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83. Jahrgang
Mittwoch, 8. Mai 1935
Nr. 124
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(eilig den Teil 5 des Versailler Vertrages verletzt habe, sondern Latz die anderen Staaten ihre Abrüstungsver- sprechen nicht erfüllt haben. Wir begrüßen es weiterhin, wenn hier endlich einmal der Friedenswille des Führers anerkannt wird, und wenn dagegen protestiert wurde, daß die englische Regierung Deutschland ftii die Aufrüstung verantwortlich mache. Alles das, ebenso wie die Feststellung, daß ein Frieden in Europa ohne Deutschland nicht möglich ist, ist wohl geeignet, dämpfend auf die Freunde des unbeschränkten Wettrüstens in der englischen Regierung zu wirken. Am gleichen Sinne dürften auch wohl die Ministerpräsidenten der britischen Gliedstaaten arbeiten, die gestern eine erneute Aussprache mit Macdonald hatten. Man kann aber auf der anderen Seite auch nicht übersehen, Laß nicht ganz England den Standpunkt der Lords teilt. Hat es doch erst in Lichen Tagen wieder der in England großes Ansehen genießende Dichter Rudyard K stpl i ng, allerdings ein alter Deutschenhetzer, für nötig gehalten, gegen Deutschland in einer Rdde, die der englische Rundfunk verbreitete, ganz einseitig Stellung zu nehmen. Aus der Erklärung, die die englische Regierung gestern im Oberhaus abgeben ließ, war natürlich nicht viel zu entnehmen. Diese Erklärung besagte lediglich, daß England nunmehr von Deutschland Vorschläge erwarte, wie ja schon unlängst von englischer Seite Erklärungen des Führers für Mitte dieses Monats angekündigt wurden. Am ganzen wird man wohl gut tun, Litz Oberhausaussprache nicht zu überschätzen, wenn es auch erfreulich ist und bleibt, daß die Lords sich bemühten, bei aller Hetze die Dinge ruhig zu betrachten und Deutschland Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Ungarns Recht auf Rüstungsgleichheit
Feierliche italienische Erklärung vor der Konferenz von Rom?
Um die Wiederaufrüstung der Donaustaaten.
Die Frage des österreichischen Soldatesttums wird aktuell in einem Augenblick, indem man die Frage einer Wiederaufrüstung der D o n a u st a a t e n ernsthaft ventiliert hat, ohne Erfolg übrigens fürs erste, aber dafür umso ausgiebiger. Venedig heißt die schöne Stadt, in der Italien, Österreich und Ungarn um eine' Formel rangen, die auf der demnächst stattfindenden Rom-Konferenz der staunenden Mitwelt vorgelegt werden soll. Es handelt sich in der Praxis nm die Beantwortung der Frage: Wie kann man es anstellen, in Österreich mit Gottes und Mussolinis Hilfe die allgemeine Wehrpflicht wieder einzuführen, ohne daß sofort Südflawien und die Tschechoslowakei Lärm schlagen und ohne daß Ungarn und Bulgarien als benachteiligte Leidensgenossen äug' dem Häuschen geraten?
Fürst Starhemberg Hat, wie man aus maßgebenden Kreisen hört, Rom gegenüber auf die offizielle Einführung der allgemeinen Wehrpflicht verzichtet, wenn man ihm gestattet, die Heimwehr nach Art der faschistischen Miliz aufzubauen. Damit würde, jtent Vernehmen nach, die Kleine Entente einverstanden sein. Richt aber die anderen beiden „Besiegten des Weltkrieges", Ungarn und Bulgarien. Andererseits wäre es möglich, eine Art „italienische Aufrüstung" in Österreich zu veranstalten, mit einem als „Militär'mission getarnten italienischen Eeneralstab in Wien und mit italienischen „Freiwill igen-Verbänden". Dagegen dürfte allerdings wohl die Kleine Entente ein Wort zu sagen haben.
Sicher ist, daß auf die eine oder andere Art eine Vorzugsbehandlung Österreichs — mit Hilfe Italiens — durchgesetzt werden soll, ungeachtet dessen, daß der Duce dabei offenbar mit der Wurst nach der Speckseite wirft und versuchen will, die Anschlußfrage ein für allemal im italienischAleindeutschen Sinne zu beantworten, sei es auf dem Wege Mer einen „Richt- einmischungspakt", sei es auf dem Wege über ein Militärbündnis oder sonst irgendwie.
In dem Augenblick aber, in dem Wien zum italienischen Brückenkopf an der Donau geworden ist, wird Europa aufs neue und diesmal ernstlich zu beben beginnen. Ganz abgesehen einmal von dem skrupellosen Bruch der Unabhängigkeit der Völker, von der Mißachtung des Selbstbeftimmungs- rechtes der Nationen, des durch die Regierung Schuschnigg-Stavhömberg ad absurdum geführt worden ist: die Zdee einer ,gegenseitigen" Hilfeleistung zwischen Italien und Österreich, die Idee der Schaffung einer wie immer gearteten „italienischen Donauarmee" wird im nahen Südosten eine akute Kriegsgefahr und einen Unruheherd schaffen, von dem aus vielleicht in noch nicht einmal so unabsehbarer Zeit der Friede Europas gestört werden könnte.
