollmachten einzuräumen. War im Jahre 1926, als es galt, den Franken zu stabilisieren, PoincarH der Retter in der Not, so fehlt int heutigen Frankreich ein Mann, dem man bereit wäre, Vollmach­ten zu übertragen, oder der bereit wäre, sich diese Voll­machten zu erkämpfen. Wenn etwas geeignet ist, die Reformpläne Doumergues zu rechtfertigen, so ist es die gegenwärtige Krise in Frankreich, die wieder einmal zeigt, wohin der Parlamentarismus schließlich führt.

Wenn es auch klar ist, daß durch solche innenpolitische Dinge die Krise verschärft und die Gesundung aufge­halten wird, so wird doch andererseits in neuerer Zeit wieder die Frage aufgeworfen, ob nicht eine Welt - Währungskonferenz Abhilfe und Besserung schaffen könnte. Man erinnert sich, daß die Londoner Weltwirtschaftskonferenz im Juli 1933 theoretisch nur vertagt wurde. Hier also, so meint man, könnte wieder angeknüpft werden. In Völkerbundskreisen überlegt man sich weiterhin, was geschehen müßte, wenn ein solcher Antrag an den Vorsitzenden -der Weltwirtschafts- konserenz gestellt würde. Aber alle diese Überlegungen sind doch wohl recht theoretischer Natur. Die Engländer haben offenbar gar keine Neigung zu einer solchen Konferenz, für die nach ihrer Ansicht die Zeit noch nicht gekommen ist. Man ist auch 'beute int ganzen wohl weniger konferenzgläubig und so sind alle Mel­dungen über angebliche Konferenzpläne kaum anders zu werten als Versuchsballons. Auch die Franzosen werden nicht darum herumkommen, zunächst einmal Ordnung in ihre Finanzen zu bringen und selbst für ihre Wirtschaft zu sorgen.

Um Franken und NJRA.

Unruhige Welt. — Berfassungsreforin in USA.? — Die Furcht vor der Diktatur.

Nervöse Pariser Stimmen zum Luftpakt-Problem.

Paris, 1. Juni. (Eigene Drahtmeldung.) Trotz her Regierungskrise in Frankreich beschäftigen sich einige größere Pariser Zeitungen mit der englischen Unterhausdebatte und dem Lustpaktproblem.

Der Außenpolitikcr des „Echo de Paris" behauptet, Deutschland suche die sogenannte Stresa- sront zu schwächen und in England fänden die Kassan- dra-Rufe Winston Eh u r ch i l l s und des Generals Spears nicht genügend Gehör. Eine Sonderverhandlung über den Luftpakt möge noch hingehen, aber dieser und der Donaupakt müßten gleichzeitig unterzeich­net werden. Wenn es den Deutschen gelänge, mit Eng­land ein Flottenrüstungsabkommen zu schließen, dann würde sich das Londoner Kabinett damit noch mehr von Frankreich und Italien entfernen. Es werde wohl nicht dazu kommen, daß man durch einen westlichen Luftpakt Frankreich von

Osteuropa w e g i s o l i e r e. Allerdings sei England zur Aufrüstung entschlosien, aber durch willkürliches Zögern und Schwanken nehme der englische Premierminister dieser Auf­rüstung ihre Präoentiowirksamkeit.

Das „Oeuvre" erklärt, das Foreign Office scheine sehr wohl zu begreifen, daß die europäischen Länder in eine Zeit diplomatischer Manöver und Gegenmanöver eintreten. Deutschland suche Zeit zu gewinnen, England von Frankreich wegzulotsen und Italien wieder zu einer Deutschland gün­stigeren Haltung zu bestimmen. 2m übrigen erklärte das Blatt, daß Deutschland den franzöfisch-ruffischen Vertrag als mit Locarno unvereinbar scharf angreife.

Der „Figaro" erklärt, die Haltung Deutschlands selbst werde den Druck, der von der Stresapolitik ausgehe, regeln. Als Kriterium für den Friedenswillen Deutschlands nennt das Blatt den Ostpakt.

Die „Republique" schlägt vor, Frankreich möge bedingt auf Luftpaktverhandlungen eingehen, deren Ergebnis aber in der Schwebe bleiben müße, bis die französischen Forde­rungen erfüllt seien.

Die Entscheidung der Schweiz über die Krisen-Jnitiative.

Dolksabstimmung über ein sozialdemokratisches Experiment.

as. Berlin, 1. Juni. (Dralstbericht unserer Berliner Ab­teilung.) Am Sonntag steht die Schweiz wieder einmal rm Zeichen der Volksabstimmung und zwar einer Abstim­mung die weit über die Schweizer Grenzen hinaus inter­essiert. Es handelt sich um die Entscheidung über die sogen, sozialdemokratische Kriseninitiative, deren wesentlicher Punkt in der Forderung besteht, daß in der Bundesver­fassung zunächst auf 5 Jahre die Bestimmung festgelegt wer­den soll, nach der der Bund den Lohn- und Preisabbau be- kämpst und einen Lohn- und Preisschutz zur Siche­rung eines genügenden Arbeitseinkommens zu gewähren hat. Zur Finanzierung dieser Maßnahme so­wie zur Arbeitsbeschaffung und Entschuldung landwirtschaft­licher und gewerblicher Betriebe sollen Anleihen, Prämien- gbligationen und laufenden Einnahmen dienen. Die Sozial­demokraten machen sich die Dinge recht einfach, denn sie haben nicht einmal den Versuch gemacht, eilte Kostenberech­nung dieses staatssozialistischen revolutionären Experiments zu ttefern. Das starke Interesse ist naturgemäß darauf zu­rückzuführen, daß dieser Plan der roten Führer die Durch­bruchsschlacht zum Sozialismus bedeuten soll, dann aber darin, daß die Annahme der Krifeninitiative als Bereitschaft der Schweizer zur Abwert ungdes Fran­kens gedeutet werden würde. Bon bürgerlicher Seite wird der Antrag mit aller Energie bekämpft und es ist immer wieder betont worden, mit welcher Leichtfertigkeit unter sozialistischer Führung das Volk in ein unübersehbares Wirtschafts- und Finanzabenteuer gelockt wer­den soll. A"ch vom Finanzdepartement wird darauf ver­wiesen, daß im Augenblick die Aufnahme einer Anleihe so gut wie unmöglich sei.

Das unruhige Österreich.

Amtsmüder Minister?

Wie«, 31. Mai. Wie zuverlässig verlautet, haben Land- wirtschastsminister Reither und der Staatssekretär für Arbeite rschutz im Sozialministerium, Eoßhauer.^am Donnerstagabend ihren Rücktritt angeboten. Frei- lagmittag trat «in Ministerrat,zusammen, um sich mit der dadurch geschaffenen Lage zu befassen. Ob der Rücktritt an- genommen wird, erscheint noch zweifelhaft, zumal der