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Nr. 103.
Sonntag, 14. April 1935.
83. Jahrgang.
Das Echo der deutschen Bereitschaft
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Die neuen Ostpatt - Möglichkeiten
Die „Times" fordert Verständnis für Deutschland.
werde binnen kurzem eine Konferenz der betreffenden Länder stattfinden.
Zu der Nachricht von der deutschen Bereitschaft zu einem Nichtangriffspakt für den Osten ohne deutsche Beistands- Verpflichtung meldet der Havasberichterstattcr aus Stresa: Die Änderung der Haltung Deutschlands habe in den Konferenzkreisen wirklich Sensation hervorgerufen. Gewisse Kreise wollten in deni deutschen Schritt den Beweis weniger unnachgiebiger Absichten und des deutschen Wunsches, aufs neue mit den anderen europäischen Mächten zu- fammenzuavbeiten, erblicken. Die meisten ständen dagegen auf dem Standpunkt, dass die d e u t s ch e „(5 e st e‘‘ keinen wirklichen Wer t habe, da die Unterzeichnung eines Stichtangriffspaktes nur die früheren Verpflichtungen Deutschlands, namentlich die nach bem Kelogg-Pakt, erneuern würden. Lediglich ein gegenseitiges' Beistandsabrommen, demgegenüber sich Deutschland aber weiterhin ablehnend verhalte, würde eine praktische Bedeutung haben. Die britische Negierung werde sich in Berlin über diese Absichten Deutschlands zu unterrichten haben; der französische Außenminister werd« sich aber, ohne das Ergebnis dieser neuen Befragung abzuwarten, zum vorgesehenen Zeitpunkt nach'- Moskau begeben, um dort vor Ende des Monats das fra nzösisch-sowjetrusfische Abkommen zu unterzeichnen, dessen Grundlagen nächste Woche in Genf zwischen Laval und Litwinow endgültig festge- legt werden würden.
„Ordre" erklärt schließlich, die deutsche Initiative sichere den Erfolg der Konferenz von Stresa.
Starker Eindruck in der römischen Presse.
Nom, 13. April. (Erg. DrabtMeldung.) Die deutsche Bereitschaft in der Frage des Beitritts zu einem Nichtangriffspakt für den Osten hat nach der römischen Morgenpresie den stärksten Eindruck gemacht. Mit dieser Mitteilung sei, io schreibt Messaggero, ein« neue Tatsache geschaffen worden, deren große Bedeutung niemand entgehen könne. Die Frage des Ostpaktes habe bis jetzt mehr als alles andere das Hindernis gebildet, das auch schon eine Vorverständigung fast unmöglich machte. Dieses Hindernis fei zwar noch nicht überwunden, erscheine aber jetzt überwindlich.
Polens Stellungnahme.
Warschau, 13. April. (Eig. Drahtmeldung.) Das in Stresa am Freitag veröffentlichte Kommunique über die bisherigen Beratungen wird von der polnischen Telegraphenagentur mit folgendem Zusatz in der polnischen Presse verbreitet:
„Wie man aus den Nachrichten ersieht, ist der sowjet- russische Ostpakt als begraben anzusehcn. Es eröffnen sich die Möglichkeiten eines neuen Abkommens für Osteuropa, das sich auf den Grundsatz des Nichtangriffes stützt. Das bedeutet, daß die Großmächte nach Prüfung der tatsächlichen Möglichkeiten zu der Überzeugung gelangt sind, daß das System von Nichtangriffspakten erfolgreicher die Erhaltung des Friedens sichert als cs der sowjetrussische Pakt gegenseitiger Hilfeleistung getan hätte, den man in Moskau als Ostpakt bezeichnete. Auf Grund der europäischen Lage wurde dieses System in Stresa als unreif erkannt."
Südslawien) unter Einschluß von Österreich selcsr setzen, um zu einem Nichteinmischungspakt „ _ langen, der unter -der Schirmherrschaft Frankreichs und Italiens stehen würde. Wahrscheinlich
Heer und Wirtschaft.
Von Major a. D. W. v. Stephani.
Das Wort des Generals v. Clausewitz „Der Krieg ist die Fortführung der Politik mit andern Mitteln" ist oft zitiert, doch seltener verstanden worden. Der General hat noch eine andere Definition des Krieges gegeben, die leichter verständlich ist, die aber den deutschen Politikern des Weltkrieges anscheinend unbekannt war: „Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen."
