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Wiesbadener T anli Litt

Schellenberg sche Hofbuchdruckerei, „Tagblatt«Haus". Wöchentlich 7 Ausgaben

Wöchentlich

Ausgaben

Mrrftä glich nachmittags, Samstag, vor- u. nachmittag»

mit einer täglichen

Unterhaltungsbeilage.

Telegramm-Adresse: Tagblatt Wiesbaden.

Poftschecktoiito: Frankfurt a. M. Nr. 7105.

Ne. 110.

83. Jahrgang

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Ein Schreckschuß Herriots

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Eine bemerkenswerte Rede Hendersons

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Fernsprecher-Sammel-Nr. 59631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.

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Geschäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, außer Sonn, und Feiertags.

Der Friede und die Gleichberechtigung

Deutschlands Recht ist nicht zum Schweigen zu bringen.

Die Reichsrcgierung hat den am Beschluß des Völkerbundsrates vom 17. dieses Monats be­teiligten Regierungen einen Protest gegen diesen Beschluß notifizieren lassen. 5n der Protestnote wird den Regierungen erklärt, da« sie nicht das Reibt haben, sich zum Richter über Deutsch­land a u s z u w er s e n, daß der Beschluß des Bölker- bundsratcs den Versuch einer erneuten Dis- krimierung Deutschlands darstellt, und dah er deshalb aus das entschiedenste zurück- gewiesen wird. Gleichzeitig hat die Reichsrrgie- rung den fremden Regierungen mitgeteilt, dah sie sich vorbehält, ihre Stellungnahme zu den in dem Rats- beschluh berührten Einzelfragen demnächst bekannt zu geben.

Als im Jahre 1919 die erste ungeheuerliche Echuld- lüge in die Welt gesetzt wurde, wurde Deutschland ge­zwungen, seine Unterschrift unter das diffamierende Diktat zu fetzen. Im Laufe von 15 Jahren war aller­dings dieses Lügengebäude so baufällig geworden, daß irgendwelche Stützungsversuche von vornherein aus­sichtslos erschienen. Also beschlossen die Baumeister von Versailles ein neues Gebäude zu errichten. Wenn auch dessen Fundamente auf genau so lügenhaftem Grund errichtet wurden wie damals, hatten sie doch eine schöne Fassade sich ersonnen, die allein schon durch ihren Schein blenden sollte.

So wurde 1935 die zweite Schuldlüge ge­boren. Allerdings, die äußeren Umstände haben sich merklich verändert. Während damals nur die Sieger- mächte unter sich waren, wurde diesmal der Völker­bund, der bekanntlich ein Instrument des Friedens fein soll, mobil gemacht, um dem Sieger-Syndikat Stützen durch die Neutralen zu verleihen. Daß durch Beschluß vom 17. April der Völkerbund sich seiner letzten mora­lischen Stütze, ein wirklich unparteiisches Gremium der Nationen zu sein, selbst beraubt hat, ist im Grunde nur einem einzigen in seiner letzten Bedeutung klar ge­worden, dem Vertreter Dänemarks, der denn auch den Mut aufbrachte, sich der Stimme zu enthalten. An d«n Ergebnis ist nicht zu drehen und zu ^deuteln: der Völker­bund hat sich seines höchsten moralischen Ansehens selbst begeben. Er mag sich hinfort nicht wundern, wenn er immer mehr zum Popanz herabsinkt.

Und noch in einer zweiten Hinsicht haben sich die Dinge geändert. Das Deutschland von 1935 ist nicht mehr das gleiche wie das von 1919. Heute kann uns niemand mehr zwingen, etwas anzuevkennen, das unserer Ehre zuwiderläuft. So war es ganz selbstver­ständlich, daß die Reichsregierung den Beschlug des Völkerbundes mit einer Eegennote beantwortet hat, die am Vorabend des Osterfestes allen 14 Rats­mächten überreicht worden ist. Es ist kein langatmiges Schriftstück, das etwa wie Lavals Denkschrift an den Völkerbund mit vielen Worten einen matten Kern ver­hüllt. Sie spricht durch sich selbst, zugleich auch für sich selbst.

