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Nr. 129.
Montag, 13. Mai 1935.
83. Jahrgang.
Marschall Pilsudski f.
Der Schöpfer des neuen polnischen Staates. — Ein Helfer am Werk des Friedens.
Das Beileidstelegramm des Führers.
Berlin, 13., Mai. Der Führer und Reichskanzler hat aus Anlaß des Todes des Marschalls Pilsudski folgendes Beileidstelegramm an den polnischen Staatspräsidenten gerichtet:
Revolutionär und Soldat.
as. Berlin, 13. Mai. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In einer Zeit der diplomatischen Hoch- spannurrg in Europa, in einer Zeit, da Konferenzen und Staatsmännerbegegnungen einander ablösen, ist Marschall Pilsudski abberufen worden. Er muß seine Schöpfung, das neue Polen, den Männern überlassen, die mit ihm zusammen gerungen und gekämpft haben um die Selbständigkeit ihres Vaterlandes. Gekämpft in den polnischen Legionen, als der Traum eines selbständigen Polen noch unerfüllbar schien, gekämpft als 1920 die bolschewistische Flut gegen Warschau brandete, und „das Wunder an der Weichsel" &W neue Polen rettete, und die mit dem Marschall ge-
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Marschall Pilsudski f.
kämpft haben gegen den Unverstand der Parteien, deren Treiben immer wieder diesen neuen Staat ins Verderben zu stürzen drohten. Es sind die Männer, die mit Pilsudski in der polnischen Legion kämpften, die „Männer der ersten Brigade", die Obersten. Es ist ein seltsames Zusammentreffen, daß der Marschall just in dem Augenblick abberufen wurde, in dem man sich anschickte, den 9. Jahrestag seines Marsches auf Warschau zu feiern, den Jahrestag dessen, was als „Staatsstreich Pilsudskis" in die Geschichte eingegangen ist und, was doch nichts weiter darstellt als die Befrei ung^ Polens von der Partei Herrschaft.
„Polen", so heißt es in dem Beileidstelegramm des Führers, „verliert in dem verewigten Marschall den Schöpfer seines neuen Staates und seinen treuesten Sohn." Besser und treffender kann man Pilsudski nicht charakterisieren. Immer schwebte ihm nur das eine Ziel vor Augen: Polen. Um dieses Zieles willen ist Joseph Pilsudski, der 1867 in Zülow in der Nähe von Wilna geboren wurde, als Revolutionär von russischen Gerichten verurteilt, nach Sibirien verschickt worden, um dieses Zieles willen ist Joseph Pilsudski Gefangener der Mittelmächte in der F e st u n g M a gdeburg gewesen. Es will manchem seltsam erscheinen, daß dieser glühende Patriot Sozi a l i st war. Aber der Sozialist Pilsudski hatte nichts gemeinsam mit dem internationalen Marxismus. Auch hier sah Pilsudski vor allem die Möglichkeit, für sein Polen zu kämpfen, für das er nicht die Satten mobil machen konnte, die geneigt waren, mit den Russen zu paktieren. Pilsudski war, wenn man diesen Begriff weit auslegt, Nationalsozialist. Es war ihm klar, daß man Sozialist sein müsse und Patriot, Revolutionär und Soldat. Er selbst hat in seinen Werken, die unter dem Titel „Gesetz und Ehre" auszugsweise in einem Bande gerade jetzt (bei Eugen Diedrichs) erschienen sind, einmal die Worte gebraucht: „Ein Sozialist in Polen muß zuerst nach der staatlichen Anabhängigkeit seiner Heimat trachten, denn die staatliche Unabhängigkeit ist die wesentliche Voraussetzung für den Sieg der sozialen Idee."
Der Soldat Pilsudski jft Schöpjer der polnischen Legion, di« zuerst auf österreichischem Boden entstanden unter wohlwollender Duldung der österreichischen Behörden. Die Legionen nahmen von hier aus den Kampf gegen die russischen Bedrücker Polens auf. Im Weltkrieg haben dann diese polnischen Legionen ihre Feuertaufe erhalten. . Schlecht ausgerüstet, ohne moderne Waffen, haben sie mit Heldenmut unter Pilsudski, der der Darsteller ihrer Taten wurde, gegen
die Russen gekämpft. Es kam die Zeit, da die Politik der Mittelmächte andere Wege ging, als Pilsudski sie für richtig hielt. Es kam die Auseinandersetzung über die Zukunft Polens, eine Auseinandersetzung, die mit der Festsetzung Pilsudskis endete, mit seiner Festungszeit in Magdeburg.
