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Nr. 82.
Sonntag, 24. März 1935.
83. Jahrgang.
Frankreichs „Abrüstung".
Getarnte Aufrüstung. — Die mächtigste Militärmacht. — Im Zeichen der Motorisierung.
Die Rüstungsausgaben.
as. Berlin, 23. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In den Reden der maßgebenden französischen Politiker, auch in denen des französischen Ministerpräsidenten F l a n d i n, kehrt immer die Behauptung wieder, daß Frankreich seinen Beitrag zur Abrüstung geleistet habe. Es werden dann meist einige Zohlen angeführt, die diese Behauptung beweisen sollen. Richtig ist daran, daß Frankreich nach dem Kriege die Dienstzeit auf ein Jahr verkürzt hat — ein Beschluß, der gerade jetzt wieder bekanntlich aufgehoben worden ist — und auch seine Heeresstärke vermindert hat. Das hat aber in der Praxis nicht das mindeste mit Abrüstung zu tun, vielmehr hat die ganze Umorganisation der französischen Wehrmacht nur den einen Zweck, das Heer noch schlagkräftiger zu machen. Hören wir einmal, was ein so sachverständiges Werk wie „Die Rüstung der Welt" (herausgegeben von Oberstleutnant a. D. Müller-Loebnitz, eine Fortführung der Jahresberichte Lübells über das Heer- und Kriegswesen) zu diesem Thema sagt, wie überhaupt über die Wehrmacht und Wehrkraft Frankreichs. Dort heißt es nämlich zusammenfassend über die Rüstungen Frankreichs: „Die Neuorganisation bedeutet keine Abrüstung, sondern Umrüstung größten Formats. Eie festigt das innere Gefüge der Armee, erhöht ihre Schlagkraft und schafft ihr einen sicheren Rückhalt durch die vorbereitete Kriegsbereitschaft aller Kraftquellen. Die Stärke der Rüstungen übersteigt bei weitem die Bedürfnisse der Verteidigung des Mutterlandes und der Kolonien. An menschlichem Potential stehen Frankreich im Mutterlande und in den Kolonien die Kräfte von 100 Millionen zur Verfügung, mit Belgien und dessen Kolonien, mit seinen östlichen Verbündeten — auch wenn man Rußland nicht zu diesen rechnet — wächst die Zahl auf 170 Millionen, das ist fast das Dreifache der deutschen Bevölkerung. Auch das materielle Potential Frankreichs ist infolge der großen Überlegenheit an Eisenerzen sowie der sicheren Verbindung mit erzreichen Kolonien und dem gesamten Ausland bedeutend höher als das Deutschlands, desien Bodenschätze größtenteils nahe der Grenze, vielfach sogar im entmilitarisierten Gebiet liegen, und dem im Kriegsfälle jeder Verkehr mit Übersee sofort gesperrt wird. Eine Überlegenheit endlich, die jeden Vergleich ausschließt, besitzt Frankreich an Geld und Krediten. So ist denn Frankreich nicht nur an wirklicher Rüstung, sondern auch an menschlichem, materiellem und finanziellem Kriegspotential allen anderen Ländern des
europäisch en Kontinents weit überleg e n. Die Überlegenheit der französischen Armee gegenüber allen Heeren Europas, die reichliche Ausstattung mit beweglichen Kräften und Angriffswaffen (Kampfwagen), die starken Fliogerkampfkräste, die Schnelligkeit der Mobilmachung und des Aufmarsches befähigen Frankreich zu rascher, offensiver Kriegsführung, während es selbst durch seine st a r k e n natürlichen Grenzen und seinen Festungs- wall unangreifbar ist. Aus der militärischen Bündnispolitik Frankreichs in Europa kann sich ein Zwang zu offensivem Handeln ergeben." Es wäre gut, wenn sich auch diejenigen englischen Blätter diese Worte zu Gemüt führen würden, die sich zu der Behauptung versteigen, Deutschland wolle nicht die Gleichberechtigung, sondern die militärische Vorherrschaft!
