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Nr. 80.
83. Jahrgang.
Freitag, 22. März 1935.
Zwischen Noten und Verhandlungen.
Die Proteste Frankreichs und Italiens. — Englands Haltung. — Die entscheidende Frage.
Konferenzpläne.
äs. Berlin, 22. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die angekündigten Noten Frankreichs und Italiens, die gestern in Berlin überreicht wurden, liegen nunmehr im Wortlaut vor. Sie bringen keinerlei neue Momente, sondern enthalten wiederum die schon so ost von uns widerlegten Argumente, die der tatsächlichen Lage nicht Rechnung tragen und die deshalb vom Reichsaustenminister abgelehnt worden sind. Im einzelnen liest sich mancherlei zu den Noten sagen. Aber es hieße bas doch, im wesentlichen hier Dinge wiedergeben, die dem deutschen Leser längst bekannt sind. Im Vergleich ber beiden Noten zeigt sich im übrigen, baß sie sich im Ton stark unterscheiden. Es ist auch ohne weiteres festzustellen, baß bis italienische Not e immerhin den Grundsatz der vollen deutschen Souveränität zum Ausdruck bringt und bas deutsche Recht auf Gleichberechtigung bestätigt, während Frankreich sich auf das Sicherheitssystem versteift, um dieses deutsche Recht abzustreiten. Schließlich wird man aus der italienischen Note auch nicht die zleich starke Neigung wie aus der französischen heraus- -esen können, zur Isolierung Deutschlands zu schreiten durch Abschluß von Garantieverträgen unter Umgehung Deutschlands.
Das aber ist die entscheidende Frage, auf die sich die ganze Entwicklung immer mehr zuspitzt: Soll ein Ko llek t i v s y ste m, das heißt ein gemeinsames System unter Einschluß Deutschlands zur Sicherung des Friedens g e f ch a f f e n oder aber soll ein Block gegen Deutschland errichtet werden. Simon hat das gestern in seiner Unterhausrede ganz klar herausgearbeitet. Der englische Außenminister, der die Haltung Englands als die „weisere" bezeichnet, hat dabei keinen Zweifel daran gelassen, daß das Ziel Englands bas K o l l e k t i v s y st e m ist. Deutschland, dieser große Staat, so etwa hat der englische Außenminister sich ausgedrückt, soll in di« Gemeinschaft der Nationen zurückgeführt werden unter Bedingungen, die gerecht für Deutschland sind und fair und Sicherheit für
alle bieten. „Es gibt nur dies oder aber das andere! Ein erheblich weniger befriedigendes System, ein System ausgewählter und besonderer politischer Kombinationen zur gegenseitigen Unterstützung gegen eine Gefahr in unserer Mitte." Damit ist in der Tat die große Frage gekennzeichnet, vor der Europa steht. Freilich darf man dabei _ nicht übersehen, baß auch zwischen der deutschen und der englischen Auffassung, was auch die gestrige Rede Simons erneut gezeigt hat, große sachliche Unterschiede bestehen. Entscheidend ist aber die englische Grundhaltung, die sich ernstlich bemüht, das Berliner Gespräch so vorzubereiten, baß ein Erfolg nicht von vornherein ausgeschlossen wird.
Welchen Weg schließlich Europa gehen wird, das wird sich erst in einiger Zeit zeigen. Zunächst findet morgen in Paris die Dreierkonferenz statt. Dann folgen die Berliner Gespräche Simons und Edens, daran schließt sich die Ostreise Edens an, bei ber der englische Lordsiegelbewahrer, der nun auch Prag in sein Reiseprogramm ausgenommen hat, sich wohl bemühen dürfte, in Moskau und ebenso auch in Prag beruhigend zu wirken. Auf Grund dieser beiden Reisen wird sich dann die englische Regierung über ihre weitere Politik klar werden müssen. Ob und wann der Völkerbundsrat sich mit der Einführung der deutschen Wehrpflicht beschäftigen wird, ist noch nicht im mindesten zu übersehen. Wir sagten gestern schon, daß die Engländer eine große Abneigung gegen eine solche V ö l k e r b u n d s s i tz u n g haben, und das gleiche gilt auch für die Italiener. Ebenso wenig kann man heute übersehen, ob ber angebliche Vorschlag Simons, .ine von den Franzosen gewünschte erneute Dreierkonferenz, die nach den englischen Reisen stattfinden soll, in eine große Konferenz mit Einschluß Deutschlands umzuwandeln, sich verwirklichen läßt. Konferenzen sind zwecklos, wenn sie nicht ganz gründlich vorbereitet sind. Es will uns darum ganz besonders nach den gestrigen Protesten scheinen, als ob solche Konferenzideen der Entwicklung allzu weit vorauseilten.
Die Legende von Versailles.