Aus dem Zusammenbruch aber entstand das neue Polen, die ureizendste Schöpfung Pilsudskis. In immer neuen Kämpfen gegen die Bedrohung von außen und gegen die Parteien von innen hat Pilsudski zusammen mit seinen Getreuen dieses Polen, das schwer unter den Folgen des Krieges litt, zu der E r o ß - Machtstellung emporgeführt, die es heute einnimmt. In einer ausgezeichneten Biographie „Marschall Pilsudski" (Verlag Mittler) erinnert Friedrich Wilhelm v. Oertzen daran, daß Pilsudski sich selbst einmal charakterisiert hat, als Romantiker der Idee und als Realist der Tat. Unerfüllbar und romantisch erschien die Idee des freien Polen, als der junge Pilsudski die Schule und die Universität Charkow, wo er Medizin studierte, verließ und als Revolutionär den Kampf um sein Vaterland begann. Als Realist der Tat. hat Pilsudski über alle Stürme hinweg Polen aufgebaut und geschirmt, hat Polen eine schlagfertige Armee geschaffen und einen absolut sauberen Verwaltungsapparat. Die neue Verfassung ist im wesentlichen sein Werk, die Verfassung, die auch rechtlich das Ende der Parteiherrschaft bedeutet, nachdem in der Praxis die Parteien schon längst weitgehend ausgeschaltet waren, denn längst schon war ja Pilsudski, auch wenn er nicht das Amt des Staatspräsidenten bekleidete, der Mann, der Polens Geschicke bestimmte.
Als in Deutschland Adolf Hitler die Macht übernahm, da standen in den beiden Nachbarstaaten, Polen und Deutschland, die in der Zwischenzeit große Gegensätze auszutragen hatten, zwei Frontsoldaten an der Spitze, Männer also, die die Dinge der Völker anders sehen als die reinen Politiker und Diplomaten. Das war die Voraussetzung zu dem großen politischen Schritt zur Befriedung Europas, die Voraussetzung für das deutsch-polnische Per- st ä nd ig u n g s a b ko m men. Im deutschen Volke wird der Tod des großen polnischen Patrioten, des Schöpfers des neuen Polen, allgemein tiefe Anteilnahme auslösen und den Wunsch verstärken, daß das Friedenswerk, das der Marschall einleitete, in seinem Geiste fortgeführt wird.
Die Todesnachricht.
Warschau, 12. Mai. Marschall Pilsudski ist am Sonntagabend um 8.45 Uhr gestorben.
Die Krankheit des Marschalls währte bereits mehrere Monate. Die Ärzte hatten einen Magen- und Leberkrebs festgestellt. Am 11. Mai trat eine plötzliche Verschlechterung int Befinden des Kranken ein. Der Marschall erlitt einen M ag e n b l u tst u r z, der eine Schwächung der Herztätigkeit zur Folge hatte. Bald darauf trat der Tod ein. Die Nachricht von dem Ableben des Marschalls verbreitete sich in Warschau wie ein Lauffeuer.
„Tief bewegt durch die Nachricht von dem Hin- scheiden des Marschalls Pilsudski spreche ich Eurer Exzellenz und de; polnischen Regierung mein und der Reichsregierung aufrichtigstes Beileid aus. Polen verliert indem verewigten Marschall den Schöpfer seines neuen Staates und seinen treuesten Sohn; mit dem polnischen Volk betrauert auch das deutsche Volk den Tod dieses großen Patrioten, der durch seine verständnisvolle Zusammenarbeit mit Deutschland nicht nur unseren beiden Ländern einen großen Dienst geleistet, sondern darüber hinaus den wertvollsten Beitrag zur Befriedung Europas gegeben hat."
Aufruf des Staatspräsidenten.
