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Nr. 131
Mittwoch, 15. Mai 1935
83. Jahrgang.
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Stoltn speist mit Laval. - Der französische Außenminister ist begeistert. Wieder Anleihepläne?
Laval fährt nach Warschau.
(Drahtbericht unserer Berliner Abte.lung.) Der Moskauausenthalt Lavals neigt sich seinem Ende zu. <yür heute nachmittag erwartet man allgemein den abschließenden amtlichen Bericht über Äle>« Brechungen. Freilich dürfte dieser Bericht raum Überraschungen bringen. Er wird wohl kaum allzuviel von dem enthalten, was hinter ver- schlosfenen Türen verhandelt wurde. Auch ^'^I.^uzostsche Presse weiß über die sachlichen Dinge verhaltmsmatzig wenig, wenn auch ein Pariser Blatt durchblicken laßt daß nunmehr Besprechungen der Eeneralstabe folgen werden. Die Journalisten, die •ye”n ^^(citen, ziehen es im allgemeinen vor, leuilletoniftisch gehaltene Reiseberichte zu geben. Man -wird also wohl gut tun, die Auswirkung des Besuches «abzuwarten. Festzustellen ist zunächst nur, daß man sich .gegenseitig mit großer Begeisterung ge- fenert hat, derart gefeiert hat, daß der sonst ziemlich nüchterne Herr Laval in den höchsten Tönen schwärmte, foldaß einige Pariser Blätter ihm bereits nahe legen, er ^mochte lernen „angeborenen gesunden Sinn" nicht ver- ■heren. ^n Paris selbst ist man nämlich angesichts der kommunisiifchen Wahlerfolge bei den Eemeindewahlen von diefer Verbrüderung mit den Herren im Kreml ^etwas weniger begeistert. Daß die Sowjets alles sgetan haben, um Herrn Laval völlig für ’|i$ zu gewinnen, kann allerdings keinem Zweifel unterliegen und wenn selbst Stalin, den man bekanntlich als den „roten Zaren" bezeichnet, sichhöch st persönlich an dem Liebesmahl beteiligte das Molotow für alle französischen Gäste g a b, so verdient das schon verzeichnet zu werden, denn es ist das er st em al, daß Stalin sich mit Vertretern kapitalistischer und imperialistischer Staaten an einen ^.isch gesetzt hat. Es ist dies das Liebesmahl, von dem Herr Laval sagt, daß es von echter Intimität und wahrer Freundschaft getragen worden sei.
Im Augenblick steht noch nicht ganz fest, ob es bei den bisherigen Dispositionen bleibt, das heißt, ob Laval heute Moskau wieder verläßt. Da der französische Außenminister an den Beisetzungsfeierlichkeiten für Piljudfki teilnehmen wird, so wäre es wohl möglich, daß Laval seinen Aufenthalt in Moskau noch ausdehnt. <^ür diesen Fall glaubt ein französisches Wirtschaftsblatt weitere Besprechungen über die baltischen Staaten und über „die Verbesserung des Eisenbahnverkehrs zwischen S o w jet ru ßl a n d und den übrigen europäischen Staaten" Voraussagen zu können, wobei die letzte Formel wohl eine vorsichtige
Umschreibung für die bekannten Anleihepläne zum Ausbau strategisch wichtiger Eisenbahnlinien ist, Pläne, die allerdings von französischer dementiert wurden. Man dürfte sich wohl gerade in Polen für diese Themen besonders interessieren, hat doch die polnische Presse immer darauf hingewiesen, daß sich solche Plane in der Praxis nicht gegen Deutschland, das ja keine Grenzen mit Rußland hat, wohl aber gegen Polen auswirken würden. Auch die Stärkung des ruisiichen Einflusses im Baltikum kann Warschau nicht gleichgültig lassen. Vielleicht hoffen aber auch gewisse lranzösische Blätter durch solche Meldungen einen Druck auf Polen ausüben zu können, was sich freilich wohl sehr schnell als Fehlrechnung erweisen dürfte.
Einstellung der kommunistischen antimilitaristischen Propaganda in Frankreich? Eine feierliche Erklärung der Sowjetregierung angckiindigt.
Paris, 15. Mai. Der Außenpolitiker des „Echo de Paris", der Laval auf seiner Reise begleitet, berichtet über Lavals Besprechungen. Dor allem, so sagt er, sei der militärische Geist in Sowjetrußland aufgefallen. Er Nagt dann nach dem militärischer Wert der roten Armee und isi besorgt, ob auch die Industrieausrüstung sowie das Verkehrs- und das Beförderungswesen, mit' Sowjetrußlands Anspruch darauf, eine starke Militärmacht zu sein, im Einklang stehe^ In der Unterredung zwischen Stalin und Laval seien die Schuldensragen, die Frage der religiösen Freiheit, die Nordostpaktfrage und die Polenpolitik angeichnitten worden.
