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r. 84.

Dienstag, 26. März 1935

83. Jahrgang

Geschäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends außer Sonn, und Feiertags.

SettäeH* nachmittag«, Samstags »er. u. nachmittag, Fernsprecher-Sammel-Nr. 69681.

Tages. Man hielt ein erhebliches P o li ze i a u f ge- Bot auf der Straße, das die Menge, die sich dort versam- melte, sofort auseinander trieb. Im Gerichtssaal war die i k i t ä r i s.ch e Bewachung erheblich verstärkt und auch auf die bisher auf freiem Fuß befindlichen Ange­klagten ausgedehnt. Die Diplomatenloge war überfüllt mit Vertretern ausländischer Staaten, hohen litauischen Richtern und Beamten. Auf den Pressetribünen herrschte ein Andrang, der erheblich stärker als bei der Er­öffnung des Prozesses war. Der Zuschauerraum dagegen war sehr wenig gefüllt, da nur wenige Zuschauer zu der Urteilsverkündung zugelassen worden waren. Die Ange­klagten nahmen das Urteil ohne jede große Bewegung und sehr ruhig hin. Man hatte aber allge­mein den Eindruck, daß dieses entsetzliche Urteil von niemand erwartet wurde.

Schreckensfpruch des Kownoer Kriegsgerichts

Vier Todesurteile und schwere Zuchthausstrafen gegen die Memelländer.

Der englische Ministerbesuch in der Präfidialkanzlei.

Von links: Der englische Außenminister Sir John Simon, der Adjutant des Führers Ober« zruppenfuhrer Bruckner, Lordsiegelbewahrer Eden, Reichsauyenminister Freiherr von Neu­rath und der,englische Botschafter in Berlin, Sir Eric Phipps, in der Präsidialkanzlei, wo die Be­sprechungen mit dem Führer und Reichskanzler Adolf Hitler stattfanden.

Anzeigenpreise: Ein Millimeter Höh« der 22 Millimeter breiten Spalte im Anzeigenteil Grund- SSmIÄ’ rr 80 Millimeter breiten Spalte im Textteil 45 Rpf., sonst laut Tarif Nr. 3, Nachlatzstanei 0. — ,xut die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen .Übernommen. — Schluß der Anzeigen-Annahme 10 Uhr vormittags. Größere Anzeigen müßen spätestens einen Tag vor dem Erschemungstage aufgegeben werden.

Die Berliner Gespräche.

Heute voraussichtlich Abschluß. — Staatsdiner im Palais des Reichspräsidenten.

Vorsichtiger Optimismus in London.

Gnadengesuch für die Spitzel.

Kowno, 26. März. (Gig. Drahtmeldung.) Am Dienstag, vormittag gegen 10 Uhr wurde unter großer Spannung das Urteil des Kownoer Kriegsgerichtes verkündet. Der Vor­sitzende gab bekannt, daß Emil Voll, Walter Prieß, Heinrich SBannagat und Emil Lepa zum Tode ver­urteilt worden sind. Es handelt sich hier um die Ange­klagten des sogen. Fememordes der Jesuttis-Eruppe.

Die beiden Wallat, Johann und Ernst Wal lat, wurden zu lebenslänglichem Zuchthaus verur­teilt. Der Führer der Soovg, Dr. Neumann und Ber- tuleit, erhielten je 12 Jahre Zuchthaus. Die An­geklagten Kwauka, Ernst Rademacher, Brokoph, Riegel, Haak. Grau, Lappiens, Schefchkewitz erhielten je 10 Jahre Zuchthaus. Der Führer der Christlich-sozialen Volksgemeinschaft, Freiherr von Saß, Baron Ropp, Rehberg, Cronenberg und acht an­dere Angeklagte wurden zujeachtJahrenZuchthaus verurteilt. Bei den bisher Verurteilten wird das gesamte Vermögen beschlagnahmt.

Von den weiteren Angeklagten wurden D r e ß l e r, Preikschaß und Dr. Böttcher ebenfalls zu 8 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die übrigen Angeklagten erhielten Zuchthausstrafen von Is^ bis zu 6 Iah- ren. Lediglich die beiden Spitzel und Kronzeugen Mol INAS und Kubbutat erhielten V/2 Jahr Zucht- gaus, öie in Gefängnisstrafen umgewandelt wur- den. Gleichzeitig verkündigte das Gericht, daß es für diese Bet&en ein Gnadengesuch beim Staatspräsidenten ein» reichen wurde.

