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VikMener Sagblatt

7 Ausgaben

Wöchentlich

B. Schellenberglch« Hofbuchdrsckerei, „Zagblatt < 50ns“.

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Nr. 69

Montag, 11. März 1935

83. Jahrgang.

Simons Besuch noch vor Ende des Monats?

Fernsprecher-Sammel-Nr. 59631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.

Geschäftszeit: 8 Uhr morgen® bis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.

Eine neue Rüstungswelle.

Material zur heutigen llnterhausdebatte. — Manöver wie noch nie in Frankreich. Was der belgische Äriegsminister sagt.

Anzeigenpreise: Ein Millimeter Höhe der 22 Millimeter breiten Spalte im Anzeigenteil Grund- prets 6 Rpf., der 85 Millimeter breiten Spalte im Zeitteil 45 Rpf., sonst laut Tarif Sir. 3, Nachlaßstaffel C. — Für die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen. — Schluß der Anzeigen-Annahme 10 Uhr vormittags. Größere Anzeigen müssen spätestens einen Tag vor dem Erscheinungstage aufgegeben werden.

Ministerpräsident MacLonald wird, wie halb­amtlich mitgeteilt wird, wegen seiner Erkäl­tung nicht.der Aussprache beiwohnen können. Er mutzte am Sonntag das Bett hüten.

Baldwin, der heute zwar das Wort ergreifen wird, hat an den Kandidaten der nationalen Regierung bei der Nachwahl in Norwood ein Schreiben gerichtet, das bereits eine kurze Erklärung zur politischen Lage darstellt. Er sagt darin unter anderem: „Wir ver­trauen darauf, datz die Besprechungen mit den anderen Nationen, in die wir jetzt eintreten, den Weg zu einem wirklichen Fortschritt in der Festigung des internationa­len Friedens und der Sicherheit ebnen, wobei der Vorschlag für ein Luftabkommen, wie wir hoffen, eine wichtige Rolle spielen wird. "

Die Regierungseinpeitscher im Unterhaus sind zur regsten Tätigkeit veranlaßt worden, um eine über­wältigende Stimmenmehrheit für die Regierung sicher­zustellen. Die Opposition trifft ebenfalls weitgehende Vorbereitungen.

„Daily Telegraph" zufolge werden am Montagnach­mittag Massenabordnungen verschiedener englischer Or­ganisationen, wie z. B. des Völkerbundsvereins, der Sozialistischen Liga usw. vor .dem Unterhaus auf- marschieren. 30 Organisationen werden am kommenden Freitag eine M a s s e n p r o t e st k u n d g e b u n g gegen die Aufrüstung in einer der großen Londoner Hallen veranstalten.

Bejag^reife: Für eine Bezugszeit von 2 Wochen 94 Rpf., für einen Monat RM. 2.—, ein- schließlich Traglohn. Durch die Post bezogen RM. 2.35, zuzüglich 42 Rpf. Bestellgeld, Einzel- nummern 10 Rpf. — Bezugsbestellungen nehmen an: her Verlag, die Ausgabestellen, die Träger und alle Postanstalten. — In Fällen höherer Gewalt ober Betriebsstörungen haben die Bezieher kernen Anspruch auf Lieferung des Blattes ober auf Rückzahlung des Bezugspreises.

Polen und der Ostpakt.

