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7 Ausgaben

Wöchentlich

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Nr. 98.

Dienstag, 9. April 1935.

83. Jahrgang.

Die letzten Vorbereitungen für Strefa.

Macdonald und Flandin fahren nach Stresa. — Bor einer Erklärung Simons. Beratungen des französischen Kabinetts.

Luftabkommen Frankreich—England?

U8. Berlin, 9. April. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der englische Ministerpräsident M a c - donald hat sich nun doch entschlossen, selbst an der Konferenz in Stresa teilzunehmen, zumal Eden, dem der Führer telegraphisch die besten Wünsche für eine baldige Genesung übermittelte, nicht in der Lage ist, sich nach Stresa zu begeben. Diese Änderung der englischen Dispositionen dürste auch den französischen Ministerpräsidenten Flandin veran­lassen, nach Stresa zu reisen, sodaß also dort Italien, Frankreich und England durch ihre Ministerpräsidenten vertreten sein werden. Die Engländer sind dabei — in dieser Richtung scheinen sich die Erörterungen des englischen Kabinetts bewegt zu haben — nach wie vor dagegen, daß in Stresa irgendwelche un­abänderliche Beschlüsse gefaßt werden. London wünscht keine grundsätzlichen Entscheidungen. Es will keine Tür endgültig zufallen lassen. Von dieser englischen Einstellung ist man in Rom wenig entzückt, denn dort betont man immer wieder, daß jetzt krast- volle Entschlüsse nötig seien. So bedauert auch die italienische Presie, daß der Zusammenschluß der drei westlichen Großmächte an der „schwankenden Haltung und den zahlreichen Bedenken Englands" zu scheitern drohe. Im allgemeinen erwartet man auch von der Erklärung, die Sir John Simon heute im Unterhaus abgeben wird, keine Überraschungen, sondern glaubt, daß diese Erklärungen nicht sehr aufschlußreich sein werden.

Aber nicht nur im Unterhaus wird man sich heute nochmals mit Stresa befassen, sondern vor allem auch im französischen Kabinett. Außerdem soll aber das Kabinett, wie behauptet wird, auch noch den Wort­laut einer Denkschrift billigen, die Frankreich an den Völkerbunds rat zu richten gedenkt und

die sich gegen „die einseitigen militärischen Maßnahmen Deutschlands" richtet. Es wird eine energische „moralische Verurteilung" Deutschlands in dieser Denkschrift gefordert, die im übrigen mit den alten französischen Argumenten arbeitet. Vermutlich wird man freilich hierüber in Paris noch nicht die letzte Entscheidung treffen, sondern wird sich über das, 'was in Genf geschehen soll, wohl erst in Stresa klar werden.

Wie schon wiederholt, so hört man auch jetzt wieder in dem Augenblick, in dem man sich überall mit Eifer auf Stresa vorbereitet, von militärischen Ver­einbarungen, die mit dem Konferenzprogramm schwerlich in Übereinstimmung gebracht werden können. Eine Pariser Meldung spricht nämlich davon, da sich der hohe Rat der nationalen Verteidigung mit einem englisch - französischen Luftabkommen beschäftigt haben soll, in das auch Belgien einbe­zogen werden soll. Die Nachricht erhält eine gewisse Stütze dadurch, daß bekanntlich unlängst der englische Luftfahrtminister längere Zeit in Paris weilte, und daß er sowohl wie die ihn bgleitenden englischen Offi­ziere im französischen Luftfahrtministerium verhan­delten. In diesem Zusammenhang wird von der Er­richtung von Flugzeug st ützpunkt en in Flandern und Nordfr ankreich gesprochen, die als Zwischenlandeplätze der gegen­seitigen Luftflotten dienen und schon jetzt mit Ersatzmaterial usw. ausgestattet werden sollen. Aber auch wenn solche Verhandlungen nicht zum Abschluß gelangt sein sollten, so zeigen sie doch sehr deutlich, wo­hin die Wünsche gewisser französischer, aber auch be­stimmter englischer Kreise zielen. Es ist ja nicht das erstemal, daß zwischen den Eeneralstäben in Paris und London über eine enge Zusammenarbeit verhandelt wird, während sich die Diplomaten, zum mindesten in London, noch um eine andere Lösung bemühen.

Eine eindeutige Absage

an das Treiben und Wühlen der Opposition.

Aufruf des Danziger Senatspräsidenten an die Bevölkerung.

Danzig, 8. April. Der Präsident der Freien Stadt Danzig, Arthur Greiser, hat am Montagmittag nach­stehenden Ausruf an die Bevölkerung der Freien Stadt Danzig erlassen:

Au di« Bevölkerung der Freien Stadt Danzig!

