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Nr. 83.
Montag, 25. März 1935.
83. Jahrgang.
Beginn der Berliner Verhandlungen.
Nach der Ankunft der englischen Gäste. — Die Pariser Dreier-Konferenz.
Italiens militärische Maßnahmen.
es. Berlin, 25. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Mit dem Besuch Sir John Simons und des Lordsiegelbewahrers Eden ist Berlin in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Die englischen Gäste sind in der Reichshauptstadt gestern bei ihrer Ankunst von der Berliner Bevölkerung herzlich begrüßt worden. Der Abend war einer inoffiziellen Fühlungnahme gewidmet. So fand beispielsweise eine etwa einstündige Unterredung des Reichsaußenministers Frhr. v. N e u r a t h mit den englischen Gästen statt. Heute vormittag sind die Verhandlungen sodann offiziell ausgenommen worden. Sie werden den heutigen und den morgigen Dag ausfüllen. Vielleicht wird der Teil der Besprechungen, der die Rüstungsfrage betrifft, etwas dadurch leichtert, daß beide englische Minister Frontsoldaten sind. Im übrigen ist es aber naturgemäß in diesem Augenblick noch zu früh für nähere Mitteilungen über die Verhandlungen, die die gesamte internationale Prelle mit größter Spannung verfolgt.
Man wird nur feststellen können, daß sich die Engländer durch die Dreierkonferenz, die am Samstag in Paris stattfand, jedenfalls nicht di« Hände binden ließen. Es verlautet vielmehr mit Bestimmtheit, daß Minister Eden Bedenken gegen den französischen Völkerbundsantrag geltend gemacht habe, da man nicht gleichzeitig die Rückkehr Deutschlands in den Völkerbund fordern — ein Ziel, zu dem auch die Franzosen sich im Londoner Kommunique vom 3. Februar bekannt haben — und zur selben Stunde den Völkerbund gegen Deutschland mobilisieren könne. So ist auch viel bemerkt worden, daß die amtlichen Meldungen über die Konferenz in Paris nicht voll übereinstimmen. Während das französische Kommunique mit Genugtuung die volle „Solidarität^ der beteiligten Regierungen feststellt, ist in dem von Eden verfaßten englischen Text das Wort Solidarität vermieden und mit „Übereinstimmung auf das zu erreichende Ziel" übersetzt worden. Man kann daraus wohl schließen, daß man sich über die Methoden keineswegs ganz einig ist. Jedenfalls aber begrüßt man es in Genf sehr lebhaft, daß die Völter- bundssitzung erst am 15. April stattfinden soll und daß ihr die in Paris für den 11. April in Aussicht genommene Konferenz zu dreien in Stresa vorausgehen wird. Es ist ja kein Geheimnis, daß man in Genf von dem französischen Völkerbundsschritt sehr wenig erbaut ist. Man hofft nun, daß es in Stresa den Engländern doch noch gelingen wird, die französische Aktion in der einen oder anderen Form abzubiegen oder zu mildern. Zum mindesten erblickt man in dieser zeitlichen Reihenfolge eine Abschwächung der Bedeutung der auf französischen Antrag einberufenen Ratstagung.
Andererseits ist man aber auch in England — das zeigt die Londoner Presse sehr deutlich, wenig erbaut davon, daß Mussolini es für nötig erachtet, durch Einberufung der gesamten Jahresklasse 1911 und durch sonstige Maßnahmen den Bestand der italienischen Armee auf 560 000 Mann z u erhöhen, während Italien normalerweise im
Sommerhalbjahr etwa 325 000 Mann unter den Fahnen hat. (Die starke Differenz in Italien ergibt sich infolge der 18monatlichen und teilweise noch verkürzten Dienstzeit zwischen etwa 150 000 Mann im Winter und 325 000 Mann im Sommer.) Ganz offenbar will Mussolini nicht den Eindruck aufkommen lassen, als sei Italien etwa allzusehr in Afrika engagiert. Maßgebend für die italienische Maßnahme mag aber auch die Tatsache gewesen sein, daß die Kleine Entente sich äußerst beunruhigt zeigt über die Möglichkeit, daß Ungarn und Österreich wie auch Bulgarien die allgemeine Wehrpflicht zugestanden werden könnte. Wenn man in diesem Zusammenhang sogar von gewissen militärischen Plänen der Kleinen Entente sprach, so zeigt Italien, daß es auch diese Entwicklung aufmerksam verfolgt. Mussolini beweist aber auch, daß Italien seine Position für die weiteren Verhandlungen möglichst stark zu machen gewillt ist.
Die ersten Besprechungell.
