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Nr. 102.
Samstag, 13. April 1935.
83. Jahrgang.
Hoffnungsvoller Ausklang in Strefa.
Die englische Vermittlung erfolgreich. — Die Genfer Entschließung. Deutschland beteiligt sich am Ostpakt in neuer Form.
Heute Konferenzschlutz.
as. Berlin, 13. April. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der Konferenzhimmel von Streisa hat sich gestern aufgehellt. Die Verhandlungen können heute programmäßig abgeschlossen werden, ohne daß sich die Beteiligten zu sagen brauchen, es sei nichts erreicht. Erreicht ist immerhin, daß der W e g z u w c i t e r e n V e r- handlungen mit Deutschland nicht ver- baut wurde. In dieser Hinsicht hat sich die englische Vermittlung als erfolgreich erwiesen. Zwar ist der Entschließungsantrag, den die am Montag beginnende Ratstagung annahm, und der bekanntlich nach französischem Wunsch die „einseitige Vertragsverletzung" Deutschlands verurteilen soll, in Stresa noch nicht endgültig formuliert worden, was ohnehin nicht möglich war, da man den anderen Ratsmächten nicht vorgreifen konnte. Sicher ist aber, daß diese Entschließung sich nicht in einer derartigen Form gegen Deutschland richten wird, daß eine endgültige Rückkehr Deutschlands nach Genf unmöglich würde. Die Feststellung wird in ziemlich allgemein gehaltenen Ausdrücken getroffen werden und unabhängig davon will man die Frage behandeln, was im allgemeinen bei Vertragsverletzungen in Zukunft geschehen soll. In Paris ist man über diese Wendung nicht sehr erbaut. Die Pariser Blätter zeigen sich sehr mißvergnügt und beweisen damit erneut, daß es ihnen garnicht auf eine Verständigung, sondern auf die Isolierung Deutschlands ankommt.
Den.wesentlichen Beitrag zu der Konferenz aber — und damit kommen wir zu dem Punkt, den man als die Sensation des gestrigen Tages in Stresa bezeichnete — hat eine Macht geliefert, die auf der Konferenz garnicht vertreten war, nämlich Deutschland. Auf eine nochmalige englische Anfrage über die deutsche Stellung zum Ostpakt hat gestern die Rcichsregierung telegraphisch mitgeteilt, daß sie bereit sei, einen Nichtangriffspakt im Osten auch dann zu unterzeichnen, wenn sich einige der Unterzeichner, als Frankreich, Sowjetunion und die Tschechoslowakei, in einem getrennten Vertrag zur automatischen gegenseitigen Hilfeleistung im Fall eines Angriffs verpflichten. Damit ist erneut die Verständigungsbereitschaft Deutschlands bewiesen. Zugleich muß aber auch betont werden, daß diese deutsche Mitteilung durchaus im Rahmen der bisherigen deutschen Politik liegt, denn immer wieder hat ja Deutschland erklärt, daß es zum Abschluß von Nichtangriffsverträgen bereit ist, daß es aber einen Vertrag der militärischen Hilfeleistung gegenüber Rußland strikt ablehnt. In diesem Zusammenhang scheinen uns die Ausführungen der „Deutschen diplomatisch-politischen Korrespon- oenz" beachtenswert, in denen es u. a. heißt: „Wenn jetzt nach den Zielen und Absichten Deutschlands gefragt wird, so ist zu erwidern, daß sie eng mit dem zu- sammenhängen, was die anderen Staaten wollen. Das Verhalten Deutschlands ist in der Vergangenheit meist nur die zwangsläufige Folge der Handlungen oder Unterlassungen der anderen gewesen. Es kann auch für die Zukunft nicht losgelöst von den anderen Tendenzen der europäischen Politik betrachtet werden." Das
ist eine nochmalige Bekuudung der deutschen Verständigungsbereitschaft zugleich mit dem Hinweis auf Ursache und Wirkung, aber auch eine Mahnung an die übrigen Mächte.