Auf der einen Seite entwaffnete Staaten, die unter der Bürde ungerechter Friedensverträge stöhnen, auf der anderen Seite die Rivalität Südslawien-Jtalien — dazwischen der leere Raum Österreich, der von dem fanatischen Amperialismus Roms erfüllt werden soll: das kann nicht gut gehen! Zumal am Rande die Tschechoslowakei und Frankreich mit Deutschland und Polen interessiert zusehen.
Es wäre sehr gut, wenn London sich einmal um die österreichische Frage kümmern würde. Es täte ein gutes Werk, ein wirklich gutes Werk am europäischen Frieden.
Italienische Lufthoheit über Österreich?
Budapest, 7. Mai. In hiesigen maßgebenden Kreisen legt man sich in der Beurteilung der Ergebnisse der Vorkonferenz von Venedig eine gewiße Zurückhaltung auf. Wenn auch die Teilnahme Ungarns an der Donaukonferenz in Rom als sicher angesehen wird, so weist man doch auf die bisher noch nicht überwundenen Schwierigkeiten hin. Mit einer gewißen Genugtuung wird gesagt, daß der Gedanke der gegenseitigen Hilfeleistuvgsverträge in Venedig in den Hintergrund getreten sei. Man betont, daß Außenminister von Kanya die ungarische Bereitsckaft zur weiteren Mitarbeit erklärt habe, ohne auch nur im geringsten die ungarischen Forderungen und Grmüsiätze zu opfern. In der gegenwärtigen Lage «hänge alles, wie hier ausdrücklich festgestellt wird, von der Haltung 'der Kleinen Entente ab. Von ungarischer Seite weist man heute schon mit großer Entschied«nl)eit alle Borwürfe nuriicf, die bei einem etwaigen ergebnislosen Verlauf der Verhandlungen
3. die Rede, die der Kaiser von Abesiinien vor einiger Zeit gehalten hat, und die inzwischen bereits mehrfach von den italienischen Blättern wieder aufgegriffen worden ist.
Mobilisiert werden infolgedessen auf Anordnung Musio- linis die Divisionen Sabauda de Cagliari der Armee und die beiden ersten Divisionen der Schwarzhemden. Die beiden Milizdivisionen tragen die Namen „23. 3Rän“ und „28. Oktober". Ferner wurden noch einzelne Schwarz- hemden-Bataillone mobilisiert, nämlich die von Palermo, Cnneo, Ravenna und Forli.
Um die Einheiten auf Kriegsstärke zu bringen, wurden die vom Heeresdienst Befreiten der Klaße 1913, die lediglich zu einer militärischen Ausbildung von sechs Monaten eingezogen waren, unter die Fahnen gerufen. Damit steht nunmehr die gesamte Jahresklasse 1913 ebenso unter den Fahnen wie die Jahresklassen 1911 und 1914. In Eriträa ist die Eingeborenendivision mobilisiert worden.
An Stelle der Division Sabauda wird in Italien eine Ersatzdioision formiert, die den Namen Sabauda n führen wird. Ebenso sind bereits Maßnahmen eingeleitet, um anstelle der mobilisierten Schwarzhemden-Bataillone (Er- satzformationcn aufzustellen. Sämtliche angeordneten Maß- nahmen sind, wie di« „Stefani"-Verlautbarung hervorhebt, vollkommen glatt und planmäßig zur Durchführung gelangt.
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etwa in Zukunft vonseiten der Kleinen Entente gegen Ungarn erhoben werden könnten.
In der Stellungnahme der ungarischen Presse kommt im allgemeinen zum Ausdruck, daß in Venedig von italienischer Seite auf dem Gebiet der militärischen Gleichberechtigung Ungarns weitgehende Zusicherungen gemacht worden seien. Ferner soll sich die italienische Regierung verpflichtet haben, das in diesem Jahr von Ungarn zu übernehmende Weizenkontingent erheblich zu erhöhen.
2m übrigen berichten die Blätter, daß Italien noch vor der Donaukonferenz in einer feierlichen Erklärung das Recht Ungarns auf Rüstungsgleichheit betonen und alles aufbieten werde, um die übrigen Mächte zum Anschluß an diese Erklärung zu bewegen. Diese Erklärung würde die Grundlage zur Einberufung einer besonderen Konferenz bilden.
Der katholische „Uj Nemzedek" berichtet, daß in dem italienisch-französischen Hilfeleistung»»
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EmMS Ritten nut mit JeutMnd.
Stimmen der Vernunft in England. — Das Oberhaus gegen die Genfer Entschließung
Scharfe Sprache der römischen Presse.