Warschau, 11. März. „Expreß Poranny" schreibt: Die Stellungnahme Estlands und Lettlands in derFragedesO st Paktes ist bekannt, da sie wiederholt amtlich dargelegt wurde. Diese Erklärungen bestätigen, daß die baltischen Staaten grundsätzlich den Gedanken einer Festigung der Sicherheit in Osteuropa günstig gegenüber- stehen, daß sie sich aber gleichzeitig für die Zukunft das Recht und die Möglichkeit vorbehalten, sich nochmals zu dieser Frage auszusprechen, um die ihnen genehme Haltung einzu­nehmen. Es ist klar, daß sie sich hierzu noch nicht endgültig aussprechen konnten, denn esgibtjabishernochgar- f einen festumrissenen amtlichen Ostpakt - plan. Die von der polnischen Telegraphenagentur ver­öffentlichten Nachrichten aus Paris bestätigen diese Sachlage. Nach einer halbamtlichen aus Paris kommenden Meldung hätten indessen die Gesandten Estlands, Litauens und Lett­lands im französischen Außenministerium die Bedeutung her­vorgehoben, die ihre Regierungen der Verwirklichung eines Regionalpaktes gegenseitigen Beistandes in Nordost-Europa beimäßen. Wie aus Informationen der polnischen Tele- graphenagentur und anderen in Warschau vorliegenden In­formationen hervorgeht, ist diese halbamtliche fran­zösische Mitteilung unrichtig und tendenziös. Die Verbreitung derartiger falscher Meldungen führt zu keinem Ergebnis und kann niemanden irreführen, ausgenommen vielleicht ihre Urheber, denn es ist augenscheinlich, daß der nebelhafte Ostpaktplan die Sicherheitsgarantie vollständig falsch aufsaßt, da er die baltischen Staaten in die Einfluß­sphäre der Sowjetunion drängen würde. Diese Handlungs­weise Frankreichs bedarf keines Kommentars.

Reuter über die Aussprache zwischen dem Reichsautzenminister und dem englischen

Botschafter.

London, 10. März. Wie Reuter erfährt, hat der deut­sche Außenminister den britischen Botschaf- t e r empfangen und ihm mitgeteilt, daß Reichskanzler Hitler vierzehn Tage in Bayern verbringen werde, um sich von seiner Erkältung zu erholen. Man hofft jedoch, daß der Besuch Simons in Berlin noch vor Ende des Monats stattfinden kann.

„Merkliche Verbesserung der internationalen Atmosphäre".

London, 10. März, Die Unterredung zwischen Reichs- außenminister von Neurath und dem englischen Botschafter am Samstag hat nach Ansicht der englikchen Sonntagspreffe eine merkliche Verbesserungder internatio­nalen Atmosphäre gebracht. Die Blätter drücken

überall wird gerüstet.

as- Berlin, 11. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Das berüchtigte Weißbuch, das die neuen Rüstungsmaßnahmen Englands, über die heute die Aussprache im Unterhaus beginnt, begründen soll, ver­sucht die Dinge bekanntlich so darzustellen, als ob eigentlich nur Deutschland „aufrüste". Es ist deshalb zweckmäßig, an Hand der neuesten Nachrichten einmal zu z e i g e n, w i e h o ch die neue Rüstungs - welle in Europa tatsächlich bereits an- ge stieg en ist. Man weiß, daß in Frankreich sehr lebhaft für die Einführung der zweijährigen Dienstzeit und für die Schaffung eines Berufsheeres als „Stoß­armee" Propaganda gemacht wird. Es haben aber die großen Manöverpläne der französischen Heeresleitung bisher verhältnismäßig wenig Beachtung gefunden. Dabei dürften die Manöver dieses Jahres die größten werden, die seit dem großen Kriege in Frankreich stattgefunden haben. Achzig Regi­menter sollen daran teilnehmen und drei motorisierte Divisionen sollen gründlich aus­probiert und das Experiment der Mobilisierung von Reserven wird wiederholt werden. Außer­dem wird aber auch durch Einberufung von Reserven eine Division auf volle Kriegsstärke gebracht. Offen­bar will die französische Heeresleitung, die von der vorigjährigen Mobilisierung einer Reservedivision nicht ganz befriedigt war, feststellen, welches die bessere und günstigere Art der Mobilisierung ist, ob es besser ist, Reservedivisionen aufzustellen oder aktive Truppen­teile durch die Einberufung von Reserven auf Kriegs­stärke zu bringen.

_ Über die belgischen Rüstungsmaßnahmen hat sich erst dieser Tage der belgische Kriegsminister im Rundfunk recht befriedigt geäußert. Er hat festgestellt, daß der Plan zur Neuordnung des Heeres Lurchgeführt ist, daß der Befestigungsbau sehr gute Fortschritte mache und daß gegenwärtig in ganz Belgien Munitionslager angelegt werden. Die Armee sei verstärkt worden und werde noch weiter verstärkt.

