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Nr. 145.
Mittwoch, 29. Mai 1935.
83. Jahrgang.
Deutsch - englische Flottenbesprechungen.
von Ribbentrop deutscher Delegationsführer.
Beginn am 4. Juni in London.
Berlin. 28. Mai. Wie verlautet, ist im Einvernehmen mit der königlich britischen Regierung der Beginn der vereinbarten Flottenbesprechungen zwischen Deutschland und England auf Dienstag, den 4. Juni, in London festgesegt worden. Die deutsche Delegation, die unter der Führung des Beauftragten der Reichsregierung für Abrüstungsfragen, von Ribbentrop, steht und der von der Marineleitung Konteradmiral Schuster, der deutsche Marine- attach^ in London, Kapitän z. S. Waßner, sowie Korvettenkapitän von Kiderlen angehören werden, wird sich Ende dieser Woche nach London begeben.
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Wie aus der vorstehenden halbamtlichen deutschen Meldung hervorgeht, beginnen die von englischer Seite schon unlängst angekündigten deutsch-englischen Flottenbesprechungen nunmehr am Dienstag, den 4. Juni. Ziel und Zweck dieser Verhandlungen hat der Führer in seiner großen Reichstagsrede am 21. Mai klar umrissen. Auch zur See beabsichtigt Deutschland nicht, sich eine Angriffswaffe zu schaffen, wie ja überhaupt immer wieder betont werden muß, daß die deutschen Rüstungen zur Luft, zu Lande und zur See nicht eine mindeste Bedrohung irgendeiner Macht darstellen. Genau wie zur Luft und rote zu' Lande, so gilt es aber auch zur See,
die V er te idig ung Dentschla nds sicherzull e l l e n. Es handelt sich also auch hier um eine For- berung, die sich ganz zwangsläufig aus der Sorge um Deutschlands Sicherheit und ebenso aus der Gleichberechtigung Deutschlands ergibt. Dieser Anspruch wird von deutscher Seite aus nicht im Sinne eines Rüstungswettstreites betrieben werden, sondern nach den Erfordernissen einer wirklichen Sicherheit, wie denn der Kanzler ja ausdrücklich betont hat, daß Deutschland nicht die Absicht, noch die Notwendigkeit, noch das Vermögen habe, in irgendeine Art von Flottenrivalität einzutreten. Er hat darüber hinaus sehr nachdrücklich betont, daß er alles tun werde, um eine Wiederholung des bisher einzigen Kampfes zwischen den beiden st a mme s verwandten Nationen, Deutschland und England, für immer zu verhindern. Das bürgt den Engländern dafür, daß die bevorstehenden Verhandlungen von deutscher Seite in wahrhaft freundschaftlichem Geiste geführt werden und daß die maßvollen deutschen Ansprüche, die sich aus der Sorge um unsere Sicherheit ergeben, nirgends mit den englischen Seeinteressen kollidieren, hat doch auch der Führer in seiner großen Rede, die besonderen maritimen Bedürfnisse Englands und die Lebenswichtigkeit einer über die Verhältnisse der anderen Staaten hin- ausgehenden britischen Seerüstung unumwunden anerkannt. So dürfte ohne weiteres erwartet werden, daß man auch in England das nötige Verständnis für die deutschen Erfordernisse und die deutschen Pläne aufbringen wird.
Der Franken in der Krise.
Heraufsetzung des Diskontsatzes in Frankreich auf 6 v. H.
Panikartige Goldflucht nach England.
Die Bank von Frankreich zum Äußersten entschlossen.
Paris, 28. Mai. Die Bank von Frankreich hat beschlossen, ihren Diskontsatz von 4 auf 6 v. H., den Lombardsatz von 5% auf 7 v. H., den Zinssatz für Vorschüsse auf Wertpapiere von 4% auf 6y, v. H. und den Zinssatz für monatliches Geld von 4 auf 6 v. H. heraufzusetzen.
Die neuen rigorosen Maßnahmen der Bank von Frankreich zur Verteidigung des Frankens und zur Eindämmung des Goldabflusses werden in einer Auslassung der Agentur Sanas als logische Etappe eines klassischen Prozesses gegen die Angriffe der Spekulation bezeichnet. Die halbamtliche Agentur deutet an, daß die Bank von Frankreich dabei nicht halt machen werde. Die Bank von Frankreich und die Regierung würden alle Maßnahmen treffen, die sich für die Unantastbarkeit der französischen Währung als dienlich erweisen wurden.
