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Nr. 100.

Donnerstag, 11. April 1935.

83. Jahrgang.

Wolken am Konferenzhimmel.

Die ersten Beratungen in Stresa. — Man ist nicht abergläubische England will keine Entscheidungen.

Gerechte Forderungen.

Die Rede, die der britische Aussenminister Sir John Simon vor seiner Abreise nach Stresa im Unterhaus gehalten hat, vermochte die Spannung nicht zu lösen, mit der man seinen Ausführungen überall in -der Welt entgegengesehen hat. Der Abgeordnete Maxton, der nach ihm sprach, hat -durchaus recht mit der Feststellung, daß das britische Volk und die Weltöffentlichkeit nun in -klaren Umrissen zu erkennen vermöge, roas Deutsch­land, Rußland, Polen und die Tschechoslowakei wollen, daß aber niemand sagen kann, wie sich England selbst zu den zur Entscheidung stehenden und für Europa lebenswichtigen Fragen stellen will. Davon scheint uns aber im gegenwärtigen Zeitpunkt außerordentlich viel, wenn nicht alles abzuhängen.

Die deutsche Regierung hat es bewußt vermieden, - ihre Stellungnahme und ihre Forderungen auf den öffentlichen Meinungsm-arkt zu tragen, weil sie den Engländern Gelegenheit lassen wollte, unbeeinflußt und ruhig ihre Arbeit für die Verständigung in Europa und für die Befriedung des Kontinents fortzufetzen. Sir John Simon hat es nun vor dem Beginn -der Kon­ferenz von Stresa nicht weiter als notwendig erachtet, den Schleier dicht zu halten. Run weiß also alle Welt, was wir wollen. Rach dem Hin und Her von „un­autorisierten Vermutungen", Dementis und neuen Zu­geständnissen konnte sich jeder, der die Ereignisse in den letzten vierzehn Tagen aufmerksam verfolgt hat, be­reits in allgemeinen Umrissen ein Bild von dem machen, was Simon jetzt in voller Klarheit aufgezeichnet hat. Völlig neu ist im Grunde nur die Ziffernangabe über die von Deutschland geforderte Heeresstärke. Bisher war nur die Zahl der Einheiten genannt. Wie stark die Divisionen der deutschen Wehrmacht sein sollen, das weiß man jetzt, nachdem das Verhältnis von 36 Divi­sionen und 550 000 Mann genannt ist. Es ist ganz gut, daß jetzt Klarheit geschaffen ist. Gegenüber matzlosen Übertreibungen steht beispielsweise jetzt fest,, daß Deutschland im Hinblick auf die Flottenstärke sich in einem durchaus maßvollen Rahmen hält, wenn wir nur etwa ein Drittel dessen -beanspruchen, was England für sich als notwendig erachtet. Die „Times" hatten noch in einem Aufsatz, der vor Simons Rede geschrieben war, behauptet, daß Deutschland eine Flotte fordere, die derjenigen jeder anderen Festlandsmacht gleich sei. Man braucht nur die Verhältniszahlen des Abkommens von Washington zum Vergleich heranzuziehen, dann ergibt sich die vollkommene Unrichtigkeit dieser Ver­mutung.

Im übrigen haben die „Times" richtig wiederge- geben, wie sich die deutsche Regierung die Erfüllung ihres Gleichberechtigungsanspruchs praktisch vorstellen. Auch nach der Rede Simons gelangt diese Zeitung, die immer noch als die Zeitung des britischen Empires an- gesprochen werden muß, zu der Schlußfolgerung, daß in den deutschen Forderungen nichts grundsätzlich Unver­nünftiges enthalten ist und daß, wenn man schon die Unterscheidung zwischen Siegern und Besiegten auf­heben und die tatsächliche Gleichberechtigung schaffen will, man ihnen kein ernsthaftes Argument entgegsnzu- setzen vermag.

