VikMener Sagblatt
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Nr. 69
Montag, 11. März 1935
83. Jahrgang.
Simons Besuch noch vor Ende des Monats?
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Eine neue Rüstungswelle.
Material zur heutigen llnterhausdebatte. — Manöver wie noch nie in Frankreich. Was der belgische Äriegsminister sagt.
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Ministerpräsident MacLonald wird, wie halbamtlich mitgeteilt wird, wegen seiner Erkältung nicht.der Aussprache beiwohnen können. Er mutzte am Sonntag das Bett hüten.
Baldwin, der heute zwar das Wort ergreifen wird, hat an den Kandidaten der nationalen Regierung bei der Nachwahl in Norwood ein Schreiben gerichtet, das bereits eine kurze Erklärung zur politischen Lage darstellt. Er sagt darin unter anderem: „Wir vertrauen darauf, datz die Besprechungen mit den anderen Nationen, in die wir jetzt eintreten, den Weg zu einem wirklichen Fortschritt in der Festigung des internationalen Friedens und der Sicherheit ebnen, wobei der Vorschlag für ein Luftabkommen, wie wir hoffen, eine wichtige Rolle spielen wird. "
Die Regierungseinpeitscher im Unterhaus sind zur regsten Tätigkeit veranlaßt worden, um eine überwältigende Stimmenmehrheit für die Regierung sicherzustellen. Die Opposition trifft ebenfalls weitgehende Vorbereitungen.
„Daily Telegraph" zufolge werden am Montagnachmittag Massenabordnungen verschiedener englischer Organisationen, wie z. B. des Völkerbundsvereins, der Sozialistischen Liga usw. vor .dem Unterhaus auf- marschieren. 30 Organisationen werden am kommenden Freitag eine M a s s e n p r o t e st k u n d g e b u n g gegen die Aufrüstung in einer der großen Londoner Hallen veranstalten.
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Polen und der Ostpakt.
Warschau, 11. März. „Expreß Poranny" schreibt: Die Stellungnahme Estlands und Lettlands in derFragedesO st Paktes ist bekannt, da sie wiederholt amtlich dargelegt wurde. Diese Erklärungen bestätigen, daß die baltischen Staaten grundsätzlich den Gedanken einer Festigung der Sicherheit in Osteuropa günstig gegenüber- stehen, daß sie sich aber gleichzeitig für die Zukunft das Recht und die Möglichkeit vorbehalten, sich nochmals zu dieser Frage auszusprechen, um die ihnen genehme Haltung einzunehmen. Es ist klar, daß sie sich hierzu noch nicht endgültig aussprechen konnten, denn esgibtjabishernochgar- f einen festumrissenen amtlichen Ostpakt - plan. Die von der polnischen Telegraphenagentur veröffentlichten Nachrichten aus Paris bestätigen diese Sachlage. Nach einer halbamtlichen aus Paris kommenden Meldung hätten indessen die Gesandten Estlands, Litauens und Lettlands im französischen Außenministerium die Bedeutung hervorgehoben, die ihre Regierungen der Verwirklichung eines Regionalpaktes gegenseitigen Beistandes in Nordost-Europa beimäßen. Wie aus Informationen der polnischen Tele- graphenagentur und anderen in Warschau vorliegenden Informationen hervorgeht, ist diese halbamtliche französische Mitteilung unrichtig und tendenziös. Die Verbreitung derartiger falscher Meldungen führt zu keinem Ergebnis und kann niemanden irreführen, ausgenommen vielleicht ihre Urheber, denn es ist augenscheinlich, daß der nebelhafte Ostpaktplan die Sicherheitsgarantie vollständig falsch aufsaßt, da er die baltischen Staaten in die Einflußsphäre der Sowjetunion drängen würde. Diese Handlungsweise Frankreichs bedarf keines Kommentars.
Reuter über die Aussprache zwischen dem Reichsautzenminister und dem englischen
Botschafter.
London, 10. März. Wie Reuter erfährt, hat der deutsche Außenminister den britischen Botschaf- t e r empfangen und ihm mitgeteilt, daß Reichskanzler Hitler vierzehn Tage in Bayern verbringen werde, um sich von seiner Erkältung zu erholen. Man hofft jedoch, daß der Besuch Simons in Berlin noch vor Ende des Monats stattfinden kann.
„Merkliche Verbesserung der internationalen Atmosphäre".