Von Italien braucht in diesem Zusammenhang kaum gesprochen zu werden, nachdem Rom zwei Divi­sionen mobilisiert und für diese Divisionen schleunigst Ersatzdivisionen aufgestellt hat. Außerdem hat ja Mussolini nachdrücklich auf die militärische Kraft Italiens hingewiesen, das sieben Lis acht Millionen Mann zu den Waffen rufen könne. Daß man also hier sehr tätig ist, ergibt sich ohne weiteres. Das gleiche gilt für S o w j e t r u ß l a n d, über Lessen außerordentlich umfangreiche Rüstungen, die keines­wegs etwa nur dem Fernen Osten gelten, von russischer Stelle sehr beachtenswerte Mitteilungen unlängst ge­macht worden sind. Es sei nur hinzugefügt, daß ein englisches Militärblatt auf Grund eingehender Untersuchungen mit Nachdruck der Ansicht entgegentritt, als habe sich die Unvollkommenheit der zaristischen Armee auf die sowjetrussische Armee vererbt, sodaß diese trotz ihrer Größe im europäischen Kräftespiel nicht ernst genommen zu werden brauche Diese Ansicht, so sagt das englische Fachblatt, sei völlig falsch. Die Rote Armee müsse heute als ein sehr gewichtiger Faktor sowohl im Westen als im Osten gewertet werden. So wenig man auch von der Tschechoslowakei hört, so muß man Loch darauf verweisen, daß man dort die Dienstverlängerung beschlossen hat und daß man Mittel für das Heer, aber auch für den Bau von Be­festigungen und strategischen Straßen bereitgestellt hat. Das Bild ist also überall das gleiche. S e l b st die kleineren Länder können sich diesem Druck nicht entziehen. Die Schweiz sieht sich ge­nötigt, die Ausbildungszeit ihrer Miliz zu verlängern und die Befestigungen auszubauen. Spanien schafft neue Kriegsanlagen auf den Balearen. Portugal holt Kostenanschläge für den Bau von acht neuen Kriegsschiffen ein usw. Der Überblick ist keineswegs vollständig, aber er zeigt mit großer Deutlichkeit, wie überall in Europa gerüstet wird.

Unterhaus-Aussprache ohne Macdonald.

London, 11. März. Zn Erwartung der großen Rüstungsaussprache im Unterhaus ist die ganze eng­lische Presse am Montag sehr zurückhaltend in der Beurteilung der politischen Lage. Die Mehrzahl der Blätter, mit Ausnahme der „Times", begnügt sich mit der Behandlung des Unterhausprogramms am heutigen Nachmittag.

i England hat das Wort.

Die Mitteilung, nach der der Führer und Reichs­kanzler einen zweiwöchigen Erholungsurlaub in den bayerischen Bergen verbringen wird, nach dessen Ablauf mit einem Empfang des englischen Außenministers in Berlin zu rechnen ist, schafft zunächst jede erwünschte Klarheit über die weitere diplomatische Behandlung der deutsch-englischen Gespräche. Die dazu veröffent­lichten beiden Mitteilungen weisen trotz ihrer lakoni­schen Kürze dreierlei auf: erstens konnte sich die Reichs­regierung bei ihrer Entscheidung über die Verfolgung des Londoner, Zwischenfalls aus gutem Grunde einige Tage Zeit lassen. Es bestand gegenüber den schuldbe-. wußten englischen Bemühungen keinerlei Anlaß zur Eile, geschweige denn zur Überstürzung, zweitens wider­legen die Mitteilungen, jenen „vertraulichen" Klatsch in gewissen ausländischen Kreisen, der von einer „diplo­matischen Krankheit" des Führers schwatzte. Derlei künstliche Mitteilungen mag man anderswo nötig haben. Man hätte sich jedenfalls, angesichts des über­aus peinlichen Widerhalls des englischen Weißbuches in derWelt und nicht zuletzt inEnglandselbst nicht gewundert, wenn die scharfe Verurteilung dieses verhängnisvollen Schriftstückes zu einer „diplomatischen Krankheit" der Urheber geführt hätte. Und drittens scheinen selbst die Maßgeblichen Kreise in London allmählich doch einge­sehen zu'haben, wieviel Porzellan man mit dem un­glückseligen Weißbuch zerschlagen hat. Schon am Tage nach der Veröffentlichung ließ sich Sir John Simon in Berlin angelegentlich nach dem Befinden des Herrn Reichskanzlers erkundigen und gleichzeitig versicherte er in London, er stehe in dauernder Verbindung mit Berlin. Seitdem hat sich der englische Botschafter wiederholt auf den Weg zum Reichsaußenminister machen müssen, um aus der von England so gründlich verfahrenen Lage noch zu retten, was zu retten war. — Keine erhebende Situation für den diplomatischen Ver- 1 tretet eines Weltreiches. Diese lebhaften Bemühungen hatte die englische Regierung allerdings auch sehr nötig

