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Wöchentlich
7 Ausgaben
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Nr. 87.
Freitag, 29. März 1935.
83. Jahrgang!
Simon über die Berliner Bespräche.
Wertvolles Ergebnis trotz Meinungsverschiedenheiten. Gegen die politischen Brunnenvergifter.
Eine neue Hetze.
es Berlin, 29. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die Erklärung, die der englische Außenminister Sir John Simon gestern im Unterhaus über di« Berliner Besprechungen abgegeben hat, hat keine Überraschungen gebracht. Simon ist, wie es bei der gegenwärtigen Lage der Dinge garnicht anders möglich ist, nur mit wenigen Worten auf die Berliner Gespräche eingegangen. Wenn schon in den bisherigen Berichten über diese Gespräche stets von den „beiderseitigen" Anschauungen gesprochen wurde, so hat Simon sich noch etwas schärfer gefaßt. Er sprach von „einem beträchtlichen Abweichen der Meinungen zwischen den beiden Regierun- g e n“ aber er unterließ es auch nicht, zu betonen, daß das Ergebnis der Zusammenkunft trotzdem wertvoll sei. Simon macht also keinen Hehl daraus, daß die Meinungen der beiden Regierungen über die besprochenen Fragen — und das wiederum sind alle Probleme, die im Londoner Kommunique vom 3. Februar angeschnitten wurden —, noch beträchtlich voneinander abweichen. Zugleich aber zeigt die Erklärung Simons, daß England keineswegs das Streben nach einer Einigung aust- gegeben hat und daß er die in Berlin erfolgte voll-' kommens Aufklärung als wesentlichen Schritt auf' diesem Wege betrachtet. Damit sind alle diejenigen Pressestimmen widerlegt, die bereits die Berliner Gespräche als unnütz, als einen Stoß ins Leere usw. bezeichnen. Zugleich hat sich Simon gegen diese und ähnliche „unautorisierte Mitteilungen" gewandt, die nicht ernst genommen zu werden brauchten. Tatsächlich ist es ja nicht nur bei solchen Presseäutze-
rungen geblieben, die Berlin in einen Fehlschlag um- dichteten, sondern der „Daily Telegraph" beispielsweise ist noch erheblich weiter gegangen und hat die auf - r e g e n d st e n Lügen über diese Besprechungen in die Welt gesetzt. Alle deutschen Revis ions- w ü n s ch e, die nur je einmal irgendwo geäußert worden sind, hat das Blatt zusammengefaßt unter dem Titel „Hitlers Forderungen für Deutschland". In Fettdruck hat dieses Blatt dann den Lesern erzählt, daß Hitler die Revision sämtlicher vertraglicher Beschränkungen fordere, u. a. die Beseitigung Les K o r r i d o rs, den Anschluß Ö st erreich s, eine Armee, die um 50 Prozent die französische übertreffen müsse und ähnliche unsinnige Dinge mehr. Es ist charakteristisch, daß diese Lügen, die der ,D>aily Telegraph" verbreitet, d. h. dasjenige Blatt, das als Sprachrohr Frankreichs in England gilt, von der französischen Presse s ch l e u n i g st übernommen wurden. Man sieht, hier wird mit' verteilten Rollen gespielt und gemeinsam gegen Deutschland gehetzt. Die politischen Brunnenvergifter sind also nach wie vor am Werke und ihre Propaganda zeigt erneut, daß gewissen Kreisen nichts unerwünschter ist als eine Annäherung zwischen Berlin und London und als ein ruhiges Vorwärtsschreiten auf dem Wege zur Sicherung des europäischen Friedens.
Der englische Außenminister beim König.
London, 28. März. Staatssekretär des Auswärtigen, Sir John Simon, wurde heute vormittag im Buckingham- Palast vom König empfangen. Die Unterredung dauerte 45 Minuten. Sie galt der Berichterstattung über die Besprechungen in Berlin.
Europa am Scheidewege.
Eine kritisch-historische Betrachtung.