Rom, 7. Mai. Die amtliche Mitteilung über weitere militärische Maßnahmen gegen Abesiinien steht im Mittelpunkt der Erörterungen der italienischen Presse, die in ganzseitigen Überschriften die Notwendigkeit der Gewährleistung der Sicherheit der italienischen Kolonien betont. Das halbamtliche „Giornale d'Jtalia" erklärt in seinem Leitartikel, die Entwickelung der Lage in den Grenzgebieten verlange immer mehr Vorbeugungsmaßnahmen. Die militärischen Maßnahmen Abessiniens nähmen immer deutlicher italienfeindlichen Charakter an. „Tribuna" unterstreicht mit dem „Giornale d'Jtalia" und dem „Lavoro Fascista" die vollkommen« Verschmelzung, die sich auch jetzt wieder zwischen den regulären Kräften des italienischen Heeres und den bewaffneten Verbänden der faschistischen Revolution vollkommen bewähre. „Tribuna" und „Lavoro Fascista" weisen besonders auf Waffenlieferungen der europäischen Rüstungsindustrie hin.
Zu lebhaften Kundgebungen zu Gunsten der italienischen Politik in Ostafrika kam es Dienstagnachmittag in der Kammer bei der Genehmigung des Kolonialhaushalts. Staatssekretär Lessona entwarf ein anschauliches Bild von der kolonialen Politik Italiens, wobei er mit Genugtuung die französisch-italienische Vevständigung und die damit verbundenen territorialen Zugeständnisse Frankreichs in Ost- und in Nord-Afrika sowie die Erenzregulierung zwischen Libyen und dem englisch-ägyptischen Sudan besonders behandelte. Der Mette Teil der Rede war ausschließlich dem Streit mit Abessinien gewidmet. Lessona warf Abesiinien Nichteinhaltung des Freundschafts- vertrages vor und sagte, Abesiinien habe die wirtschaftlichen Abmachungen und Pläne Italiens systematisch vereitelt. Die Beziehungen mit der abessinischen Regierung hätten immer besorgniserregendere Formen angenommen. Gegenüber dieser Lage könne die faschistische Regierung nicht mehr weiter zögern. Die Frage der Beziehungen zwischen den beiden Ländern müsse ein- für allemal im Interesse der Sicherheit von Eryträa und Somali wie auch im Hinblick auf das Ansehen und die Würde der italienischen Politik klar gelöst werden.
Mobilisierung weiterer Divisionen.
Rom, 7. Mai. Di« „Agenzia Stefani" veröffentlicht eine Verlautbarung, in der erklärt wird, die Ergreifung weiterer Vorsichtsmaßnahmen zur Sicherung der ostafrikanischen Kolonien Italiens sei durch gewiss« Tatsachen unerläßlich geworden. Als derartige Tatsachen werden von „Stefani" angeführt: 1. Daß von bestimmten „einwandfrei festgestellten" europäischen Waffenfabriken bemerkenswert große Waffensendungen nach Addis Abeba expediert worden seien, 2. daß die abessinische Regierung Mobilifierungsmaßnahmen getroffen habe,
London erwartet deutsche Vorschläge.
as. Berlin, 8. Mai. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In etwa einer Woche wird die englische Rogiernng dem Unterhaus die neue Rüstungsoorlage zugehen lassen, die schon in der außenpolitischen Aussprache vom 2. Mai angekündigt und für die bereits in dieser Aussprache Stimmung gemacht wurde. Im Oberhaus hat sich unter solchen Umständen Lord Dickinson veranlaßt gesehen, eine Aussprache über Deutschland herbei,Zufuhren. Er tat das, indem er einen Antrag einbrachte, der sich gegen denjenigen Teil der Ratsentfchließung wendet, der bestimmt, daß weitere Vertragsverletzungen Sanktionen nach sich ziehen würden. Abgestimmt wurde über diesen Antrag nicht, sondern Lord Dickinson zog ihn zurück, als er den Zweck erreicht hatte, das heißt, als eine Aussprache über die Politik Deutschlands herbeigeführt war. Der Antrag war sozusagen als eine Demonstration gu werten, als eine Warnung an die eigene Regierung, den Bogen nicht zu Überspannen. Es ist in dieser Oberhaus- aussprache manches kluge Wort gesprochen worden, und es ist besonders bemerkenswert, daß sich an ihr durchweg Persönlichkeiten beteiligten, die in letzter Zeit in Deutschland weilten, die das neue Deutschland also aus eigener Anschauung kennen. Aa, Lord Churchill mußte sich, afc. er die Behauptung aufftellte, die junge deutsche Generation werde in militärischem Sinne erzogen, sagen lassen, daß er nicht über ein Land urteilen könne, das er selbst gar nicht kenne. Wir begrüßen es, wenn in dieser Aussprache nochmals festgestellt wurde, daß Deutschland nicht ein-
