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Wiesbadener Tagblaü

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Nr. 62.

Montag, 4. März 1935

83. Jahrgang

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Messe im Zeichen der Ausfuhr.

Guter Auftakt in Leipzig. — Mehr Aussteller — mehr Besucher. Bor einer Rede Dr. Schachts.

Der Führer über die Messe.

„,a?; Serlin, 4. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Die Leipziger Messe ist gestern eröffnet worden. Das ist eine Angelegenheit, die über die eigentlichen Wirtschaftskreise hinaus das ganz« deutsche Volk angeht, ist doch die Leipziger Messe von lcher als zuverlässiger Wirtschaftsbarometer betrachtet und beachtet worden. Nicht besser kann man chre große Aufgabe -kennzeichnen, als es in dem Tele­gramm geschehen ist, in dem der Führer der Messe einen guten Erfolg wünscht. Dort heißt es nämlich von der Leipziger Frühjahrsmesse: „Sie soll die deutsche Volkswirtschaft stärken durch weitere Belebung des inneren Marktes und durch Wiedergewinnung des Auslands­marktes und dadurch zu einer erneuten Ver­ringerung der Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland beitragen." Die Aussichten, daß diese Messe den ihr gestellten Aufgaben gerecht werden wird, find zweifellos recht günstig. Alle Meldungen stimmen darin überein, daß man mit dem Verlauf des gestrigen Sonntags recht zufrieden ist. Wir wissen zudem von der Messeleitung, daß in diesem Jahr die Zahl der Aussteller größer ist als im Vorjahre, ebenso auch die Zahl der bereits angemeldeten Besucher. Vor allem aber wird auch aus dem Auslande ein wesent­lich stärkerer Besuch erwartet, denn während im Vorjahre rund 16 400 Ausländer di« Messe besuch­ten, dürfte diese Zahl in diesem Jahr rund 3000 bis 4000 höher liegen. Die Frage, wieviel diese Ausländer in Leipzig kaufen werden, ist naturgemäß von Wichtig­keit. Welche Bedeutung die Leipziger Messe für den Export hat, geht am besten aus der Tatsache hervor, daß in g u t e n Ja h r e n d o r t für rund ^Milliarde Exportaufträge vermittelt wurden, die teilweise sofort auf der Messe abgeschlossen oder aus

Gründ von Nachbestellungen hereinkamen. Ein starker Exporterfolg der diesjährigen Frühjahrsmesse würde vor allem eine beachtenswerte Auffüllung der Devisenreserven und eine wichtige Unter- bauung des deutschen W irtschäfts au f- I H st» u n ge s bedeuten. Die Reichsregierung hat denn auch die Bedeutung der Leipziger Messe als größte Exportforderungseinrichtung stark unterstrichen und durch geeignete Maßnahmen in der Praxis gefördert. Andererseits erwartet man aber auch, daß die Wirt­schaft selbst alles tut, um die Ausfuhr zu heben. Der Eauwirtschaftsberater von Westfalen-Süd, Pleiger, hat erst vor einigen Tagen in Übereinstimmung mit anderen maßgebenden Persönlichkeiten darauf ver­wiesen, daß der Weltmarkt ein unentbehrlicher Quell der Gesundheit, für jede Wirtschaft ist. Er hat dann aber auch in diesem Zusammenhang von einer Export- müdigkeit gewisser deutscher Wirtschaftskreise ge­sprochen, die das bequemere Binnengeschäft vorzögen, also gewissermaßen einseitig die „vom Staate ge­lieferte Jnlandskonjunktur" ausnutzten. Auf der anderen Seite fehlen aber auch nicht Stimmen in der deutschen Wirtschaft, die durchaus exportwillig sind.

Im übrigen sei aber auch auf eine holländische Stimme hingewiesen, die vernünftigerweise fest­stellt, daß das Ausland nur dann die nötige Einfuhr nach Deutschland haben könne, wenn es selbst von Deutschland kaufe. Das Organ des niederländischen Molkereiverbandes gab nämlich gerade jetzt die Parole aus, die Einfuhr aus Deutschland zu vergrößern, damit man holländische Er­zeugnisse in Deutschland absetzen könne. Diese Stimme der holländischen Landwirtschaft erscheint recht be­achtenswert, gerade in dem Augenblick, in dem die Leipziger Messe dem Ausland wieder vor Augen führt, wie Deutschland arbeitet und was Deutsch!aiw erzeugt.

Die neue Saarverwaltung.

