Wiesbadener Sagblatt
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Nr. 140.
Freitag, 24. Mai 1935.
83. Jahrgang.
5)k Umbau Der
Konferenz der britischen und Dominien-Minister
„Daily Expreß" meldet sogar, daß ein derartiger Beschluß angenommen worden sei. Wahrscheinlich werde die Körperschaft.aus den Unterkommissaren der Dominions bestehen. Die Dominion-Vertreter hätten deutlich gemacht, daß sie in Fragen der Außenpolitik mehr mitzureden wünschten. Kabinetts- und Dominions-Minister hätten einen günstigen Eindruck von Hitlers Rede.
Die radikalsozialistische „Republique" schreibt, daß weder das gerechtfertigte Mißtrauen Frankreichs noch die nicht weniger gerechtfertigte Abneigung des Generalstabe--, die Feststellung verhindern könnten, daß es in der Rede des Führers Grundlagen für interessante Verhandlungen geb«.
Entspannung.
Die Rede des Führers und Reichskanzlers hat in der ganzen Welt — man Larf dies ahne Übertreibung und Optimismus feststellen — ein gewaltiges Echo gefunden und im großen und ganzen eine Aus- nah mebereitschaft, die zeigt, daß in der gespannten Atmosphäre, die äußerlich zumeist wie eine Kriegspsychose empfunden wurde, vielleicht zu einem größeren Teil wahre und tiefe Sehnsucht nach dem Frieden steckt. Die Befürchtung und Warnung, welche die Londoner „Times" vor der Rede dahin ausdrückte, daß ihre Wirkung durch eine gewisse Agitation dec internationalen Propaganda verhindert werden könnte, teils indem man die Aufrichtigkeit deutscher Erklärungen von vornherein in Zweifel zog, teils unsinnige Er-- wartungen aufstellte, um die psychologische Voraussetzung einer Enttäuschung zu schaffen, haben sich nicht bewahrheitet. Zweifellos sind solche Kräfte am Werke gewesen, aber der glückliche Ton, den Adolf Hitler gefunden, die tatsächliche und überzeugende Bedeutung seiner praktischen Vorschläge und die rückhaltlose Offenheit, mit der er auch Negatives in versöhnlichem Tone aussprach, all das hat seine Wirkung nicht verfehlt. So ist das Echo, auf das nicht nur wir in Deutschland, sondern alle angstvoll wartenden Völker gespannt gelauscht haben, wenn auch in verschiedenen Nuancen und mit den natürlichen Interessenvorbehalten einzelner Länder, freundlich und fürs erste dazu angetan, eine internationale Diskussion zu eröffnen, aus der alte Gehässigkeiten und Verdrehungen ausscheiden müssen, einfach deshalb, weil sie die Welt nicht mehr verträgt.
Es ist zunächst mehr interessant als wichtig, die Abstufungen festzustellen, in denen uns diese positive Haltung der Weltöffentlichkeit entgegentritt. Den stärksten Grad dieser bejahenden Haltung scheint uns • England aufzuweisen, von wo ja auch der Ruf an Deutschland und den Führer ergangen war, durch einen positiven Beitrag die Versteifung der diplomatischen Lage zu lockern und so England die Möglichkeit zu geben, seine Vermittlerrolle zur Festigung des europäischen Friedens mit besserem Erfolge als bisher weiterzuführen. Wenn in England sich bis zur Rede des Kanzlers die beiden Richtungen die Waage zu halten schienen, von denen die eine die Rückkehr Europas in ms System der Allianzen und damit in die Kriegsgefahr als unabwendbar _ betrachtete und die Stellung Englands in diesem Systenk gegen Deutschland festlegen wollte, während die andere, an der letzten Verantwortlichkeit Englands für eine friedliche Lösung der europäischen Fragen in Gemeinschaft mit Deutschland festhielt, so kann heute mit Befriedigung festgestellt werden, daß diese zweite Alternative einen starken Rückhalt gefunden hat und fürs erste wenigstens das Stimmungsfeld beherrscht. Zn deutlichem Abstand folgt Frankreich, dessen Presse fast ausnahmslos an dem alten Schema des Mißtrauens, unsachlicher Einwendungen und dunkler Vorbehalte festhalt, mit denen ja, man möchte sagen historisch, jede Diskussion zwischen Frankreich und Deutschland von jeher belastet ist. Immerhin wagt es auch in Frankreich kein Blatt den von der Rede ausgehenden Zwang zu neuen Verhandlungen mit Deutschland zu leugnen. Selbst wo man die Neigung verspürt haben sollte, wie es in der Vergangen- . hebt üblich war, eine unbequeme Diskussion einfach nnt Nein abzuschneiden, scheint sich diese Methode diesesmal verboten zu haben, weil man die Kontrolle des selbständigen französischen Radiohörers fürchtete, der, wie berichtet wird, mit einem bei ihm ungewöhnlichen Interesse die Sendung aus Berlin erwartete und uiif= nahm. . Wie die Presse, so wird auch die französische Regierung nicht über die Tatsache hinweggehen können, daß das französische Volk sich fein eigenes Urteil über den Grad der deutschen Friedensliebe und der „deutschen
Der Völkerbund in Nöten.
