zweite Kategorie umfaßt Bildnisse von Kindern mit Sammelbüchsen und die dritte künstlerisch wertvolle g e - schnitzte Holzköpfe in verschiedenartiger Typenprägung. Alle diese kleinen Abzeichen wurden wieder in den deutschen Notstandsgebieten hergestellt, die Bernsteinabzeichen an der ostpreußischen Samlandküstc, die übrigen im Erzgebirge und in anderen deutschen Grenzgebieten.
Zeder der kleinen Abzeichen ist auch diesmal wieder ein wichtiger Baustein am Hilfswerk des deutschen Volkes, jedes .von ihnen bedeutet wieder Brot und Arbeit, bedeutet siegreiche Überwindung von Hunger und Kälte. Der deutsche Mensch hat auch in diesem Winter seine weitgehende freudige Hilfsbereitschaft, sein starkes innerliches Zusammengehörigkeitsgefühl mit allen seinen deutschen Brüdern bewiesen. Er wird dies Werk durchführen bis zum endgültigen Gelingen, er wird auch diesmal sein Scherflein beitragen, um Arbeitsbetriebe, die sonst vielleicht stillgelegt werden müßten, in Gang zu halten, um Menschen vor dem Verlust ihrer Arbeit zu bewahren und anderen, die keine Arbeit halten, wieder zu Lohn und Brot zu verhelfen! Noch ist der Winter nicht vorüber — noch ist tatkräftige Winterhilfe notwendig! In Städten und Dörfern sammeln am Sonntag die Mitglieder des Volksbundes für das Deutschtum im Auslände. Dieser Opfertag ist wieder einmal der Ausdruck dafür, daß das Deutschtum im Auslande sich für das Wohl seiner Brüder und Schwestern einzusetzen bereit ist, daß überall da, wohin die deutsche Zunge reicht, auch ein Stück Deutschland ist. Gib auch du dein Opfer!
Der Arbeitseinsatz der Angestellten.
Günstige Entwicklung im Februar.
Nach den Beobachtungen der DAF., Berufsgruppenamt Stellenvermittlung, hat sich ider Arbeitseinsatz der Angestellten im Februar gegenüber den Vormonaten gebessert. Der Eingang an offenen Stellen ist gestiegen. Ebenso weist das Vermittlungsergebnis eine Besserung gegenüber dem Vormonat auf. 2m Februar ist ein erheblicher Neuzugang an Bewerbern zu verzeichnen, der sich in der Hauptsache aus ausscheid enden Arbeitsmännern zusammensetzt.
Die Entwicklung des Arbeitseinsatzes für kaufmännische Angestellte ergibt ein durchaus zuversichtliches Ergebnis. Zu großen Hoffnungen in bezug auf Neueinstellungen berechtigt wohl der Erfolg der Autoausstellung und der Leipziger Messe. Der Einzelhandel war weniger ! aufnahmefähig. Es ist aber zu erwarten, daß, bedingt durch ° das Oster- und Pfingstgeschäft, sowie außerdem durch den r Saisonbeginn für Eisenwartn, Konfektion, Photoartikel, im März eine Besserung eintritt. 2m Großhandel hat die Belebung an-gehalten. 2n der Industrie sind es vor allem die eisen- und metallverarbeitenden Werke, die Bedarf an Angestellten hatten. Auch bei der Schiffahrt und Spedition war es möglich, kaufmännische Angestellte, speziell Fachkräfte, zu vermitteln. Weiterhin aufnahmefähig sind: Bauindustrie und die damit verbundenen Handels- f zweige, Chemische Industrie, Schokoladenindustrie, Papier-
Besinnliche Betrachtungen.
Sich bemerkbar machen!
Machen Sic einmal einen Versuch! Fragen Sie in Häusern, die sonst vor Ordnung wie ein Uhrwerk gehen: sie sind immer alle, wenn man sie braucht, die Streichhölzer nämlich. Es ist ein Kreuz mit ihnen, und es liegt irgendwie so eine Art Fluch über ihnen.
