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Nr. 96.

Sonntag, 7. April 1935.

83. Jahrgang.

Veränderungen im griechischen Kabinett.

Tsaldaris erkrankt.

Athen, 5. April. Der Staatspräsident hat am Freitag mehrere Dekrete unterzeichnet, durch die ernannt werden: Ministerpräsident Tsaldaris zum Finanzminister, Kriegsminister Kondylis zum stellvertretenden Minister­präsidenten und Staatsmimster Navromichalis zum Auhe mninister.

Ministerpräsident Tsaldaris ist plötzlich erkrankt. Kriegsminister Kondylis ist mit der Wahrnehmung der Geschäfte beauftragt worden. Der frühere Austenminister Maximoff wird mit der Vertretung Griechenlands bei der vor dem Völkerbund in Eens anberaumten Extratagung Getraut werden.

Die

Danzig und Polen.

a?: Berlin, 6. April. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Am Sonntag wird in Danzig ein neuer Volkstag gewählt, -da das bisherige Parlament am 7^- Februar auf nationalsozialistischen Antrag hin, sich selbst aufloste. In diesem Volkstag hatten von den insgesamt 72 Sitzen die Nationalsozialisten 41 inne. 12 Sitze entfielen auf -die Sozialdemokraten, 10 auf das Zentrum, 5 auf die Kommunisten und je 2 auf die Deutschnationalen und auf die Polen. Die National­sozialisten verfügten mithin über eine sehr ausreichende Mehrheit. Wenn sie dennoch den Auflösungsantrag einbrachten und auf Neuwahlen drängten, so hat un­längst Gauleiter Forster das mit folgenden Worten begründet: „Wir machen diese Wahl, weil die gegnerischen Parteien in Danzig uns fort­gesetzt in unerträglicher und ungerecht­fertigter Weise beim Völkerbund denun­zieren und der Regierung, die von uns getragen wird, die Arbeit erschweren. Diese Parteien begründen ihre „Beschwerden" immer wieder mit der dreisten Be­hauptung, daß hinter ihnen die Mehrheit der Danziger Bevölkerung »stände. Wir haben uns daher zu dieser Wahl entschlossen, damit man nicht weiterhin sagen soll, wir übten ein Willkürregiment aus und säßen zu Unrecht in der Regierung. Das Volk soll nun selber sprechen, um ein für allemal Klarheit zu schaffen, von wem es regiert sein will."

Zu dieser Wahl marschieren nun — das mutet uns im Reich etwas vorsintflutlich an — sieben Listen auf. Parteien wäre in diesem Falle zuviel gesagt. „Tatsächlich handelt es sich", so stellte der Danziger „Vorposten" hierzu mit Recht fest, „um einen Block und sechs Splitter". Der Block ist die NSDAP., während alles übrige als Splitter bezeichnet werden kann. Wenn beispielsweise die „Nationale Front" die Dinge so darzustellen beliebte, als ob sie die Fortsetzung der Deutschnationalen Partei sei, so haben dem gegen­über schon die früheren Führer der Deutschnationalen festgestellt, daß die Deutschnationalen sich freiwillig in die große Front der NSDAP, eingegliedert haben. Es marschieren dann weiter auf: das Zentrum, die Sozial­

sechs Splitter. — Warum gewählt wird.

demokraten, die Kommunisten (mit einer getarnten Liste) und die Polen, die diesmal den Streit im eigenen Lager begraben und sich auf eine gemeinsame Liste ge- einigt haben. Dabei sind bei diesen Überbleibseln der alten Parteien fast durchweg die alten Repräsen­tanten verschwunden und neue Männer ausgestellt worden. Besonders das Zentrum und die Sozia,l- demokraten haben es nicht an Anstrengungen im Wahl­kampf fehlen lassen, wobei es leider nicht ohne Ver- l e u m d u n g e n des Nationalsozialismus abging. Auch von polnischer Seite hat es Querschüsse ge- geben, was, wie berichtet wurde, das Verbot eines polnischen Blattes notwendig machte. Auch führte noch in den allerletzten Tagen der „Völkische Beobachter" sehr lebhaft Klage über die Wahlpropaganda der polnischen Minderheit, die durch Bestechungen und Ver­sprechungen deutsche Menschen für die polnische Sache zu gewinnen suchte, und den Arbeitslosen beispielsweise dann Arbeit versprach, wenn sie sich zum polnischen Volkstum bekennen würden. Auch diese Methoden wer­den den Polen nichts helfen, haben sie doch von jeher ini deutschen Danzig eine ganz unbedeutsame Rolle ge­spielt. Der Nationalsozialismus kann mit der aller­größten Ruhe dem Ergebnis der Sonntagswahl ent­gegensehen, wobei daran erinnert sei, daß die National­sozialisten bei den Wahlen in einigen ländlichen Be­zirken im November vorigen Jahres ihre Mandate von etwa 60 Prozent auf 77 bis 79 Prozent erhöhen konnten.

