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Nr. 70.

Dienstag, 12. Marz 1935.

83. Jahrgang.

Simons Berliner Besuch In 14 Tagen.

Aussprache im Unterhaus. — Der Mitztrauensantrag der Arbeiterpartei mit großer Mehrheit abgelehnt. — Eine vernünftigere Begründung der Rüstungen.

Keine Sensation.

as. Berlin, 12. März. (Drohst bericht unserer Berliner Abteilung.) Die große Wehrbvbatte im englischen Unterhaus hat keine Überraschung gebracht. Wie nicht anders zu erwarten war, ist der Mitztrauens­antrag der Arbeiterpartei mit sehr großer Mehrheit und zwar mit 424 gegen 79 Stimmen abgelehnt worden. Die Regierung hatte zur Ab­wehr der mannigfachen Angriffe zwei Minister aufge­boten, nämlich Baldwin und Simon, während Macdonald wegen seiner Erkrankung der Debatte fern­bleiben mutzte. Man konnte nicht erwarten, daß die Regierung vor der Opposition kapituliert und die be­rüchtigte Rüstungsdenkschrift zurückziehen würde. So erklärte denn auch gleich Baldwin zu Beginn seiner Rede, das Parlament irre sich, wenn es erwarte, dah er im weißen Armsünderhemdchen erscheine. Aber in den Regierungserklärungen ist doch wenigstens zum Teil das nachgeholt worden, was man im Weißbuch ver­säumt hat. Man gab den englischen Rüstungsmaß- nahmen eine andere Begründung, indem man auf die großen Rüstungen der anderen Staaten hinwies, vor allem auf die Rüstungen So w j et- rußlands, und, gewissermaßen zum Ausgleich, aus die Rüstungen Japans. Von den Riesenrüstungen Frankreichs, von denen schon das Weißbuch nichts wußte, war auch diesmal nicht die Rede, sondern Frankreich wurde nur ganz schüchtern er- wähnt mit einem Hinweis darauf, daß seine Echiffs- baupläne als „eine Antwort" auf die italienischen Neu­bauten hingestellt würden. Deutschland, das eben noch im Weißbuch an erster Stelle marschierte und einzig und allein für die englischen Rüstungen verant­wortlich gemacht wurde, wurde diesmal über­haupt nicht erwähnt. So wird man immerhin den guten Willen anerkennen können, die englischen Rüstungen anders und sinngemäßer zu begründen, als es im Weißbuch geschah.

Im einzelnen wird man naturgemäß an manchen Ausführungen Kritik üben können. Wenn beispiels­weise Herr Bald.win davon spricht, daß einige Länder die bestehenden Verträge zu ändern wünschten und zu diesen Ländern offenbar auch Deutsch­land rechnet und es nun heißt, daß zur Vertrags­

änderung die Zustimmung aller anderen Mächte er­forderlich sei, so mutz matt daraus Hinweisen, daß diese Verträge längst a b g e ä n d e r t worden sind. Das ist auf die einfachste Weise dadurch erfolgt, daß die anderen ihrer Verpflichtung zur Ab­rüstung n i ch t ii a ch g e k o m m e n sind, woraus Deutschland erst sehr spät Folgerungen gezogen hat. Man kann sich also wohl auf den Standpunkt stellen, daß es unnötig ist, sich zur Abänderung zu äußern, da diese Verträge, eben weil sie von der anderen Seite nicht eingehalten wurden, praktisch und rechtlich aufge­hört haben zu bestehen. Auch sonst gibt es Ausführun­gen, die Anlaß geben könnten, sich mit ihnen zu be­fassen, wobei man allerdings auch nicht übersehen darf, daß es sich im Unterhaus um eine innenpolitische Aussprache handelte.

Immerhin wird man aber auch nicht an der Mit­teilung vorübergehen können, Latz die englische Re­gierung weiter zu verhandeln wünscht, und an dem Londoner Kommunique vom 3. Februar festhält. In diesem Sinne hat Baldwin angekündigt, datz der Besuch in Berlin „in etwa 14 Tagen stattfinden" werde. Wir nehmen das mit Befriedigung zur Kenntnis unter der bleibenden Voraussetzung, datz der freundschaftliche Geist, von dem Baldwin sprach, auch praktisch in die Erscheinung tritt, und die Gleichberechtigung Deutschlands weder theore­tisch noch in der Praxis angetastet wird. Daß die Schwierigkeiten, die in diesen Verhandlungen über­wunden werden müssen, nicht eben gering sind, wird man freilich auch nicht verkennen können.

Simon am 25. und 26. März in der

Reichshauptstadt?

Der Aufenthalt Edens in Berlin auf der Durchreise nach Moskau.

London, 12. März. „Times" erwartet nunmehr den Ber­liner Besuch Sir John Simons für den 25. und 26. März. Da Eden ungefähr zur selben Zeit nach Moskau gehen wird, wer­den beide wahrscheinlich bis Berlin zusammenreisen. Es werde für möglich gehalten, daß Eden turze Zeit mit Simon in Berlin bleibe. Die Einzelheiten seien aber noch nicht fest­gelegt.