London, 10. März, Die Unterredung zwischen Reichs- außenminister von Neurath und dem englischen Botschafter am Samstag hat nach Ansicht der englikchen Sonntagspreffe eine merkliche Verbesserungder internationalen Atmosphäre gebracht. Die Blätter drücken
überall wird gerüstet.
as- Berlin, 11. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Das berüchtigte Weißbuch, das die neuen Rüstungsmaßnahmen Englands, über die heute die Aussprache im Unterhaus beginnt, begründen soll, versucht die Dinge bekanntlich so darzustellen, als ob eigentlich nur Deutschland „aufrüste". Es ist deshalb zweckmäßig, an Hand der neuesten Nachrichten einmal zu z e i g e n, w i e h o ch die neue Rüstungs - welle in Europa tatsächlich bereits an- ge stieg en ist. Man weiß, daß in Frankreich sehr lebhaft für die Einführung der zweijährigen Dienstzeit und für die Schaffung eines Berufsheeres als „Stoßarmee" Propaganda gemacht wird. Es haben aber die großen Manöverpläne der französischen Heeresleitung bisher verhältnismäßig wenig Beachtung gefunden. Dabei dürften die Manöver dieses Jahres die größten werden, die seit dem großen Kriege in Frankreich stattgefunden haben. Achzig Regimenter sollen daran teilnehmen und drei motorisierte Divisionen sollen gründlich ausprobiert und das Experiment der Mobilisierung von Reserven wird wiederholt werden. Außerdem wird aber auch durch Einberufung von Reserven eine Division auf volle Kriegsstärke gebracht. Offenbar will die französische Heeresleitung, die von der vorigjährigen Mobilisierung einer Reservedivision nicht ganz befriedigt war, feststellen, welches die bessere und günstigere Art der Mobilisierung ist, ob es besser ist, Reservedivisionen aufzustellen oder aktive Truppenteile durch die Einberufung von Reserven auf Kriegsstärke zu bringen.
_ Über die belgischen Rüstungsmaßnahmen hat sich erst dieser Tage der belgische Kriegsminister im Rundfunk recht befriedigt geäußert. Er hat festgestellt, daß der Plan zur Neuordnung des Heeres Lurchgeführt ist, daß der Befestigungsbau sehr gute Fortschritte mache und daß gegenwärtig in ganz Belgien Munitionslager angelegt werden. Die Armee sei verstärkt worden und werde noch weiter verstärkt.
Von Italien braucht in diesem Zusammenhang kaum gesprochen zu werden, nachdem Rom zwei Divisionen mobilisiert und für diese Divisionen schleunigst Ersatzdivisionen aufgestellt hat. Außerdem hat ja Mussolini nachdrücklich auf die militärische Kraft Italiens hingewiesen, das sieben Lis acht Millionen Mann zu den Waffen rufen könne. Daß man also hier sehr tätig ist, ergibt sich ohne weiteres. Das gleiche gilt für S o w j e t r u ß l a n d, über Lessen außerordentlich umfangreiche Rüstungen, die keineswegs etwa nur dem Fernen Osten gelten, von russischer Stelle sehr beachtenswerte Mitteilungen unlängst gemacht worden sind. Es sei nur hinzugefügt, daß ein englisches Militärblatt auf Grund eingehender Untersuchungen mit Nachdruck der Ansicht entgegentritt, als habe sich die Unvollkommenheit der zaristischen Armee auf die sowjetrussische Armee vererbt, sodaß diese trotz ihrer Größe im europäischen Kräftespiel nicht ernst genommen zu werden brauche Diese Ansicht, so sagt das englische Fachblatt, sei völlig falsch. Die Rote Armee müsse heute als ein sehr gewichtiger Faktor sowohl im Westen als im Osten gewertet werden. So wenig man auch von der Tschechoslowakei hört, so muß man Loch darauf verweisen, daß man dort die Dienstverlängerung beschlossen hat und daß man Mittel für das Heer, aber auch für den Bau von Befestigungen und strategischen Straßen bereitgestellt hat. Das Bild ist also überall das gleiche. S e l b st die kleineren Länder können sich diesem Druck nicht entziehen. Die Schweiz sieht sich genötigt, die Ausbildungszeit ihrer Miliz zu verlängern und die Befestigungen auszubauen. Spanien schafft neue Kriegsanlagen auf den Balearen. Portugal holt Kostenanschläge für den Bau von acht neuen Kriegsschiffen ein usw. Der Überblick ist keineswegs vollständig, aber er zeigt mit großer Deutlichkeit, wie überall in Europa gerüstet wird.
Unterhaus-Aussprache ohne Macdonald.
London, 11. März. Zn Erwartung der großen Rüstungsaussprache im Unterhaus ist die ganze englische Presse am Montag sehr zurückhaltend in der Beurteilung der politischen Lage. Die Mehrzahl der Blätter, mit Ausnahme der „Times", begnügt sich mit der Behandlung des Unterhausprogramms am heutigen Nachmittag.
i England hat das Wort.