Der ersterwähnte Satz hat den oberflächlichen Politiker vielleicht dazu verführt, den Weltkrieg gegen Deutschland als eine Parlamentsfache anzusehen, die man — da ja der Krieg nach der Ansicht selbst eines hervorragenden Generals ein Akt der Politik sei — mit Wortkanonaden erledigen könne. Die zweite Erklärung aber bringt klar zum Ausdruck, daß der Krieg ein Gewaltmittel ist und daß die Methode, den Gegner nicht zu reizen, nicht zum Erfolge führen kann.
Die Propagierung des Gedankens, daß der Krieg lediglich die Fortführung der Politik mit andern Mitteln fei, ist auch deshalb bedenklich, weil im Volke die Vermutung auftauchen könnte: du bist ja kein Politiker, dich geht der Krieg also nichts an. Wir Deutschen haben in den Nachkriegsjahren gelernt, daß der Krieg jedermann angeht, und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Krieg der Zukunft — jedenfalls soweit er sich in Europa abspielt — die in ihn verwickelten Völker nicht nur seelisch und finanziell, sondern auch körperlich in Anspruch nehmen wird. Ein solcher Krieg wird ein Ringen auf Tod und Leben werden. Seelisch, geistig, körperlich und materiell muß daher das deutsche Volk auf solche Möglichkeit vorbereitet sein. Es genügt nicht, den Krieg als Fortsetzung der Politik mit andern Mitteln den Politikern und die Kriegführung selbst den Generalen und Soldaten zu überlassen. Ein Voik, das sich diese Wirklichkeit nicht vor Augen hält, ist dem Untergang verfallen.
Es ist auch nicht etwa so, daß Fliegergeschwader, die aller Voraussicht nach den Krieg eröffnen io erben, seine Entscheidung in kurzer Zeit durch Bombenabwürfe herbeiführen könnten. Sic werden großen Schaden anrichten und zahlreiche Menschenleben vernichten, aber sie können dem Feinde nicht den eigenen Willen aufzwingen, denn sie werden nicht in der Lage sein, alle Kriegsmittel des Gegners so weit zu vernichten, daß jeder Widerstand aufhören muß.
Der feindliche Lebenswille kann nur durch Einmarsch ins feindliche Land gebrochen werden. Der Krieg 1870/71 hat bereits gezeigt, daß die Vernichtung der feindlichen aktiven Armeen einen zähen Feind nicht am Widerstand zu hindern vermag. Nach der Kapitulation von Sedan und Metz war fast die gesamte französische Heeresmacht aus dem Felde geschlagen. Unsere Truppen hatten aber noch monatelang schwer zu kämpfen, um die aus dem Boden gestampften neuen Armeen kampfunfähig und endlich die französische Negierung friedenswillig zu machen.
Die fortschreitende Technisierung der Kampfmittel wird es 3. B. motorisierten Truppen ermöglichen, überraschend tief in Feindesland vorzustoßen, sei es zur Umfassung kämpfender Truppen, sei es zur Vernichtung von Industrieanlagen, die der Herstellung von Kriegsmaterial dienen. Auch dadurch wird die Zivilbevölkerung den Gefahren des Krieges mehr ausgesetzt als früher. Diese Erwägungen werden Regierungen, die sich dem Volksganzen verantwortlich fühlen, sicherlich veranlassen, die Schrecken des Krieges von ihren Völkern fernzuhalten; es hieße aber Vogelstraußpolitik treiben, wenn man nicht trotzdem oder gerade deswegen alles täte, die Volksgesamtheit auf die Möglichkeit eines Krieges oorzubereiten, um das Volk instandzusetzen, den Kampf auf Leben und Tod siegreich zu bestehen. Nicht Politiker, nicht Generale werden den Krieg der Zukunft gewinnen, sondern das Volk, das sich auf ihn seelisch, geistig, körperlich und materiell am besten vorbereitet hat und — die Nerven behält.
Pazifistisches Denken und die Abschaffung der Allgemeinen Wehrpflicht haben in den 14 Nachkriegsjahren in Deutschland das Interesse an der Wehrmacht vielfach verkümmern lassen. Dies schwindende Interesse mußte sich zwangsläufig gerade auch in den Kreisen auswirken, die man gemeinhin nach dem Kriege mit dem Namen „Wirtschaft" zu bezeichnen pflegte, also Industrie, Handel und Handwerk, zwangsläufig deshalb, weil diese Kreise vor dem Kriege und im Kriege von der Wehrmacht lebten oder zum mindesten mittelbar durch sie Aufträge erhielten.