Auf zweierlei Weise habe ich schon versucht, den verhängnisvollen Hölzern beizukommen. Erstens: ich erstand sie massenweise. Aber es war auch damit nicht viel gewonnen. Sie mußten gut aufgehoben werden, eben deshalb, damit^ sie im Falle der Not zur Hand sind. Also wurden sie versteckt. In eine Schublade, die bestimmt keiner findet.
Bis dann eitles Tages wieder der Augenblick kam, wo eben keine anderen da waren, und die -sorglich gehüteten Reserven eintreten sollten. Sollten! Wo sind sie nun geschwind? Verflixt, da in die Schublade habe ich sie doch hineingetan. Mutter, wer hat denn nun schon wieder in drei Teufelsnamen? 2a, hier waren doch gar keine Streichhölzer. Ich habe sie aber bestimmt in die Schublade getan. In d i e Schublade? wird dann höhnisch zurückgefragt. Ja, wenn man das noch genau wüßte. Man muß älso»geschwind fortlaufen oder in der Nachbarschaft pumpen, was natürlich sofort als Schlamperei aussieht. Am nächsten Tage aber kauft man eine neue Ladung. Der Jammer fängt von neuem an. Die pfeifenrauchenden Mitglieder der Familie, nämlich Papa, sind am verdächtigsten, da sie auch sonst ganze Kästchen verschwinden lassen. Auch das Rauchen von Virginias läßt Böses vermuten, Gasherde erfordern Streichhölzer, die Tochter, die Zigaretten raucht, könnte auch . . . es gibt tausend Möglichkeiten . . . aber sie sind fort, immer, wenn man sie dringend braucht.
Man muß dem Elend also anders beikommen. Man überwinde Technik durch Technik. Es gibt Feuerzeuge. Solche in silberner Fassung und solche in Patronenhülsen, als Zündkerzen verkleidet und wie Fläschchen aussehend, solche, die die Flamme mitten ausspeien, die man mit einer Hand bedienen kann, und solche, die wie ein Revolver sich benehmen. Schaffen wir uns also eines an! Es geht famos. Man muß bloß höllisch aufpaffen, daß man es nicht verliert. Das Feuerzeug ist gut, ich lasse nichts darauf kommen. Ivar Krüger wäre nicht so reich geworden und hätte uns nicht so bemogelt, wenn wir mehr Feuerzeuge benutzt hätten.
Aber Feuerzeuge haben alle Benzin, alle ein Rädchen, und alle einen Stern. Das mit dem Rädchen geht in Ordnung. Es geht immer, manchmal wie zum Hohne, nämlich am besten, wenn man das Benzin vergeffen hat. Dies geschieht regelmäßig, wenn man kein Streichholz zur Hand hat. Und wenn man ganz rasch Feuer braucht, Aschermittwochs beispielsweise, wenn man die letztmögliche Minute Schlaf ausgenutzt hat und nun noch schnell Kaffee wärmen oder Milch heiß machen will. Es hat seine Raupen, das Benzin. Aber das Feuerzeug ist nicht daran schuld. Manchmal hat man Benzin. Aber dann haperts am Stein. Wenn die Streichhölzer in der Nähe sind, sprüht er Funken. Wenn die Suche aber nach Streichhölzern beginnt, und die Rettung im Feuerzeuge winkt, daß ihm der zündende Funken entlockt werde, ja dann ist bestimmt der Stein abgewetzt und gibt keinen Funken, wenigstens keinen, der der Zigarre zum Brennen und der verglimmenden Pfeife zu Brand verhilft. Aber das Feuerzeug ist nicht schuld daran. Hübsch schön immer daran denken, das Benzin zu ersetzen und den Stein zu wechseln!
Mittlerweile aber probieren wir es wieder einmal reuig mit dem Streichholz. Der Kreislauf der Tücken kann von neuem beginnen. Die Streichhölzer fehlen. Also suchen wir sie zu überlisten: 1. durch Großeinkauf und Verstecken von Streichhölzern; L durch das Feuerzeug mit Benzin und Stein. Alles wie oben.
