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Nr. 147.
Samstag, 1. Juni 1935.
83. Jahrgang.
Die Luftpakt-Berhandlungen.
Erklärungen Simons und Edens. — Drei englische Forderungen: Luft-Locarno, Begrenzung der Luftstreitkräfte, Verbot des wahllosen Bombenabwurfes.
Blick in die Welt.
In immer stärkerem Mage zeigt sich, wie Freie sehr die große Rede des Führers die Welt- Verhand- Öffentlichkeit beeinflußt hat. Rach Baldlungen. win hat auch Mussolini erklärt, daß man die Gedanken und Vorschläge des
Das neue französische Kabinett
Wem Erdbeben in WMMWn.
Lustlocarno und
Die Äußerungen der englischen Staatsmänner in der letzten Zeit lassen keinen Zweifel daran, daß England
von Ribbentrop
zu« außerordentlichen Botschafter in besonderer Mission ernannt.
Berlin, 31. Mai. Der Führer und Reichskanzler hat den Beauftragten für Abrüstungsfragen von Ribbentrop zum außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter in besonderer Mission ernannt.
überwachen. Aber im ganzen waren doch die Erklärungen der englischen Staatsmänner auf einen opti- m i st i s ch e n Ton gestimmt. So hat auch Simon erklärt, daß man sich jetzt ohne Zweifel schnell einem Punkte nähere, an dem es erwünscht ist, einen intimeren und zusammenhängenderen Gedankenaustausch vorzunehmen. Diese Worte legt man in London dahin aus, daß die englische Regierung zunächst eine Besprechung der Sachverständigen und anschließend eine Konferenz für zweckmäßig erachte. So glaubt man in England die Weiterentwicklung dahin umreißen zu können, daß zunächst die diplomatische Aussprache fortgesetzt wird. Werden in dieser Fühlungnahme zwischen den Kabinetten weiterhin günstige Ergebnisse erzielt, dann dürfte wohl eine Besprechung der Sachverständigen das nächste sein und schließlich würde diesen Besprechungen solche politischer Art und eine Konferenz folgen. Inzwischen aber wird England, darüber wurde auch gestern gar kein Zweifel gelassen, seine Luftrüstungen durchführen.
Im ganzen kann man also aus den gestrigen amtlichen englischen Erklärungen entnehmen, daß nach der Rede des Führers und nach der Übermittlung des deutschen Vorschlages zum Luftpakt diL Dinge wieder in Fluß gekommen sind. Mit einer allzu schnellen Entwicklung wird man freilich nicht rechnen können. Einmal handelt es sich, um sehr komplizierte Fragen, zum anderen aber auch bringen der Kabinettswechsel in Frankreich wie auch die bevorstehende Regierungsumbildung in England selbst gewisse Verzögerungen mit sich.
Führers prüfen müsse. Andere Politiker, deren Namen einen guten Klang haben, sind mit der Forderung hervorgetreten, daß man schleunigst in Verhandlungen eintreten müsse, und wenn sich in Frankreich Stimmen erheben, die ängstlich fragen, ob denn auch die Front von Stresa wirklich heute noch bestehe, so zeigt sich auch darin die starke Wirkung der Hitler-Rede, die Erkenntnis, daß doch eine leichte Auflockerung der Fronten eingetreten ist. Man wäre versucht, die gegenwärtige Lage mit dem Faustwort zu charakterisieren: „Vernunft fängt wieder an zu sprechen, und Hoffnung wieder an zu blühen." Nur darf man daraus nicht schließen, daß gleich morgen Erfolge sichtbar werden. Zunächst einmal muß die Periode der Rückfragen, die Periode der Prüfung durchlaufen sein, ehe man zu einer Auswertung gelangen kann. In dieser Hinsicht aber erscheinen uns die Worte sehr bemerkenswert, die die „Deutsche diplomatisch-politische Korrespondenz", deren Beziehungen zur Wilhelmstraße ja bekannt sind, veröffentlicht. „Wenn der italienische Regierungschef", so schreibt dieses Organ, „die Ansicht äußerte, daß die mit Spannung erwarteten deutschen Vorschläge weder als Ganzes angenommen, noch als Ganzes abgelehnt werden dürften, daß es vielmehr die Aufgabe der europäischen Diplomatie sein sollte, diese Vorschläge zu verwerten und zu vertiefen, um so zu Verständigungsmöglichkeiten zu gelangen, so entspricht diese Auffassung durchaus dem, was von deutscher Seite beabsichtigt war und hier als allein richtig angesehen wird. Es liegt jedenfalls im Interesse der guten Sache, einen Weg einzuschlagen, der bei Prüfung und Auswertung aller nützlichen Anregungen ein schrittweises VormLrtr- fommen gestattet, nachdem sich die Unzweckmäßigkeit der Methode, auf der Pauschalannahme eines Höchstmaßes von als unteilbar erklärten — möglichen und. unmöglichen — Forderungen zu bestehen, zur Genüge erwiesen hat. Die Äußerungen Mussolinis könnten jedenfalls zu dem Schluß führen, daß sich die deutsche und die italienische Auffassung in dieser Hinsicht auf einer Linie begegnen, wie sie bereits in London unter dem Stichwort „freie Verhandlungen" als Marschroute für das europäische Friedenswerk aufgestellt wurde, die dann aber in der Folgezeit allzusehr in Vergessenheit geraten bezw. manövriert worden ist. Damit ist hier nochmals der Weg gewiesen, der allein zum Ziele führt.