as. Berlin. 24. Mai. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In den Genfer Hotelzimmerbesprechungen spielt noch immer der i t a l ii e n i s ch - a b e s s i n i s ch e Konflikt eine sehr große Rolle. Der englische Lordsiegelbewahrer Eden gibt sich zwar die größte Mühe, ein Kompromiß zustande zu bringen, doch sind seine Bemühungen bis jetzt noch nicht von Erfolg gekrönt gewesen. Zn Paris und in London wird man unter diesen Umständen nervös, denn tatsächlich stellen ja auch die abessinischen Verhandlungen eine starke Belastung für eine englisch-französisch- italienische Einheitsfront dar. England und Frankreich wünschen einen Krieg zwischen Italien und Abessinien zu verhindern, weil ein solcher kriegerischer Konflikt eine schwere Schlappe für den in Paris und London so eifrig verteidigten Völkerbund bedeuteten. Aber abgesehen davon stehen auch noch andere Interessen dieser Länder auf dem Spiel. Frankreich sieht seine eigenen Belange am Roten Meer gefährdet und England wieder fürchtet um das Quell- gebiet des Nils, zumal man offenbar weder in London noch in Paris sich völlig klar darüber ist, wie weit die Pläne Muffolinis eigentlich gehen. So fetzt Herr Eden also alle seine Verhandlungskunst ein, um doch noch eine Einigung herbeizuführen. Sehr viel Hoffnung scheint man aber auch in London nicht zu haben. Das Blatt ,>Evening Standard" will bereits wissen, daß Mussolini entschlossen sei, seine Pläne in Abessinien aus jeden Fall durchzusetzen. Er rechnet mit einem vierjährigen Feldzug, von dem ein Jahr auf den eigentlichen Krieg, drei Jahre auf die sogenannte Befriedung entfallen würden. Die nervöse Stimmung wird nun nicht gerade dadurch gemildert, daß italienische Blätter den Engländern vorwerfen, sie unterstützten Abessinien und träfen zu diesem Zweck alle möglichen militärischen Vorbereitungen, was in
London energisch dementiert wird. Andererseits ist man in London auch nicht sehr begeistert davon, daß die Italiener sich z. Zt. so sehr um Arabien bemühen. Der Erbprinz des Hedschas wird z. Zt. bei seinem Besuch in Rom sehr gefeiert und zugleich hat Mussolini auch den Außenminister des Hedschas zu einer längeren Aussprache empfangen. Man vernimmt, daß die Bestrebungen Italiens dahin gehen, die Volksstämme an der Ostküste des Roten Meeres für den Kampf g ege nA b es s i nie n zu gewinnen. Es sei dabei daran erinnert, daß das Verhältnis Italiens zu dem Reich Hedschas bereits durch den Freundschaftsvertrag im Jahre 1931 eine feste Form gefunden hat. Wie hier aber auch im einzelnen die Dinge liegen mögen, man empfindet in Paris, wo einige Blätter der Befürchtung Ausdruck geben, Italien könne den Völkerbund verlassen, und ebenso in Rom, die abessinische Frage als eine recht ernste Angelegenheit, die auch nicht geeignet ist, die Lösung der großen europäischen Probleme zu erleichtern.
Italienische Bombenabwürfe über abessinischem Gebiet?
Bericht der belgischen Militärmission.
London, 24. Mai. Der Berichterstatter des „Daily Telegraph" in Addis Abeba meldet, daß die belgische Militärmission in Abessinien der abessinischen Regierung einen von einer Anzahl Photographien begleiteten Bericht vorgclegt habe, der sich mit gewissen Bombenabwürfen italienischer Militärflugzeuge beschäftige. Das dokumentarisch belegte Beweismaterial spreche davon, daß acht Bomben abgeworfen worden seien, sieben auf Eerlogubi und eine auf Ado. Beide Ortschaften lägen weit innerhalb des abessinischen Gebietes. Ferner feien drei nichtexplo- dierte Bomben aufgefunden worden.
Macht Italien Ernst?
Der italienisch-abessinische Konflikt in Genf. — Besorgnisse in Paris und London
Baldwin übernimmt die Ministerpräsidentschaft.
