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Nr. 92,

Mittwoch, 3. April 1935

83. Jahrgang

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Kammer-Sieg Flandins.

Die Kammer ist in die Ferien gegange,t. — Was will Flandin? Neue Rüstungsmatznahmen Frankreichs.

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eigene militärische Maßnahmen wahren werde, sondern auch durch militärische Abkommen mit ankeren Staaten.

ie^r einflußreiche Kreise in Frankreich am Werke iirtb, um ein solches Abko mmen mit so w s e t r u ß l a nd unter Dach und Fach zu bringen, öas den Ostpakt natürlich überflüssig machen würde, da unter solchen Umständen weder Rußland noch Frank­reich loyalle Mitglieder des Paktes sein könnten. Wir wißen aber auch, daß die Masse des sranzö- slschen Volkes den Sowjets gegenüber noch immer ein großes Mißtrauen trägt. Kenner der Lage behaupten, daß bei einer Volksab- jtttnmiing über diese Angelegenheit in Frankreich eine Mehrheit gegen das Bündnis ergeben würde. Wird nun die Panikstimmung entfacht, um solche Widerstände zu überwinden, oder will man mit ichr die g e e i g n e t e Atmosphäre für Stresa Herstellen? Will man durch den fortgesetzten Hinweis auf die Kriegsge­fahr die anderen Konferenzteilnehmer unter Druck setzen? Diese Vermutung liegt umso näher, wenn gleichzeitig in der italienischen Presse ein Artikel er­scheint, der bereits vor allzu großen Hoffnungen auf Stresa warnt.

Es ist ein gefährliches Spiel, das hier getrieben wird, wenn man immer und immer wieder nur von Krieg und Kriegsgefahr spricht. Mit großem Ernst hat sich der P a p st denn auch gegen solche Methoden gewandt und hat das Wort geprägt: Vertilget die Völker, die den Krieg wollen. Wir ent­nehmen nun der italienischen Presse, daß die Italiener dieses Gebet des Papstes mit ruhigem Gewissen mit- beten können und werden. Es lag nämlich die Ver­mutung nahe, daß die Warnung des Papstes vor dem Kriegsgeschrei nicht zuletzt auch darauf zurückzuführen wäre, daß nicht nur in Frankreich, sondern dem Vatikan noch näher die Waffen klirren, die Schlote der Rüstungs- fabriken rauchen und die Reservisten zu den Fahnen gerufen werden.

Auch der französische Senat bis 28. Mai vertagt.

Paris, 3. April. (Eigene Drahtmeldung.) 3n den spaten Abendstunden des Dienstag ist der französische Senat bis zum 28. Mai in die Ferien gegangen. Der Senat ver­abschiedete noch die neuen Satzungen für die Militärluft­fahrt, die am Montag ausführlich in der Kammer erörtert worden waren.

Frankreichs Bundesgenosse Rußland...

Einst und jetzt.

Ein angesehener französischer Journalist hat seinen -undsleuten neulich zu verstehen gegeben, daß die gegenwärtig unter der moralischen Führung Herriots so intensiv betriebene Bündnispolitik Frankreichs mit Eowjetrußland — vom historischen Crfahrungsstand- punkt aus betrachtet — außerordentlich bedenklich stimmen müße. Wenn in der Politik der Grundsatz gelte, daß die Gegenwart aus der Vergangenheit Lehren ziehen müsse, so sei der Beweis erbracht, daß ein russi­sches Bündnis „ein verfaultes Brett" darstelle, das große Gefahren berge, wenn Frankreich es betreten würde . . .

Hier spricht die Stimme der sonst in Frankreichs «Übung so sehr verehrten Vernunft aus bitteren Er­fahrungen. Es wird ganz abgesehen von der sehr nahe­liegenden neuen „russischen" Gefahr, nämlich der kommunistisch-bolschewistischen Propaganda im franzö­sischen Heer und in der arbeitenden Bevölkerung. Es wird lediglich Bezug genommen auf die Außenpolitik. Und es wird dabei stillschweigend vorausgesetzt, daß sich im wesentlichen da nichts gegen die Vorkriegszeit ge­ändert habe: — nämlich, was die militärische Bündnis- fähigkeit, also die kriegerische Schlagkraft des jeweiligen russischen Heeres anlangt. Der Franzose zeigt sich in dieser Beziehung sehr skeptisch. Die großen Ver­sprechungen Rußland? hätten niemals das gehalten, was man von französischer Seite in sie hin eingelegt hätte . . . Das Ende der großartigen Bündnispolitik Poincarös sei der Sonderfriede von Brest-Litowsk ge- wchen . . .