Frankenjorgen. nach der Hitler-Rede gewillt ist, die Frage des Luftlocarnos in den
Vordergrund zu schieben und damit, wie schon mehrfach betont wurde, auch in dieser Hinsicht — und nicht nur in bezug auf die „freien Verhandlungen" — zum Londoner KommuniquS vom 3. Februar zurückzukehren. Dabei sieht man in England das wesentliche des Hitler-
6tigere Fühlungnahme zwischen den Mächten.
as. Berlin, 1. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die gestrige außenpolitische Aussprache im englischen Unterhaus mit den Reden Sir John Simons und Edens hat zwar keine Sensation, wohl aber die Bestätigung gebracht, daß die Dinge sich dank der Fllhrerrede weiter entwickeln. England hat den vom Führer und Kanzler verfochtenen Gedanken ausgenommen, daß man sich auf das Erreichbare konzentrieren müsse und daß man nicht zu viel auf einmal erstreben dürfe. Dieses Erreichbare ist aber auch für die Engländer der Luft- p a k t. Auch haben sich Simon und Eden nur mit diesem Thema beschäftigt, doch erfährt man gleichzeitig aus englischen Meldungen, daß die auf andere Teile der Rüstungsfragen bezüglichen Erklärungen des Führers z. Zt. von den englischen Sachverständigen geprüft werden, die dann dem Kabinett berichten.
Hinsichtlich des Lustpaktes bestätigt die Rede Simons sozusagen amtlich, daß England das Inkrafttreten des Luftpaktes nicht nur davon abhängig machen will, daß gleichzeitig die anderen im Londoner Kommunique vom 3. Februar aufgezählten Fragen gelüst werden. Es soll sich aber auch nicht um einen einfachen Luftpakt handeln, sondern dieses sogen. Luft- Locarno soll verbunden sein mit einer Vereinbarung über die Begrenzung der Luftstreitkräfte. Als dritter Punkt kommt hinzu die Ächtung des wahllosen L u ft bo mb ar b e m en t s, das heißt, es soll der Bombenangriff auf die Zivilbevölkerung verboten werden, wie dies Hitler in seiner großen Rede forderte. Dieser letzte Punkt soll offenbar in einem besonderen Abkommen geregelt werden.
Der englische Außenminister hat sich über die -bisherige Fühlungnahme zwischen den Mächten über diese drei Teile eines Luftabkommens verhältnismäßig zuversichtlich geäußert. Gewiß hat Eden nochmals auf die Schwierigkeiten hingewiesen, die noch zu überwinden sind, wobei er besonders darauf aufmerksam machte, daß es nicht leicht sein würde, die Durchführung der Bestimmungen über die Begrenzung der Luftstreitkräfte zu
Arbeit: Frossard, Abgeordneter (Sozialist).
Pensionen: Perfetty, Abgeordneter (Rckdrkal- sozialist).
Eeiundheitswesen: Ernest Lafont, Abgeordneter (Sozialist).
Post: Mandel, Abgeordneter (Unabhängig).
Unterstaatssekretär bei der Ministerpräsidentschoft: Cathala, Abgeordneter (Radikale Linke).
Die Liste Bouissons.
Paris, 1. 3um. Ministerpräsident Bouisson wird sich am Samstag um 11 Uhr ins Elys« begeben, um dem Präsi- fceniten der Republik, Lebrun, sein Kabinett vorzustellen. Die Verordnungen über die Ernennung der neuen Kabi- neitsmitglieder werden im „Journal" offiziell vom Sonntag erscheinen. Das Kabinett Bouisson wird sich am Dienstagnachmittag der Kammer vor st eilen.