. Bismar ck, dessen hundertzwanzigsten Geburtstag Mr am 1. April feiern, jagte über die politische Lage des Deutschen Reiches in der Mitte Europas den fundamentalen Satz: „Deutschland ist vielleicht die einzige große Macht in Europa, die durch keine Ziele, die nur durch stegreiche Kriege zu erreichen wären, in Versuchung geführt wird." Der Eiserne Kanzler schrieb ^as tn feinen „Gedanken und Erinnerungen" im zweiten Santo, also zu einer Zeit, als das Reich von anderen geführt wurde und die Einkreisung begann. Er notiert es im Zusammenhang mit einer Prognose der auswärtigen Politik des damaligen Rußland, das unentwegt seinem Ziele: der Eroberung Konstantinopels und der Alleinherrschaft im Schwarzen Meer zustrebte. Die englische Zeitung „Times" hat in diesen Tagen des englischen Ministerbesuches in Berlin auf die von Bismarck analysierte damalige Haltung Rußlands hingewiesen und dabei ein treffendes Beispiel für die gegenwärtige Haltung Englands Deutschland gegenüber gefunden: England habe 1870 und 1886 auch gegen die eigenmächtige Aufhebung gewisser Friedensvertragsklauseln durch Rußland — eben seine Alleinherrschaft im Schwarzen Meer betreffend — protestieren müssen. Nachträglich aber habe es die mit innerer Notwendigkeit geschaffenen Tatsachen anerkannt ... Auch Macdonald hat in der letzten Parlamentsaussprache auf das Beispiel der Aufhebung gewisser Bestimmungen des Berliner Vertrages durch Rußland 1886 hingewiesen. ’ ,
Da es sich damals nun wirklich um eine ausgesprochen imperialistische Befriedung Rußlands handelte: nämlich den Bosporus zu schließen und sich auf dem Balkan, und dem nahen Orient festzusetzen als oberste Macht im Sinne des Panslawismus — so mußte die Anerkennung der „vollendeten Tatsachen" England nicht geringe Selbstüberwindung gekostet haben, zumal es damals mit Österreich zusammen für die Rechte der Türkei eintrat.
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Die einzigen Mittel zur Besserung der gegenwärtigen Lage.
Ein Essen zu Ehren Edens.
Die erste Unterredung mit Litwinow.
Moskau, 29. März. (Erg. Drahtmeldung.) Am Donnerstagabend gab Außenkommissar Litwinow ein Essen zu Ehren Edens, an dem zahlreiche Mitglieder der Sowjetregierung, der britischen Botschaft in Moskau, Sowjetbotschafter Maiski und viele politische Persönlichkeiten der Sowjetunion teilnahmen.
Außenkommissar Litwinow erklärte in seiner Begrüßungsrede, daß die Ankunft des Lordsiegelbewahrers Eden unzweifelhaft ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Großbritannien darstelle. Litwinow betonte, daß die Entwicklung der wirtschaftlichen und kulturellen Be- FdHungen zwischen beiden Ländern eine äußer st beliebende sei und daß auf politischem ®ebtet die Beziehungen sich mehr und mehr verbesserten. Der Besuch Edens habe umso größere Bedeutung, als im Augenblick Hindernisse für eine Auftechterhaltung der friedlichen internationalen Ordnung auftauchten. Es' gelte jetzt bereits als Leitsatz, daß die Gefahr eines Krieges nur verhindert oder verkleinert werden könne durch kollektive Bemühungen aller Staaten, insbesondere der Großmächte. Er sei der Ansicht, daß die Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und der Sowjetunion für die Erhaltung des Friedens ein« entscheidende Bedeutung haben könnte. Den Besuch des Lordsiegelbewahrers sehe er als Unterpfand für eine künftige Zusammenarbeit an. Litwinow schloß mit dem Wunsch, daß ein aufrichtiger Meinungsaustausch zwischen Eden und ihm hierzu viel beitragen werde.
Lordsiegelbewahrer Eden erklärte in seiner Antwortrede, er hoffe, daß die gegenwärtigen Besprechungen einen Markstein für die Beziehungen zwischen beiden Ländern darstellen werden. Eden erinnerte sodann daran, daß stich die Außenpolitik der britischen Regierung auf den Völkerbund gründe und würdigte in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Eintritts der Sowjetunion in den Völkerbund. Er fei fest davon überzeugt, daß die gegenwärtig« politische Lage nur durch einen aufrichtigen Meinnngsaus- taustch und durch «ine persönliche Fühlungnahme zwischen den Vertretern der großen Länder verbesiert werden könne. Die Aufgabe der Staatsmänner bestehe jetzt darin, einen Ausweg aus den Schwierigkeiten suchen vor denen jetzt Europa stehe, einen Ausweg, der für all« Lander gerecht und ehrenvoll sein und den Grundsätzen einer kollektiven Sicherheit entsprechen müsse.
Nach dem Essen fand ein großer Empfang zu Ehren der englischen Gäste in Anwesenheit des diplomatischen Korps, führender politischer Persönlichkeiten und der Vertreter der in- und ausländischen Press« statt.
Moskau, 28. März. Außenkommissar Litwinow empfing am Donnerstag um 17 Uhr MEZ. den englischen Lordsiegelbewahrer Eden in Anwesenheit der Botschafter C h e l st o n und Ma i s k i sowie des Direktors der Völker- buudsabteilung des Foreign Office, Strang.
In zweistündiger Unterredung tauschten der Volkskommissar und der britische Minister ihre Meinungen über aktuelle Fragen der internationalen politischen Lage aus, insbesondere unterrichtete Eden Litwinow über den Inhalt der kürzlichen Verhandlungen der britischen Mi nist er milder deutschen Reichs- r e g i e r u n g.