Wird in dieser Schilderung schon auf die schnelle Mobilmachungsmöglichkeit der Franzosen angespielt, so ist darauf zu verweisen, daß von den in Europa liegenden Teilen des französischen Heeres allein 14 Infanteriedivisionen und alle fünf Kavalleriedivisionen mehr oder weniger mobil sind. Dazu kommt eine sehr weitgehende und ständig zunehmende Motorisierung des französischen Heeres. Ein Mitarbeiter des früheren Kriegsministers PStain, O b e r st d e Gaulle, geht allerdings in seinen Forderungen nach Schaffung eines motorisierten und mechanisierten Berufsheeres noch weiter, wobei er sich 1934 ganz offen dahin aussprach, daß es Aufgabe dieses Heeres fein würde, bei einem Einfall nach Deutschland den ersten Sprung etwa 100 Kilometer tief bis etwa zur Linie Mainz — obere Donau vorzutragen, um diesen Sprung dann mainaufwärts in Richtung auf die Tschechoslowakei sortzusetzen! Gewiß sind das keine Äußerungen einer amtlichen Stelle, sie sind aber trotzdem recht beachtenswert.
Man darf sich in diesen Debatten auch nicht durch Ziffern des französischen Wehrhaushalts verwirren lassen. Obwohl es sich dabei auch schon um keineswegs niedrige Zahlen handelt, ist doch ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wehrausgaben in anderen Etats versteckt. Berücksichtigt man diese Ausgaben und auch die Nachtragshaushalte, so kommt man zu dem Ergebnis, daß die tatsächlichen Rüstungsausgaben Frankreichs im laufenden Haushaltsjahr einschließlich der 800 Millionen, die noch Pätain beantragte, etwas über 18 Milliarden Franken, gleich rund 3 Milliarden Reichsmark betragen. Das sind Ziffern, die man bei den kommenden Gesprächen und Verhandlungen nicht vergessen sollte.
3m Geiste der Verständigung.
Wenn nun Sir John Simon als britischer Außenminister und Vertreter des britischen Volkes und Adolf Hitler als Führer und Reichskanzler des deutschen Volkes in Berlin miteinander sprechen, so knüpfen sich an diese Gespräche die Gedanken aller derer, in Deutschland und in England und in ganz Europa, die den Frieden wollen, einen wirklichen Frieden, nicht einen solchen, wie er in Versailles diktiert wurde. Von diesem Vertrag, an den Frankreich sich heute noch zäh klammert, rührt ja das Unheil her, was in der Nach-
Englands Außenminister Sir John Simon (links) und Lordsiegelbewahrer Anthony Eden, deren Berliner Besuch programmäßig am 25. März stattfinden wird.
kriegszeit über Europa kam, und das seinen letzten und stärksten Ausdruck in der Weltkrise und in der inneren
Al Mta W, der
Englische Minister über die internationale Lage.
London, 23. März. Die bevorstehenden Berliner Besprechungen und die allgemeine internationale Lage waren der Gegenstand politischer Reden, die am Freitagabend vom englischen Außenminister Sir John Simon, vom Landwirtschaftsminister E l l i o i und von Sir Austen Chamberlain an verschiedenen Orten gehalten wurden.
Sir John Simon erklärte im Verlaufe einer Rede in Gildersome bei Leed, das ganze englische Volk vertrete in der Frage des Friedens eine einheitliche Auffassung, wie es sich in der außenpolitischen Unterhaus-Debatte am Donnerstag gezeigt habe. 2m weiteren Verlauf feiner Ausführungen sagte er u. a_: Wir können uns nicht jeder Art von außenpolitischen Abenteuern in allen Teilen der Welt hingsben oder uns bei jedermanns Streitigkeiten zur Mitwirkung verpflichten. Dies wäre kein Beitrag zum Frieden. Vielmehr stünde es im Gegensatz zu dem gesunden Sinn des englischen Volkes.
Bei einer späteren Versammlung in Birstall erklärte Simon, er soll wegen des Ernstes und der Schwere der auf ihm ruhenden Ausgabe keine neuen Mitteilungen über seine und des Lordstegelbewahrers bevorstehenden Besuch in den europäischen Hauptstädten machen. Großbritannien übernehme diese Aufgabe, da sie den Überlieferungen, der Stetigkeit und den Grundsätzen Großbritanniens entspreche. Welches auch das Ergebnis des Berliner Besuches sein möge, es werde nicht irgendein plötzliches und überraschendes Ergebnis fein. Dies sei.der Beginn eines Verfahrens, dessen Verlauf in sehr großem Maße von der Einsicht und Beständigkeit abhänge, mit der England die Angelegenheit behandele. Simon kam dann auf die bisherige „einseitige Abrüstung" Englands zu sprechen und sagte in diesem Zusammenhang, daß einseitige Abrüstung nicht die allgemeine Abrüstung herbeiführe, während andererseits die allgemeine Anhäufung wa Waffen
Willi Wes MWöNS.