Berlin, 25. März. (Eig. Drahtmeldung.) Heute vormittag 10.15 Uhr haben bei dem Führer und Reichskanzler die Besprechungen mit dem englischen Außenminister Sir John Simon, dem Lordsiegelbewahrer Eden und dem englischen Botschafter Sir Eric Phi pps begonnen. An den Besprechungen nahmen deutscherseits teil der Reichsaußenminister Freiherr v. Neurath und der Sonderbeauftragte für Abrüstungsfragen, Herr v. Ribbentrop.
Nach einer kurzen Mittagspause werden die Besprechungen am Nachmittag fortgesetzt.
Die Pariser Dreier-Verlautbarung.
Paris, 24. März. Am Schlüsse der französischenglisch-italienischen Besprechung in Paris ist folgende Verlautbarung ausgegeben worden:
Außenminister Lava l, Lordsiegelbewahrer E d e n und Unterstaatssekretär Suvich sind am Samstag am Quai d'Orsay zusammengetroffen und haben einen Meinungsaustausch über die allgemeine Lage vorgenommen. Im Laufe der Aussprache ist daran erinnert worden, daß der Besuch der englischen Minister in Berlin einen Jnformationscharakter hat, und daß der Rahmen und der Gegenstand ihrer Besprechungen dem entspricht, was in der Londoner Verlautbarung vom 3. Februar ausgemacht worden ist, auf der sich die Einheit der Ansichten der Regierungen in London, Paris und Rom begründet. Es ist beschlossen worden, daß die Außenminister Englands, Frankreichs und Italiens sich nach dem Berliner Besuch und den anderen englischen Besuchen in Moskau, Warschau und Prag, bei denen die französische und italienische Regierung die Engländer mit ihren Wünschen begleiten, am 11. April inStresa zusammentreffen werden. Außenminister Laval, Lord- siegelbewahrer Eden und Unterstaatssekretär Suvich haben mit Befriedigung die völlige Solidarität ihrer Regierungen festgestellt.
Laval betont Frankreichs Friedenswillen.
„Begeisterte, ergebene und starke Freunde."
Paris, 25. März. „Oeuvre" weiß über den Inhalt einer politischen Ansprache des Außenministers Laval zu berichten, die dieser am Sonntag im kleinen Kreise bei der Einweihuim einer Schule im Stadtviertel Lila gehalten hat.
Dem Blatt zufolge erklärte der Außenminister bei dieser Gelegenheit, gewisse kritische Äußerungen der französischen Prelle an England beurteilend:
Wir wollen uns lieber diskret und zurückhaltend zeigen. Man hat behauptet, daß England uns im Stich gelassen hätte, weil sich feine Haltung vor einigen Tagen nicht mit der unsrigen decke. In dieser Stunde kommen Sir Sohn Simon und Eden in Berlin an. Sie werden feststellen, ob Deutschland entschlossen und endgültig dem Frieden den Rücken kehren will, oder ob eine Hoffnung besteht, daß es wieder in das europäische Konzert ,zurückkehrt. Sicher ist, daß wir mit England über die Friedenspolitik einig sinv. Das, was Mussolini sagte, beweist, wie sehr ich recht hatte, als ich nach Rom reiste. Frankreich hätte unter schwierigen Umständen sonst allein stehen könne». Jetzt «st es nunmehr von begeisterten, er
gebenen und starken Freunden umgeben. Es gibt in Frankreich keine Kriegspartei. Es gibt nur Leute, die nach dem Frieden ihres heimischen Herdes streben. Aber wenn wir auch nicht den Krieg wollen, so nehmen wir doch ebenso wenig eine Erniedrigung hin.
Österreich fordert volle Gleichberechtigung.
Erfassung der Jugend nach dem Ballila-Sqftem.
Wien, 25. März. Außenminister Berger-Wal- denegg sagte in einer Rede in der steierischen Stadt Schladmrng u. a., et habe auf seinen Auslandsreisen in jeder Beziehung Gleichberechtigung für Österreich verlangt und werde sich nicht eher zufrieden geben, bis die volle Gleichberechtigung erlangt sei. Die Gleichberechtigung sei unterwegs und werde sehr bald kommen. Zur Frage der Jugenderziehung erklärte der Außenminister, daß Österreich das italienische Ballila-System wählen werde, das den österreichischen Verhältnissen angepaßt werden solle.
Ein schlechter Weg.
Die Drohung mit wirtschaftlichen Sanktionen.
Die Anrufung des Völkerbundes durch Frankreich in der Angelegenheit des deutschen Gesetzes zum Aufbau der Wehrmacht ist von der „Times" als ein „schlechter Weg" bezeichnet worden. Hat man in England von vornherein das Gefühl dafür gehabt, rvohin der französischen Stoß zielt? Der Pariser „Temps" hat inzwischen den Schleier gelüftet. Frankreich rechnet offenbar darauf, in Genf einen Beschluß durchzusetzen, der wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen gegen Deutschland zustande dringt. Also wieder Sanktionen. Btan kann verstehen, daß England gegen diese brutale Art der Politik Bedenken hat. Es hat sich in der Vergangenheit zu deutlich gezeigt, daß dieser Pfeil bestimmt immer wieder auf den Schützen zurückprallt. Und daß diese Welt sich heute eine neue schwere wirtschaftliche Erschütterung einfach nicht leisten kann, dafür hat man in England wohl mehr Verständnis als in Frankreich.