London, 23. Mai. Rach einer Reutermeldung steht nunmehr unzweifelhaft fest, daß noch vor Ablauf der Pfingstferien des Parlaments, Baldwin anstelle Macdonalds den Posten des Ministerpräsidenten übernehmen wird. Der Grund für diesen Wechsel sei die Feststellung des Augenarztes, daß M a c - donalds Augen den Anstrengungen, die mit seinem jetzigen Amt verbunden sind, nicht gewachsen seien.
Günstiger Eindruck der Führer-Rede.
Loudon, 24. Mai. (Eig. Drahtmeldung.) Der Parlamentsberichterstatter der „Times" schreibt, auf der Z u- sammenkunst der britischen und der Dominien- minister sei die Rede Hitlers geprüft worden. Es habe der Eindruck bestanden, daß verschiedene Punkte weiterer Aufklärung bedürfen. Angeregt worden sei durch den britischen Botschafter in Berlin Erkundigungen wegen genauerer Einzelheiten über verschiedene Punkte einzuziehen. Die Frage einer Beratung zwischen den Regierungen des Vereinigten Königreiches und den Dominions sei ebenfalls erwogen worden. Dabei fei angeregt worden, einen Plan aufzustellen, um angesichts der schnellen Änderungen der europäischen Lage Entscheidungen zu beschleunigen, über diese Punkte fei aber fein Beschluß gefaßt worden.
„Daily Mail" meldet, die britische Regierung beabsichtige, den Führer unverzüglich über ihre Ansichten bezüglich der Form eines Luftabkommens in Kenntnis zu fetzen. Wenn ein Einvernehmen darüber erreicht werden könne, fei eine Konferenz der Locarno Mächte einschließlich Deutschlands gegeben. Ferner berichtet das Blatt, bei der Zusammenkunft zwischen britischen und Dominienministern sei ein Vorschlag zur Erzielung engerer Zusammenarbeit zwischen den Regierungen des britischen Reiches in außenpolitischen und Verteidigungsfragen erörtert worden. Der Gedanke fei, eine ständige Körperschaft von Dominion-Vertreter in London zu bilden, die in regelmäßigen Zeitabständen zur Prüfung der internationalen Lage zusammentreten würden.
„Victoire": eine menschliche, mutige und weise Rede.
Paris, 23. Mai. In der „Victoire" befaßt sich Jacques D i 11 e mit der Rede des Führers, die er als m e n s ch l i ch e, mutige und weise Rede eines Staatschefs bezeichnete, der sich seiner Pflichten und Verantwortung bewußt sei und bereit, die Interessen seines Volkes zu vertreten, dos ihm Vertrauen schenke. Hitler habe in erster Linie den Wunsch, sein Volk nicht in ein blutiges Abenteuer für die Rechnung anderer zu stürzen. Es wäre gut, wenn sich die vorübergehenden französischen Regierungen von solchen weisen Grundsätzen inspirieren lassen würden. Es sei immer sehr leicht, Hitler zu kritisieren und seine guten Absichten in Zweifel zu ziehen. Wenn er versöhnliche Worte ausspreche, so sage man, daß er sein Spiel verberge und Frankreich einschläfern wolle. Fordere er für Deutschland
Mieimg UMUW.
Ein Wechsel auf dem Posten des Ministerpräsidenten macht nach altenglilcher Überlieferung den förmlichen Rücktritt aller übrigen Mitglieder des Kabinettserforderlich.
Der neue Ministerpräsident hat somit freie Hand für einen Umbau des Kabinetts. Rach Reuter besteht Grund für die Annahme, daß Baldwin von dieser Gelegenheit weitgehenden Gebrauch machen werde. Macdonald werde der Regierung wahrscheinlich als Präsident des Staatsrates auch weiterhin angeboren. Man werde alles tun, um mit einer möglichst starken Regierung, die auf der gegenwärtigen nationalen Grundlage stehe, vor die Wähler zu treten. Die Wahlen zum Parlament fänden voraussichtlich im Herbst statt.
Beginnt Frankreich zu begreifen?
mit demselben Nachdruck wie alle anderen Nationen ein starkes Heer, so werfe man ihm Herausforderung und Kriegsdrohung vor. Bestätige er seine Friedensliebe, so finde man dies verdächtig. Diejenigen aber, die auf diese Weise die Absichten des Führers verdächtigen, seien dieselben, die Frankreich in die Arme der Sowjets gestürzt hätten, und _bie es nicht zulassen wollen, daß man den Wert dieses Bündnisses und die Absichten der Bolschewisten anzweifle. Die Rede Hitlers bestehe nicht aus leeren Worten, sie bestehe vielmehr aus Feststellungen von unleugbarer Richtigkeit, richtigen Eedankengängen und stichhaltigen Grundsätzen. Es feien Tatsachen und Handlungen, an die zu erinnern wertvoll und angebracht sei.