Darüber hinaus must aber noch einmal, gewisser- magen um den Abschlußstrich zu ziehen, klar und ein­deutig betont werden, daß die Wiederausrichtung der deutschen Wehrhoheit nichts weiter war als der un­mittelbare und notwendige Ausdruck der Deutschland nun seit 15 Jahren' feierlich zugesicherten Gleich­berechtigung. Diese Gleichberechtigung ist die un­verrückbare Plattform, auf der allein Verhandlungen Deutschlands mit anderen Mächten stattfinden müssen. Das hat nicht nur der Führer unzählige Male mit aller Offenheit und Klarheit betont, gerade dieser wesent­lichste Punkt ist den englischen Ministern bei ihrem Be­such in Berlin noch einmal vor Augen gehalten worden. Trotz aller advokatorischen Kniffe der Franzosen, deren Politiker diese Praktiken auch in die Diplomatie mit Vorliebe übernehmen und trotz der Entschließung des Völkerbundsrates bleibt es ein für allemal dabei, daß die deutsche Wehrhoheit weder ein Verhandlungsobjekt war, noch es jemals wieder werden wird. Der Völker­bundsrat, der sich der einseitigen Auffassung und Macht­politik der Großmacht-Clique fast widerspruchslos unter­worfen hat, bewies durch die Annahme der berüchtigten Stresa-Entschließung, daß er die Situation genau so verkennt wie die führenden Staatsmänner Englands, Frankreichs uiri) Italiens.

Im Rahmen des großen europäischen Friedens­problems gibt es noch eine Fülle von Dingen zu er­örtern, die ohne die Mitwirkung Deutschlands nicht zu lösen sind. An Deutschlands Verhandlungsbereitschaft war — und wieder muß man an die Worte des Führers erinnern — niemals zu zweifeln. Wir waren uns unserer Aufrichtigkeit in volley Verantwortlichkeit be­wußt, ebenso wie an unserem Friedenswillen kein Arg vorhanden ist. Den Zweifel haben die Stresa-Partner gewissermaßen erst organisiert und sich ihr Machwett

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Berlin - Paris - Moskau.

dem Fest. — Deutscher Protest an die Ratsmitglieder., — Die Stockung in den französisch-sowjetrussischen Verhandlungen.

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™ * Scrltn, 23. April. (Drahtbericht unserer Berliner Avteilung.) Wenn gleich den gewöhnlichen Sterblichen heute die Herren Diplomaten in den verschiedenen Hauptstädten an die Arbeit zurückkehren, dann werden ste feststellen müssen, daß ihre Sorgen in der Zwischen- jeit nicht kleiner geworden sind. Der angekündigte und in verschiedenen Hauptstädten mit einiger Nervosität er­wartete deutsche S chr i t t ist noch am Samstag- nachmittag vor Ostern durchgeführt worden. In den Hauptstädten aller Ratsmächte ist eine kurze deutsche Protestnote überreicht worden, die er­klärt, daß diese Regierungen nicht das Recht Haben, sich zum Richter über Deutschland aufzuwerfen. Der Be­schluß des Völkerbundsrates stelle den V e r f u ch e i n e r erneuten Diskriminierung Deutschlands dar, weshalb er auf das entschiedendfte zurückgewiefen i userde. Es handelt sich also hier um einen deutschen H Protest, der sich nicht gegen eine einzelne oder über­haupt gegen einzelne Mächte richtet, sondern der sich ganz allgemein gegen die Haltung des Völkerbundsrates wendet. Die Aufnahme der deutschen Rote ist in der Pariser Presse ge­teilt, während man in, einem Blatte lesen kann, die - Rote bedeute, daß Deutschland auf die Gemeinschaft der Völker pfeife, sind andere Zeitungen der Ansicht, die ft Rote zeige, daß Deutschland die Brücke nicht abbrechen molle. In London bezeichnet man die deutsche Note ft als maßvoll und würdig und mit einem gewissen Ge­st fühl der Erleichterung stellt die englische Presse fest) daß durch diese deutsche Rote jedenfalls die Tür zu wei­teren Verhandlungen nicht noch fester geschloffen worden t sei, sondern daß zum mindesten Zeit gewonnen sei. k Einige englische Blätter nehmen ebenso wie ein Teil e der skandinavischen Presse die deutsche Note zum Anlaß, - um nochmals die Entschließung des Rates einer Kritik tz. zu unterziehen.