Daß Deutschland einseitig den Versailler Vertrag gebrochen habe, hat ber französische Außenminister in seiner Erklärung an den Völkerbund, der französische Ministerpräsident in seiner Rede vor dem Pariser Senat behauptet. Man glaubt von Paris aus mit jener Legende vom deutschen Vertragsbruch wieder einmal Eindruck in der Well zu machen, glaubt offenbar, baß ein groß aufgezogener Propagandaapparat diese Legende wieder nach bemSystem früherer Jahre berWelt- öffentlichkeit glaubhaft machen und sie gegen Deutschland einnehmen könnte. Aber die kritische Einstellung der Welt gegen solche Behauptungen ist doch etwas stärker geworben, als baß die alte Methode noch die gleichen Wirkungen auslösen könnte. Zwei große Pröble m e bewegten die ersten anderthalb Jahrzehnte nach dem Kriege — die Besetzung der Rheinlande und die Reparationen.
Wer durchbrach den Vertrag?
Beide Probleme ließen im Lauf der Entwicklung sehr deutlich erkennen, wie von französischer Seite der einmal abgeschlossene Vertrag behandelt wurde, wie man in Paris die Machtverhältnisse allen Rechtserwägungen voranstellte. Die Besetzung der Rhein lande begann im Dezember 1918. Aber wenn der Versailler Vertrag eine 15jährige Besetzungs- bauer vorsah, so rechnete man bei den Verbündeten als Beginn der Besetzung erst im Januar 1920, den Tag, an dem die erforderliche Zahl von Beteiligten das Versailler Vertragsinstrument in Kraft gesetzt hatte, d. h. man überschritt schon bei ber ersten Terminfestsetzung, die in dem Vertrag selbst vorgesehenen Fristen. Ganz ähnlich war der Verlauf, als die Besetzungsfristen zu Ende gingen. Fünf Jahre nach dem Inkrafttreten am 10. Januar 1925 lief die vertragsmäßige Besetzungsfrist für die erste, die Kölner Zone, ab. Aber die Gegenseite dachte nicht an Räumung, und erst nach wiederholten deutschen Protesten, nach immer neuen deutschen Zugeständnissen, wurde mit mehr als einjähriger Verspätung, am 31. Januar 1926, die Räumung durchgeführt. Auch als Deutschland jenen Erenz- sicherungsvertrag von Locarno abgeschlossen hatte, der feierlich die französischen Grenzen garantierte, und damit eine Besetzung überflüssig machte, war die Folge dieses Zugeständnisses nicht etwa eine Vorverlegung der Räumungsfristen, wie es eigentlich vorausgesetzt worden war, sondern erst durch jahrelange Kämpfe und
Keinerlei Kriegsgefahr für Europa.
Verständnisvolle Äußerungen amerikanischer Politiker Lier die Einführung der deutschen Wehrpflicht.
Rem Park, 22. März. Der Staatssekretär Woodrow Wilson Colby befaßte sich in einer Rede mit der Einführung der deutschen Wehrpflicht und erklärte, daß die dadurch geschaffene Lage nach seiner Ansicht keinerlei Kriegsgefahr für Europa darstelle. Die ehemaligen Alliierten hätten die im Versailler Vertrag übernommenen Verpflichtungen, ihre Rü st ungen herabzusetzen, in keiner Weise streng erfüllt. Er sei der Ansicht, daß in ganz Amerika nur ein Gedanke vorherrsche, nämlich, daß es Pflicht für Amerika sei und in seinem Interesse liege, sich von den europäischen Angelegenheiten fernzuhalten.
Der ehemalige Staatssekretär Kellogg führte in einer Rede zu der gleichen Angelegenheit aus, es bestehe keine Kriegsgefahr in Europa. Die europäischen Nationen seien an der gegenwärtigen Lage nicht völlig frei von Schuld. Im Versailler Vertrag hätten sie sich zur Abrüstung verpflichtet, doch könne er sich nicht entsinnen, daß irgend eine Ration dies getan habe. Es liege eine gewisse Wahrheit in dem Aufruf des Reichskanzlers, daß die anderen Nationen sich bereit erklärt hätten, ihre Rüstungen herabzusetzen, und keine von ihnen dies getan habe.
Trotz Rüstungen eine Friedensaera.
Nach Auffassung des japanischen Botschafters Saito.
New Hort, 21. März. Botschafter Saito hielt auf dem Jahresessen der japanischen Vereinigung von New Park eine Ansprache, in der er erklärte, er sehe trotz der verstärkten Rüstungen der Nationen und des noch ungelösten Weltproblems eine Friedensaera der Großmächte voraus. Er sei durch die häufigen Meldungen über Kriegsgefahren nicht beunruhigt, und er sehe keine große Nation, die den Wunsch oder die Absicht habe, einen Krieg zu entfachen. Die weit verbreitete Erkenntnis der Nutzlosigkeit eines Krieges und die zunehmende Gerechtigkeit bei der Behandlung internationaler Fragen seien Faktoren, die allmählich die Mentalität der Menschen zu Gunsten des Friedens verändern würden. Die Rüstungspsychologie habe sich geändert. Die Rüstungen dienten nur Defensivzwecken, wenigstens vom Standpunkte der betreffenden Nationen aus.