Devisenspekulation und Nervosität
London, 29. Mai. Die englische Presse meldet, daß am Dienstag eine panikartige Goldflucht von Frankreich nach England stattgefunden habe. Im Laufe des Tages seien fünf Tonnen Barren Gold im Werte von 1 250 000 Pfund Sterling auf dem Luftwege von Le Bourget nach Croydon befördert wovden. Selbst private Fahrgäste hätten Goldmünzen und goldene Schmucksachen in ihrem Gepäck mit sich geführt. Der Postdampfer von Bou- logne nach Folkestone habe eine Goldladung im Werte von einer halben Million Pfund gebracht. An Bord hätten sich Hunderte von Franzosen befunden, die eigens nach England gefahren seien, um ihre Franken in Sterling umzutauschen. Mehrere in den nächsten Tagen nach den Bereinigten Staaten fahrende Dampfer würden ebenfalls große Ladungen französischen Goldes an Bord haben. Die ersten dieser Eold- feudungen werden mit dem neuen französischen Riefendampfer „Normandie" erfolgen, der heute seine Jungfernreise nach New Bork antreten werde.
V6T Wegen des Himmelfahrtstages erscheint die nächste „Tagblatf-Ausgabe am Freitag.
Begriffsverwirrung in Frankreich.
Folgen des Sowjetbündnisses.
Man liest in der großen Pariser Zeitung „Le Teinps" — die der französischen Regierung mindestens nahesteht — eine Betrachtung des bekannten Publizisten Wladimir d'Ormesson über die Verwirrung der Begriffe im französischen politischen Leben durch die Widersprüche, die entstanden durch das Bündnis mit den Sowjets einerseits und durch die gleichzeitige Bekämpfung der Kommunisten im eigenen Lande andererseits; — man lieft diese klugen und von ernster Sorge diktierten Ausführungen und stellt dann doch mit größter Verwunderung fest, was ein so kluger Politiker sich unter der Zukunft vorstellt.
d'Ormesson sieht mit Sorge und innerem Abscheu auf die liefe „geistige Unredlichkeit", die durch die demagogische Verdrehung der politischen Begriffe gegenwärtig in Frankreich um sich greift. Er weist darauf hin, daß Dieselben Sowjets, die doch den französischen Kommunisten, der Lront commun“, das Programm gaben, daß diese Moskauer Sowjetleute heute der bündnisfrohen französischen Regierung «Mären: „Glauben Sie wirklich, daß wir mit diesen Schreiern, Ihren Kommunisten, etwas gemein haben?" Und wenn diese kommunistischen Schreihälse in Paris verkündeten: „Wir sind Defaitisten und Kriegsdienstverweigerer!" — dann komme aus Moskau das Echo: „Und wir erziehen unsere Jugend zur Wehrhaftigkeit und zu: nationalen Selbstbehauptung!" Wohin führt das?, fragt d'Ormesson. Und nun beginnt er, Rechenschaft zu fordern von seinen Franzosen darüber, was sie sich unter dem Kampf gegen Kommunismus und Bolschewismus einerseits und Faschismus andererseits vor- stellen. Wie könnten denn dieselben Kommunisten, die dem Zwangssystem der Bolschewisten zujubelten, es sich herausnehmen, gleichzeitig gegen den Faschismus und für die echte alte französische Freiheit" zu demonstrieren? Diese Freiheit sei doch das Privileg der konservativen Rechten Frankreichs! Er meint damit ausdrücklich den alten Liberalismus, als den Hüter der individuellen Freiheit, des Kapitalismus und aller Tugenden der „Bourgeoisie". Man müsse es der äußersten Linken bestreiten, daß sie die Fahne der Freiheit trüge. Aber wenn jemand in Frankreich zum Kampfe gegen den „Faschismus" auf rufen dürfe, so sei das wiederum nur jener „konservative" Liberalismus.
Und dann stößt d'Ormesson seinen Warnungsruf aus gegen die Verwirrung der Begriffe, gegen die Verfälschung der politischen Werte. „Hütet euch vor der Unordnung des Geistes! Nichts ist gefährlicher als die Mißverständnisse, die daraus entstehen!"