Es find nur Kleinigkeiten, aber sie werden zu Verdrießlichkeiten. Die Nachbarschaft sagt, wir wären unordentlich, der Freund sagt, Kerl, du kannst nicht rauchen, einige sagen, es wäre Geiz. Aber alles ist nicht richtig. Richtig ist nur: die Streichhölzer haben etwas gegen uns. Sie sind winzig und werden nicht recht geachtet. Darüber ärgern sie sich und uns. Sie sind Hämlinge, die die eigene Kleinheit an uns rächen, weil sie Angst haben, man könnte sie übersehen.
Da habe ich aber einen gewichtigen Satz geschrieben. Das gilt schon gar nicht mehr bloß für die Streichhölzer. Auch die Menschen tun so. Neulich stand an zwei Tagen hintereinander im „Tagblatt" von Menschen, die Böses taten (sogar Verbrechen!), bloß damit man sich ihrer erinnere. Komisch, nicht wahr?
Aber anders vermögen sich viele und vieles nicht bemerkbar zu machen.
Seite 4. Nr. 68.
Wiesbadener Nachrichten.
Schneesturm.
Es ist die Zeit, wo der Verkehr auf den Straßen Wiesbadens gemächlich einzuschlafen beginnt, wo Theater, Konzert und Kino zu Ende gehen und die an den Haltestellen auf den Omnibus Wartenden zahlreicher werden; da tanzt im scharfen, die Nasen rötenden, die Augen.beizenden Nordwind unter der elektrischen Bogenlampe die erste Schneeflocke hin. Der Himmel ist tiesdunkel über Dächer und Bäume ausgespannt. Weit gehen die Straßen, lichtgesäumt und stumm, in die Nacht hinein. Der Wind stößt eisig wider die Hauswände, gegen das Glas der Laternen. Gnger drängen sich die Menschen zusammen, drücken sich in die Nischen der Ladeneingänge. Auf und ab gehen einzelne, die Gesichter in die hochgestellten Mantelkragen gewühlt. Drüben stehen erleuchtete Elektrischen. Leer liegt die Straße. Ein weißer Schleier breitet sich über den spiegelnden Asphalt. Der nächste Windstoß fegt ihn beiseite, im Fahrtwind einsam hinflitzender Autos wirbelt er auf, wird in die Rinnen geschlagen. Aber ehe wieder ein Windstoß, ein neues Auto kommt, ist der Schleier dichter geworden. Unter der pendelnden Bogenlampe flimmern die Flocken. Der Wind formt sie unter dem kalten Licht zu streifigen Bändern, zu Wölkchen; geisterhaft springt es und huscht unter dem Lichte her. Starr spannen sich die Leitungsdrähte der Straßenbahn dazwischen.
Endlich zeigen sich die breit auseinandergestellten Lichter des Omnibus' mit dem auf- und abnickenden roten Winker. Hastiger als sonst drängen sich frierende Gestalten durch schmale Türen. Die Straßen gleiten durch leicht beschlagene Scheiben. Heftig wirbelt der Wind die Flocken wider das Führerhaus, auf den schmal und hämmernd sich vorschiebenden Motorenbug. 2e weiter wir kommen, desto stärker wächst das Gestöber. An den letzten Häusern steigen wir aus. Die Straße dehnt sich weiß hinaus in die Nacht. Wie mit Messern schneidet der Wind. Wie winzige spitze Geschosse trifft der gekörnte Schnee auf unsere Haut, llnge- feffelt tobt rüttelnder Sturm, peitscht uns den Schnee ins Gesicht, daß wir uns nur mühsam vorwärts zu kämpfen vermögen. Unser Schritt versinkt in der weißen Decke, zäh klebt der Schnee an den Sohlen. In das grüne Gaslicht einer Laterne heben sich die kahlen Aste eines Baumes; er trägt kleine feste Knospen. Unaufhaltsam wirbelt der Schnee hernieder. Der Winter stürmt zäh und verbissen. Nachts wirft er dem Land das Sterbelaken über, doch der sich längende Tag schmilzt die Eisfahnen zusammen. Tag und Tag spannt die Sonne ihren Bogen weiter hinaus in die Dunkelheit der Frühe, in die Dunkelheit der Späte. Nicht lange mehr, und die Macht des Winters ist gebrachen.
