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Nr. 94.

Freitag, 5. April 1935.

83. Jahrgang.

Frankreichs Militärbündnisse.

Alte Ziele in neuer Form. — Was Frankreich unter „Kollektivvertrag" versteht. Französische Brandbomben und die Flugplätze der Tschechoslowakei.

Was wird aus Stresa?

as. Berlin, 5. April. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der Ostpakt ist tot, es lebe der Ostpakt! So etwa könnte man die Situation nach dem Abschlug der Informationsreise Edens kennzeichnen. Vor allem in Paris ist man nämlich auf der Suche nach einem neuen Kollektivpakt, durch den man das Ziel erreichen könnte, das sich Barthou im Ostpakt steckte. So spricht man von einer Verschärfung der Völkerbundssatzung und ähnlichen Plänen. Was davon schließlich der Konferenz in Stresa vorgelegt wird, das bleibt vorerst abzuwarten. Wichtiger aber noch als diese Frage scheint uns die Tatsache zu fein, daß Frankreich unter der Decke des Kollektivpaktes, das heißt also unter der Decke gemeinsamer Abmachungen, seine Sonderziele verfolgt und mit allen Mitteln bestrebt ist, sein militärisches Bündnis­system auszubauen und zu erweitern. Es beweist damit, daß es unter einem Kollektivpakr nur die Gemeinschaft möglichst vieler Staaten versteht, die Frankreichs Vorherrschaft schützen und sichern soll. Zn dieser Hinsicht verdienen vor allem Beachtung die von einigen französischen Blättern wiedergegebenen ver­traulichen Erklärungen des französischen Luftfahrtministers Denain im Unterausschuß für die Landesverteidigung. Der Minister hat u. a., wie schon berichtet wurde, darauf Hingewiesen, daß Frankreich noch nicht genügend Brandbomben besitze. Er hat weiterhin erklärt, daß Abkommen zwischen den Generalstäben Frankreichs, Sowjetrpßlands, der Tschechoslowakei und Italien bestehen. Er hat nicht hinzugefügt, so sagt hierzu die „Deutsche diplomatisch- politisch« Korrespondenz", wann diese Abkommen ge­troffen wurden, doch darf man ohne weiteres än- nehmen, daß das nicht erst feit dem 16. März (Ankün­digung der Einführung der Wehrpflicht) der Fall war. Das bedeutet aber, daß man parallel mit den diploma­tischen Bemühungen um die Organisation der kollek­tiven Sicherheit ein Militärsystem geschaffen und ge­festigt hat, das mit der Idee der Befriedung durch Pakte unvereinbar ist. Die Mitteilung Denains ist von diesem zwar dementiert worden, doch sprach man in der Kammer nur von Indiskretionen. Die „Deutsche diplomatisch-politische Korrespondenz" schreibt dann weiter zu den Mitteilungen Denains: „Der Gedanke der gegenseitigen Hilfeleistung erscheint in einem merkwürdigen und wenig aufrichtigen Licht, wenn seine Befürworter insgeheim Pläne ver­abreden, die bei jeder internationalen Krise, ganz

gleich, wer der Angreifer ist, den Ereignissen eine im voraus festgelegte Richtung und sozusagen fahrplan­mäßig abrollenüe Entwicklung aufzwingen sollen. Diese Pläne sind übrigens nicht bei theoretischen Verein­barungen stehen geblieben. Sie haben in vielen Stücken bereits die Form von sehr konkreten Vorbereitungen angenommen, z. B. in der Tschechoslowakei, deren Flugplätze bedeutend zahlreicher sind als sie >den Bedürfnissen der tschechischen Armee entsprechen. Sehr bedauerlich ist auch, daß der französische Luftfahrtminister besonders großes Gewicht auf die Anschaffung von Brandbomben legt, deren Verbot bekanntlich von Deutschland stets ge­fordert wurde und über deren verheerende Wirkung man sich in der ganzen Kulturwelt einig ist." Zu dieser von der der Berliner Wilhelmstraße nahestehenden Korrespondenz gekennzeichneten Entwicklung paßt nun heute eine aus Paris eingelaufene Nachricht trefflich, nach der Polen sich bereit erklärt haben soll, die Überfliegung polnischen Gebietes durch sowjetrussische Militärflugzeuge nach der Tschechoslowakei „im gegebenen Fall" zu gestatten. Hier handelt es sich ganz offensicht­lich um das geplante sranzösisch-russisch-tschechische Ab- kommen zur gegenseitigen Hilfeleistung. Im Rahmen dieses Abkommens würde sich naturgemäß der Einsatz sowjetrussischer Bombengeschwader von den nahe der deutschen Grenze gelegenen tschechischen Flugplätzen vollziehen. Es ist im Augenblick nicht festzustellen, ob diese französische Meldung den Tatsachen entspricht. Selbst, wenn das nicht der Fall sein sollte, so zeigt die Meldung doch sehr deutlich, in welcher Richtung sich die französischen Wünsche bewegen. Gerade im Hinblick auf dieses geplante (oder schon unterzeichnete?) sranzösijch- sowjetrussische Bündnis, das die Tschechoslowakei ein­schließt, muß man sich fragen, was eigentlich die Kon­ferenz von Stresa und was die Erörterungen sogen. Kollektivpakte noch für einen Sinn haben soll.