Wie schon aus den Worten Forsters hervorgeht, stehen außenpolitische Fragen bei dieser Wahl nicht zur Debatte, sondern ?s handelt sich um rein innenpolitische Dinge. Gauleiter Forster hat denn auch ausdrücklich betont, daß der Nationalsozialismus den Wunsch habe, die guten Beziehungen zu Polen auch weiterhin auszubauen. Dabei wird aber natürlich er­wartet, daß auch Polen aufrichtig bemüht bleibt, die Lebensrechte der Freien Stadt Danzig auf allen Ge­bieten zu wahren. Es geht bei diesen Wahlen also darum, dem Nationalsozialismus die Möglichkeit zu geben, sein Aufbauwerk zum Besten des deutschen Danzig ungestört von den anderen Parteien fortzu­setzen.

Danzig vor der Entscheidung

Wahl zum Bolkstag. — Ein Block und

Das Programm Mussolinis sür Stresa.

Eine Reutermitteilung.

London, 6. April. Reuter meldet, daß der italienische Ministerpräsident Mussolini bereits einzelne Vorschläge für die Konferenz der drei Mächte in Stresa aufgesetzt habe, und gerüchtweise verlautet, daß diese Vorschläge be­reits unterwegs an die englische und die fran­zösische Regierung seien. In unterrichteten Kreisen glaube man, daß der Duce etwa folgendes Programm für Stresa ins Auge gefaßt habe:

1. Die Stellungnahme Englands, Frankreichs und Italiens zu dem „einseitigen Vorgehen" Deutschlands soll festgelegt werden, in anderen Worten: die politische Linie ist festzulegen, die diese drei Mächte ver­folgen werden, wenn der französische Appell auf der Sonder­tagung des Völkerbundsrates in Genf zur Sprache kommt.

2. Entscheidung über eine gemeinsame Front der drei Mächte, um das im englisch-französischen Kommunique vom 3. Februar niedergelegte Programm zu verwirklichen. Hierzu gehört eine Prüfung des gesamten europäischen Fragenberciches, wie er sich aus den Berichten des englischen Außenministers Sir John Simon und des Lordsiegelbewahrers Eden über die Besprechungen in Ber­lin, Moskau, Warschau und Prag ergibt.

3. Die Frage derösterreichischenUnabhängig- k e i t und die besten Mittel zu ihrer Aufrechterhaltung.

4. Eine Erwägung der Möglichkeit, gewisse Bedingungen in den Friedensverträaen mit Öster'rerch, Ungarn und Bulgarien abzuändern.

Eine Bestätigung dieser Vorschläge sei bisher nicht zu er­langen gewesen. Es sei jedoch klar, daß sowohl das Londoner Programm wie auch das Vorgehen Deutschlands eine große Rolle auf der Konferenz in Stresa spielen werden.

Der vierte Vorschlag für eine Abänderung der öster­reichischen, ungarischen und bulgarischen Friedensverträge würde bedeuten, daß Mussolini denjenigen Staaten, die keine „einseitigen" Maßnahmen zur Abänderung dieser Verträge ergriffen hätten, eine „besondere Anerkennung" gewähren möchte.

„Daily Telegraph" zufolge würde diese Anerkennung darin bestehen, daß die genannten Staaten von den Militär- klauseln ihrer Verträge befreit werden sollten. Österreich habe bisher noch keine amtliche Forderung nach Wiederein­führung der allgemeinen Wehrpflicht vorgebracht, aber man glaube in einigen Kreisen, daß Pie österreichische Regierung die Angelegenheit auf der nächsten Völkerbundssitzung zur Sprache bringen werde.

Bor innenpolitischen Unruhen in Brasilien.

Gespannte Lage im Staate Para.