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In Frankreich dürfte die Feststimmung auch - wo-tzl kaum dadurch erhöht worden sein, daß die Bündnisverhandlungen mit Moskau,'wie schon kurz berichtet wurde, ins Stocken geraten sind. In i sehr kühlen Mitteilungen der beiderseitigen amtlichen f -Nachrichtenbüros, Mitteilungen, denen man deutlich die Verärgerung anmerkt, wird diese Unterbrechung der Verhandlungen bestätigt. Die Schwierig­keiten liegen, wie schon angedeute't wurde, darin, daß 5 Frankreich jede Beeinträchtigung des Locarno-Paktes durch das neue Bündnis vermeiden will und vermeiden muß, wenn es England in seiner Rolle als Bürge des | Locarno-Vertrages nicht bloßstellen will. Dann aber will die französische Diplomatie auch a u f P o l e n Rücksicht nehmen, denn man hat ja immer noch die Hoffnung nicht aufgegeben, daß sich das Verhältnis - zwischen Warschau und Paris doch eines Tages wieder besser gestaltet. Hier unternimmt nun das Blatt des - Herrn Herriot, das in Lyon erscheinende Abendblatt ß- „Salut Public" einen Vorstoß. Es wärmt nämlich die Eschon so oft dementierte Lüge von deutsch-polni­schen Eeheimverträgen wieder auf und be-

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bauptet, daß zwischen Berlin und Warschau ein miki- tarifches, wirtschaftliches und finanzielles Verteidi­gungsbündnis bestehe und daß Polen auch den deutschen Truppen das Durchmarschrecht zugestanden habe. Wenn diese alten Lügen jetzt wieder hervorgeholt werden, jo ist der Zweck dieses Manövers leicht zu erkennen. Die französische öffentliche Meinung soll dahin beeinflußt werden, daß sie jede Rücksichtnahme auf Polen als über­flüssig ablehnt. Es ist ja nicht das erste Mal, daß bei dem Versuch, die französisch-sowjetrussischen Bündnis- verhandlungen voran zu treiben, der Kreis um H e rr i o t jnit.ben Herrschaften in Moskau zusammen- arbeitet. Im übrigen kommt noch hinzu, daß die fran­zösische Regierung ein Abstoppen der k o m mutti st i - scheu Propaganda verlangt, die sich gerade jetzt bei der Dienstverlängerung wieder als recht aktiv er­wiesen hat. Hier aber ist man in Moskau schwerhörig^ Haben doch Moskauer Blätter ganz offen erklärt, daß diese Propaganda auch durch ein Bündnis mit Paris nicht unterbunden, sondern höchstens noch verstärkt wer­den würde. Gerade das ist aber ein Punkt, in dem die fran­zösische Rechte begreiflicherweise sehr empfindlich ist. Alle diese Schwierigkeiten haben nun dazu geführt, daß die Verhandlungen zwischen Moskau und Paris stocken, doch wird man sich nach dem Fest bald wieder darum bemühen, den alten Faden weiter zu spinnen.

E London, 23. April. Aus einer Versammlung des Völker- E? bundsvereins in Scarborough hielt der Präsident der Ab- r riistungskonferenz, Henderson, gestern abend eine Rede, - 'n der er sagte, die jetzige Lage sei ernst, aber er glaube nicht, daß der Krieg unmittelbar beoorstehe ober unvermeid­lich sei. Bedauerlicherweise zeigten Europa und andere Teile

L *et Welt Merkmale eines Zurückgleitens in dieselben Arten 1 nvn Politik, die zu der Weltkaiastrophe von 1914 geführt patten. Der Preis der Friedens fei in der Volkerbunds- mtzung niedergelegt.

• Der erste grundlegende Gedanke der Satzung sei, so Mute Henderson weiter aus, daß irgendein Krieg ober eine -i-rohung mit Krieg den ganzen Völkerbund angehe. Der Zweite Grundsatz sei, daß "die Nationen unter allen Hm« standen ihre Streitigkeiten in irgendeiner Form einer frred- ^'chen Schlichtung unterwerfen müßten. Der dritte sei, daß - hsnZurückgreisenaufdenKrieg ein so schweres Zerbrechen gegen die internationale Ee - Meinschäft darstelle, daß sämtliche Nationen verpflichtet ft ltten, vorzugehen und alle Beziehungen zu dem Angreifer f nozubrechen. Der vierte Grundsatz |ei Öie VerpsliK - ‘“M, die Rüstungen zu vermindern und auf den medtMjjten Stand zu begrenzen, der mit der nationalen ^UeHeit und der Durchführuns internationaler Derpflich-

Tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten.

