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Nr. 90.
Montag, 1. April 1935.
83. Jahrgang.
Eden in Warschau.
Der Abschluh der Moskauer Besprechungen. Tendenz-Berichte.
as. Berlin, 1. April. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Am Samstagabend hat Lordsiogelbewahrer Eden Moskau wieder verlassen. Man hat sich dort große Mühe gegeben, den englischen Gast in russischem Sinne zu beeinflussen. Es hat nicht an gesellschaftlichen Veranstaltungen gefehlt, die offenbar Len Beweis erbringen sollten, daß man selbst in Moskau die Form der internationalen Höflichkeit zu wahren weiß. In den Unterredungen aber haben die Moskauer Staatsmänner sich mit großem Eifer bemüht, den englischen Gast von der Friedfertigkeit Sowjetrußlands, das feine Rüstungen in so ungeheurem Maße vergrößerte, zu überzeugen. Hand in Hand damit ging eine sehr tendenziöse Berichterstattung und eine sehr lebhafte Tätigkeit des Sowj etbotschafter s in Paris, der fast jeden Tag den französischen Außenminister aufsuchte. Im ganzen wird man wohl sagen können, daß sich Eden in Moskau ebenso wenig festgelegt hat, wie die englischen Minister in Berlin. Er befindet sich eben auf einer Informationsreise und wenn er sich in Moskau den sowjetrussischen Standpunkt auseinandersetzen ließ, so wird er sich jetzt in Wa r s ch a u. wo er inzwischen eingetroffen ist, über die polnische Einstellung unterrichten. Man ist dort zunächst etwas verschnupft gewesen, daß Eden erst nach Moskau
— Der Lordsiegelbewahrer informiert sich, fuhr, ist aber jetzt der Ansicht, daß diese Route doch recht praktisch sei und glaubt, daß die heute beginnenden Unterredungen umso ergiebiger sein werden, da sie das Moskauer Ergebnis zum Ausgangspunkt nehmen können. So wird man also auch in Warschau das Thema des Ostpaktes weiter spinnen. Abschließend wird man jedoch erst in London zu den verschiedenen Fragen Stellung nehmen. In Frankreich verfolgt man Edens Reise nicht ohne Nervosität. Der französische Kriegsminister hat es jedenfalls für nötig erachtet, in einer Rede vor der Vereinigung der Reserveoffiziere sich nochmals für eine V e r st ä r k u n g der französischen Rüstungen einzusetzen, da Frankreich zu schwach sei und da es außerdem ein Volk zum Nachbarn habe, „daß ganz und gar unter Waffen stehe." Wie es tatsächlich um dieses Volk bestellt ist, das zeigt wohl am besten die Rede, die Reichsminister Dr. Goebbels in Karlsruhe hielt und die ausklang in einem Appell an die Welt und an die Staatsmänner der Welt, den Frieden zu geben, der auf der Hochachtung aller gegen alle beruht. Deutschland werde dann auch die besten Soldaten dieses Friedens stellen, denn diesem Frieden habe sich das deutsche Volk und sein Führer verschworen. Diese Worte und nicht die Alarmreden des französischen Kriegsministers kennzeichnen die Haltung Deutschlands.
und geistiger Frische erfreut, werde auf jeden Fall den Posten des Ministerpräsidenten während der Jubiläums- Feierlichkeiten und noch einige weitere Monate beibehalten. Die internationalen (Eteigni)jc hätten die Einmütigkeit des Kabinetts Macdonald bestätigt und man sei eins in der Auffassung, daß jetzt nicht die Zeit für einen Wechsel in der Führung der Regierung sei.
Der Berichterstatter hält es für sehr gut möglich, daß sich Macdonald entschließen werde, an der Zusammenkunft in S t r e sa, zu der Mussolini, Flandin und Laval, erwartet würden, in Begleitung Sir John Simons teilzunehmen. Denn es wachse die Überzeugung, daß Großbritannien auf dieser Konferenz mit voller Autorität vertreten sein müßte.
Dank vom Lande Litauen!
Auf Grund der Kownoer Mordurteile hat der litauische Generalkonsul in München seinen Rücktritt gegeben. Ebenso hat der litauische Konsul in Leipzig sein Amt niedergelegt. Der General Schroeder hat dem litauischen Staatspräsidenten Smetana seine beiden litauischen Orden zurückgeschickt. Das kurze Begleitschreiben des Generals war umso eindrucksvoller, als es lediglich mit wenigen Worten eine Begründung gab, ohne ausführlicher auf die große Dankesschuld einzugehen, Lie der heutige litauische Staat den Deutschen schuldet. Der knappe Hinweis darauf, haß es deutsche -truppen gewesen sind, denen Litauen die Errettung vor der dringenden Gefahr der Bolschewisierung zu verdanken hat, sprach freilich Bände. Es ist begreiflich, daß man sich an diese Ehrenschuld heute in Litauen nicht gern erinnert und daß man solche Anmahnung, wenn sie non anderer Seite kommt, aus nahelegenden Gründen mit Stillschweigen übergeht.