Benesch nach Moskau eingeladen.

Prag hat angenommen.

Moskau, 5. April. (Eig. Drahtmeldung.) Wie die „Taß" meldet, ist nach einem Bericht des Prager Korrespondenten der offiziösen „Jswestija" der tschechoslowakische Außen­minister Dr. Benesch von Außenkommissar Litwinow heute zu einem Besuch in Moskau eingeladen worden. Benesch hat die Einladung angenommen.

Der Abend der Partei

im „Hause des Reichspräsidenten".

Berlin, 4. April. Das historische Haus des Reichs­präsidenten war am Donnerstagabend Zeuge eines be­sonderen Ereignisses. Der Führer empfing in diesem fest­lichen Rahmen die obersten Spitzen des Führerkorps der Partei, die Reichsleiter, Gauleiter und Gruppen­führer.

Wie in diesem Winter hier die Vertreter der fremdem Mächte und die Spitzen des Staates vom Führer empfangen wurden, so reiht sich daran als drittes großes gesellschaft­liches Ereignis dieser Abend der Partei.

Es war ein Ereignis, daß das enge Band der täglichen Arbeit, das den Führer mit diesen Männern verbindet, auch in der Form nationalsozialistischer Gesellig­keit zum Ausdruck kommen ließ.

In diesen Stunden angeregten gesellschaftlichen Lebens kam der Stolz und die Verbundenheit der nationalsozia­listischen Bewegung in einem Rahmen zum Ausdruck, der — voll historischer Tradition — eine Ehrung für die ganze Partei darstellt.

Neuer Gouverneur des Memelgebietes.

Kreiskommisiar Kurkauskas ernennt.

Äownc, 5. April. (Eig. Drahtmeldung.) Wie aus zu­verlässiger Quelle verlautet, ist am Donnerstag durch Ver­fügung des Staatspräsidenten der kürzlich zum Kreiskom- miffar von Litauen bestimmte frühere Präsident der Kownoer Lanbwirtschaftskammer Vladas Kurkauskas zum neuen Gouverneur des Memelgebietes ernannt worden. Kurkaus­kas war früher Offizier und im Jahre 1920 Kommandant von Wilna. Er ist der Schwiegersohn des bekannten Grafen Subow, dessen Name bei der letzten Direktoriumsbildung in Remel wiederholt genannt wurde.

Der Ausbau des österreichischen Heeres.

Zwei Armeekommandos zu drei und vier Divisionen.

Wien, 4. April. Wie bereits kurz gemeldet, hat der M i n i st e r r a t am Mittwoch grundsätzlich der all­gemeinen Wehrpflicht' zugestimmt und be­schlossen, Schritte zu unternehmen, um sich die Zustim­mung des Völkerbundes zu sichern. Wie von gut unterrichteter Seite verlautet, wird daran gedacht, ein stän­diges Heer von 4000 Offizieren, 4 0 0 0 Unter­offizieren und 12 000 Mann aufzustellen, und dann die zwei Jahrgänge von je 35 000 Mann einzuberufen. Aus dem Schutzkorps sollen 400 Offiziere und 7000 Mann übernommen werden. Über die Auf­lösung der übrigen Bestände des Schutzkorps konnte noch keine Einigung erzielt werden. Die Dienstzeit soll zwei Jahre betragen. Es werden zwei ständige Armeekommandos errich­tet, das eine in Wien mit 3 Divisionen (Wien, Wiener-Neu­stadt, St. Pölten), das zweite in Salzburg mit 4 Divisionen (Salzburg, Graz, Klagensurth und eine Alpendivision in- Innsbruck).

41 Hinrichtungen wegen Bandenunwesens

in Sowjetrutzland in 13 Tagen.

Moskau, 4. April. Wie jetzt amtlich mitgeteilt wird, wurde am 22. März die Filiale der Staatsbank in Kamenez- Pcdolfk unweit der rumänischen Grenze von einer Räuber­bande überfallen. Der Kasiierer der Bank wurde dabei er« schossen und zwei weitere Beamte verletzt. Die Räuber konnten nach einigen Tagen festgenommen werden, und zwar sechs in Kiew und vier in Moskau. Sie wurden nach Kamenez-Podolfk gebracht und dort vom Gericht zum Tode verurteilt. Die Urteile sind bereits vollstreckt worden.

In der Sowjetunion wurden in der Zeit vom 20. März bis 2. April nach amtlichen Mitteilungen insgesamt 41 Per­sonen wegen Bandenunwesens hingerichtet.

Universalität oder Eigengesetzlichkeit?