Rach der Erledigung der gestrigen Entschließung und nach der Erledigung des Ostpaktproblems blieben für Strefa noch der Nichteinmischungspakt und der L u f t p a k t. Beide Themen sind gestern ebenfalls behandelt worden, ohne daß man freilich wesentlich weitergekommen wäre. In beiden Fällen liegt die Bereitschaft Deutschlands zu weiteren Verhandlungen zutage. Dabei haben wir allerdings mehrfach darauf hingewiesen, daß der Begriff der Nichteinmischung außerordentlich schwer zu definieren ist. Auch die Formulierung des Luftpaktes macht erhebliche Schwierigkeiten und es dürfte erinnerlich sein, daß hier Italien gewisse Einwände erhoben hat. Das sind also Themen, über die man sich weiter unterhalten muß.
Im ganzen wird man sagen können, daß Strefa bestimmt keine Wunder gewirkt hat, was auch niemand erwartete. Der Berg des Mißtrauens ist noch lange nicht überwunden. Auf der anderen Seite hat aber Strefa doch auch wenigstens dafür der englischen Vermittlung keine Wege verbaut, wie es gewisse Politiker jenseits der deutschen Grenzen gern gesehen hätten. Die deutsche Politik mit ihrer Auffassung der Gleichberechtigung, der Freiheit und des Friedens, hat bereits Früchte getragen, wenn auch der weitere Weg sicherlich nicht leicht fein wird.
Ein italienisches Kommunique.
Strefa, 12. April. Über den Verlauf des heutigen zwei, ten Verhandlungstages von Strefa wird von italienischer Seite folgendes Kommunique ausgegeben:
Unter dem Vorsitz des italienischen Regierungschefs haben sich heute morgen um 9,30 Uhr die Vertreter Frankreichs, Englands und Italiens versammelt. Die Besprechung, die bis 13 Uhr dauerte, war der Fortsetzung der Aussprache über den Schritt Frankreichs an den Völkerbund gewidmet. Die Delegationen versammelten sich erneut uni 13,30 Uhr und schlossen die Besprechung über den französischen Schritt an den Völkerbund ab. Die Verhandlungen befaßten sich sodann mit der L a g e in Ö st c r r c i ch. Hierüber machte der italienische Regierungschef längere Ausführungen. Anschließend behandelte man die Frage des Ostpaktes. Schließlich wurden die Verhandlungen über den L u f t p a k t eingeleitet.
Um 19 Uhr wurden die Verhandlungen unterbrochen und auf morgen früh 9,30 Uhr vertagt. Im Laufe des Nachmittags hat Sir John Simon ergänzende Einzelheiten seines gestrigen Berichtes über die Haltung Deutschlands, so wie er sic bei seinem Besuch kennengelernt habe, gegeben. Er hat hinzugefügt, daß ihm heute neue Informationen zu- gegangcn seien. Freiherr von Neurath habe den englischen Botschafter in Berlin unterrichtet, daß Deutschland bereit sei, einem Nichtangriffspakt des Ostens beizutreten, selbst wenn einige andere Unterzeichner dieses Paktes unter sich Sonderabmachungen über Abkommen zur gegenseitigen Beistandsleistung treffen sollten.
Dieser offiziellen Verlautbarung wurde von italienischer Seite hinzugesügt, daß man. ohne Wunder vorauszusehen und Hoffnungen erwecken zu wollen, die Lage mit größerem Optimismus betrachten könne.
Polen und die Verhandlungen zwischen Paris und Moskau.
Randbemerkungen zur Reife Lavals.