Die Frage ist durchaus berechtigt, worin denn nun die „beträchtlichen Meinungsverschiedenheiten" begrün­det sind, von denen Simon sprach. Die deutsche Stellungnahme ist an keinem Punkte starr. Überall

Ohne Deutschland und Grotzbritannien

Die „Times" über „Allianzen im neuen Stil".

Tokio, 10. April. Die Gerüchte über ein russisch-französi- iches Gentlein en-Agreement haben in Tokio großes Aufsehen heroorgerufe n.

In hiesigen -politischen Kreisen wird halbamtlich mit­geteilt, daß das japanische Außenministerium demnächst -nach Eintreffen der Botschafterberichte -aus Moskau und Paris Stellung nehmen wird. Der japanische Botschafter -in der Sowjetunion Dia -hat heute seine Rückreise nach Moskau angetiet-en.

Nur zwei japanische bedeutende Blätter nehmen zu -den russisch-französischen Abmachungen Stellung -und betonen u. a., daß das in Paris zwischen Laval und Potemkin erzielte Gentlemen-Agreement nicht ohne Rückwirkung aus die politische Lage im Fernen Osten bleiben weide.

Genf zwischen Litwinow und Laval -abschließend beraten werden. Der Pakt wird noch vor -dem 1. Mai in Moskau unterzeichnet werden. Lava-I wird am 23. April nach Sowjet­rußland reisen.

Die „Prager Abendzeitung" bemerkt zu der Meldung: 3n dem französisch-russischen Pakt verpflichten sich die beiden Staaten, einander Begünstigungen zu -gewähren -und die -in den Artikeln 10, 16 -und 17 des Bolkerbundsvertrages ent­haltenen Empfehlungen zu beachten. Diese Artikel betreffen die territoriale and pol-itifche Unabhängigkeit -der Staaten und Maßnahmen -gegen den Angreifer. Wenn es dem Völker« bundsr-at nicht gelingen sollte, die Empfehlungen durch- zusetzen, welche Einmütigkeit erfordern, so werden sich die Staaten untere inan-bet erneut über weitere Verhandlungen -auf Grund -der Bestimmung des Absatzes 7 des Artikels 15 beraten. 3n den bisherigen Abkommen war diese Bestimmung für eine gemeinsame Aktion Frankreichs und Polens, sowie Frankreichs und der Tschechoslowakei angezogen worden. Nun­mehr wird -diese Bestimmung auch auf Frankreich -und Sowjet- rutzland -ausgedehnt,

Beittitt der baltischen Staaten?

London, 11. April. (Sig. Drahtmeldung). Wie „Times" meldet, hat die Sowjetregierung bei der litauischen, lettischen und estnischen Regierung hinsichtlich der Frage eines Bünd­nisses gegenseitigen Beistandes vorgefragt, das anstelle des von Deutschland und Polen verworfenen östlichen Sicher­heitspaktes treten solle. Es verlaute, daß der neue Pakt den Richtlinien des vorläufigen sranzösisch-sowjetruffifchen Ab­kommens folgen werde und unter Umständen mit diesem in Zusammenhang gebracht werden solle, zumal ja der Ur­sprüngliche für den östlichen Sicherheitspakt den Beitritt der drei baltischen Staate» vorgesehen habe. Die drei baltischen Regierungen würden die Angelegenheit in Erwägung ziehen und ihre Antwort wohl für eine kurze Zeit aufschieben.

Das Echo in Japan.

Der abessinische Streitfall in Stresa?

London, 10. April. Wie in unterrichteten Kreisen ver­lautet, wivd in Stresa auch der abessinische Streitfall auf« geworfen werden. Einer der besten Abessinien-Kenner des Foreign Office, der Leiter der ägyptischen Wteilung, Thompson, wird die englischen Minister in Stresa in dieser Frage beraten. Ob allerdings dem Wunsche der abessinischen Regierung aus Behandlung des Streitfalles durch» den Völkerbund Rechnung getragen wird, ist eine durchaus offene Frage.