Der vom Senat der Freien Stadt Danzig gewünschte, von der nationalsozialistischen Bewegung parlamentarisch herbei­geführte Appell an die Danziger Bevölkerung hat mit dem gestrigen Tage den Beweis erbracht, daß noch mehr als bisher die übergroße Mehrheit der Danziger Bevölkerung hinter der nationalfozialisiischen Partei und Regierung steht.

Damit hat die Danziger Bevölkerung ein­deut igzumAusdr uckgebracht, daß siemitdem Treiben und Wühlen der Opposition nicht einverstanden ist. Die Oppositionsparteien haben da­durch ein für allemal das Recht verwirkt, im Namen der Danziger Bevölkerung Schriften und Beschwerden an irgend eine Stelle zu richten.

FormalmögensieimRecht fein, moralisch s i nd sie aer ich t« t.

Durch den eindeutigen Vertrauensbeweis der Danziger Bevölkerung, der durch die Abgabe von 30 000 Stimmen mehr als in den Volkstagswahlen im Mai 1933 zum Aus­druck gekommen ist, wird di« Regierung nach der Neubildung ihre Schwere und verantwortungsvolle Aufbauarbeit nun­mehr mit gestärkter Kraft fortsetzen, und vom Vertrauen des Voltes getragen vollenden.

Der Senat dankt der Danziger Bevölkerung durch erhöhte Pflichterfüllung. Das Volk hat gesprochen. Die Arbeit geht weiter!

Für ein deutsches Danzig in nationalsozialistischem Geist!

Das vorläufige amtliche Ergebnis.

Danzig, 8. April. Das Wahlamt hat am Montagnach­mittag gegen 2 Uhr das nachstehende vorläufige amtliche Ergebnis der Wahlen zum Danziger Volkstag bekannt- gegeben. Danach erhielten Stimmen (in Klammern die Er­gebnisse der Wahlen vom 28. 5.1933):

NSDAP. SPD.

139043

38 015

7 990

(109 029) ( 37 882) ( 14 566)

Zentrum

31 525

( 31 336)

Liste Weise

9 691

( 13 596)

Liste Pietsch

382

Polen

8 310

( 6 743)

Wahlberechtigt waren 237 016, abgegebene Wahlscheine 82.

Gültige Stimmen 234 956

Ungültige Stimmen 1777

Insgesamt: 236 733

Die Berechnung der Mandate nach dem Porportional- system ergibt folgende Verteilung der Sitze im Volkstag, die allerdings noch geringfügigen Verschiebungen unterworfen sein kann:

NSDAP. 44 (38), SPD. 12 (13), Kommunisten 2 (5), Zentrum 9 (10), Liste Weise (früher Deutschnationale) 3 (4), Polen 2 (2).

Es ergibt sich daraus, daß unter Berücksichtigung der höheren Wahlbeteiligung alleOppositionsparteien Verluste erlitten haben. Nur die NSDAP, hat sechs Mandate gewonnen, und die Polen haben ihre beiden Sitze behauptet.

Nationalsozialistische Mehrheit auch in den Kommunalvertretungen.

Danzig, 8. April. In den Landkreisen Danziger Höhe, sowie der Stadt Zoppot fanden am Sonntag gleichzeitig mit den Volkstagswahlen auch Neuwahlen zum Kreistag und zu den Gemeindevertretungen statt. Nach dem Ergebnis dieser Wahlen hat die NSDAP., ebenso wie es bereits im November o. 3. in den beiden anderen Danziger Landkreisen der Fall war, nunmehr auch im Kreise Danziger Höhe, sowie in der Stadt Zoppot überall die ab­solute Mehrheit, im Kreistag Danziger Höhe sogar eine überwältigende Mehrheit erzielt.

Der Kreistag Danziger Höhe setzt sich nunmehr aus 15 Nationalsozialisten, 2 Sozialdemokraten, 3 Zentrums- Vertretern und einem Polen zusammen.

Im neuen Zoppoter Stadtparlament verteilen sich die Sitze wie folgt: NSDAP. 15 (bisher keinen), Sozial­demokraten 3 (3), Zentrum 7 (6), Gruppe Weise (früher Dcutschnationale) 2 (9), Polen 1 (1). Die Kommunisten, die bisher einen Sitz innehatten, sind in dem neuen Zoppoter , Stadtparlament nicht mehr vertreten.

Diplomatie unter Palmen.

Wenn der Zug den schwarzen Tunnel bei Domodos- sola verläßt, wird der Blick frei auf graugrüne Oliven­gärten, auf Weinberge, auf den strahlend blauen süd­lichen Himmel. Freilich jetzt zu Frühlingsbeginn sieht das alles noch nicht so strahlend aus, oft genug hängen noch graue Wolken über dem südlichen Land. Aber die Aussicht auf die weite lief dunkelblaue Wasserfläche des Lago Maggiore mit ihren idyllischen Buchten und Inseln, mit den zarten Silhouetten der Pinien löst auch dann Rufe der Bewunderung oder stilles bewunderndes Staunen aus. Hier, an der "landschaftlich und klimatisch schönsten Stelle des Lago Maggiore treffen sich die Staatsmänner Italiens, Englands, Frankreichs, um über das Schicksal der europäischen Welt zu verhandeln, oder richtiger über den Anteil, den sie an der Gestal­tung dieser Welt nehmen wollen.