Saarbrücken, 4. März. (Eig. Drahtmeldung.) Am heu­tigen Tage nimmt die neue Saarregierung ihre Arbeit auf. Sie setzt sich folgendermaßen zusammen: Regierungschef Gauleiter Josef B ü r ck e l, stellv. Regierungschef Regierungs- Präsident Jung, Abtlg. In Jung, Abtlg. Ib (Kommunal- aufsicht, Bau- und Wirtschastsabteilung) B a rth, Io (Arbeit, Arbeitsbeschaffung, Landwirtschaft, Gewerbeaufsicht, Deteri- närwesen) Ried mann. Er ist ferner Leiter der Zweig­stelle des Landesarbeitsamtes, n (Provinzialanstalt, Lan­desfürsorgeverband) Dr. Obe. m (Schulwesen) Wamb s- S a u ß. iv (Oberversicherungsaufsicht, Dienstkammergericht) Binder.

Die Beisetzung von Bischof Bares.

Beileidstelegramm des Führers.

Gömbös zurückgetreten

und wieder beauftragt.

Budapest, 4. März. (Eigene Drahtmeldung.) Der Ministerrat hat nach kurzer Beratung den Rücktritt des Kabinetts beschlossen. Ministerpräsident E ö m b ö s begab sich einige Minuten von 11 Uhr zum Reichsverweser in Audienz.

Der Reichsverweser nahm die Demission des Kabi­netts an und beauftragte Gömb ös mit der Neubil­dung der Regierung.

Der britische Militäretat.

London, 3. März. Die Voranschläge für die drei Haupt­waffengattungen, Luft, Armee und Flotte, die der Reihe nach am Montag, Dienstag und Mittwoch veröffent­licht werden, sehen nach einem Bericht des Herausgebers der „Militär-Gazette" gegenüber dem Vorjahre eine Erhöhung der Ausgaben um rund 10 Millionen Pfund Sterling vor.

Venizelos.

Es ist zunächst unerheblich, ob der neueste Putsch in Griechenland ein Unternehmen der Venizeliften oder mnes kleinen Militärkreises, oder beider zugleich ist. Getragen wird er von einer Gruppe verabschEeter Offiziere, vorliegend der Flotte, unter Beteiligung ehemaliger Offiziere des Landherres. B a

Es will einiges besagen, wenn der an Lebensjahren Sre-se, aber -immer noch sehr lebfrische Venizelos sich selbst durch die ernste Warnung der Regierung nicht schrecken ließ und offen zu den Aufständischen überging.

Die Hintergründe des Putsches reichen zurück bis in den November vergangenen Jahres. Alexander ZaiMis, der tn der griechischen Bevölkerung hochange- fehene und beliebte, nun schon 70jährige Staatspräsi­dent, war von Kammer und Senat wiederum für dieses Amt erwählt worden. Venizelos war von Kreta für die Tage der Wahl nach Athen geeilt, weniger um feine Funktion als Oppositionsführer wa-hrzunehmen, als um bestimmte Forderungen -bei Zaimis zur Sprache zu bringen. Dor -allen Dingen hatü>elte es sich für Veni­zelos darum, daß die von der Regierung Tsaldaris vor­gesehenen neuen Wahlgesetze bis auf weiteres nicht in Wirkung traten. Die parlamentarische Mehrheit der Regierung Tsaldaris ist nur ganz gering; der Entwurf für neue Wahlgesetze sah eine andere Unterteilung des Landes im Wahlkreise der Art vor, daß danach für die Re­gierung bei einer Neuwahl sich ganz zweifellos eine sichere und zahlenmäßig erheblich stärkere Mehrheit er­geben hätte. Außerdem war die Auflösung, genauer gesagt, die Beseitigung des Senates aus dem parlamen­tarischen Regime geplant, und das hätte unter Um­ständen einen geradezu vernichtenden Schlag gegen die Veniz-elos-Partei bedeutet, die gerade im'Senat eine starke Mehrheit hat. Es kam damals im November ein Kompromiß zustande, die Reformpläns der Regierung wurden fürs erste einmal aufgeschoben und Zaimis wurde mit einer knappen, aber völlig ausreichenden Mehrheit wiedergewählt.

Venizelos ging wieder nach Kreta zurück und wußte sich den Anschein zu geben, als führe er ein im Ver­gleich zu feiner lebenslänglichen politischen Aktivität schier beschauliches Dasein. Der Mann, der schon 1905 tn seinen ersten politischen Putsch verwickelt war, mit dessen Person die Geschicke Griechenlands seit 1910, also nunmehr einem viertel Jahrhundert mit bedeutungs­losen Unterbrechungen aufs engste verknüpft war, er, der noch am 17. Januar 1933 zum zweiten Male, wenn auch diesmal nur für zwei Monate, Kabinettschef wurde, er beschäftigte sich mit einer Überarbeitung bei­spielsweise seiner Thukydides-übersetzung, und wenn er darüber hinaus die politische Presse mit langatmigen Verteidigungsartikeln über feine höchst angreifbare Politik während des Weltkrieges bombardierte, so schien es, als habe der im biblichen Alter Stehende, für sein politisches Teil endlich resigniert. Die Art freilich, wie er sich jetzt zu den Aufständischen schlug, ja allem An­schein nach eine oder gar die geistig führende Stellung da­bei einnahm, läßt daraus schließen, daß er noch immer nicht gesonnen ist, ein Otium cum dignitate zu ge­nießen, und man kann sich vorstellen, daß Zaimis und Tsaldaris sich nun vielleicht des Ruhelosen in etwas -weitergehender Form -als bisher zu versichern.