Ministerpräsident Bouisson hat im Laufe der Kabinettbildung dem Abgeordneten Franklin-Bouillon einen Posten als Staatsminister angeboten. Franklin-Bouillon lehnte diesen jedoch ab und zwar mit dem Bemerken, daß er im Lande seinen Feldzug für die nationale Einigung fortsetzen wolle.
Tas Kabinett setzt sich folgendermaßen zusammen:
Ministerpräsident und Inneres: Fernand Bouisson (Parteilos).
Staatsminister: Caillaux, Senator (Radikalsozialist), Herriot, Abgeordneter (Radikalsozialist), Louis Morin, Abgeordneter (Repl. Dem. Verein.). Marschall P 61 a i n.
Auswärtiges: Laval, Abgeordneter (Unabhängig).
Justiz: Pernot, Abgeordneter (Repl. Sozial. Verein.).
Krieg: General Maurin.
Kriegsmarine: Pie tri, Abgeordneter (Linksrepublikaner).
Luft: General Sena in.
Handel: Laurent-Eynac, Abgeordneter (Radikale Linke).
Finanzen: Palmade, Abgeordneter (Radikalsozialist).
Nationale Erziehung: Mario R o u ft a n d, Senator, (Radikalsozialist).
Öffentl. Arbeiten: Paganon, Abgeordneter (Radikal- sozial ist).
Kolonien: Louis Rollt», Abgeordneter (Radikale Linke).
Die Städte Quetta und Kalat fast vollständig zerstört.
Tausende von Toten.
ctmln, 31. Mai. Die Hauptstadt von Britisch-Belutschi- stan, Quetta, die ein wichtiger eisenbahntechnischer und militärischer Knotenpunkt ist, wurde in den frühen Morgenstunden des Freitags von einem schweren Erdbeben heimgesucht. Das erste Beben wurde um 2.45 Uhr Ortszeit verspürt. Nach den jüngsten Meldungen ist nahezu die ganze Stadt Quetta dem Erdboden gleichgemacht.
Nachdem die erste Schätzung bereits von 1000 Toten in der Hauptstadt Quetta sprach, werden jetzt etwa 5000 Tote in dem 25 Kilometer von Quetta liegenden Ort Mustang gemeldet. Eine unbestätigte Zeitungsmeldung spricht von 30 000 Toten. Biersiinftel der Bevölkerung soll getötet worden fein. In Quetta sind sämtliche Flughallen der dortigen britischen Luststreitkräfte eiagestürzt, wobei 43 Fliegersoldaten getötet und 2 6 Flugzeuge von insgesamt 30 zerftort wurden. Durch den Einsturz des Telegraphenamtes ist jeder Telegraphenoerkehr unterbunden und es wurde ein drahtloser Notdienst eingerichtet. Die Mehrzahl der Bahngebäude ist ebenfalls etn= gestürzt. Die vom Erdbeben betroffenen Gebiete find unbewohnbar geworden.
Die Behörden sind eifrig mit der Durchführung von
Rettungsarbeiten, der Entsendung von Hilfszügen und Flugzeugen mit Proviant und Arzneimitteln beschäftigt.
Auch in anderen Bezirken der Provinz wurden schwere Erschütterungen verspürt, doch liegen Verlustmeldungen noch nicht vor.
In einer amtlichen Meldung des britischen Luftfahrtministeriums wird von schweren Verlusten an Menschen gesprochen. Außer den 4 3 Angehörigen der an der Nordwestgrenze liegenden Luststreitkräfte ist ein Beamter der politischen Abteilung mit seiner Familie ums Leben gekommen. 20 bis 30 Flieger werden noch ve r mig t.
Der König von England Hal an den Vizekönig von Indien und an den Luftfahrtminister Beileidstelegramme gerichtet.
Nach weiteren Meldungen liegt das Erdbebenzentrum zwischen der fast völlig zerstörten Stadt Quetta und der weiter südlich liegenden Stadt Salat, die ebenfalls in einen Trümmerhaufen verwandelt worden ist. Die Stadt Quetta hat 34 000 Einwohner. Sie liegt etwa 1800 Meter über dem Meeresspiegel. Quetta ist ein bedeutender Handelsplatz und gilt als wichtiger militärischer Stützpunkt an der Nordwestgrenze zum Schutz des Bolapasses, durch den die stragetische Eisenbahn von Quetta nach dem Snbustal geht.