Die Mitteilung, nach der der Führer und Reichskanzler einen zweiwöchigen Erholungsurlaub in den bayerischen Bergen verbringen wird, nach dessen Ablauf mit einem Empfang des englischen Außenministers in Berlin zu rechnen ist, schafft zunächst jede erwünschte Klarheit über die weitere diplomatische Behandlung der deutsch-englischen Gespräche. Die dazu veröffentlichten beiden Mitteilungen weisen trotz ihrer lakonischen Kürze dreierlei auf: erstens konnte sich die Reichsregierung bei ihrer Entscheidung über die Verfolgung des Londoner, Zwischenfalls aus gutem Grunde einige Tage Zeit lassen. Es bestand gegenüber den schuldbe-. wußten englischen Bemühungen keinerlei Anlaß zur Eile, geschweige denn zur Überstürzung, zweitens widerlegen die Mitteilungen, jenen „vertraulichen" Klatsch in gewissen ausländischen Kreisen, der von einer „diplomatischen Krankheit" des Führers schwatzte. Derlei künstliche Mitteilungen mag man anderswo nötig haben. Man hätte sich jedenfalls, angesichts des überaus peinlichen Widerhalls des englischen Weißbuches in derWelt und nicht zuletzt inEnglandselbst nicht gewundert, wenn die scharfe Verurteilung dieses verhängnisvollen Schriftstückes zu einer „diplomatischen Krankheit" der Urheber geführt hätte. Und drittens scheinen selbst die Maßgeblichen Kreise in London allmählich doch eingesehen zu'haben, wieviel Porzellan man mit dem unglückseligen Weißbuch zerschlagen hat. Schon am Tage nach der Veröffentlichung ließ sich Sir John Simon in Berlin angelegentlich nach dem Befinden des Herrn Reichskanzlers erkundigen und gleichzeitig versicherte er in London, er stehe in dauernder Verbindung mit Berlin. Seitdem hat sich der englische Botschafter wiederholt auf den Weg zum Reichsaußenminister machen müssen, um aus der von England so gründlich verfahrenen Lage noch zu retten, was zu retten war. — Keine erhebende Situation für den diplomatischen Ver- 1 tretet eines Weltreiches. Diese lebhaften Bemühungen hatte die englische Regierung allerdings auch sehr nötig
Die überaus peinliche Weißbuchaffäre ist -denn auck mit den Mitteilungen selbstverständlich in keiner Weist aus der Welt geschafft oder auch nur gemildert. Main dieser Richtung zu tun ist, das wird an dem englischen Außenminister selbst liegen, wenn er gegen Monatsende nach Berlin kommt. Er dürfte sich inzwischen darüber klar geworden sein, daß es nicht eben wenig ist, was er und seine Regierung in Berlin auszugleichen haben werden. Falls er sich darüber immer noch Illusionen gemacht haben sollte, dann dürfte ihm das Interview des Herrn v. R r6 bentrop mit dem Sonderberichterstatter der „Daily Mail" die letzten Aufschlüsse verschafft haben. Man weiß nun in London von der „bitteren Enttäuschung" Deutschlands, man hat sich noch einmal an den ständigen Bruch der Abrüstungs- Verpflichtung trotz Deutschlands Vorleistung erinnern und sich die Fadenscheinigkeit aller „Argumente" des Weißbuches bescheinigen lassen müssen und findet sich nun vor aller Welt als Wortführer des Versailler Geistes mit unwiderleglicher Anklage belastet.
Aber die Erklärungen v. Ribbentrops haben auch in ihrem letzten Teil noch einmal die entscheidenden Vorbedingungen für Verhandlungen mit Deutschland aller Art mit besonderer Betonung heraus- gestellt, datz Deutschland nur als freier und gleichberechtigter Staat zu verhandeln wünscht. Sir John Simon gilt als Mann von nüchternem Wirklichkeitssinn. Er wird in Berlin Gelegenheit haben, ihn in einer Lage zu beweisen, die für England alles andere als leicht ist.
ihre Zufriedenheit darüber aus, datz die anfgeschobene Reife Simons nunmehr voraussichtlich noch im Laufe dieses Monats nachgeholt werde.
Gleichzeitig wird berichtet, der sowjetrussische Botschafter habe am Samstag Sir Robert Vansittard gegenüber durchblicken lassen, datz man es in Moskau begrätzen würde, wenn Eden seine Reise nach Moskau so bald wie möglich antreten würde. Moskau hoffe sogar, so schreibt der diplomatische Mitarbeiter der „Sunday Times", datz der Besuch Edens schon Mitte nächster Woche stattfinde. Sn politischen Kreisen werde von der Möglichkeit gesprochen, datz die Berliner und die Moskauer Reise etwa zur gleichen Zeit stattfinden würde.
Der diplomatische Mitarbeiter des „Observer" betont jedoch, man habe in London gehofft, datz Simon nach Berlin fahren könne, bevor Eden die räte-russische und die polnische Hauptstadt besuche, denn Deutschland sei die einzige europäische Erotzmacht, deren Einbeziehung in das neue Sicherheitssystem bisher noch zweifelhaft fei. Es fei daher Haupt-