In feiner letzten großen politischen Rede in Mai­land hatte der italienische Regierungschef Italien als „Vorhut aller Länder der Welt" bezeichnet und den Faschismus „das Vorbild der europäischen Zivili­sation" genannt. Damit hatte Mussolini erneut jene „Universalität des Faschismus" betont, wie sie südlich der Alpen schon früher in der Forderung nach einem faschistischen Zeitalter, einem faschistischen Jahrhundert zum Ausdruck gekommen war. Kurze Zeit später hatte dann ein faschistisches Aktionskomitee für die Univer­salität von Rom nach Montreux einen faschistischen „Weltkongreß" einberusen, der den Zweck verfolgte, die dem Faschismus mehr oder weniger verwandten Be­wegungen anderer Länder unter der weltanschaulichen Führung des italienischen Faschismus zusammenzu» schließen. Beide Ereignisse haben deutlich gemacht, daß der Universalitätsgedanke immer mehr zum wesentlichen Bestandteil der faschisti­schen Lehre geworden ist, und es verlohnt zweifellos, hierzu einmal vom N at i o n al f o z i a l i s m u s her Stellung zu nehmen.

Italien^und Deutschland haben aus den Lehren des größten aller Kriege als erste Völker Europas die weltanschaulichen Folgerungen gezogen. Beide Nationen haben dem zusammenbrechenden Ideengut von 1789 ihr Frontsoldatentum, ihre Frontidee schlechthin entgegen­gestellt, dort in ihrer faschistischen,, hier in ihrer nationalsozialistischen Prägung. Diese soldatische Idee kennt nur eine Zielsetzung, die Nation, ihre Nation. Auch bei den anderen Völkern Europas hat sich die Frontidee in steigendem Maße durchzusetzen begonnen und hat dort in verschiedener Stärke ihren — völkisch bedingten — weltanschaulichen und politischen Nieder­schlag gefunden. Damit ist diese Frontidee ge­wissermaßen zu einer Idee des Abendlandes überhaupt geworden, zu einer Idee, in deren Banne die Völker ihre vom Liberalismus verschütteten art­eigenen Kräfte wieder freilegen, sie mit den Gesetzen des 20. Jahrhunderts in Einklang bringen und so die Grundsteine für ein neues Europa legen.

Unter diesem Gesichtswinkel erscheint der immer wieder der Welt gegenüber betonte Anspruch auf eine Universalität der faschistischen Weltanschauung, die ja nur eine Form des Begriffes der abendländischen Frontidee sein kann, zum mindesten als zu weit gesteckt. Mit dieser Feststellung soll die Bedeutung der faschistischen Revolution für die neue europäische Ent­wicklung in keiner Ameise herabgesetzt werden. Im Gegenteil, der Nationalsozialismus hat diese Bedeu­tung des italienischen Faschismus immer anerkannt, während man sich allerdings nicht immer des Eindrucks erwehren konnte, daß jenseits der Alpen die National­sozialisten als nicht vollwertige Revolutionäre ange­sehen werden. Der Nationalsozialismus braucht seine revolutionäre Haltung nicht unter Beweis zu stellen, er könnte gegebenenfalls jedoch auf staats-, volks- und rassepolitische Schöpfungen Hinweisen, die auch in der Welt als epochal und bahnbrechend empfunden werden. Und gewissen Prioritäts-Ansprüchen gegenüber könnte man darauf verweisen, daß der Zeitpunkt der Über­tragung einer Idee auf den Staat nicht immer Rück­schlüsse auf den Grad ihrer inneren Reife zuläßt. Aber wir sind der Ansicht, daß eine Auseinandersetzung über Qualität oder Priorität von Faschismus und National­sozialismus ein fruchtloses Beginnen ist. Der „Marsch auf Rom" des Jahres 1922 entspricht eben der italie­nischen Mentalität wie der Weg der SA. der deutschen. Jedes Werturteil wäre hier gegenstandslos. Der Nationalsozialismus weiß sich frei von Ressentiments auch auf diesem Gebiet. Dies umso mehr, als durch den Mund des Führers zu wiederholten Malen eindeutig erklärt worden ist, daß der N atio n alsozi al i s- mus eine ureigene, nur für De utschl an d geformte Idee sein will. Und am Tage der Mai­länder Rede Mussolinis hatte der damals auf feiner Ungarnreise befindliche Reichsminister Dr. Rust in Budapest erneut festgestellt: „Der Nationalsozialismus ist aus deutschem Blut und. aus deutschem Böden ent- sprungen. Er wurde nur für Deutschland geschaffen." Diese Erklärungen und Abgrenzungen haben sich inso- fern als notwendig erwiesen, als gewisse Kreise des Auslandes ständig bemüht sind, der nationalsozialisti­schen Weltanschauung expansive Tendenzen unterzu­schieben und damit ihren deutschfeindlichen Propa­gandamühlen neues Wasser zuzuführen. Diese angeb­lich expansive Tendenz, geschickt kombiniert mit dem Ge­spenst eines „Pangermanismus", nimmt in manchen Auslandsblättern zuweilen groteske Formen an. Und darum erneut die Feststellung: Die deutsche Revolution hegt keinerlei Weltreoolutionsabsichten, wie sie etiva die französische oder die bolschewistische Revolution be­gleitet haben, sie erhebt auch nicht irgendeinen Anspruch