Wie die „Taß" weiter aus unterrichteten Kreisen meldet, ist die Unterredung zwischen Eden und Litwinow in einer äußerst freundschaftlichen Atmosphäre vor sich gegangen. Einstweilen seien keinerlei Meinungsverschiedenheiten zutage getreten. Die Besprechung wird am Freitagvormittag fortgesetzt.
Sowjetunion und Deutschland.
Besprechung des Botschafters Suritz mit dem Reichs- autzenminister.
Moskau, 28. März. Amtlich wird mitgeteilt: Reichs- aüßenminister Freiherr von Neurath hat gestern den sowjetrussischen Botschafter in Berlin, Jakob Suritz, empfangen, und eine länger« Aussprache mit ihm über die sowjetrusstsch-deutschen Beziehungen gehabt.
Betonte Freundlichkeiten.
Neuer Telegrammwechsel Litwinow—Laval.
Moskau, 28. März. Außenminister Litwinow sandte dem französischen Außenminister Laval ein Telegramm folgenden Inhalts:
„Ich habe von ihrem Beschluß erfahren, nach Moskau zu kommen und hoffe, daß dieser Besuch ein weiterer Auftakt für eine freundschaftliche Zusammenarbeit der beiden Völker sein wird und ihnen wie unsere früheren Begegnungen Nutzen bringt." Laval antwortete mit folgendem Telegramm:
„Ich danke Ihnen für ihr herzliches Telegramm. Nach Schluß der Völkerbundratssitzung werde ich in Moskau eintreffen. Ich hoffe, daß unsere neue Aussprache der weiteren Zusammenarbeit im Interesse des Friedens dienen wird."
Wie anders liegen die Dinge heute: di« Selbstaufhebung gewisser Bestimmungen des Versailler Vertrages erfolgte einmal durch die Nichterfüllung der anderen zur Abrüstung verpflichteten Unterzeichner; zweitens aber entsteht durch die tatsächliche Aufhebung keine imperialistische Bedrohung, da ja Deutschland tatsächlich nach Bismarcks Wort keine kriegerisch zu erreichenden Ziele hat.
Die „Times" führen dabei noch bezeichnenderweise an, daß die russischen Friedensunterhändler nach dem Krimkriege usw. eine sehr viel unabhängigere Rolle auf den Friedensverhandlungen gespielt hätten, als die deutschen Unterhändler 1919 in Versailles . . .
Das kann man wohl sagen! Die „Unabhängigkeit" unserer Unterhändler in den „Friedensverhandlungen" 1919 war gleich Null... Wenn also neulich H e r r i o t, der Vertrauensmann Sowjetrußlands in der gegenwärtigen französischen Regierung, in einer öffentlichen Rede davon gesprochen hat, daß „Deutschland wieder zur Theorie vom „Fetzen Papier" zurllckgekehrt sei", und dabei also auf das törichte Wort Vethmann- Hollwegs im Kriegsreichstag von 1914 anfpielt — unseren Einmarsch in Belgien betreffend —, so muß man mit dem englischen Blatt antworten: Tugend englischer Staatsmänner war es, einzusehen, daß Beschränkungen, die man einem besiegten Lande auferlegte, von der Art sein können, daß man sie nicht auf die Dauer aufrechterhalten kann ... Es gibt genug ausländische, vor allem englische Stimmen von 1919, die damals schon feststellten, daß die unter Frankreichs Haß und Angst zustandegekommenen Bestimmungen des Versailler Vertrages niemals einen wahrhaften Frieden erzwingen konnten. Dazu waren unsere Unterhändler in Versailles viel zu unfrei und viel zu unwürdig behandelt worden. Aber hier steht die römische Rcchtsauslegung der germanischen Rechtsauffassung gegenüber: dort lateinische Statik und Starre, hier Gefühl und Erkenntnis der Entwicklung, des dynamisch-organischen Lebensrechtes der Völker.
Herriot sprach auch von einem „Pazifismus mit offenen Augen". Er wollte damit eine Verbindung Herstellen zwischen der absinkenden Politik •einer Beherrschung der Völker durch _tote Interessen des Geldes und die Instinkte des Genusses — Politik des „Pazifismus" — einerseits und einer jetzt wieder in Frankreich erwachenden Politik der Militärbündnisse, vor allem mit Sowjetrußland. „Pazifismus in Kriegsrüstung — das ist die groteske Maske, mit der der Liberalismus Frankreichs jetzt fein wahres, immer gleiches Gesicht verbergen will: — es ist nicht anders als das Clernenceaus, dessen Auffassung von Frankreichs „Recht auf den Rhein" wie folgt von einem seiner Freunde formuliert wurde: ,Mir hatten de»