Wiesbadener Tagblatt
Zweiter Opfertag des BDA.
Sammlung für das Winterhilfswerk am 9. März.
Ende Januar dieses Jahres hat der Volksbund für das Deutschtum im Ausland seinen ersten Opfertag zu Gunsten des Winterhilsswerkes veranstaltet. Wie im vergangenen Jahre so wurde auch diesmal ein Kornblumentag durchgeführt, der erfreuliche Beträge der Winterhilfe zuführen konnte. Der 9. März steht noch einmal im Zeichen einer umfassenden Winterhilfssammlung des VDA. Fast scheint die starke Kälte, die uns noch einmal überfallen hat, als ein Symbol für die Notwendigkeit einer weiterentakräftigenHilfsbereitschäft. Nachdrücklich bekommen wir es zu spüren, daß die Wintersnot noch nicht überwunden ist. Umso dringender ergeht auch diesmal der Aufruf an alle, freudig zu geben für die notleidenden Volksgenossen!
Am zweiten VDA.-Opfertage dieses Jahres werden drei verschiedene Arten von Abzeichen zum Verkauf gelangen, die alle wiederum Brot und Arbeit für viele Volksgenossen schufen. Zunächst werden wir noch einmal Bernstein- a b z e i ch e n kaufen können, die schon einmal im Laufe dieses Winters der deutschen Bernsteinindustrie Hilfe brachten. Die
wird — auch das ist anschaulich dargestellt — durch die feindlichen Mächte eine Mauer um Deutschland aufgebaut. Diese wirtschaftlichen Fragen werden nicht in trocken gelehrter Form aufgerollt, sondern in einer lebendigen Bildersprache. Denn das Publikum muß schließlich so behandelt werden, als ob es auf den Bänken einer Kinderschule säße.
Wer noch immer nicht weiß, worum es sich handelt, dem öffnet eine Karte von Afrika die Augen. Sie ist so monumental, daß man Mühe hatte; sie in dem größten der Sülle unterzubringen. Aus dem silberigen Ozean taucht der dunkle Erdteil auf: Schwarz maffiv, ein geographisches Ungeheuer : Blutrot sind in das Schwarz die verlorenen deutschen Kolonien eingezeichnet, wie blutende Wunden. Ganz winzig, einem verlorenen Inselchen im Ozean vergleichbar, erscheint daneben das heutige Deutschland. Seine ehemaligen Kolonien übertreffen es an Umfang bei weitem. Und doch ist das Verhältnis zwischen Mutterland und Kolonie bei den anderen Staaten derart, daß es an das Groteske heranreicht. Englands Kolonien zum Beispiel sind lOörnal so groß als England selbst. Das beweist eine Tafel, auf der der Kolonialbesitz des deutschen Michel mit einem großen'Fragezeichen angedeutet wird. W. W.
Kleine Lhronik.
Bildende Kunst und Musik. Carl Schuricht wurde nach seinen erfolgreichen Dirigentengastspielen in Wien, Budapest, Berlin und Hamburg soeben verpflichtet, am 10. und 14. April zwei Konzerte des Stockholmer Konzertvereinsorchesters zu dirigieren.