Kritische Pariser Pressestimmen zu den Verhandlungen mit der Sowjetunion.

Paris, 23. April. (Eia. Drcchtmeldung.) In den in Moskau ausgegebenen halbamtlichen sowjetrussifchen Ver­lautbarungen über die „Aussetzung der französisch-sowjet- russischen Paktoerhandlungen" wollen die Gegner der Russenpolitik in Frankreich den Beweis erblicken, daß es sich nicht etwa, wie man von amtlicher französischer Seite zu verstehen gegeben hat, um geringfügige Schwierigkeiten han­dele, sondern um tiefgreifende Meinungsver­schiedenheiten, bei denen die Sowjets sogar allerhand Druckmittel nicht verabscheuten.

Sowjetrußland versucht, schreibt „3e Sour", aus Furcht vor einem Bruch eine Erpressung. Im letzten Augen­blick hat man in Frankreich festgestellt, daß die Sowjet­unterhändler den Pakt nicht so auslegen wie wir. Laval, der sich nur gezwungenermaßen mit dem Grundsatz einer Verständigung abgefunden hat, ist in zwei Vorbehalten fest geblieben: kein automatisches Inkrafttreten unserer Ver­pflichtungen gegenüber Moskau und festes Versprechen, daß die kommunistische Propaganda in Frankreich eingestellt, und nicht mehr von den Sowjets unterstützt wird. Beide Ein­schränkungen haben den Sowjets mißfallen. Die Vertagung der Verhandlungen gibt uns jebenfalls willkommene Ge­legenheit, etwas eingehender über die an uns gerichteten Forderungen nachzudenken.

Das „Journal" hält es für ein besonders bedauerliches sowjetrussisches Manöver in dem Augenblick, in dem die Vertagung der Verhandlungen angekündigt wird, in die französische Presse ein sogen, deutsch-polnisches Geheimabkommen zu lancieren, das nichts anderes als „apokryph" bezeichnet' werden könne.

anj«geiq>t«i[e: Ein Millimeter Höhe der 22 Millimeter breiten Spalte im Anzeigenteil Grund­preis 6 Stof., der 85 Millimeter breiten Spalte im Tertteil 45 Stof., sonst laut Tarif Nr. 3, NachlaMtancl C. — Für die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen wird feine Gewähr übernommen. — Schlug der Anzeigen-Annahme 10 Uhr vormittags. Erobere Anzeigen müssen spätestens einen Tag vor dem Erscheinungstage aufgegeben werden.

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Dienstag, 23. April 1935.

tungen verträglich sei. Allerdings sei es nicht überraschend, daß Regierungen, bevor sie bei der jetzigen Lage Verminde­rungen zustimmten, Garantien forderten.

Die^Ereignisse im Fernen Osten seien zum großen Teil schuld an >dem Beginn des neuen Wettrüstens. Es dürfe auch nichts vergessen wenden, daß man versäumt habe, das in den Fricdensoerträgen eingeschlossene Ver­sprechen gegenüber Deutschland zu allgemeiner Verminderung und Begrenzung der Rüstungen auf der Grundlage eines starken Kollektivsystems rechtzeitig einzu­lösen.

Heute gebe es zwei Sturmzentren, eines im Fernen Osten und eines in Europa. Der Frieden sei unteilbar und jeder Versuch, die Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Friedens zu teilen, fei eine Aufforde­rung, die Vülkerbunbsiatzung zu verleugnen und die Tür für einen Krieg in Europa zu öffnen. In einem solchen Krieg würde England bestimmt hineingezogen werden. Die Engländer hätten also ein überwältigendes Interesse an toem Erfolg des Versuchs die Gleichberechtigung Deutschlands innerhalb des Rahmens eines allge­meinen Sicherheitssystems zustande zu bringen. Aus dem gleichen Grunde werde Deutschlands Rückkehr in den Völkerbund und feine volle Annahme aller Verpflichtungen der Satzung allenthalben als unentbehrlicher Teil der allge­meinen Regelung betrachtet.