Rio de Janeiro, 6. April. Der brasilianische Staat Para steht anscheinend vor schweren innenpolitischen Kämpfen. Der Jnterventor des Staates, Major Ä a - rata, bedrohte die Mehrheit des Staatsparlamentes, da diese sich gegen seine Wiederwahl ausgesprochen hatte. Nach­dem die der Mehrheit angehörenden Abgeordneten aus dem Parlamentsgebäude geflüchtet waren und sich in die Kaserne der Garnison von Belem zurückgezogen hatten, ließ sich der Jnterventor von der Minderheit des Parlaments zum Staatspräsidenten ausrufen und verhinderte den Zu­sammentritt des Eesamtparlaments, wobei er erklärte, nur äußerster Gewalt weichen zu wollen. Die Mehrheit des Parlaments hat das Wahlgericht angerufen. Zur Durchführung der zu erwartenden gerichtlichen Entschei­dung wurden die Heeres- und Marinekräfte von Belem alarmiert. Da man ernste Ereignisse befürchtet, sind alle Ge­schäfte geschlossen und der Verkehr stillgelegt worden.

Der Feldherr Ludendorsf.

9. April begeht jener deutsche Mann seinen r 0. Geourtsta g, von dem Reichsweihrminister von Blomberg bei der diesjährigen Heldengedenkfeier mit Rech: sagte: „Wir gedenken zumal des Mannes, der vom glorreichen Beginn bei Tannenberg an durch den heroischen Ablauf des Großen Krieges hindurch an der Seite des Eeneralfeldmarschalls von Hindenburg stand,

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des Mannes, dessen Kraft wie Atlas eine Welt auf seinen Schultern trug; wir neigen uns vor dem Feldherrn Ludendorff!"

Fürwahr, der Name Ludendorff ist aufs engste und für alle Zeiten unlösbar verknüpft mit den beispiel­losen Erfolgen des deutschen Heeres und mit dem ge­waltigen Geschehen des Weltkrieges. Jahrelang stand Ludendorsf im Mittelpunkt dieses heroischen Kampfes um deutsche Freiheit. Und sein Kampf wurde zu Deutschlands Kampf. Sein Leben und seine unermüd­liche Arbeit galt von Jugend auf allein dem Dienst an Volk und Vaterland, denen sein ganzes Denken und Handeln gehörte.

Schon, mit zwölf Jahren zog Ludendsrff als Plöner Kadett die Soldatenuniform an und tat damit den ersten Schritt ins Leben aus der bisherigen ländlichen Einsamkeit, in der er seit seiner Geburt am 9. April 1865 auf dem Gute seines Vaters in Kruszewina bei Posen und später auf den Gütern Thunow, Geritz und Strecken- thin bei Köslin unter der Aufsicht sorgender Eltern ausgewachsen war. Bereits im Kadettenkorps zu Plön formte sich der Charakter, der Ludendorsf in den nach­folgenden Jahrzehnten immer mehr kennzeichnet. Er sagt selbst in den Aufzeichnungen über seinen militäri­schen Werdegang, daß es ihm schwer wurde, sich seinen Altersgenossen anzuschließen. „Ich habe auch Freund­schaften im Korps nicht geschloffen. Ich zog mich im Gegenteil stark in mein Inneres zurück." Aber in diesem Inneren entwickelte sich in der Folgezeit ein Geist, der scharf beobachtete und klar dachte, ein eiserner Wille, der durch die preußische Erziehung und die karge Jrgendzeii im bescheidenen ländlichen Elternhaus ge­stählt wurde. Mit kaum 17 Jahren, am 15. April 1882, wurde Ludendorff aus der Selekta der Hauptkadetten­anstalt in Groß-Lichterfelde als Leutnant in die Armee eingestellt. Nicht aber nach Erfurt zur Foldartillerie, wie es sein sehnlicher Wunsch war, sondern nach Wesel in das 8. Westfälische Infanterie-Regiment Nr. 57. Die ersten tiefer Eindrücke, den ganzen Ernst seines Berufes wurden dem jungen Leutnant hier offenbar, ließen ihn feine große Verantwortung gewahr werden, die er schon als Rekrutenoffizier und als Führer feines Auges Soldaten gegenüber hatte. Sein erstes Kommando be­kam der junge Leutnant im Februar 1887, als er für ein halbes Jahr auf die Militärturnanstalt nach Berlin kommandiert wurde. Aber bereits im April desselben Jahres wurde er mit einem um ein Jahr vordatierten Patent in das Seebataillon nach Wilhelmshaven ver- fetzt — eine Auszeichnung, die nur wenigen, militärisch besonders begabten Offizieren zuteil wurde. Mannig­fach waren die Eindrücke, die auf Ludendorff während