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Nr. 75.

Sonntag, 17. März 1935.

83. Jahrgang.

Die Millionenarmee -er Sowjets.

Der Ausbau der technischen Truppen. — Die Vorzugsstellung der roten Offiziere. Frauen in der Roten Armee.

Gesteigerte Rüstungsausgaben.

as. Berlin, 16. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der Ausbau «der sowjetrussischen Armee hat in der letzten Zeit wiederholt die Weltöffentlichkeit beschäftigt. Die Sowjetrussen haben selbst voller Stolz darauf verwiesen, daß die Rote Armee jetzt 940000 Mann zählt, wobei hinzuzufügen wäre, daß die M a s s e L i e s e r A r m e e an d e r W e st - grenze steht. Nun wird hier und da die Ansicht geäußert, daß die Zahl an sich noch nichts beweise und es wird dann darauf verwiesen, daß inder Technik die Sowjetunion noch einiges aufzu­holen habe. Trotzdem wäre es absolut falsch, die Rote Armee zu unterschätzen, die sich alle technischen Neuerungen dienstbar gemacht hat. Die Sachver­ständigen stimmen beispielsweise darin überein, daß die Rote Armee in der Ausbildung des Gaskampfes vermutlich allen anderen Armeen überlegen ist. Von sehr sachverständiger deutscher Seite wird aber auch nachdrücklich auf die vorzügliche technische Ausstattung der Roten Truppen hingewiesen. So schreibt Hauptmann a. D. von Zeska u. a. in der „Wehrfront" „Ihr besonderes Augenmerk hat die Rote Armee auf den Ausbau der technischen Truppen gerichtet. Die Entwicklung der Panzerkraftwagen hat gewaltige Fortschritte gemacht. Besonders bemerkens­wert ist ein geländegängiger Schwimmpanzerkraft- s wagen. Die Rote Armee verfügt heute über einen Be­stand von etwa 3500 Kampfwagen. Außerdem ist die Sowjetunion nach Erklärungen von sowjetrussischer Seite zur Zeit die stärkste Luftmachtder Welt, eine Macht, die sie noch weiter ausbauen will. Minde­stens 3200 Flugzeuge erster Linie und rund 1100 einsatzbereite Re serveflug zeuge sind vorhanden." Es ist also kein Wunder, wenn die Sachverständigen heute der Ansicht zuneigen, daß die Rote Armee schlagkräftiger ist als die alte zaristische Armee, deren Bestand von rund 1,5 Millionen die Sowjetunion im übrigen bald erreichen dürfte.

Es ist aber auch sehr interessant, wie sich die Sowjet­union ^bemüht, ihren Offizieren eine Vorzugsstellung

zu schaffen. „In höchst augenfälliger Weise", so heißt es hierzu in einem Moskauer Bericht der DAZ, „f o n - dert sich der Stand des aktiven Offiziers aus der grauen Masse der übrigen Be­völkerung ab. Sauber rasiert, mit weißem Kragen unter dem Uniformrock, mit einer eleganten und ge­pflegten, meist auch hübschen Frau am Arm, zeigt sich der rote Kommandeur der Öffentlichkeit. Seine Klubs sind am behaglichsten und manchmal sogar luxuriös eingerichtet, ihm stehen die.schönsten und modernsten Erholungsstätten in der Krim und am Schwarzen Meer zur Verfügung. Der schickste und modernste Modesalon Moskaus ist nur für die Offiziersdamen da. Tanzstunden sind für die Besucher der Kriegsakademie Vorschrift." Die Dinge scheinen vielleicht belanglos, sind aber ein sehr deutlicher Beweis für die Hochschätzung, die nicht nur der Offizier, sondern überhaupt die Rote Armee in der Sowjetunion genießt, wie auch ihren Angehöri­gen alle möglichen Vorrechte in der Lebensmittelbe­lieferung, in der Zuteilung von Wohnranm usw. ein- geräumt werden. Nebenbei fei nur erwähnt, daß die Sowjetpresse erst dieser Tage voller Stolz daraus hin­wies, daß auch Frauen in der Roten Armee Kommando­stellen bekleiden, beispielsweise wird ein rotes Flugge- schwader von einer Frau, Tamara Kasarinowa, kom­mandiert. Außerdem aber werden auch rund 100 000 Frauen bei der Gesellschaft Ossoaviachem, der Gesell­schaft, der die militärische Ausbildung Jugendlicher ob-

' liegt, als „Woroschilowschützen" gezählt.

Auch wenn man diesen letzten Punkt ganz beiseite läßt, so zeigen doch alle aus der Sowjetunion kommen­den Nachrichten, daß Moskau unausgesetzt um eine Stärkung der Roten Armee bemüht ist. Das beweisen u. a. die Aufwendungen für Rüstungs- z w e ck e, die in diesem Jahre sich auf rund 6,5 Milliarden Rubel belaufen, was einer Verdrei­fachung seitdem Jahre 1932 gleichkommt. Die Sowjets sorgen also in jeder Hinsicht für ihre Sicher­heit, die im übrigen niemand bedroht. Kann man es Deutschland verdenken, wenn es das gleiche tut und gegenüber diesen den Frieden bedrohenden Rüstungen Sowjetrußlands für feine eigene Sicherheit sorgt?