Der Sonderberichterstatter des „Petit Parisien" betont, daß der polnische Faktor bei der Unterredung eine große Rolle gespielt habe. Dabei dürfte auch die Baltikumfrage aufgeworfen worden sein. Ebenso habe man lange Bei der Haltung Deutschlands verweilt und sich zweifellos mir den Änderungen befaßt, die eine etwaige Teilnahme Deutschlands an der schon geänderten Form des Ostpaktes noch not- iDenbig machen würde. Besonderen Wert jedoch legt das offiziöse Blatte auf die angeblichen Zugeständnisse, die Stalin den französischen Wünschen hinsichtlich der Einstellung der kommunistischen Propaganda in Frankreich gemacht habe, und sich ferner auf den Ausbau der französisch-Sowjetrussischen Wirtschaft beziehen.
.. Die Sowjetregicrung werde eine feierliche Erklärung über die N o t w e n d ig k e i t der Landesverteidi'- gunginFrankreich herausgeben. Die Sowjetregierunq die bei ihren Maßen das diplomatische Abkommen mit Frankreich mit der Notwendigkeit einer bewaffneten Verteidigung des Friedens rechtfertige, könnte dann die anti- militaristische Propaganda in Frankreich nicht mit ihrer Autorität decken.
Vor einer Erklärung des Führers.
Der Reichstag auf Dienstag, den 21. Mai, einberufen.
Berlin, 15. Mai. (Eig. Drahtmeldung.) Der Reichstag ist auf Dienstag, den 21. Mai, abends 8 Uhr, einberufen. Als einziger Punkt steht auf der Tagesordnung, die Entgegennahme einer Erklä-
Ein Fliegerkorps des österreichischen Heimatschutzes.
Wien, 14. Mai. Das Bundesamt des österreichischen Heimatschutzes hat die A u f st e l l u n g e i n e s F l i e g erkor p s im österreichischen Heimatschutz angeordnet. Die einzelnen Fliegerformationen werden länderweise organisiert.
Moskau
auf der Suche nach Abenteuern.
Zeit hindurch häuften sich aus dem Fernen Osten die Nachrichten, baß die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und Zapan in unmitttelbare Nähe rücke. Seit dem Eintritt der Sowjetunion in den Völkerbund sind diese alarmierenden Nachrichten verstummt, und es zeigte sich eine sichtbare Entspannung des kritischen Verhältnisses zwischen den beiden Ländern. Diese Entspannung hat im wesentlichen ihren Hintergrund in der Verlage- r u n g des sowjetrussisch - außenpolitischen Interesses von Ost nach West, also in der Zurückkehr der Moskauer Außenpolitik zur ausgesprochen europäischen Politik. Die Haupterwägung für diese außenpolitische^Drehung dürfte die Erkenntnis gewesen sein, daß im Fernen Osten höchstens eine zweite große militärische Niederlage zu holen sein würde, daß aber im. Westen, also in Europa selbst, noch aussichtsreiche Möglichkeiten bestanden, wertvolle Stützpunkte für die Ausbreitung des sowjetrussischen Einflusses und für die Vorbereitung großer weltrevolutionärer Aktionen zu schaffen. Eine willkommene Gelegenheit war durch die plötzliche sowjetfreundliche Haltung der französischen Regierung gegeben, eine Haltung, die vor allem unter Barthou der sowjetrussischen Diplomatie Türen und Tore öffnete und jetzt unter Laval zum jüngst abgeschlossenen Militärbündnis zwischen Paris und Moskau geführt hat. Damit allein ist aber der Moskauer Suche nach Abenteuern wenig gedient, und so folgt den Spuren der vorsichtig sondierenden sowjetrussischen Diplomatie der Moskauer General- ftab, der sein Augenmerk darauf gerichtet hält, eine geeignete Basis für eventuelle militärische Operationen oorzubereiten. In diesem Sinne ist der Besuch sowjet- russischer Fliegeroffiziere in der Tschechoslowakei zu verstehen und der Besuch sowjetrussischer Fliegeroffiziere auch in Litauen. Diese militärischen Abgesandten Moskaus hatten in Litauen Zioilkleidung angelegt, um niemanden hinter das Geheimnis der Moskauer Vorbereitungen kommen zu lassen, und als nunmehr darüber doch etwas in der Öffentlichkeit bekannt wurde, glaubte man, die Sache mit einem DementP abtun zu können, das allerdings herzlich wenig überzeugend ist. Bei dieser Gelegenheit ist durch Litauen das Memelabkommen erneut verletzt worden, indem auch das Memelgebiet der Besichtigung der sowjetrussischen Offiziere freigegeben wurde.