Volkswirtschastler haben vor dem Kriege wiederholt nachgewiesen, daß die Ausgaben für die Allgemeine Wehrpflicht werbende Ausgaben feien. Mit dem materiellen Interesse schwindet naturgemäß auch das ideelle, und manche Mutter hat bedauert, daß ihr Junge nicht mehr bei den „Preußen" Zucht und Ordnung lernen konnte und mußte. Ganz abgesehen von dem Moment der „Sicherheit", das durch Einführung der Allgemeinen Wehrpflicht ausgelöft wird, sind es daher auch Gründe der inneren „Staatsräson", die jeden Deutschen veranlassen müsien, dem Führer dafür bewundernd zu danken, daß er uns die Allgemeine Wehrpflicht wiedergeschenkt hat.
Forderung des Tages ist nunmehr, dem Führer den schuldigen Dank durch eifrigste Mitarbeit abzustatten, jeder an seinem Platze. Da ist es vor allem von Wichtigkeit, in Heer und Wirtschaft gegenseitiges Verständnis zu wecken. Das soll nicht etwa heißen, daß der Soldat sich um kaufmännische Belange kümmern und der Kaufmann am Stammtisch Strategie treiben soll. Aber der Soldat, der von der Technik mehr noch als im Weltkrieg abhängig sein wird, muß für die Notwendigkeiten der Wirtschaft höhere Kenntnisse und tieferes Verständnis besitzen, als das im allgemeinen vor dem Kriege der Fall war, und der Wirtschaftler muß lernen, sich in die Seele des Soldaten zu versetzen und militärische Notwendigkeiten zu begreifen. Notwendig ist, daß der Offizier als Berufssoldat wirtschaftliche Zusammenhänge erkennen tetat
Am einer besseren Zukunft willen.
London, 13. April. (Eig. Drahtmeldung.) „Times" begrüßt in einem Leitartikel den von Simon in Stresa mftgeteilten „Berliner Beitrag" und schreibt dazu unter anderem folgendes: Auf dieser Linie sollte es wirklich möglich fein, eine neue Regelung in Europa herbeizuführen. Es besteht keine Aussicht auf einen wahren Frieden, wenn nicht Deutschland als gleichberechtigter Partner'daran teilnimmt.
Der gegenwärtige ungeordnete Zustand kommt in erster Linie von der Tatsache her, Latz Deutschland niemals den Friedensvertrag in seiner Ganzheit wirklich angenommen hat. Der Friedensvertrag wurde Deutschland mit der Spitze des Bajonetts Ävungen und versetzte Deutschland in eine affige Stellung. Solange die Beziehungen zwischen Deutschland und den anderen Ländern nicht auf eine normale Grundlage gestellt sind, ist es unmöglich, ein Friedenssystem mit irgend einer Aussicht auf Dauer zu errichten. Das wichtigste int gegenwärtigen Augenblick ist der Versuch, die natürlichen Gefühle Deutschlands zu verstehen.
Jetzt gibt es nur noch einen oder zwei Punkte — wie z. V. das Recht, als Mandatarmacht betrachtet zu werden —, die Deutschland verlangt, bevor es sich in feder Hinsicht als gleichberechtigt ^betrachtet. Vielleicht
Lebhafter Widerhall in der englischen Öffentlichkeit.
London, 13. April. Die Mitteilung des englischen Außenministers Sir John Simon in Stresa, daß Deutschland zur Unterzeichnung eines Nichtangriffpaktes für den Osten bereit fei, wird von der ganzen englischen Presse in größter Aufmachung veröffentlicht. Die Mehrzahl der Blätter bezeichnet die deutsche Erklärung als eine außerordentlich wichtige Entwicklung und als einen bedeutenden Beitrag zur Verbesserung der Atmosphäre.