Das italienisch-südslawische Berhältms.

Starke Beachtung der Rede des neuen italienischen Gesandten in Belgrad.

Besuch Jeftitschs in Rom?

London, 16. März. (Eig: Drahtmeldung.) Der „Times“« Vertreter in Belgrad nennt die Rede, die der neue italie­nische Gesandte in Belgrad, Graf Campalto, am Freitag bei der Überreichung seines Beglaubigungsschreibens gehal­ten hat, als ein unerwartetes Ereignis. Der Ge­sandte hatte betont, daß Italien nur freundschaft­liche Gefühle für Südslawien hege, und nicht die Absicht habe, die friedliche Entwicklung des Landes und seine territoriale Unverletzlichkeit zu stören. Der Vertreter der „Times" nennt diese Äußerung einen weiteren Fortschritt in den italienisch-südslawischen Beziehungen, der nicht verfehlen könne, eine günstige Rückwirkung auf Mitteleuropa zu haben. Einige politische Kreise erblicken darin die Möglichkeit, daß Revisionsbestrebungen und monarchistische Wiederherstel­lungsbestrebungen in diesem Teil der Welt aufhören würden.

Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Herold" will wißen, daß der südslawische Außenmini st er von Mussolini zu einem Besuch in Rom eingela­den worden sei. Diesen Besuch werde Ieftitsch wahr­scheinlich im Mai machen. Eine Erklärung wie die über die territoriale Unverletzlichkeit Südslawiens würde Mussolini früher nur sehr widerwillig abgegeben haben. 2m Stillen habe Mussolini immer an die Möglichkeit einer Auflösung Südslawiens und an die Errichtung eines unabhängigen Kroatien unter italienischem Schutz gedacht.

Die Ermordung des Königs Alexander, die die Gefahr eines Tändelns mit dem kroatischen Separatismus offen ge­zeigt habe, ferner Mussolinis Österreich-Politik und die Januar-Besprechungen mit Laval hätten die Wandlung in der Haltung Mussolinis zustande gebracht. Mussolini könne sich jetzt auch daraus verlassen, daß keine Einmischungen in irgendwelche Maßnahmen erfolgen würden, die er in Afrika zu ergreifen wünsche.

Eine Moskaureise Lavals.

Erregte Aussprache im Chaco-Ausschutz.

Zum Abschluß der französisch-sowjetrusstschen Verhandlungen.

Paris, 16. März. „Echo de Paris" glaubt melden zu können, daß Laval wahrscheinlich in einigen Monaten nach Moskau reifen werde, — Auch die Außenpolitikerin des „Ouvre" spricht von einer solchen Reise, die in einigen Wochen erfolgen könnte, wobei die französisch-sowjetrussischen Verhandlungen zum Abschluß kommen würden.

Rücktritt der norwegischen Regierung.

Oslo, 15. März. Der norwegische Ministerpräsident Mowinckel, der mit seinem Kabinett zurückgetreten ist, wird am Samstag vom König empfangen werden. Er wird dem König empfehlen, mit dem Führer der Arbeiterpartei, dem Storting-Präsidentcn Rygaardswold wegen der Bildung der neuen Regierung zu verhandeln. Nach dem Besuch Mowinckels beim König wird die Regierung offiziell Ihre» Rücktritt erklären.

Der Bericht des Rcdaktiouskomitees angenommen.

Genf, 15. März. Der CH aco-Ausschuß trat Frei­tagnachmittag in öffentlicher Sitzung zusammen, um über den Bericht zu beraten, den sein Redaktionsausschuß am Vor­mittag ausgearbeitet hatte. Die Vorschläge des Berichtes, darunter der Vorschlag, eine außerordentliche Völkerbunds- Versammlung auf den 20. Mai einzuberufen, entfesselten eine lebhafte Aussprache.

Der Vertreter Boliviens bezeichnete die Vor­schläge in leidenschaftlicher Erregung als einen Rück­schritt. Der Vertreter Argentiniens übte an dieser Haltung Boliviens scharfe Kritik und trat für die Annahme des Berichtes ein. Der Vertreter Sowjetrußlands, Hirsch­feld, behauptete, die vorgeschlagene Entschließung stelle nichts anderes dar, als eine Belohnung Paraguays für seinen Aus­tritt aus dem Völkerbund.

Trotz dieser und weiterer Einwände wurde der vorge­schlagene Bericht mit geringen Änderungen in später Abend­stunde angenommen.

Das Erbe der Gefallenen.

Don Edgar Röhricht,

Major im Reichswehrministerium.

Der Heldengedenktag, den heute das deutsche Volk als nationalen Feiertag begeht, steht nach dem Willen des Führers im Zeichen der Wehrmacht. Die Truppe tritt in allen den Orten, die Garnisonen sind, als die Veranstalterin auf und vereinigt um sich alle Vevölke- rungskreise zu einem feierlichen Gedenken an die Ge­fallenen des Weltkrieges. Vom Staatsakt der Berliner Staatsoper aus erhebt der Reichswehrminister — dieses eine Mal im Jahr — feine Stimme zum ganzen deut­schen Volke.