_ Es ist bezeichnend für die Methode der Urteilsfindung, day aerade diese beiden, obwohl Molinus Geschäftsführer der iDO»ag war und mithin eine führende Rolle spielte von dem Gericht in dieser Art behandelt werden. Nur aani wenige Angeklagte. bei denen cs sich in der Hauptsache um Namensoerwechslungen handelt, also um solche Männer die überhaupt garnicht auf die Anklagebank gehörten oder um lunge Leute von 16 bis 17 Jahren, wurden freigesprochen.

Das Gerichtsgebäüde und die umliegenden Stratzenzüge maHten am Dienstagvormittag den Eindruck eines großen

Der „Temps" hetzt weiter.

ar,■£?; Berlin, 26. März. (Drahtbericht unserer Berliner ^te Krimer Besprechungen werden vor- aussichtlich heute abgeschlossen werden. Wenigstens ge­denkt nach den bisherigen Dispositionen Lordsieqelbe- wahrer Eden heute abend die Weiterreise nach Mos­kau anzutreten, während Sir John Simon noch bis morgen mittag in Berlin bleiben will. Die Be­sprechungen haben gestern den ganzen Tag ausgefüllt. , «ex **«*£*" am Nachmittag, was in diplo­matischen Kreisen Aufsehen erregte, länger als vorgesehen war. Es war beabsichtigt, bereits um b.o0 Uhr in der englischen Botschaft einen Empfang der englischen Presse zu veranstalten. Aber erst kurz vor ("0 Utz flammten im Vorhof der alten Reichskanzlei die Blitzlichter auf. Die Wache trat an das Gewehr und kurz danach rollten die beiden Wagen mit den englischen Ministern aus dem Vorhof auf die Wilhelm- straße hinaus. Stundenlang harrte vor der Reichs- kanzlei und dann am Abend vor dem Haufe des Reichs­präsidenten die Menge aus, um die An- und Abfahrt der englischen Minister mitanzusehen. Die Gäste waren offensichtlich beeindruckt über diese rege Anteilnahme der Berliner Bevölkerung. Die knappe Mittagspause zwischen den Verhandlungen hatten die englischen Minister zu einer Rundfahrt durch Berlin benutzt, um ein Bild von dem Leben und Treiben der Reichshauptstadt zu cr= Um Abend fand dann im ehemaligen Reichs- prasidentenhaus, dem alten Palais Hindenburgs, ein Staatsdiner statt, das der Reichsautzenminister zu Ehren der englischen Gäste gab. Auch hier dürfte die Gelegenheit zur Fortsetzung der politischen Aussprache fortgesetzt worden sein.

Über den Stand der Besprechungen selbst laßt sich im Augenblick noch nichts sagen.

Die englischen Gäste.

_.'5L5 in vergangenen Woche der Reichsautzen- MlNsiter von Neurath auf die Frage des englischen Bot- emiiihrn °x?er ^vtschlutz der Regierung zur Wieder- e-nsuhrung der allgemeinen Wehrpflicht die Voraus- A-vvugen Ler Einladung an England zu einer mündlichen Aussprache in Berlin verändert habe, ohne Schwanken antaortete, daß dies nicht der Fall sei “L?tc Reichsregierung nach wie vor auf diese Aussprache größten Wert lege, wurde diese Haltung in der ganzen deutschen Öffentlichkeit mit allgemeiner Zu­stimmung begrüßt. Der patriotische Stolz und die Freude über den raschen Entschluß, die deutsche Wehr­hoheit wieder herzustellen, hat im deutschen Volke, dem man sonst nachsagt, daß es in der Politik das Gefühl gerne vor die Vernunft setzt, die Erkenntnis nicht über­wuchert daß das große Ziel der deutschen Außenpolitik in der Herstellung einer friedlichen Verständigung mit ven andern großen europäischen Völkern und in einer 7-Erhaften Befestigung des europäischen Friedens W ist das unbestreitbare Verdienst der englischen Politik, daß sie diesen friedlichen und verständigen Zug entgegen gewissen Strömungen Geltung verschafft hat die aus der Verkündung des deutschen Heeresgesetzes einen dramatischen Aktschluß der bisherigen Verständi­gungsversuche und den Beginn einer neuen gefährlichen Rivalitätenpolitik machen wollten. Die englischen Gäste, die am Sonntagnachmittag in Berlin eintrafen sind deswegen von ganz Deutschland mit einer stillen' gespannten Achtung empfangen worden, in der sich am besten die Bedeutung widerspiegelt, die man ihrem Be- suche^zuschreibt, und die zugleich eine volle Würdigung ber Schwierigkeit der von England übernommenen Ver­mittlerrolle enthält.