Warschau, 13. Mai. Warschau steht ganz unter dem Eindruck der Todesnachricht
Der Staatspräsident erließ einen Aufruf an die Bevölkerung, der folgenden Wortlaut hat:
„Marschall Joseph Pilsudski ist dahingegangen. Durch seines Lebens große Mühsal hat er die Kraft im Volke aufgerichtet. Den Staat hat er durch den Genius seiner Gedanken und seinen eisernen Willen zum Leben erweckt. Er führte ihn zur Wiedergeburt der eigenen Macht, zur Entfaltung der Kräfte, auf die sich Polens kommendes Schicksal stützen wird. Als Lohn für seine riesige Arbeit war es ihm vergönnt, unseren Staat als lebendige Schöpfung und unsere Armee ruhmvoll und siegreich zu sehen. Dieser größte Mann der polnischen Geschichte hat die Kraft seines Geistes aus der Tiefe der nationalen Vergangenheit geschöpft und die Zukunft in übermenschlicher Gedankenanspannung vorausgeahnt. Sich selbst sah er darin nicht mehr, denn er ahnte schon längst, daß seine körperlichen Kräfte sich dem Ende neigten. Er suchte und zog daher Männer zur selbständigen Arbeit heran, auf deren Schultern schließlich die Last der Verantwortung ruhen sollte. Er hinterließ dem Volke das Erbe seiner aus die Ehre und die Macht des Staates gerichteten Gedanken. Dieses Testament, uns Lebenden überliefert, haben wir zu übernehmen und fortzufiihren. Mögen angesichts seines Geistes und der kommenden Geschlechter Trauer und Schmerz in uns das Verantwortungsbewußtsein des gesamten Volkes erhöhen."
Der Eindruck in Paris.
Paris, 13 Mai. Die Nachricht von dem Ableben des Marschalls Pilsudski machte in Paris einen um so tieferen Eindruck, als der abgesagte Besuch Lavals beim Marschall die Vermutung hatte aufkommen lassen, die Krankheit Pilsudskis sei nur diplomatischer Natur. Dem polnischen Nationalhelden werden von der gesamten Presse lange Nachrufe gewidmet. Man versucht, seiner Persönlichkeit gerecht zu werden und dabei auch die Politik zu erklären, die Polen in eine Abwehrstellung zu Sowjetrußland gebracht und zu einer A nnähe r ungspolitik gegenüber Deutschland, verbunden mit einer Abkühlung des polnisch- französischen Verhältnisses beigetragen hat.
Das polnische Bott in Trauer.
Der Tagesbefehl an die Armee.
Warschau, 13. Mai. (Eigene Drahtmeldung.) Schon der frühe Morgen zeigt in Warschau die Fahnen aller öffentlichen Gebäude auf Halbmast. Auch an den Wohnhäusern der Bevölkerung sieht man immer mehr Trauerfahnen. Nur wenige Blätter sind heute früh erschienen, und zwar in stark beschränktem Umfang.
Der Ministerrat, der in der Nacht tagte, beschloß die Anordnung der nationalen Trauer. Der Innenminister hat bis auf weiteres alle öffentlichen Vorstellungen und ähnliche Veranstaltungen verboten. Auch die polnischen Sender geben vorläufig nur Nachrichten und keine Programmsendungen.
Der in der Nacht ernannte Leiter des Kriegsministe- riums erließ einen Tagesbefehl an die Armee; darin wird gesagt, daß der Marschall Polens sein Leben beendet habe, daß aber der Schlag, der die Nation und die Armee getroffen habe, in nichts den Wert und die Kraft des soldatischen Dienstes schwächen könne. Für den 13. Mai befiehlt General Kasprzycki die Verlesung des Aufrufes des Staatspräsidenten vor der Front aller Truppenteile, die
Anbringung von Trauerkokarden an allen Standarten und Regimentsfahnen; weiter haben alle Generäle, Offiziere und Unteroffiziere Trauerflors anzulegen.
Über das Begräbnis des Marschalls sind noch keine Anordnungen getroffen. „Kurjer Poranny", der bisher als einziges Blatt des Regierungslagers heute früh erschienen ist, teilt mit, daß ein letzter Wille des Marschalls über sein Begräbnis seit einigen Jahren vorhanden sei. Danach habe der Marschall als Ausdruck seiner tiefen Hochachtung vor der Wissenschaft sein Gehirn wissenschaftlichen Zwecken bestimmt. Sein Herz soll nach Wilna gebracht werden, in die Stadt, in der am meisten weilte, und in deren Nähe er geboren ist. Der Marschall habe den Wunsch zum Ausdruck gebracht, daß die sterblichen Überreste seiner Mutter nach Wilna gebracht würden, und daß sein Herz zu ihren Füßen niedergelegt werde. Die Beisetzung seines Leichnams habe er im Waioelschloß in Krakau gewünscht, das die Gräber der polnischen Könige enthält. Er habe das gewünscht, da er von Krakau aus als Kommandant der Legion im Jahre 1914 in den Kamps gegen Ruß- lang gezogen war. Dort im Wawelschloß ruht'auch der Sarg des Dichters Julius Slowacki, der auf Befehl des Marschall» vor einigen Jahren dorthin überführt worden war.