Dem Herausstellen der Truppe an diesem Tags des Rückerinnerns liegt ein tiefer Sinn zu Grunde. In ihr soll die lebendige Tradition sichtbar werden, die aus der Größe vergangener Tage über unsere heutige Gegenwart hinwegfuhrt in eine Zukunft, an die wir den Glauben wieder gesunden haben. Die Träger mögen wechseln, fallen oder abtreten, Umwelt und Zeit mag ihr Angesicht verändern, die große Idee aber, wenn sie echt und stark war, bleibt. Der Rhythmus einer unge­brochenen Kraft zwingt neue Geschlechter in seinen Bann und Takt. So werden sie zu Erben, nicht im Sinn eines Anspruchs, sondern in dem einer Ver­pflichtung.

Die Wehrmacht feiert heute die Gefallenen des Weltkrieges, die Kameraden, die einst das gleiche Kleid trugen, in ihm kämpften und starben, die Vorbilder, deren Gedenktafeln in ihren Kasernen und Schiffen hängen. Mit ihr ehrt das ganze deutsche Volk seine gefallenen Söhne, Brüder und Väter. Ein ganzes Volk! Welche deutsche Familie gedenkt heute nicht eines An­gehörigen, der einst auszog und nicht wisderkam.

Denn was einst 1914 bei Kriegsbeginn zum Schaden einer damals möglichst raschen Entscheidung des Krieges fehlte, im Verlauf der weiteren Jahre des Völkerringens gewann es langsam Gestalt: das „Volk in Waffen". Als am 11. November 1918 der Schlachten­lärm an den Fronten jä verstummte, erhob es sich aus den Gräben, zum schweren Rückmarsch in die Heimat, von der es. sich verraten fühlte. Ein Volk kehrte heim. Grau stand der Novemberhimmel über Deutschland. Irgendwo im Niemandsland des Vergessens ruhten die Toten, die man zurückgelassen hatte, eine blutige Saat, die nutzlos geopfert schien.

Aber die Gefallenen waren nicht tot. Sie bewiesen — über ihr Sterben hinaus — eine Kraft, die stärker war als das Leben, wie es in Deutschland nach dem Zusammenbruch weitervegetierte. Die Toten wurden zum lebendigen Gewissen der He'imgekehrten. Ihre ständige Mahnung rüttelte an der Müdigkeit der Hoff­nungslosen, sie erfüllte allmählich die Herzen, deren Kämpfertum nicht im Alltag der Sorge, des Daseins­kampfes oder des Verzichtes verloren gegangen war. So wurden die Toten des Weltkrieges immer mehr zum Gewissen einer sich wiederfindenden Nation. Und sie wurden lebendig in einer neu Heranwachsenden Gene­ration, die ihr Sterben zwar nicht erlebt hatte, aber den Sinn ihres Opfers — bewußt oder unbewußt — int Innern ihrer Seele begriff und aus ihm heraus selbst zum Handeln überging. Wenn heute wieder ein ganzes Volk in Ehrfurcht und stolzer Trauer sich vor den Gräbern neigt, so dankt es denen, die draußen blieben, nicht für ein Opfer, das nutzlos dargebracht wurde, sondern für ein Sterben, dessen tiefster Sinn und Zweck sich heute erfüllt hat: Deutschland lebt!

Das wiedergeborene Deutschland lebt, erfüllt von einer inneren Kraft und Geschlossenheit, wie sie das un­erfüllte Sehnen der Besten war, feit über die Grenzen historischer Zweckgebilde hinweg, die nur ein Übergang sein konnten, der Begriff einer geeinten deutschen Nation aufkam. Heute ist das Ziel erreicht: ein Volk — ein Führer.

Die Schwäche und Zerrissenheit der letzten andert­halb Jahrzehnte hat uns den bittersten Anschauungs­unterricht gegeben und die Lehre, daß nur das Volk eine Zukunft hat, das selbst in der Lage und bereit ist, für sein Daseinsrecht bis zur letzten Folgerung einzu- stehen. Deutschland, das zwei Millionen seiner Söhne auf den Schlachtfeldern des Weltkrieges verlor und dem Druck einer würgenden Blockade Leben und Ge­sundheit seiner Frauen und Kinder opfern mußte, ist gegen den Verdacht gefeit, sich sein Schwert schmieden zu wollen zum Eroberungsbegriff über die Grenze. Aber was andere Völker für sich als selbstverständlichstes Recht in Anspruch nehmen, muß auch uns unbestritten sein: Herr zu sein im gesicherten eigenen Raum, in dem ein friedfertiges arbeitssames Volk an den Grundlagen feiner Zukunft baut. Mit Stolz können mir es auch heute am Gedenktag unserer Gefallenen mit den Worten des Führers aussprechen: „Das deutsche Volk hat es nicht nötig, seine Ehre aus den Schlachtfeldern zu rehabili­tieren, dort hat sie uns keiner genommen." Aber