Eine deutsche Luftwaffe, stark genug, Angriffe jederzeit abzuwehren.

Unterredung des Reichsministers Göring mit Ward Price.

Berlin, 11. März. Der Reichsminist'r der Luftfahrt, General der Flieger Göring, hat am 10. März 1935 den Sonderberichterstatter der „Daily Mail" Herrn Ward Price ein Interview gegeben, in dem er zu der Frage der deutschen Luftwaffe Stellung nimmt.

General Göring erklärte: Im Ausbau unserer natio­nalen Sicherheit mußte, wie wir mehrfach der Welt erklärt haben, auch für die Sicherheit in der Luft Sorge getragen werden. Ich habe mich hierbei auf dasnot- w endig st ebe schränkt.

Die Richtlinie meines Handelns war nicht Schaffung einer die anderen Völker bedrohenden Angriffswaffe, sondern nur die Errichtung einer militärischen Luft­fahrt, stark genug, Angriffe auf Deutschland jederzeitabzuwehren.

Dies geschah bisher in einem allgemeinen Rahmen, inso­weit wir nur allgemein von Fliegern gesprochen haben, ohne «ine scharfe Trennung nach militäriichen Gesichtspunkten durchzuführen. Durch die englische Regierung ist Deutschland u. a. aufgefordert worden, einem Luftpakt beizutreten, einem Pakt, der zum Inhalt hat, gemeinsam gegen einen den Frie­den störenden Angreifer zur Luft vorzugehen, d. h. die eigenen Luftstreilkräfte dem bedrohten Lande -'Sur Verfügung zu stellen. So die Forderung Englands. Deutschland, in dem Bestreben, alles zu tun und überall mitzuwirken, wo der Friede gesichert werden kann, hat in seiner Antwortnote einem solchen effektiven Schutz, wie ihn die Lustkonvention darstellt, zugestimmt. 2n dieser Antwortnote hat Deutschland England in Aussicht gestellt, daß es bereit sein würde, seine Luftstreitkräfte dem bedrohten Lande zu Hilfe zu senden.

Nachdem die deutsche Regierung also die Bereitwilligkeit der Hilfe ausgesprochen hatte, war es notwendig, nun eine klare Trennung innerhalb der deutschen Luftfahrt durchzusühren, nämlich in der Richtung: Welches sind

die Luftstreitkräfte, die zur Verfügung gestellt werden können? Aus dieser Lage heraus wurde die Bestimmung getroffen, wer innerhalb der deutschen Fliegerei künftig zu den Luststreitkräften gehört und wer in Zukunft bei der zivilen Luftfahrt bezw. dem Luftfport zu verbleiben hat. Es war notwendig, auch äußerlich diese Abgrenzung kenntlich zu machen dadurch, daß die Angehörigen der deutschen Luftstreitkräfte Soldaten im Sinne des Ge­setzes wurdeu, ihre Führer also Offiziere. Es handelt sich hierbei aber nur um einen Teil der bisher in der allge­meinen deutschen Luftfahrt tätigen Perfonen. Der Unter­schied zwischen unseren Luststreitkräften und der zivilen Luftfahrt geht deshalb in Zukunft klar und deutlich aus der Verschiedenheit der Rangabzeichen sowie aus der Dienstgradbezeichnung hervor.

Ich fasse zusammen: Unsere Bereitwilligkeit zum effek­tiven Schutz des Weltfriedens, unsere Zusage, den Bedräng­ten zu Hilfe zu eilen, machte die Heraushebung der mili­tärischen Luftfahrt notwendig, wenn unsere Zusage nicht leere Phrase bleiben sollte.

Auf die Frage des Berichterstatters über die Unterstel- lungsverhältnisie in der neuen Luftwaffe, ihre Uniformen und ihre Titel antwortete der General:

Die Luftstreitkräfte stehen unter dem Befehl des Reichs­ministers der Luftfahrt, der außerdem auch di« Kontrolle der zivilen Luftfahrt hat. Sein militärischer Titel ist „General der Flieger". — Die Uniform bleibt der des Deutschen Luftsportverbandes ähnlich, wird jedoch durch klare militärische Rangabzeichen äußerlich kenntlich ge­macht. Auch die Titel entsprechen den militärischen Dienstgradbezeichnungen vom Leutnant aufwärts bis zum General der Flieger.

Auf die Frage nach der Ernennung von deutschen Luft­fahrtattaches bei den deutschen Auslandsmisstonen er­widerte General Göring, daß dafür die Vorbereitungen noch schweben. Auch über die zahlenmäßige Stärke der Luststreit- kräfte erklärte er abschließend eZahlen noch nicht nennen zu können. Was ihr prozentuales Verhältnis

Kampf um die Märkte.