Die überaus peinliche Weißbuchaffäre ist -denn auck mit den Mitteilungen selbstverständlich in keiner Weist aus der Welt geschafft oder auch nur gemildert. Ma­in dieser Richtung zu tun ist, das wird an dem eng­lischen Außenminister selbst liegen, wenn er gegen Monatsende nach Berlin kommt. Er dürfte sich in­zwischen darüber klar geworden sein, daß es nicht eben wenig ist, was er und seine Regierung in Berlin aus­zugleichen haben werden. Falls er sich darüber immer noch Illusionen gemacht haben sollte, dann dürfte ihm das Interview des Herrn v. R r6 bentrop mit dem Sonderberichterstatter der „Daily Mail" die letzten Auf­schlüsse verschafft haben. Man weiß nun in London von der „bitteren Enttäuschung" Deutschlands, man hat sich noch einmal an den ständigen Bruch der Abrüstungs- Verpflichtung trotz Deutschlands Vorleistung erinnern und sich die Fadenscheinigkeit aller „Argumente" des Weißbuches bescheinigen lassen müssen und findet sich nun vor aller Welt als Wortführer des Versailler Geistes mit unwiderleglicher Anklage belastet.

Aber die Erklärungen v. Ribbentrops haben auch in ihrem letzten Teil noch einmal die entscheiden­den Vorbedingungen für Verhandlungen mit Deutschland aller Art mit besonderer Betonung heraus- gestellt, datz Deutschland nur als freier und gleichberechtigter Staat zu verhandeln wünscht. Sir John Simon gilt als Mann von nüch­ternem Wirklichkeitssinn. Er wird in Berlin Gelegen­heit haben, ihn in einer Lage zu beweisen, die für Eng­land alles andere als leicht ist.

ihre Zufriedenheit darüber aus, datz die anfgeschobene Reife Simons nunmehr voraussichtlich noch im Laufe dieses Monats nachgeholt werde.

Gleichzeitig wird berichtet, der sowjetrussische Botschafter habe am Samstag Sir Robert Vansittard gegenüber durchblicken lassen, datz man es in Moskau begrätzen würde, wenn Eden seine Reise nach Moskau so bald wie möglich antreten würde. Moskau hoffe sogar, so schreibt der diplomatische Mitarbeiter der „Sunday Times", datz der Besuch Edens schon Mitte nächster Woche stattfinde. Sn politischen Kreisen werde von der Mög­lichkeit gesprochen, datz die Berliner und die Mos­kauer Reise etwa zur gleichen Zeit stattfinden würde.

Der diplomatische Mitarbeiter des „Observer" betont je­doch, man habe in London gehofft, datz Simon nach Berlin fahren könne, bevor Eden die räte-russische und die polnische Hauptstadt besuche, denn Deutschland sei die einzige euro­päische Erotzmacht, deren Einbeziehung in das neue Sicher­heitssystem bisher noch zweifelhaft fei. Es fei daher Haupt-