„Die deutsche Antwort auf Simons Anfrage, so berichtet ber Sonderkorrespondent der „Daily Mail", Ward Price, aus Stresa, ist das wichtigste Ergebnis, das die Konferenz bis jetzt gezeitigt hat. Sic wird in Stresa als ein Zeichen dafür angesehen, daß die deutsche Regierung bereit sein würde, an einer größeren internationalen Konferenz teilzunehmen, sobald der Anwurf Frankreichs gegen den „Vertragsbruch" Deutschlands in Genf aus dem Wege geräumt fei. Die britischen Vertreter in Stresa haben i h r bestes getan, die französischen Anschuldigungen zu mildern, damit der Stolz Deutschlands nicht derart verwundet werde, daß es die Erwägung feiner Rückkehr zum Völkerbund ablehnen würde."
Der diplomatische Mitarbeiter des Oppositionsblattes „Daily Harald" erklärt: „Deutschlands Mitteilung ist ein großer Fortschritt. Sie scheint erneut die Tür zu einer allgemeinen Regelung auf der Grundlage des Londoner Kommuniques vom 3. Februar zu öffnen.“
Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" ist als einziger der Ansicht, daß die deutsche Antwort keinerlei großen positiven Fortschritt bedeute. Die greifbare Wirkung fei insofern nicht groß, als die in Berlin dargelegten Nichtangriffspaktvorschlage hinter den Maßnahmen der Artikel des Völkerbunüsüatuts zurückblieben. Deutschlands Stellungnahme bedeute jedoch andererseits, daß Deutschland den zwischen Frankreich, Sowjetrußland und der Tschechoslowakei in VorÄreitung befindlichen Ostpakt der gegenseitigen Unterstützung nicht als ein Hindernis für seine Mitarbeit bei anderen Problemen der europäischen Friedensorgani- sation betrachte. Das Ziel Englandsseiesjeven- falls, Deutschland nach Genf zurückzubr ing e n, und dieser wichtige Punkt bleibe zur Erörterung am heutigen Samstag übrig. Ein anderer fei die jetzt allerdings entfernterscheinende Möglichkeit, eine Begrenzung der Rüstungsstarken zu erzielen.
Reuter meldet, die neue Entwicklung werde wahrscheinlich zu einer Reihe weiterer Besprechungen zwischen Berlin und London führen. Simons Erklärung sei ein Beweis dafür, daß England weitere Er- örterungen mit Deutschland wünsche, bevor es irgend welche Beschlüsse fasse. Die Gerächte, daß eine größere Konferenz unter Einschluß Deutschlands in London ftattfinben werde, nähmen dauernd an Stärke und Umfang zu.
Geteilte Meinungen in Paris.
Paris, 13. April. Zur österreichischen Frage berichtet Havas aus Stresa, Mussolini habe ausführlich über die Gefahr, der Österreich ausgesetzt sei (?), Vor- trag gehalten. Die Vertreter Englands, Frankreichs und Italiens seien einmütig der Ansicht gewesen, daß es ange- Äi<u$Het, Hie Verhandlungen zwischen allen Nachbarländern (also Stellen, Deutschland, Ungarn, die Tschechoslowakei und
besteht im gegenwärtigen Augenblick die beste Aussicht, ein allgemeines Sicherheitssystem mit einer bestimmten Rüstungsbegrenzung zu schaffen. Die wirkliche Prüfung der deutschen Absichten steht noch immer bevor. Worauf es aiftommt, ist: Was wird Deutschland tun, wenn es feine Gleichberechtigung erzielt hat und nicht: Was müßte Deutschland tun, um die Eleich- berechtigung zu erzielen?
„Times" fährt fort, es fei sehr zu hoffen, daß man nächste Woche in Gens nicht zuviel Zeit damit verbringe, tadelnde Entschließungen zu fassen. Es sei wichtig, daß man einen Protest gegen irgend eine einseitige Verletzung eines mehrseitigen Vertrages niederlege, aber es fei viel wichtiger, eine bessere Zukunft vorznbereiten, als Beschuldigungen über eine verwirrte Vergangenheit vorzubringen. Die beiden wirklich ausschlaggebenden Fragen, die jetzt beantwortet werden müßten, seien
1. ob die Bedingungen Deutschlands für seine Rückkehr in den Bund der Nationen vernünftig seien — darüber müsse sicherlich eine weitere Rücksprache mit Deutschland gepflogen werden — und
2. wie am besten ein allgemeines Sicherheitssystem errichtet werden könne, um zu erreichen, daß jedem Angreifer übermächtige Umstände gegenüberstehen.