Man hat früher in führenden litauischen Kreisen über die weitgehende Verpflichtung gegenüber Deutschland wesentlich anders gedacht. Es war beispielsweise der bekannte Pfarrer Dr. Gaigala, ehemals preußischer Landtagsabgeordneter, der im Jahre 1919 u. a. schrieb: „Die preußischen Litauer haben nicht die mindeste Lust, einem anderen Staate, einer anderen Verwaltung als gerade der preußisch-deutschen anzugehören. Sie leben in gutem Wohlstände, sind dankbar für die nutzbringende Fürsorge des deutschen Staates und würden ihre gegenwärtige hochentwickelte wirtschaftliche Lage niemals gegen eine zweifelhafte Zukunft eintauschen wollen." Fast wörtlich dasselbe betonte er noch einmal in einer Denkschrift, die er zwei Jahre später über die „baltisch-litauischen Beziehungen" verfaßte. Als er dann aber im Juni 1919 in Wirballen die Grenze überschritt, wurden ihm Dokumente abgenommen, in denen er der französischen Regierung bezw. ihren Vertretern in Libau Richtlinien für die Auslieferung des Memelgebietes an Litauen gab. Das war derselbe Pfarrer Dr. Gaigala, dem es preußische Stipendien ermöglicht hatten, auf preußischen Universitäten sein Studium zu absolvieren!
Wir haben auch noch nicht vergessen, was der litauische Staatspräsident Smetana am 13. November 1917 sagte, als er noch Präsident des litauischen Landesrates war: „Wir Litauer sagen uns vom historischen Litauen los und fordern hierfür nur das Gebiet, welches vom litauischen Stamm bewohnt wird." Damit hat Smetona die litauischen Verpflichtungen gegenüber Deutschland indirekt anerkannt. Er tat gut daran, die Ansprüche auf das russische Litauen, nämlich das Gebiet Vytautgs des Großen, zu beschränken. Als dieser nämlich 1422 mit dem ohnmächtig gewordenen Ritker- srden den Diktatfrieden am Melnosee schloß, hätte ihn buchstäblich niemand Hintern können, sich auch das Memelgebiet einzuverleiben, wenn er auch nur den Schatten einer Berechtigung dafür gehabt hätte, daß es sich um irgendwie litauisiertes Land gehandelt hätte. Obwohl der deutsche Orden außer preußischen und süddeutschen, auch litauische Ansiedler herangezogen hatte, war für Vytautas das Memelgebiet selbstverständlich deutsches Land. Die von ihm gezogene Grenze bestand von 1422 bis — 1923!
Noch ein kurzer Blick auf Litauens Verpflichtungen hinsichtlich des Gebietes der Sprachenfrage. Es ist einer der bekanntesten litauischen Publizisten, nämlich Vydunas, beiläufig aus Tilsit, bei dem wir schwarz auf weiß im Jahre 1916 lesen: „Es blieb ja den Litauern auch das Recht, sich der Pflege ihrer Sprache und Art ungehindert zu widmen. Sie hatten ihre Bücher, ihre Zeitungen, Vereine ujro.“ In der Tat, Preußen halt es sich feit Jahrhunderten in strenger Achtung vor dem Volkstum der anderen angelegen fein lassen, daß in dem Teil seines nordöstlichsten Gebietes, in dem Litauern eingesprengt waren, die litauische Sprache in der Kirche und in der Schule entsprechend berücksichtigt wurde. Aber auch damit noch nicht genug, Preußen sorgte selbst dafür, daß an der Universität Königsberg die zukünftigen litauischen Geistlichen ihre Ausbildung in ihrer Muttersprache erhielten — diese Einrichtungen find trotz des vertragswidrigen litauischen Kampfes gegen die deutsche Sprache im Memelgebiet bis heute bc= stehen geblieben. Immer noch nicht genug, an den Lehrerseminaren in Memel, Ragnit und Karalene wurden die litauischen Lehrer in litauischer Sprache geschult. Die Universität Königsberg und die höheren Schulen in Tilsit unterhielten Stipendien für litauische Schüler. Zu den Nutznießern dieser Stipendien gehörte nicht nur der bereits genannte Pfarrer Dr. Gaigala, sondern beispielsweise auch der frühere litauische Außenminister Zaunius, ferner die litauischen Landesräte Gebr.
MW
mn einer Umbildung der englWsn Regierung.
Geht Macdonald nach Stresa?