Dieser Aufschrei eines gebildeten und klugen Franzosen von Ruf und Rang beweist, baß man drüben in Frankreich in den Kreisen, die bisher bas Schicksal der französischen Nation bestimmten und ihr geistiges Gesicht formten bezw. dessen Form wahrten, keineswegs begriffen hat, was gegenwärtig in der Welt vor sich geht. Man steht mit erhobenen Händen beschwörend vor den Tatsachen, die «ine ganz andere Sprache reden:
Eden oder Sir Samuel Hoare?
der Sparer.
Paris, 28. Mai. Die Spekulation gegen den Franken scheint trotz der Abwehrmaßnahmen der Bank von Frankreich in unverminderter Stärk e anzu- balten. Die Finanzzeitschrist „Le Capital" schreibt, die Manöver gegen den Franken seien am Montag unvermindert lebhaft gewesen. Sie hätten ihren Ausdruck gesunden in einer verstärkten Nachfrage nach Devisen und in entsprechenden Kurserhöhungen, in Terminkäufen von Devisen, im AnhäufenvonGoldmünzenmit außerordentlichem Aufgeld und Nachfrage nach ausländischen Wechseln. Das Blatt stellt mit Bedauern fest, daß nicht nur das Ausland gegen den Franken spekuliere, sondern ost auch in Frankreich selbst heftige Angriffe auf den Franken zu bemerken seien. Diese äußerten sich vor allem darin, daß die nervös gewordenen Geldbesitzer auf sogenannte sichere Werte sich stürzten.
Die Nervosität scheint sich aber nicht nur auf die Gruppe der Kapitalisten zu beschränken. Die Gerüchte über eine mögliche Frankenabwertung, die Abwehrmaßnahmen der Bank von Frankreich und die Meldungen über die Eoldab- abgaben der Bank von Frankreich beginnen die kleinen Sparer in Bewegung zu bringen. So berichtet „Paris Midi", daß die Sparkasse von Paris in der Zeit vom 20. bis 25. Mai 9 Millionen Franken hat auszahlev müssen. Das Blatt bestätigt, daß am Montag für 1,1 Milliarden Franken Gold die Bank von Frankreich verlassen hat. Als Gegenwert erhalte die Bank Papiergeld, bas somit der Zirkulation und der wirtschaftlichen Betätigung entzogen werde.
Das Rätselraten um die Person des neuen englischen Außenministers.
a*- Berlin^ 29. Mai. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In England ist das Interesse für die nun- metjr für den 7. Juni angekündigte Kabinettsumbildung außerordentlich groß. Es werden bereits Wetten abgeschlossen und Das Blatt „Daily Expreß" setzt vier Preise im Werte von 10 bis 100 Pfund aus für die beste Voraussage über die endgültige Minister- lifte. Vor allem geht das Rätselraten weiter, wer das Außenministerium übernehmen wird. Für Eden wird geltend gemacht, daß er eben erst in Genf einen fd)r beachtenswerten Verhandln ngs erfolg errungen bähe. Für den anderen Kandidaten, den gegenwärtigen Minister für Indien, Sir Samuel Hoare, der gestern vom König in Audienz empfangen wurde, wird ins Feld geführt, daß er mit großem Geschick und außerordentlichem Takt das indische Reformgesetz im englischen Unterhaus vertreten habe. Sehr kennzeichnend ist im übrigen, daß die Franzosen ihre Wünsche für die englische Kabinettsumbildung anmelden, ohne freilich ihr« Kandidaten
besonders zu bezeichnen. Immerhin schreibt der „Temps", daß die Kabinettsumbildung zwar eine innerenglische Angelegenheit fei, daß Frankreich aber für sich das Recht in Anspruch nehme, zu wünschen, daß Männer berufen würden, die den Beweis ihrer klaren Einsicht in die internationale Verantwortung Englands geliefert hätten. Daß dieser französische Wunsch vor allem auf das Außenministerium zielt, liegt auf der Hand.
Im übrigen beweisen die letzten Äußerungen der maßgebenden englischen Männer, daß für die englische Außenpolitik nach der Rede Hitlers die Frage des Luft-Locarnos in den Vordergrund gerückt ist. Auch der Unterstaatssekretär im englischen Luftfahrtministerium bezeichnet diesen Pakt als die einzige Hoffnung, «in Wettrüsten in Dy Luft zu vermeiden. Da sich auch Baldwin, der kommende Ministerpräsident, in diesem Sinne äußerte und somit die Rückkehr zum Londoner Kommunique vom 3. Februar vollzog, so wird diese Linie jedenfalls fortgeführt werden, gleich wie auch immer der kommende englisch« Außenminister heißen mag.