Der See der Konferenzen.

Der Lago Maggiore, einer der drei großen ober­italienischen Seen, ist in der hohen Diplomatie Europas seit Jahr und Tag sehr beliebt. Sein nördlicher Zipfel ragt auf Schweizer Gebiet, quer über ben See läuft die italienisch-schweizerische Grenze. An diesem nördlichen, schweizer Ausläufer des großen Sees liegt Locarno, jene südschweizer Stadt, die seit dem Jahr 1925 zu einer Art Symbol für technische Begriffe der Diplomatie ge­worden ist. Jy Locarno trafen sich damals Briand, Stresemann und Chamberlain zur Vorbereitung des Vertrages, der die deutsch-französisch-belgische Grenze gegenseitig garantierte, und die Unterschriften Eng­lands und Italiens neben den Unterschriften der drei hauptbeteiligten Staaten trägt. Ein „Locarno" wird seitdem jeder der abgeschlossenen und geplanten Ver­träge genannt, in denen irgend ein Staat irgend einem anderen Staat Garantien und Grenzsicherungen gibt. Man hat von einem Balkan-Locarno gesprochen, man hat den Namen dieser schweizer Stadt zum Schlag­wort gemacht. Die Konferenz, die nun etwas südlicher an dem gleichen See stattfindet, mußte auf italienisches Gebiet gelegt werden, weil der italienische Staatschef Mussolini seit vielen Jahren die Grenzen seines Landes nicht verlassen hat, und weil also, wenn die anderen Partner Wert auf seine Teilnahme legten, ein italieni­scher Konferenzort gewählt werden mußte. Stresa liegt an dem kleinen östlichen Ausläufer, den der lang­gestreckte Lago Maggiore hat, in einer ganz besonders geschützten Bucht. Hier liegen Stresa vorgelagert die drei Borromäischen Inseln, die in ihrer günstigen Lage in einen reichen Garten tropischer Pflanzenkultur ver­wandelt werden konnten. Die Staatsmänner, die sich in Stresa versammeln, werden täglich den Blick auf hochragende Palmen, auf die Pflanzungen von Feigen­bäumen haben, die man hier anlegen konnte. Vielleicht werden manche der Aussprachen, wie es häufig bei solchen Gelegenheiten der Fall war, auf den blauen Wassern des Lago Maggiore oder auf dem Boden einet dieser idyllischen Inseln stattfinden. Die Themen frei­lich, die die Staatsmänner aus den Hauptstädten zur Besprechung mitbringen, werden nicht ganz dem para­diesischen Charakter der Umgebung entsprechen.

Diplomatie auf Reisen.

Eine Drei-Staaten-Konferenz ift . rein äußerlich keine kleine Angelegenheit. Da erscheinen zunächst die Minister selbst, denen diesmal als Präsi­dent der Konferenz der italienische Ministerpräsident Mussolini Gastfreundschaft gibt. Es erscheinen die Sach­referenten, von denen im allgemeinen jeder ein gutes Dutzend mitbringt, d. h. die Spezialisten für juristische Fragen, für militärische Fragen, für Völkerbunds­fragen. Es erscheinen die Dolmetscher, die zwar stets im Schatten der Ereigniffe zu bleiben haben, deren Namen nie in den großen offiziellen Kommuniques ge­nannt werden, die aber doch eine sehr wichtige Rolle spielen, wenn sie, möglichst im Tonfall und mit den Gesten ihres Chefs, desien Worte in die andere Sprache übertragen. Es erscheinen die Sekretäre ainb Sekre­tärinnen, bewaffnet mit den Schreibmaschinen, deren Geklapper oft bis in die Nacht hinein die friedlichen Besucher der Luxushotels stört. Und es erscheinen die Journalisten zahlreicher Länder, die ebenfalls bis in die Nacht hinein die Hotelhallen besetztohalten — jene Hotelhallen, in denen Diplomaten und Journalisten im intimen Gespräch politische Verabredungen treffen statt der galanten Verabredungen, die sonst hier am Platze find. Für ein paar Tage verändert die reisende Diplo­matie von Grund auf das Bild eines solchen Platzes, der das Schicksal hat, Konferenzort zu werden. Es werden diesmal wirklich nur ein paar Tage sein, denn wenig später ziehen die Minister mit Sachberatern, mit Dolmetschern, mit Sekretären und Sekretärinnen, mit öen Journalisten ihrer Länder von der Konferenz in