Verfolgen wir nun einmal kurz die französisch- russische Bündnispolitik von den neunziger Jahren an, wo sie mit der Kündigung des Bismarckschen Rückver­sicherungsvertrages zwischen Deutschland und Rußland beginnt. Schon damals hatte der Zar Frankreich wissen lassen, daß ihm gar nichts daran gelegen sei, daß Deutschland „sich unmittelbar bedroht suhle". (Heute liegen die Dinge freilich anders.) Jedenfalls wurde Frankreich sogleich verständigt, daß es weit mehr die Geschäfte Rußlands besorgen solle, als daß Rußland die Frankreichs zu den seinen machen wolle. Erst in den letzten Jahren vor dem Weltkriege, als sowohl Frankreich wie Rußland innerlich zu einer kriegerischen Lösung aller drückenden Fragen drängten, als die rus­sische Politik einem Manne wie Iswolski in die Hände geriet, während an der Spitze Frankreichs ein Poincarä feine persönlichen Revanchegelüste aus- leben wollte —, erst in diesen verhängnisvollen Jahren finden sich Rußland und Frankreich in der Kriegs­politik gegen Deutschland skrupellos zusammen, , was dann zu dem Ende .des alten Rußland führte. Ein russischer Diplomat Hat damals feine Auffassung in einem Bericht von 1910 dahin zusammengefaßt, daß Frankreich infolge seines Atheismus und feiner mora­lischen Verrohung einem wirtschaftlichen und politischen Sturz zutreibe, wenn nicht äußere Ereignisse diesen ver­hängnisvollen Lauf aufhalten . . . Daher der Plan so bemerkt ein junger französischer Historiker unfein Zeitalters, Frankreichs Mitwirkung, solange sie noch einigen Wert besitzt, auszunützen. Iswolski ist die Seele dieses Planes. Auch die Russen fühlen eine Eötzendämmerung in sich . . . Das Geld spielt eine entscheidende Rolle. Im August 1912 definierten Poincarö und Sasanow in Petersburg die Ausdehnung und die Bedeutung des Bündnisses: Rußland würde Frankreich seine militärsche Mitwirkung nur in vitalen Fragen zuteil werden lassen, in einem außereuropäischen Streit könnt« es sie ihm nicht versprechen. Anderer­seits würde Frankreich Rußland nur zu Hilfe kommen, wenn Deutschland in den Konflikt hineinkäme. Daraus ergaben sich dann Auslegungsschwierigkeiten hinsicht­lich der Frage, was eine .LRobilmachung des Drei­bundes" bedeute. Ob eine Teilmodilmach u ng (Öster­reich am Balkan) schon den Bündnisfall ergebe. — Mit anderen Worten: Rußland war immer sehr zäh in seinen Forderungen. Es verstand im übrigen, die fran­zösische Presse zu bestechen, um Frankreichs Politik immer gefügig zu halten. Das war Jswolkis Praxis.

Dann Rußlands militärische Organisation: — sie wurde immer überschätzt! (Wird sie es heute wieder?) Von französischer Seite wird neuerbings daran er­innert, daß sich der russische Eeneralstabschef im Februar 1914 außerstande erklärte. Konstantinopel zu besetzen — das alte Hauptziel Rußlands! —, da bann die russischen Westgrenzen in einem Maße militärisch entblößt werden müßten, das Deutschland und Öster­reich zu einer Offensive ermutigen könnte. Der Eeneral- guartiermeiiter Danilow hat damals in einer an Frank­reich gerichteten Rote bekanntgegeben, daß eine Teil- mobilmachung der russischen Streitkräfte unmöglich sei.

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Panikmache.

.as- 3. April., (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die französische Regierung hat die kleine Niederlage Meder wettgemacht, die sie Ende der vorigen Woche erlitt, als sich die Kammer angesichts der schwierigen außenpolitischen Lage nicht in die Ferien schicken lassen wollte. Gestern hat sich nun die Kammer bis zum 2 8.Mai vertagt, nicht ohne vorher der Regierung mit 410 gegen 134 Stimmen das Vertrauen bekundet zu haben.. Diese Wendung wurde durch die Rede des französischen Ministerpräsidenten herbeige- suhrt, die ganz auf den Ton gestimmt war, daß die Re­gierung alles für die Sicherheit Frank- rff1 l-u e‘ würde vernachlässigt und auf Een Gebieten, sei es nun Luftfahrt, Bewaffnung oder Befestigung, fei man gleich tätig. Man konnte aus der .Rebe 5Ianbnts entnehmen, daß Frankreich feit dem

Marz gewisse T ru ppe n ve rf chieb u ng en vorgenominen hat, um die Grenze gegen rLeutH!anb besser zu sichern, und daß man sich noch überlege, ob es nicht zweckmäßig sei, die gegen­wärtige Jahresklasse, die in den nächsten Tagen zur Entladung kommen müßte, weiter unter den Fahnen ßu behalten. Man sicht, Flandin ist der Panik­stimmung, die seit einigen Wochen Paris und Frankreich beherrscht, weit e n t g e g e n g e f o m m e n, ja, er hat sich bemüht, diese Panikstimmung nicht ab- $1 ingen zu lassen. Tatsächlich spricht man ja in Paris ' darin stimmen die Berichte aller Betrachter überein — von nichts anderem als van dem kommenden Krieg der durch einen deutschen Vorstoß gegen den Osten entstehen würde, ein Vorstoß, der Frankreich zwingen würde, seinen Verbündeten zu Hilfe zu kommen. Für u n s i ft diese Panikstimmung einfach unverständlich, denn immer und immer wieder hat Deutschland feinen Friedenswillen bekundet und betont, daß die militärischen Maßnahmen, die es jetzt durchführt und die übrigens weit hinter den Rüstungen zurückbleiben, die die Franzosen uns bisher andichteten, lediglich der Gewährleistung der Sicherheit Deutsch­lands dienen. Wenn man in Frankreich solche Be­kundungen grundsätzlich überhört, so legt das die Ver­mutung nahe, daß man diese Panikstimmung braucht, u m g e w i s s e Z i e l e zu erreichen. Run hat Flandin in seiner Rede auch davon ge­sprochen, daß Frankreich seine Sicherheit nicht nur durch