Warschau, 12. April. Das dem Regierungslager nahestehende Militärblatt „Polska Zbrojna" schildert in einem Artikel über das bisher in Polen mit Stillschweigen übergangene Vertragsprojekt Moskau-Paris, das Schwanken der französischen Politik gegenüber der Sowjetunion in den letzten Monaten und weist daraus hin, daß man Einzelheiten über das boabsichtigte Abkommen bisher nur aus Prefsc- stimmen entnehmen könne. Das Blatt wirft im Zusammenhang damit die Frage auf, ob die französische Diplomatie über alle Arbeiten zur Vorbereitung ihres letzten Schrittes in geeigneter Form und zu geeigneter Zeit ihre Freunde und Verbündete unterrichtet habe, oder ob die diplomatischen Gepflogenheiten, die sich letzthin in Frankreich entwickelt Hütten, auch in diesem Falle dazu führten, daß man seine Freunde nur durch Vorlage alter Zeitungsausschnitte in Reinschrift unterricht«. Gewisse Fälle der Vergangenheit legten eine solche Frage nahe. Die französische Antwort darauf werde ebenso aktuell wie interessant sein.
Der „Krakauer Illustrierte Kurier" erklärt, Polen habe durch die Verträge mit der Sowjetunion und Deutschland eine Beruhigung an seinen Grenzen geschaffen. Es sei im Osten der einzige Bürge des Friedens, den es mit Hilfe sei
nes Heeres zu schützen wisse. Minister Laval, so sagt das Blatt, werde diese Gesichtspunkte in seinen Verhandlungen mit Sowjetrußland nicht aus den Augen lassen, da sich auf das fran.zöstsch-polnische Bündnis sowohl die Beruhigung Frankreichs, wie die Beruhigung Polens stützen. Alles übrige fei ein politisches Spiel — und wenn Frankreich irgendwelche Gesten gegenüber Sowjetrußland mache, so tue es das nur aus Furcht, daß sonst ein neues Rapallo entstehen könnte.
Der Besuch des französischen Außenministers Laval in Warschau wird, wie verlautet, auf der Rückreise aus Moskau, etwa am 29. April, stattfinden und zwei Tage dauern.
Der große Soldatenverband.
Eine Mitteilung der Bundesführung des Kqffhäuferbundes.
Berlin, 12. April. Zu der in öffentlichen Äußerungen behandelten Frage eines einzigen deutschen Soldatenbundes teilt der Bundesführer des Kyff- häuserbundes mit, daß keinerlei Veranlassung zu irgend welchen Befürchtungen um ihren Bestand für die Kameradschaften des Kyffhäuserbundes vorliege. Die Jntereflenver- tretung aller Kameradschaften des Knffhäuserbundes liege bei diesen Einigungsbestrehungcn allein bei der Bundesführung.
Blick in die Welt.
Baldwin, Englands stellvertretender Pakte Ministerpräsident, hat sich dieser Tage bitter und „ darüber beklagt, daß Europa einem Verträge. Zollhaus gleiche. Gegen diese Feststellung ist wenig zu sagen, es ist nur hinzu- zufügen, daß Deutschland in den letzten Jahren alles, was in seinen Kräften stand, getan hat, um die anderen Völker Europas von ihren, durch Baldwin so scharf gekennzeichneten Neigungen abzubringen. Nun wird gerade jetzt wieder von der „Organisation des Friedens" gesprochen und, auch die Konferenz von Stress soll bekanntlich dieser Aufgabe dienen. Aber soviel man auch mit Pakten und Artikeln des Völkerbundstatuts herumjongliert, so scheint es doch recht fraglich, ob man einen Schritt weiter kommen wird. Zwar sprechen auch die Franzosen gern und viel von der Organisierung des Friedens, aber sie wollen darunter doch immer nur die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Zu st an des, die Verewigung von Versailles, verstanden wissen. Gerade darum muß immer wieder daraus hingewiesen werden, daß der Ausbau aller möglichen Artikel der Völkerbundssatzung nutzlos ist, solange man sich nicht erinnert, daß der Artikel 19 der gleichen Satzung die Möglichkeiten einer Revision „unanwendbar gewordener Verträg e" gibt. Erst die Einbeziehung dieses Artikels in das jetzt offenbar geplante Vertragswerk würden dieses Vertragswerk möglich und annehmbar erscheinen lassen. Erst dann würden nämlich die Verpflichtungen zu gegenseitigem Beistand nicht mehr Garantieverpflichtungen für den gegenwärtigen Zustand, den Status quo, sein, sondern Garantieverpflichtungen für die Aufrechterhaltung des Friedens.