Wiffenschast und Technik. 2m Alter von 58 Jahren starb in Berlin Dr. Erwin Liek, ein unerschrockener aufrechter Kämpfer für das reine hippokratische Arzttum und einen hervorragenden Forscher. Bon ihm stammt die scharfe und in der Folgezeit sich als überaus fruchtbar erweisende Gegenüberstellung von „Arzt" und „Mediziner". Ein wesentlicher Teil seiner Lebensarbeit aalt dem Krebsproblem, sein großes Lebenswerk dem auf die Ganzheit gerichteten hippokratischen, biologischen Arzte, in dem sich für ihn ausgebreitetes Wissen und hohe Technik verbinden mit menschlicher Güte und reifer Urteilsfähigkeit. In der Zeitschrift „Hippokrates" (Hippo- krates-Derlag, Stuttgart), deren Mitherausgeber und Hauptschriftleiter er bis zu seinem Tode war, fand er das Podium, von dem aus er besonders in letzter Zeit feine Wirksamkeit entfaltet hat. _______________
* Kunst und Chirurgie. Ein bekannter Chirurg machte einst in Böcklins Atelier einen Besuch. Einige Bilder erregten seine besondere Aufmerksamkeit, aber schon nach wenigen Augenblicken rief er entrüstet: „Aber, mein lieber Böcklin, diese Wesen dort haben ja überhaupt keine anatomische Eristenzmöglichkeit!" — Böcklin lächelte leise und sagte ruhig: -Lieber Professor, die leben länger als Sie."
(Eleonore procbasfa.
Zu ihrem 150. Geburtstag am 11. März 1935.
Von Friedl v. Wolzogen.
Man geht völlig fehl zu glauben, das Heldenmädchen Eleonore Prochaska fei ein schwärmerisches Ding gewesen, das die Fanfare 'der Freiheitskriege aus seiner Träumerei schreckte. Die Zähigkeit, mit der sie 'ihren Wunsch verwirklichte, die Ausdauer, mit der sie durchhielt, die Robustheit, die schwersten Anforderungen genügte, lassen sie in einem klaren Licht erscheinen fern von -allem Nebel falsch verstandener Romantik. Eleonore muß wohl das gewesen sein, was wir unter einem Menschen verstehen, der einfach -das Herz auf dem rechten Fleck hat. Als Tochter eines Unteroffiziers der Garde udes Alten Fritz, ohne mütterliche Zärtlichkeit groß geworden, ging sie ihren geraden Weg, zuerst als verantwortungsvolle Verweserin des mutterlosen Haushaltes, 'bis sie als Köchin in fremde Dienste trat. Sie scheint ganz das Kind -ihres Vaters gewesen zu sein, der später als Musiklehrer wirkte, denn man sagte von Eleonore, daß sie in ihrer Freizeit nichts Lieberes kannte als die Flöte zu blasen. Der Geist des großen Königs -beherrschte -auch den Vater in der Erziehung seiner Töchter.
Eleonore zählte 28 Jahre, als die innere Berufung an sie erging, dem Vaterlande mit vollstem Einsatz zu dienen. Sie verließ ihre Stellung, vertauschte ihre Habseligkeiten gegen Männerkleidung, Büchse, Hirschfänger und Tschako ü-nd meldete sich unter dem Namen August Renz bei 'den Schwarzen Jägern. Eleonore wollte nichts Halbes tun. Lützows Korps galt als das verwegenste, und dies war dem Mädchen, das nach Taten brannte, gerade recht. Ein Brief an den jungen Bruder zeigt uns, wie Eleonore bei den Ihren volles Verstehen ihrer Handlungsweise voraussetzte. Zumal das Herz des Vaters mag vor Stolz höher geschlagen haben, war er es doch, der durch Vorlesungen aus der Geschichte in feinen Kindern den Funken geweckt hatte.
Aber Eleonorens Tatendurst wurde durch endlose Märsche auf eine harte Probe gestellt. Erft als Lützow, deffen Reiterschar einem Verrat zum Opfer gefallen war, persönlich eingriff, erfüllte neue Zuversicht die junge Freischar. Die Must- lantentochter ergriff die Trommel eines gefallenen französischen Tambours und eroberte damit die Herzen aller. „Du schneiderst, kochst, wäschst und schießt wie keiner von uns, und nun schlägst du auch noch die Trommel!"