Die wesentliche Erkenntnis aus den Sondierungen sowjetrussischer Militärs nach flugstrategischen Vorposten ist die, daß sie nicht defensiver Art sind, sondern zweifellos offensiven Absichten dienen. Sie stellen eine Bedrohung Osteuropas von Norden bis Süden dar und geben vor allem der Befürchtung Raum, daß Sowjetrutzland sich bei einem Angriff z. V. auf Deutschland über die Neutralität Rumäniens, Polens und Lettlands Hinwegsetzen wird, denn irgendwo muß doch dann eine Berührung mit Deutschland gesucht werden. Wir können verstehen, wenn Rumänien und Polen und andere Länder es ablehnen, Durchmarschgebiet für Moskauer Abenteuer zu fein, aber wir können es nicht begreifen, wenn es heute noch Staaten in Europa gibt, die nicht mit aller Klarheit und Entschlossenheit gegen die Bedrohung von Neutralitäten wie überhaupt gegen die Bedrohung des Friedens Front machen, also gegen eine Gefahr, für die Frankreich als Verbündeter Moskaus die Mitverantwortung trägt.
rang der Reichsregierung. Die Einberufung auf 8 Uhr abends erfolgte, um allen Volksgenossen die Möglichkeit zu geben, die Rede des Führers am Radio mitanzuhören.
WWWlMWM Der blitW WusliWng.
Frankreichs Bauern drohen mit Revolution.
Die Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik.
dnris, 15. Mai. (Eig. Drahtmeldung.) Der Führer der bäuerlichen Front, Dorgvres, hielt am Dienstag in Marseille einen Vortrag, in dem er u. a. erklärte: Die Bauern werden in Verbindung mit den nationalen Gruppen der Städte eine Revolution in die Wege leiten. Diese Erklärung ist ein Beweis für die große Verstimmung unter der bäuerlichen Bevölkerung, die die Landwirtschaftspolitik der Regierung für völlig unzulänglich erklärt.
Der Landwirtschaftsminister hat übrigens in einer Rede in Dhaiimont zugegeben, daß die Erwartungen, die die Rc- gierung an ihre Getreidepolitik geknüpft hatte,'sich nicht erfüllt h Ltten.
Verdreifachung der heimischen Luftstreitkräfte
London, 15. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Der Luftfahrtkorrespondent des „Daily Telegraph" meldet: Die Pläne für die Verstärkung der britischen Luftwaffe, die- diese Woche vom Kabinett geprüft werden sollen, sehen eine Verdreifachung der heimischen und annähernd eine V er doppelung der gesamten Luftstreit- k r ä f t e in der ganzen Welt binnen zwei Zähren vor.
Die gegenwärtige Stärke beträgt: Heimatschutz 43 Geschwader mit 490 Flugzeugen; überseeische Einheiten, Flugboote und Marineflugzeuge 50 Geschwader mit 530 Flugzeugen, zusammen 93 Geschwader mit 1020 Flugzeugen.
Dem aufgeteilten Plan zufolge soll die Stärke der-Luft- flotte im April 1937 betragen: Heimatschutz 128 Geschwader mit 1460 Flugzeugen, überseeische Einheiten. Flugboote und Marineflugzeuge 50 Geschwader mit 530 Flugzeugen, zusammen 178 Geschwader mit 1990 Flugzeugen.
Die Zahl der Maschinen, die ein Geschwader bilden,
wechselt je nach der Klage. Von Maschinen mit einem Motor bilden in der Regel je zwölf ein Geschwader, von Maschinen mit mehreren Motoren je zehn; einige der Flugbootgeschwader umfassen nur drei bis fünf Maschinen.
Das Blatt weist darauf hin, daß dieser Plan, falls er vom Kabinett unverändert angenommen wird, die britischen Luftstreitkräfte auf die Höhe der französischen in Europa und Nordafrika bringen würde, und daß De u t s ch l a n d in absehbarer Zeit die gleiche Stärke haben werde, falls es sie nicht schon besitze. Die Verstärkung werde durch zwei Maßnahmen erfolgen: 1. Beschleunigung der Durchführung des Fünfjahrprogramms, das bereits im April 1937 statt tm April 1939 durchgeführt werden soll, und 2. Annahme eines Zusatzprogramms. Was die Bautätigkeit betreffe, so wurden die Versuche mit neuen Typen beschleunigt werden, und ferner werde unverzüglich ein schnelles, schweres Bombenflugzeug von großem Äktions- radius entworfen und gebaut werden, das den Leistungen der deutschen Bombenflugzeuge gewachsen sei.