Meldungen über dunkle Pläne Litauens.

London, 3. April. (Eigene Drahtmeldung.) Mehrere Blätter veröffentlichen eine Exchangemeldung, wonach die litauische Regierung einen neuen Schlag gegen das Memel- gebiet plant. „Im Vertrauen auf Unterstützung Frankreichs und Rußlands" wolle sie den Völker­bund ersuchen, das jetzige Memelstatut durch eine unbedingte Anerkennung der Souveränität Litauens über das Gebiet zu ersetzen. Präsident Smetana Habe den Beschluß der Regierung gebilligt. In Litauen betrachte man die Memel- angelegeUheit als eine innenpolitische Frage, in die Vertreter fremder Länder sich nicht einmischen sollten. Die Unterhauserklärung Simons habe keinen besonderen Ein­druck gemacht. Inzwischen sitze das litauische Kabinett die Litauisterung des Gebietes Mergisch fort. Die Zivil- und Militärverwaltung werde reorganisiert, um alle Spuren des 500 Jahre alten deutschen Einflusses zu beseitigen. Die Machtbefugnissi des Gouverneurs sollen noch erweitert Jj werden. „News Chronicle" stellt dazu fest, daß ein solcher Beschluß der litauischen Regierung an einer der Gefahren­stellen Europas eine äußerst kritische Zuspitzung schaffen müsse.

Studenten fordern den Rücktritt des

Innenministers und des Polizeichefs.

Kowno, 3. April. Am Dienstagabend veranstalteten etwa 2000 Studenten wieder eine deutschfeindliche Kundgebung, die sich aber diesmal wegen des polizei­lichen Einschreitens zu einer Kundgebung gegen d ie Regierung auswirkte. Die Studenten zogen sich nach dem vergeblichen Versuch, an der deutschen Gesandtschaft vor- oeizuziehen, in das Universitätegebäude zurück. Dort wurden aufreizende Ansprachen gehalten, in denen der Rücktritt des Innenministers und des Polizeichefs von Kowno wegen des Borgehens gegen die Studenten gefordert wurde.

Die Baltikumkämpfer gegen das Schandurteil.

Berlin, 2. April. Major a. D. Bischoff der ehe­malige Kommandeur der Eisernen Division im Baltikum und Führer des Reichsverbandes der Baltikumkämpfer, hat an den Führer ein Telegramm gerichtet in dem es u. a. heißt:

„Tieferschüttert über das Kownoer Schreckensurteil gegen unsere deutschen Brüder, versichern die Baltikum- kämpfer getreu ihrem Kampfruf „Und doch!" ihre unwandel­bare Treue zum Deutschtum und Vaterland'

Voller Scham denken wir Baltikumkämpfer an die der Befreiung Litauens vom Bolschewismus durch un« unser Blut und untere Toten gefolgte Riederdrückung und'Knech­tung der Befreier und ihres Deutschtums.

Wir denken in dieser Stunde voller Ingrimm und Ver­achtung des feigen Überfalles neugebildeter litau­ischer Formationen im November 1919 au f einen deut­schen Verwundetenzug, bei welchem 42 Verwundete, flüchtende Frauen und Kinder getötet wurden."

Am Schluß des Telegramms wird dem Führer der Dank der Baltitumkämpsir für das auch von ihnen langersehnte Dritte Reich ausgesprochen.

Das Memelstatut unzweifelhaft vcrletzt.

Paris, 3. April. Das „Journal" betont in einem Auf­satz, daß. Litauen das Memelstatut unzweifelhaft verletzt habe. Die deutschen Schulen seien geschlossen, die deutschen Beamten ausgewiesin worden. Es genüge, daß fünf Litauer streikten um das Funktionieren des autonomen Statuts lahmzulegen. Die erste Bedingung sei, Litauen wieder zur Achtung des Abkommens von 1924 anzuhalten. Der Völkerbund habe seine Machtlosigkeit in Meine! wie in Danzig gezeigt. Das „Journal" bezeichnet unter diesen Um­ständen Memel als das Nervenbündel Osteuropas. Dort gebe es einen Präzedensfall, denn die Litauer hätten sich Memels seinerzeit bemächtigt, indem sie die anderen Mächte vor eine vollendete Tatsache stellten.