Mit ebenso großer Ruhe und Klarheit sieht Deutsch­land den nun im Gange befindlichen Berliner Verhand­lungen und ihren Ergebnissen entgegen. Es ist nicht wahr, was ausländische Stimmen der deutschen Politik unterlegt haben, daß sie das Ziel verfolgt, England von seinen bisherigen Freunden zu trennen und so auf Grund einer neuen Machtkonstellation eigensüchtige und gefährliche Ziele zu verfolgen. Niemand in Deutschland, weder die verantwortlichen Leiter seiner Politik, noch der Mann auf der Straße, jagen einer solchen Illusion nach. Das einzige, was wir von Eng­land erwarten und was uns auch im englischen In­teresse zu liegen scheint, ist, daß man uns anhört, unsere Ziele und ihre Berechtigung kennenlernt und daß man bereit ift, sie mit den praktischen Aufgaben einer neuen europäischen Solidarität in Übereinstimmung zu bringen. Daß man von einer solchen noch sehr weit ent­fernt ist, wissen die Staatsmänner, die sich jetzt in Ber­lin an einen Tisch gesetzt haben, sehr genau, und weiß guch jeder Deutsche, auch wenn er die französische und italienische Note der letzten Woche nicht gelesen und die französische Kammerdebatte darüber nicht verfolgt hätte. Niemand erwartet deswegen in Deutschland von der Berliner Aussprache eine letzte und vollständige Klärung und Lösung aller Fragen, eine wolkenlose Aufhellung oder gar eine deutsch-englische Verständi­gung im Gegensatz zu den andern beteiligten Mächten. Die Erklärungen des englischen Außenministers Sir John Simon, daß er in Berlin keine plötzlichen Ergeb­nisse erwarte, wird in Deutschland als eine völlig nüch­terne und richtige Kennzeichnung der Sage und Auf­gabe betrachtet, aber das von ihm verkündete Ziel Friede auf Erden und guter Wille unter den Men-

Gs mag nur daran erinnert fein, daß es sich, wie mehr­fach von englischer Seite betont wurde, um eine In - r^mutio ns re i s e handelt. Es geht also in erster ^inte darum, _ die gegenseitige Einstellung und die Aiotive für diese Einstellung kennen zu lernen. So weist auch Reuter darauf hin, daß von llnterhaltun- gen und nicht von Verhandlungen ge- f^ochen werden müsse. Trotzdem ist man in Paris bereits wieder n e r v ö s und fürchtet, daß es nicht ganz dabei bleiben könnte, daß vielmehr diese Besprechungen zu einem Ende geführt werden konnten^ das nicht völlig im französischen Sinne liegt. 3er „-temps“ zeigt sich jedenfalls sehr b.^u u r u h i g i.„ Das Blatt, das sich, wie unlängst be- t'Ä?urde, für eine Isolierung Deutschlands einge- M hat, erklärte, es gäbe für Deutschland nur die ^ahl zwischen der internationalen Zusammenarbeit und der wirtschaftlichen Isolierung. Dabei läßt das Blatt weiterhin erkennen, wie wenig angenehm ihm die ganze Reise der Engländer ist. Es meint nämlich man müsse sich fragen, ob die Methode Musso - linis, die darin bestehe, sich bei Verhand­ln» gen auf eine effektive Macht zu stutzen, nicht das zuverlässigste Mittel sei, um ein Euerhaftes Ergebnis zu erzielen. Die amtlichen fran­zösischen Kreise vermeiden im Augenblick naturgemäß jebe Äußerung. So war die gestrige Rundfunk- 1 rde Flandins,. mit der der französische Minister­präsident den Kampf für die Eemeindewahlen eröffnete, ein Appell an die -innere Einigkeit, während bie außenpolitischen Fragen nur gestreift wurden. Die englische Presse unterstrich vor allem, daß den eng­lischen Ministern in Berlin ein herzlicher Empfang bereitet worden sei. In einer Reutermeldung aus Berlin heißt es dabei noch über die deutsch-englischen Gespräche, daß in amtlichen englischen Kreisen ein vorsichtiger Optimismus zur Schau getragen würde.