Der Gesamtwert des Welthandels ist im Jahre 1934 wieder um 4 Prozent gegenüber dem Vorjahre zurückgegangen. Und das, obwohl man sich seit Jahren in allen Ländern verzweifelte Mühe gibt, die Depression zu überwinden und einen neuen Aufstieg der Wirtschaft in die Wege zu leiten. Das ist vereinzelt gelungen. Deutschland mit seinen erfolgreichen Methoden der Arbeitsbeschaffung und der Wiederbelebung der industriellen Tätigkeit steht dabei mit an der Spitze. In England ist der Versuch erheblich weniger gut gelungen, und die Regierung Macdonald muß sich mit den heftigen Angriffen auseinandersetzen, die gegen sie wegen ihrer mangelnden Aktivität im Bereich der Arbeitsbeschaffung erhoben werden. In Frankreich, wo man nach den politischen Zwischenerfolgen von Rom und London auf den lange ersehnten wirtschaftlichen Auftrieb rechnete, ist man enttäuscht, denn der Februar und der März brachten neue Rückschläge. Die Rentenkurse fielen, die Sätze am Geldmarkt zogen an, und die Kartellgesetze der Regierung, das Kernstück ihres wirtschaftlichen Reorganisationsptanes, finden Widerstand und Kritik. Die Bauern, die in Frankreich von der Krise besonders hart geschlagen waren, verspüren auch noch kaum etwas von den eingeleiteten Hilfsmaßnahmen. Die Vereinigten Staaten von Amerika müssen noch allein aus amtlichen Mitteln 5 400 000 Familien mit 21600 000 Familienmitgliedern und dazu 775 000 Einzelpersonen, die arbeitslos sind, unterstützen. Das kostet sie täglich 5 Millionen Dollar. Der große Schlag gegen die Krise, den Roosevelt mit seinem „New Deal" führen wollte, ist fehlgegangen. Die Konstruktion der Nira, jenes großen Aufbausystems, das Roosevelt geschaffen hat, gerät unter den zunehmenden Angriffen der Wirtschaft ins Wanken. Italien hat vor noch nicht langer Zeit seine Einfuhr aus devisenpolitischen Gründen weiter abdrosseln müssen, weil es sonst seine handelspolitische Lage einfach nicht mehr im Gleichgewicht halten konnte. In den Goldblockländern kriselt es. Die Vorgänge um den Belga sind ein Warnungssignal.
Und in dieser Zeit, in der die Wirtschaft tier Welt zwar an einigen Punkten dank der eingesetzten Tatkraft einzelner Völker eine Wiederbefestigung zeigt, die für ihre dauernde Gesundung unentbehrlichen Wirtschaftsbeziehungen von Land zu Land aber schwerer leiden denn je, will Frankreich, daß der Völkerbund wirtschaftliche Sanktionen gegen Deutschland verfügt. Die Welt ist schon einmal durch diese Wirtschaftspolitik der geballten Faust gegen Deutschland in Verwirrung geraten. Die Reparationskrise hat gezeigt, daß es unmöglich ist, gerade Deutschland, das Land der Mitte, aus dem wirtschaftlichen Kräftekreislauf auszuschalten. Was damals als nicht vorausgesehene Wirkung der dem Reiche aufgezwungene Schuldenlast eintrat, soll nun bewußt durch ein Befehlswort des Völkerbundsrats geschehen? Man darf das Zutrauen haben, daß, wenn auch Frankreich den Wahnsinn Lieser Methode nicht begreift, er in England und in anderen Staaten erkannt und verhindert werden wird.
Vor einer Friedensbotschaft des Papstes.
Eine besondere Enzyklika zu Ostern.
Rom, 24. März. In katholischen jounalistischen Kreisen werden immer bestimmter auftretende Gerüchte verzeichnet, wonach Pius XI. bei dem zum 1. April einberufenen geheimen Konsistorium auch auf die internationale Lage ein- gehen und dabei die Völker zum gegenseitigen Vevtranen und Verständnis und zur wirksamen Arbeit für die Sache des Friedens ermahnen werde. Andere wollen wissen, daß der Papst auch Ostern eine besondere Enzyklika zum Friedensthema erlassen werde. Bei den zuständigen vatikanischen Stellen wird vorerst gegenüber diesen Gerüchten noch grüßte Zurückhaltung gezeigt.