Vorsichtsmaßnahmen der abessinischen Regierung.
Neue Noten des italienischen Gesandten.
London, 22. März. „Daily Telegraph" meldet aus Addis Abeba: Der Kaiser von Abessinien hat allen Provinzgouverneuren befohlen, auf ihre Posten zurückzukehren, um für jeden Notfall bereit zu sein, der sich aus dem Erenzstreit mit Italien ergeben sollte. Eine Mobilmachung ist noch nicht angeordnet worden. Als der Beschluß der abessinischen Regierung, eine neue Berufung an den Völkerbund zu richten, bekannt geworden war, überreichte der italienische Gesandte, Graf Vinci, mehrere Noten, in denen erklärt wird, die Möglichkeit direkter Verhandlungen sei noch nicht erschöpft, doch enthielten die Noten keinen neuen Vorschlag. Abessinien, das den Streitfall wieder in Genf unterbreitet bat, ist jetzt ent- schlossen, nur noch nach den Weisungen des Völkerbundes zu handeln.
Dr. Christofs Bulgariens Gesandter in Berlin.
Er war früher bereits als Presiebeirat in der Reichshauptstadt tätig.
Sofia, 21. März. Nach amtlicher Mitteilung hat die Reichsregierung das von der bulgarischen Regierung nach- zesuchte Aggrement für die Ernennung des jetzigen Eeneral- ekretärs des Außenministeriums Dr. Christofs zum Ee- andten in Berlin erteilt. Der neu ernannte Gesandte, der einen Posten in Kürze antreten wird, war in der Nachkriegs- , eit bereits sieben Jahre als Pressebeirat an der bulgarischen Gesandtschaft in Berlin tätig. Später bekleidete er das Amt des Pressedirektors am Außenministerium. Kurz nach der Machtübernahme durch das autoritäre Regime erfolgte seine Berufung zum Generalsekretär des Außenministeriums.
Fortgang des Arbeitsdienstes
von der Wehrpflicht nicht berührt.
Berlin, 21. März. Von zuständiger Stelle erfahren wir, daß durch die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht der Fortgang des Arbeitsdienstes nicht berührt wird. Die zum 1. April 1935 abgeschlossenen Verpflichtungen zum i Eintritt in den Freiwilligen Arbeitsdienst bleiben da- I her unter allen Umständen gesetzlich bindend. 1
durch den Abschluß des Londoner Neparationsver- trages erreichte man, daß die beiden noch besetzten Zonen im Dezember 1929 und im Juni 1930, einige Jahre vor dem Ablauf der Versailler Fristen geräumt wurden, d. h. zu einem Zeitpunkt, in dem diese Besetzung schon der ganzen Welt als ein völlig überholter Zustand erschien.
Noch schlimmer lief es mit den Reparationen. Das groteske Beispiel dafür ist immer wieder die Ruhrbesetzung von 192 3, die PoincarS vornehmen ließ, weil Deutschland mit Kohlen- und Hölz- lieferungen auf Neparationskonto im Rückstand sei. Fünf kriegsstark ausgerüstete Divisionen rückten damals in das Ruhrgebiet ein. Wenige Tage später erklärten die englischen Kronjuristen, daß der Einbruch ins Ruhrgebiet eine Verletzung des Versailler Vertrages darstelle. Aber erst nach monatelangem Gewaltregiment der französischen Militärs gelang es durch den Abschluß des ersten Londoner Reparationsab- kommens, die Ruhrbesetzung wieder aufheben. Noch mehr aber zeigte sich der französische Widerstand gegen naturgegebene Entwicklungen im weiteren Verlauf. Als die Wirtschaftskrise längst gezeigt hatte, daß das System einseitiger Milliardenzahlungen der ganzen Welt zum Unheil werden mußte, hielt Frankreich immer noch an seinen Forderungen fest. Als der amerikanische Präsident Hoover den großzügigen Vorschlag machte, alle Schuldenzahlungen der Welt auf ein Jahr auszusetzen, scheiterte der gute Zweck dieses Plans daran, daß französische Bedingungen und Bedenken die Annahme des Vorschlags um Wochen hinauszügerten, so die Welt in Unruhe versetzten und den letzten Anstoß dafür gaben, daß Deutschland von den Krediten, die seine Wirtschaft brauchte, entblößt wurde. Erst in Lausanne im Jahre 1932 wurden die Reparationen begraben, nicht durch ein Zugeständnis Frankreichs, sondern durch die glatte Unmöglichkeit, sie noch weiter durchzuführen.
Tragödie der Abrüstung.
Ganz ähnlich ist es ja mit der Abrüstungsfrage gelaufen. Während der ersten 7 Jahre nach Kriegsende kam überhaupt keine Abrüstungsverhandlung zustande. Dann dauerte es durch die Verschleppungsmethoden der französischen militärischen Sachverständigen jahrelang.