London, 31. März. Nach Ansicht des „Obseroer" ist für den Frühherbst aller Vorausficht nach mit einer v o l l st ä n - Ligen Umbildung Les britischen Kabinetts zu rechnen. Man könne mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß Macdonald sich dann entschließe, die Minister- präsidentschaft Baldwin zu übertragen.
Das umgebildete Kabinett, dem auch Macdonald als Minister angehören werde, würde auch weiterhin eine „nationale Regierung" fein, sich also aus Vertretern der drei Gruppen zusammensetzen, die auch jetzt die Regierung bilden. Macdonald, der sich jetzt wieder ausgezeichneter körperlicher
Jnslatioirssttmmung in Belgien.
Belga-Abwertung um 28 Prozent.
as. Berlin, 1. April. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Das neue belgische Kabinett van Zeel and, dessen Schicksal am Samstag noch keineswegs feststand, hat nach der Kammer den Senat für seine Maßnahmen gewonnen. Der Belga wird also um 28 Prozent ab gewertet, das heißt, statt 58 Pfennig ist er nur noch 42 Pfennig wert. In Brüssel und auch in anderen belgischen Städten hat sofort eine große lel uck, ti «- Ain S " ch - wert« eingesetzt. Es herrscht eine" richtige Jnslations- stimmung, obwohl von einer Inflation nicht gesprochen werden kann. Alle Welt ist bestrebt, schleunigst alles verftigbare Geld in Ware anzulegen, sodaß in den Nachmittagsstunden des Samstag in den Brüsseler Geschäftsstraßen ein geradezu lebensgefährliches Gedränge herrschte. Die Leitung eines großen Warenhauses erklärte,
Befriedung der evangelischen Kirche.
Tagung des Kirchensenats.
Berlin, 31. März. Der Kirchensenat der evangelischen Kirche der altpreußischen Union war am 20. und 21. März in Berlin zur Tagung versammelt. 3n der Tagung wurde ernste positive Arbeit geleistet, wobei hervorgehoben zu werden verdient, daß die Beschlüsse des Senats fast alle einstimmig gefaßt wurden. Man kann die berechtigte Hoffnung hegen, daß es auf der nunmehr neugelegten Basis zu einer Beruhigung und Festigung der kirchlichen Verhältnisse kommen wird.
Rücktritt des griechischen Finanzministers.
Athen, 1. April. Finanzminister Pesmazoglu und Unterstaatssekretär beim Ministerpräsidenten, Sayas, sind zurückgetreten. Ministerpräsident Tsaldaris erklärte, Lie Lage sei nach wie vor ernst, aber Lie Regierung werbe Len Ereignissen mit sofortigen durchgreifenden Maßnahmen entgegentreten.
baß, wenn die Kaufpsychose in gleichem Maße anhielte, sämtliche Kl e i d e rvo r r äte i n 4 Tagen un ö d i e Lebensmittel in 9 Jagen erschöpft sein würden. Zu einem großen Teil haben die Geschäftsleute sofort die Preise kräftig erhöht. Dagegen will die Regierung allerdings mit größtem Nachdruck vorgehen. Der Sturm aus die Geschäfte ist für die Abwertungss'reunde eine sehr unangenehme Überraschung, denn man fürchtet, daß. wenn sich das Preisniveau für inländische Waren nicht halten läßt, bald eine ErhöhungLer Löhne nötig wird. Dadurch würde aber das Ziel der Abwertung, der belgischen Industrie die Konkurrenz gegenüber dem Ausland zu erleichtern, hinfällig, da die Industrie nicht in die Lage käme, ihre Gestehungskosten zu senken. So gewinnt man auch in Belgien immer mehr die Überzeugung, daß man sich in ein gefährliches Experiment eingelassen hat.
Die Liquidation des griechischen Aufstandes.
Kein Todesurteil.
Athen, 1. April. Das Athener Kriegsgericht hat am Samstag spät abends das Urteil gegen die angeklagten Aufständischen gefällt. Die Todes st rase würde gegen niemand ausgesprochen. Die Hauptführer erhielten lebensläng lichesZuchrhaus, zwei Angeklagte wurden freigesprochen. Die Angeklagten nahmen den Urteilsspruch mit sichtlicher Niedergeschlagenheit auf.
Lerrour wieder beauftragt.
Kabinett aus breitester Grundlage.
Madrid, 31. März. Der Staatspräsident hat den bisherigen Ministerpräsidenten und Führer der Radikalen Partei, L e r r o u x, unter Gewährung weitgehender Handlungsfreiheit mit der Bildung der neuen Regierung beauftragt. Lerroux beabsichtigt, sein Kabinett auf breitester Grundlage zu formen und gegebenenfalls auch Vertreter der im früheren Kabinett nickst vertretenen Linksparteien zur aktiven Mitarbeit heranzuziehen.