Frankreich tauscht Bau,nuvolle gegen Käse unb Kohle gegen Wein. Die Türkei tauscht Früchte gegen deutsches Elektromaterial, Tabak und Rosinen gegen estländische Telephonapparate und Baumwollgewebe. Zu Dutzen­den kann man die Meldungen über solche etwas romantisch klingenden Tauschgeschäfte jetzt in den Wirt­schaftszeitungen aller Länder lesen, und geht man diese Listen durch, so bestätigt sich wieder einmal, daß Wirt­schaft eigentlich nicht eine so trockene Angelegenheit ist, wie stets behauptet wird, sondern datz es der Phantasie reichlichen Spielraum gibt. Baumwolle gegen Käse oder Sesam-Öl gegen Telephone, oder persischer (von jetzt an richtiger iranischer) Reis gegen schwedische Eisen­bahnwagen — das alles klingt viel romantischer, als der Handel, der nur mit trockenen Zahlen, mit dem Austausch von Geldsorte zu Geldsorte arbeitet. Frei­lich — diese Romantik ist entstanden unter dem Druck der Not, unter dem Druck der Tatsache, datz das Durch­einander der Währungen, datz das Durcheinander der internationalen Schulden die Anwen­dung des einfachsten aller Tauschmittel, des Geldes, nicht mehr gestattete, und datz man auf einfachere Formen zurückgreifen mutzte, nachdem der hochent­wickelte internationale Handel versagt hatte. Hinter diesen romantischen Tauschgeschäften aber verbirgt sich eine wirkliche Not der beteiligten Völker, die dafür sorgen müssen, daß ihre Waren Absatz finden, und die deshalb nach neuen (im Grund genommen, uralten) Mitteln suchen.

Minus und Plus.

Auch Deutschland hat ja diesen Weg der Aus­tauschgeschäfte, oder wie es in der Fachpresse heißt, der Kompensationsgeschäfte, seit langem be­schritten, weil es durch seine besondere, aus der Nach­kriegszeit herrührende Verschuldung, weil es durch die Zollschranken des Auslandes genötigt war, nur dort zu kaufen, wo man deutsche Waren kauft. Aber Deutsch­land ist dabei insofern in einer nicht einfachen Lage, als es in erheblichem Umfang Rohstoffe aus dem Aus­land hereinnehmen mutz, um seine Fabriken mit der Veredelungsarbeit, mit der Herstellungsarbeit von Fertigwaren beschäftigen zu können. Nun hat sich, nachdem die neue Form des Tauschhandels seit einigen Monaten läuft, ergeben, daß bei der Möglichkeit des Hin- und Hertausches einzelne Warengruppen bevor­zugt sind, andere mehr in den Hintergrund treten. Das Ergebnis der Erhebungen über den bisherigen Verlauf des Warentausches ist es, daß zur Zeit auf dem Weg des Tauschhandels etwa 26 Prozent, das heißt nur etwa ein Viertel der ausländischen Waren, nach Deutschland hereingenommen werden können, die die deutsche Wirtschaft braucht, und nur etwa 45 Prozent, das heißt nicht ganz die Hälfte der erforderlichen aus­ländischen Rohstoffe. So hat sich denn auch ergeben, daß im Jahre 1934, das ja den Beginn des eigentlichen Tauschhandels brachte, die deutsche Wirtschaft in ihrem Verkehr mit dem Ausland ein ganz erhebliches Minus aufzuweisen hat. Der deutsche Handel mit dem Aus­land schloß damit, daß Deutschland 284 Millionen RM. zuschießen mutzte, das heiht, für eine Viertelmilliarde mehr Waren vom Ausland kaufte, als es im Ausland verkaufen konnte. Nur durch eine Erhöhung der deut­schen Auslandsverschuldung, nur dadurch, datz man aus den nicht sehr grotzen deutschen Vorräten an deutschen Zahlungsmitteln zuschotz, nur dadurch, datz man die Zinsen-Auszahlungen für deutsche Schulden an das Ausland auf einen Mindestbetrag herabsetzte, war ein Ausgleich dieses Fehlbetrages im deutschen Handel mit der Welt zu erreichen. Das sind Mittel, die provi­sorisch helfen können und geholfen haben, die aber eben nur als ein Provisorium gelten. Das Minus des deut-

zu den Luststreitkräften der anderen Mächte anbelangt, so müßte jeder klar und anständig denkende Mensch einsehen, daß das besonders bedrohte Deutschland hier die Zahlen be­anspruchen muffe, die die absolute Sicherheit des deutschen Volkes gewährleisten können.

Auf die Frage nach der Rolle der Luftwaffe innerhalb der gesamten Wehrmacht erklärte General Göring im heutigen Zeitpunkt eine klare Abschätzung der Lage noch für unmög­lich. Fest steht jedoch, daß die Luftwaffe ein integrierender Bestandteil jeder Sicherhcht sein müße und ohne Luftwaffe auch Armee und Marine, mögen sie noch so stark sein, ohne Nutzen seien.

Der Berichterstatter fragte zum Schluß, ob die deutsche Luftwaffe imstande sein werde, Angriffe aus Deutschland ab­zuwehren. Hieraus erwiderte General Göring wörtlich:

„Bon dem Gefühl, das Vaterland bis zum letzten Einsatz zu verteidigen, ist die deutsche Luftwaffe ebenjo leiden­schaftlich durchdrungen, wie sie andererseits überzeugt ist, daß sie niemals dafür eingesetzt werden wird, den Frie­

den anderer Böller zu bedrohen."