unterbreiten, aber wenn der Völkerbund keine Einstimmig­keit erzielt, bann werben sie die Regelung in ihre eigenen Hände nehmen. Der offenbare Nachteil dieser neuen Vor­schläge ist, daß sie die Neigung zeigen müssen, E u r o p a _i n gesonderte feindliche Lager zu teilen. Jmeifel« los wird allen Ländern die Teilnahme freigestellt werden, aber es ist anzunehmen, daß Deutschland und Polen die­selben Einwendungen gegen diese neue Form von Pakten erheben wurden, wie gegen den ursprünglichen östlichen Sicherheitspatt. Der katastrophale, ver|chwendert|che und zerrüttende Rüstungswettbeweib, der bereits begonnen hat. muß nahezu unvermeidlicher Weise verschalst werden. Auf der anderen Seite ist das einzig wtit]ame Abschreckungs­mittel gegen einen etwaigen Friedensbrecher die Gewißheit, sich einer gewaltigen Ansammlung von Kräften gegenüber zu sehen. Das beste, was zu hoffen ist, ist, daß durch diese Methol« ein unbehaglicher Frieden solange auz- redrt erhalten werden kann, bis diese Methoden unter gün­stigeren Umständen einem vollkommenen Friedenssystem Pllltz machen das keine Unterschiede zuläßt, die sich auf den letzten Krieg gründen und das künftige Kriege überflüssig macht, indem cs Änderungen ohne Gewaltanwendung mög­lich macht. Das ist das Ziel, für das ein wirklicher Völker« bund eintreten muffe."

Ergänzungsabkommen Moskau—Prag.

Prag, 10. April. Die Abendblätter geben eine Meldung des tschechoslowakischen Pressebüros aus Paris wieder, in der es heißt: Außenminister Laval traf bei einem Esten auch mildem Eesandtender Kleinen Entente und den Staaten des Balkanpaktes zusammen. Er legte ihnen die Hauptgrundzüge des f r a nzösi sch - i o wj et rüst ischen Ab­kommens dar, das in der -allernächsten Zeit, höchstwahrschein­lich -bei dem Besuch Di. Beneschs in Moskau, durch ein ähnliches russisch-tschechoslowakisches Abkommen ergänzt wer­den soll Die letzten technischen Modalitäten des zranzöfisch- sowjerrustischen Abkommens werden in der nächsten Woche in

Das Abkommen Paris—Moskau.

as. Berlin, 11. April. (Drahtbericht unserer Berliner Wteilung.) In Stresa hat heute vormittag die Dreierkonferenz begonnen, in der drei Minister- Präsidenten, von denen einer — Al ussoli n i — zugleich Außenminister seines Landes ist, teilne-hmen. Abergläubisch scheint man nicht zu sein, denn die eng­lische Delegation, die heute morgen eintrcrs, umfaßt ins­gesamt 13 Personen. Auf die gleiche Zahl kommen auch die Franzosen, die schon seit gestern abend in Stresa weilten, während -dem Duce, der bereits gestern mittag in Stresa eintraf, ein Stab von 23 Leuten zur Ver­fügung steht. Man tagt in einem gesegneten, -durch seine landschaftlichen Schönheiten bekannten Landstrich. Daß dabei für die Konferenz sogar eine Insel, Jsola Bella, zur Verfügung steht, wird -der italienischen Polizei nicht unangenehm sein, -da es die Absperrung wesentlich erleichtert. Aber auch die Konferenzteil­nehmer haben den Vorteil, daß sie ganz unter sich sind. Erst wenn sie von den Verhandlungen nach Stresa in ihre Hotels zurückkehren, werden sich die -wissens- durstigen Journalisten — -die internationale Presse ist -in Stresa stark vertreten —auf die Minister und ihr Gefolge stürzen.