Der englische Außenminister Sir John Litauische Simon hat in seiner letzten Unterhaus- Täuschungs- erklärung betont, daß England, Franik- manöver. reich und Italien als Unterzeichner des Memelstatuts „ein besonderes Interesse" an der Memelfrage haben. Er hat dabei auch Durchblicken lassen, daß England sich offenbar nicht mit den bisher völlig ergebnislosen Schritten in Kowno begnügen will. Man hat in London durchaus das Gefühl, daß man die Dinge nicht einfach treiben und sich von den Litauern nicht zum besten halten lassen kann. Steht es nun mit diesen Anschauungen Englands, die in Kowno nicht unbekannt sein können, in Zusammeu- hang, wenn sich gerade jetzt ein Wechsel auf dem Posten des Gouverneurs für das Memelgebiet vollzieht? Dann freilich wäre dazu zu sagen, daß wir schon manchen Gouverneurswechsel im Memelgebiet erlebt haben. Gouverneure kommen und gehen, aber die litauische Gewaltpolitik blieb b e st e h e n. Es scheint uns auch nur darauf berechnet zu sein, den Unterzeichnermächten Sand in die Augen zu streuen, wenn man jetzt von Wahlen zum memelländischen Landtag spricht. Gleichzeitig hört man nämlich, daß die Litauer beabsichtigen, neue Bestimmungen für den Erwerb des memelländischen Bürgerrechtes zu erlassen — nur Memelländer sind wahlberechtigt —, Bestimmungen, durch die etwa 9000 Litauer plötzlich z u Memelländern würden. Aus diese Weise hofft man offensichtlich dann die deutsche Mehrheit im Landtag beseitigen zu können. Daß auch dieses Verfahren eine Verletzung des M e m e l st a t u t s bedeuten würde, braucht wohl kaum besonders betont zu werden, denn inan hätte hier nicht die Bestimmung zu treffen brauchen, daß nur Memelländer wahlberechtigt sind, wenn man jeden zugswanderten Litauer, gleich wie lange er im Gebiet ist, als Wähler hätte anerkennen wollen. Sa wie sich die Litauer die Dinge vorstellen, geht es nicht Das wird man ihnen hoffentlich mit aller Deutlichkeit klarmachen. Wir werden jedenfalls diese Dinge nicht aus dem Auge verlieren, denn für uns bleibt Meme! ein Prüfstein, ob Kollektioverträge nur dann wirksam sind, wenn sie sich gegen das Deutschtum richten.
Die Wirtschaftsbeziehungen Das neue zwischen Deutschland und der Russen- Sowjetunion hatten sich in der letzten abkommen. Zeit wenig erfreulich gestaltet. Die deutsche Ausfuhr nach Sowjetrußlan-d, die im Jahre 1931 den Rekord von 762,2 Millionen RM. erreichte, sank im letzten Jahre auf 63,3 Millionen RM. und, zeigte weiterhin eine rückläufige Tendenz. Etwas günstiger lagen die Dinge für die Sowjets, da die russische Einfuhr im letzten Jahre noch 209,7 Millionen Reichsmark ausmachte, womit sich für Deutschland ein Passivsaldo von 146,5 Millionen RM. ergab. Zu einem Teil ist diese Entwicklung wohl auf die seit einiger Zeit geänderten Richtlinien der sowjetrussischen Außenhandelspolitik im Rahmen des zweiten Fünfjahresplan zurückzuführen, zu einem Teil aber auch auj