„Dafür bin ich ein Potsdamer Soldatenkind", jauchzte das Mädchen und schlug den Sturmmarsch. — Aber für den tapferen Tambour war die Kugel schon gegossen. Eine Kar- tätschenladung riß Eleonore von der Seite ihres Leutnants und mit 'dem Ausruf: „Herr Leutnant, ich bin ein Mädchen", sank sie zu Boden. Wenige Wochen dauerten die unsäglichen Leiden. Klaglos ertrug Eleonore Prochaska die Schmerzen, bis der Tod dieses mutige Herz brach. Minister, Offiziere und Waffenbrüder aller Art folgten dem Sarge, Ehrensalven schmetterten, und Dichter sangen den Nachruf.'
5. Sonderkonzert im Kurhaus:
Volkstum in der Musik.
Dr. Helmuth Thierfelder hat zur Vorbereitung seines 5. Sonderkonzertes am Freitag einen Aufsatz durch die Presse gehen Iaffen, in dem er den von ihm gewählten Titel „Volkstum in der Musik" mit dem Programm in Einklang zu bringen versucht. Eine Erörterung darüber erübrigt sich also hier. Es wäre nur nach wie vor die Frage zu stellen, was denn ein solcher Titel, wie treff-end er auch immer sei, für das musikalische Erlebnis eines Konzertabends zu bedeuten habe.
Zuerst hörte man „Mozartiana", eine „aus selten gespielten Werken des Meisters zusammengestellte und für den Konzertgebrauch eingerichtete" sogenannte Orchester-Suite. Der durch seine Verdi-Übersetzungen bekannte Georg Göhler hat sich die Mühe gemacht, aus der unerfchlossenen Schatzkammer Mozartscher Musik sieben Stücke auszulesen und aneinanderzureihen. Das ist gewiß verdienstlich. Wäre es aber nicht einfacher, man griffe, wenn man schon „unbekannten Mozart" Bieten will, aus die zahlreichen in den Orchesterschränken verstaubenden Divertimenti, Kassationen, Serenaden und Jugendsinfonien des Meisters zurück? Es ist ja wohl kaum zu befürchten, daß sie an innerer Geschlossenheit einer noch so stil- und geschmackvollen Neuformung, wie es die Göhlersche zweifellos ist, nachständen. — Dr. Thierfelder dirigierte die Neuheit nicht unsachlich und traf auch Klang- stärke und Tempo bis auf den arg verschleppten Andante-Satz richtig. Dennoch war die Aufnahme merklich lauer als bei den folgenden, mit der Suggestionskraft des großen Orchesters rechnenden Nummern des Programms.
Mit seinen Variationen über das Volkslied „Morgenrot" hat sich der junge Gottfried Müller vor einigen Jahren gleichsam über Nacht den Ruf einer der größten Hoffnungen unter dem deutschen Komponistennachwuchs verschafft. Als Karl Elmendorfs dieses opus 2 seinerzeit hier erstaufführte, stellte man als Hauptvorzug dieser technisch durchaus auf Max Regers Gelände weilerbauenden Talentprobe die un- sentimentale Exaktheit der Polyphonie fest, die sich nicht an poetisierende Ausdeuterei des stark gefühlbetonten Themas verliert. Vielleicht hätte dieser Eindruck auch beim zweiten Hören noch stärker vorwalten können, wenn Dr. Thierfelder in seinem aufrichtigen Bemühen um plastische Gestaltung der einzelnen Variationen die kontrapunktische Konstruktion noch unverhüllter und durchsichtiger hätte zutage treten lassen. Indessen ließ das Kurorchester sorgfältige Vorbereitung der anspruchsvollen Aufgabe nicht vermissen, so daß dem Werk abermals lebhafte Zustimmung beschieden war.
Die Sinfonie des Abends war Tschaikowskijs „Vierte" in F-Moll. Thierfelder hatte bei seinem ersten Hiersein mit ihr und drei anderen Werken des populären Ruffen das stärkst« Gewicht in die Waagschale seines Erfolges geworfen. Der Erfolg beim Publikum, das am Freitag wohl fast den dritte»