keine endgültige Sicherheit für den Frieden bedeute. Simon jagte dann, daß das englisch-französische Kommunique vorn 3. Februar, wie er glaube und hoffe, noch auf lange Zeit hinaus einen Markstein in der Geschichte des Friedens dar- stellen werde. Es sei ein außerordentlich vollständiges Abkommen der beiden Regierungen Wer die Ziele, die sie verfolgten, und zwar nicht nur für sich allein, sondern für den Frieden Europas und der Welt. Simon wiederholte dann, er lehne den Gedanken ab, daß England sich in ausländische Angelegenheiten einmischen solle, die England nichts angehen. „Wir würden es nicht dulden, daß andere Völker es uns gegenüber tun würden, und andere Völker würden es nicht von uns dulden."
Landwirtschaftsminister E l l i o t erklärte bei einer Kundgebung der Nationalregierung in Carlisle u. a„ daß England nicht mehr die Stellung einer Großmacht einnehmen könnte, wenn es nicht auch gewillt wäre, die Verantwortung einer Großmacht zu übernehmen. Es bestehe keinerlei Grund zur Panik oder zur Verzweiflung. „Nicht Lumpen und Feiglinge sind es, an die wir daheim und int Aus lande appellieren. Wir entsenden Simon und Eden nach den Hauptstädten Europas, um festzustellen, ob sie als freie Männer mit anderen Nationen freier Männer zu einem dauernden Frieden kommen können."
Der einstige Außenminister und Mitschöpfer des Locarno-Vertrages, Sir Austen Chamberlain, sprach in einer konservativen Versammlung in Birmingham. Seine Rede enthielt lediglich Angriffe auf Deutschland, für desien Standpunkt er offensichtlich auch nicht das geringste Verständnis aufzWringen gewillt ist. England diene dem Frieden am besten, so schlag Chamberlain seine Hetzrede, wenn es klarmache, daßs es einige Dinge nicht ■ dulden könne und ihnen Widerstand entgegensetzen werde. I Je stärker der Frieden bedroht werde, um so enger müßten sich diejenigen Staaten, „die sich für den Frieden einsetzen", 1 zufammenschließen.
Beunruhigung gefunden hat.
Beide Männer sprechen miteinander als Vertreter großer Völker, die die Freiheit lieben, und die Ehre zu schützen gewohnt sind. Das ist ein klarer Standpunkt, das hat nichts mit chauvinistischen Hetzereien zu tun. Wir wissen, daß auf die Haltung Englands viel an- kornrnt. Dieser Tage hat es ein deutscher Journalist treffend so charakterisiert: England kann uns ein halber Freund, aber ein ganzer Feind sein. Wir hoffen, daß die Gespräche zwischen Adolf Hitler und Sir John Simon einen guten Ausgang nehmen; aber wir wissen, daß es auch dann noch genug Schwierigkeiten gibt. Nichts wäre falscher in diesen Tagen, als auf einen englisch-französischen Gegensatz zu bauen. Wir haben in den letzten 15 Jahren lernen müssen, daß alle Hoffnungen auf einen solchen Gegensatz nicht in Erfüllung gingen. Und eine Politik, die auf einen solchen Gegensatz spekuliert, würde erfahren muffen, daß sich eine solche Politik gegen uns selbst kehren würde. Unabhängig von solchen Gedankengängen kann aber festgestellt werden, daß man in England nicht von allem erfreut gewesen ist, was man in Frankreich getan hat. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Die „Times" hat ja mit Recht die Frage aufgeworfen, wie eigentlich die Rückkehr Deutschlands nach Genf ermöglicht werden sollte, wenn jetzt der Völkerbundsrat gezwungen wird, ein Vevdikt über Deutschland auszusprechen. Wir möchten nicht in dem Tonfall antworten, der uns aus der französischen Note entgegenklingt. Hier hören wir die Sprechweise eines Poincarä. Hat nun die Methode Poincaräs den Franzosen etwas genützt, hat diese Methode den Frieden in Europa organisiert? Alle Probleme sind offen geblieben. Wenn wir jetzt darangehen, sie zu lösen und eine neue Friedens- ordnung in Europa aufzurichten, so kann es nur geschehen, in dem Geiste, in dem wir zu verhandeln bereit sind, im Geiste des Friedens und Ser Verständigung.