Die politische Prozetzwelle in Österreich.

17 Todesurteile in Salzburg.

Wien, 3. März. Am Freitag und Samstag fand vor dem Schwurgericht in Salzburg ein Sprengstoffprozeß gegen 20 ngeklagte aus dem Pinzgau statt. 17 von den Ange­sagten wurden des Verbrechens nach §6 des prengmittelgesetzes für schuldig befun- r n und zum Tode verurteilt. Ein Angeklagter erhielt 10 'ta-ore, ein weiterer ein Jahr schweren Kerkers und einer $urbe freigesprochen.

Berlin, 2 Marz. Die feierliche Beisetzung des gestern Äend verstorbenen Bischofs Bares erfolgt am Donnerstag m der Kathedrale von St. Hedwig. Der Bischof findet hier seine letzte Ruhestätte in der Krypta, wo bereits £we Vorgänger Dr. Schreiber und Weihbischof Deit- W die. Z«t der Nichtbesetzung des Berliner Mschofsstuhles führt die Verwaltung des Bistums als Kapi- ««arvtkar Generalvikar Dr. Steinmann.

Der Führer und Reichskanzler hat an das Domkapitel sur Hl. Hedwtg tn Berlin folgendes Telegramm gerichtet:

»Zu dem schweren Verlust, der das Domkapitel und die Egese Berlin durch den so frühen Tod des Bischofs Dr fsFr>^ns Bares betroffen hat, spreche ich Ihnen mein herz- «ches Seitab aus.

(gez.) Adolf $itler."

Umsturzversuch in Griechenland.

Venizelos schließt sich den Aufständischen an. — Verhandlungen gescheitert.

Veränderungen in der Regierung.

Athen, 3. März. In Griechenland ist ein Aufstand aus- gebrochen, der entgegen den beruhigenden Erklärungen der Regierung eine Verschärfung erfahren hat. Der alte Gegner der jetzigen griechischen Regierung, Venizelos, der sich zurzeit in Kreta aufhält, ist offen zu den Aufstän­dischen übergeaangen und hat bei einer großen Kundgebung eine aufrührerische Rede gehalten. Die Ver­ba ndlungen, die Admiral Typaldos int Auftrage der Regierung mit den bei der Insel Milos ankernden Auf­ständischen eingeleitet hatte, sind g e s ch e i t e r t. Die Regie­rung hat am Sonntag beschlossen, die Schiffe der Aufrührer durch Flugzeuge mit schwersten Bomben zu belegen, falls keine bedingungslose Übergabe erfolgt. Ein Bombengeschwa­der ist bereits am Sonntagmorgen in Richtung nach Milos gestartet. Die, Regierung ist fest entschlossen, den Aufstand mit bewaffneter Hand unbarmherzig zu unterdrück en.

In Athen, Piräus und Saloniki wurden zahlreiche Mit- tärpersonen und Zivilisten verhaftet, die unter dem Ver­dacht stehen, an dem Aufstand beteiligt zu sein. So ver - haftete man in Saloniki u. a. fast sämtliche Abgeordnete und Senatoren der Opposition. In

Athen sucht man die Führer der Oppositionspartei sowie den Senatspräsidenten, die anscheinend geflüchtet find.

Um die Ruhe schnellstens wiederherzustellen, hat die Regierung zwei Jahresklassen der Marine zudenFahnengerufen. Im Heer und in der Marine wurden ferner erhebliche Umbesetzungen in den Kommando­stellen vorgenommen. Auch zwei Jahresklassen der Heeresreservein Alt-Griechenland sollen wahrscheinlich einberufen werden, um Heeresabteilungen, deren Gesinnung zweifelhaft ist, mit zuverlässigen Reservisten durchsetzen zu können.

Die Regierung hat einen Aufruf an das Volk erlassen, in dem die Hintergründe des Aufstandes dargelegt werden und die Bevölkerung aufgefordert wird, sich an die Seite der Regierung zu stellen und damit die Rechte und Freiheiten des Volkes tatkräftig zu verteidigen. Am Montag beginnen die auyerordentlichen Kriegsgerichte ihre Tätigkeit. Die Regierung ist entschlossen, die Meuterer ohne Ansehen der Person abzuurteilen und durch strenge Maßnahmen den Rechtsstaat schnellstens wiederherzustellen.

In der Zusammensetzung der Regierung wurden angesichts der Lage einige Veränderungen vorgenommen, durch die die Schlagkraft des Kabinetts verstärkt und sein Ansehen im Volke erhöht werden soll. Der