So romantisch und schön nun aber auch die Jsola Bella ist und so blau der Himmel sein mag, der sich über Stresa wölbt — -der Konferenzhimmel ist keines­wegs wolkenlos. Die Italiener -sind ver­schnupft darüber, daß Simon in seiner Unterhaus­erklärung Stresa lediglich -als Fortsetzung der Erk-unoungs-aktion, die die englische Regierung eingeleitet hat, bezeichnet wird. An diesem Gedanken aber halten die Engländer fest. Sie -wollen eine Fest­legung im Augenbmck vermeiden, erklärt man doch in London, daß die positive Politik möglicherweise gerade darin bestehe, weitgehende Ent­scheidungen im gegenwärtigen hysteri­schen Zustan-d der Welt zu verhindern. Aber auch in Frankreich -ist man über die Haltung Englands nicht gerade erfreut. Der „Temps" wirft den Engländern vor, -daß ihnen das wahre Gefühl der Solidarität fehle. Und die „Liberty" klagt, jedes- nial, wenn wir England -aufgerüttelt haben, sehen wir uns am kommenden Morgen wieder enttäuscht. Offen­bar, um die Engländer scharf zu machen, hält es ein Teil der französischen Blätter für erforderlich, wieder einmal gegen Deutschland zu hetzen, das den Krieg wolle, und was derartige Redensarten mehr sind.

Auch der schon gemeldete Abschluß des französisch - sowjetrussischen Abkommens soll offenbar die englische Politik in einer ganz be­stimmten Richtung beeinflussen. Die volle Bedeutung des Abkommens, das bei -dem Besuch Lavals in Moskau unterzeichnet werden soll, also inzwischen noch abge­ändert werden kann, ist im Augenblick noch Nicht zu übersehen. Offenbar aber handelt es sich um ein Völkerbundsmäntelchen für militärische Vereinbarungen, von -denen sranzösische Abge­ordnete mehrfach zu berichten wußten. Daß man in London über dieses Abkommen zwischen Paris und Moskau nicht sehr begeistert ist, liegt auf der Hand. Man glaubt -in dem Abkommen ein Zeichen dafür er­blicken zu können, daß Frankreich nicht nur den Ostpakt,. sondern auch das ganze Londoner Pro­gramm vom 3. Februar als mehr oder minder erledigt betrachtet und zu einer einseitigen Bündnis Politik entschlossen ist. Andererseits ist auch nicht zu übersehen, daß es selbst i-n Frankreich eine, wenn auch wohl nicht allzu starke Opposition gibt, die - Laval vorwirst, er -habe durch dieses Abkommen ge­rade die beiden Mächte vor den Kopf gestoßen, mit denen es sich vor der Ratstagung hätte einigen müssen, Alles in allem wird man sagen können, daß beim V e - ginn der Konferenz von Stresa die Lage keineswegs -sehr durchsichtig ist.

„(£in unbehaglicher Frieden."

London, 11. April. Unter der Überschrift „Allianzen im neuen Stil“, lagt „Times" in einem Leitartikel, der Auf­bau des kollektiven Vertcibigungssystems ohne Deutschland und ohne Großbritannien habe bereits begonnen. Frankreich und SowjetrußlaNb hät­ten am Vorabend von Stresa vereinbart, einen Pakt gegen« feitiaen Beistandes gu unterzeichnen, bei sich innerhalb des Rahmens -bes Völkerbundes hatten solle. Tatsächlich han­dele es sich um den Versuch, die Genehmigung des Völker« brnbes für ein Verteidigungsbündnis zu gewinnen. Gleich­zeitig feien anscheinend Vorkehrungen getroffen worden, um die Verzögerungen zu vermeiden, -die von der gewöhnlichen Prozedur des Völkerbundsrates untrennbar find. Genaue Einzelheiten des neuen Vertrages feien noch nicht bekannt und er werde tatsächlich vor Lavals Besuch in Moskau nicht unterzeichnet werden.

„Times" geht bann zu einer Erörterung des französffch- sowjetruffischen Planes über und beschäftigt sich in diesem Zusammenhang mit den Artikeln 10, 15, 16 und 17 bei Völkerbunbssatzung. Das Blatt schreibt: „Frankreich un-b Sowjetrußlanb wollen also einen etteii dem Völkerbund