Wiesbadener Tsgblatt
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Nr. 61.
Sonntag, 3. Marz 1935.
83. Jahrgang.
Die sowjetrussische Verkehrskrise.
Der Wechsel im Verkehrskommissariat. — Kranke Lokomotiven. — Unausgenutzte Wagen.
Unglücksfälle.
as. Berlin, 2. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Zn der höheren sowjetrussischen Bürokratie hat sich, wie schon kurz gemeldet wurde, ein sehr beachtenswerter Personenwechsel vollzogen. Der bisherige Verkehrskommissar, also gewissermaßen der Der- kehrsminister, Andrejew, ist dieses Postens enthoben worden und an seine Stelle trat nunmehr der bisherige erste Gehilfe Stalins, K a g a n o w i t s ch. Diese Maßnahme bedeutet aber keineswegs die völlige Kaltstellung Andrejews, er hat vielmehr ein nicht unwichtiges Amt erhalten, und zwar den Posten des ersten Vizesekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, den Kaganowitsch bisher einnahm. Der Wechsel auf dem Posten des Verkehrsministers ist eigentlich schon seit längerer Zeit vorbereitet worden. Als nämlich auf dem Parteikongreß des vergangenen Jahres eine sehr lebhafte Kritik an Andrejew und an den Mißständen auf den russischen Bahnen geübt worden war, wurde Kaganowitsch bereits Leiter der Verkehrsabteilung des Zentralkomitees der Partei, sodaß er auf diesem Arbeitsgebiet -bereits Erfahrungen sammeln konnte. Er gilt als bedeutendes organisatorisches Talent uni) von ihm hofft man nun, daß er endlich den Mißständen auf den sowjetrussischen Eisenbahnen ein Ende bereiten und die Eisenbahnen so auf die Höhe bringen wird, daß auch der Kriegskommissar, der sich seinerzeit sehr mißbilligend über den Zustand der Eisenbahnen aussprach, mit den Leistungen der Bahnen zufrieden sein wird,
Daß die Mißstände auf den sowjetrussischen Eisenbahnen sehr groß sind, haben ja erst die verschiedenen Unglücksfälle der letzten Zeit wieder mit aller Deutlichkeit gezeigt. Ob in jedem Falle die Beamten an diesen Unfällen schuld sind, ist schwer zu sagen, nicht zu leugnen ist freilich, daß ein unglaublicher Schlendrian herrscht, und daß auch alle Versuche der Partei, „eiserne Disziplin" unter den Eisenbahnern zu schaffen und die unfähigen Beamten abzusetzen, ohne Erfolg geblieben sind. Noch zu Anfang des
Winters veröffentlichten die sowjetrussischen Zeitungen lange Klagelieder darüber, daß man sich auf den wichtigsten Eisenbahnlinien überhaupt nicht ans den Winter vorbereitet habe. Die Schneepflüge seien in Reparatur, man habe es aber auch versäumt, mit den Arbeitern und Bauern Verträge über die Beseitigung des Schnees abzuschließen. Von einer Strecke im Kaukasus wurde berichtet, daß die meisten Stationen überhaupt keine Beleuchtung besäßen, daß aber dort, wo etwa Lampen vorhatüien seien, diese nur zum allergeringsten Teil funktionierten. Nicht anders aber sieht es auch mit dem rollenden Material aus. So betrug nach den amtlichen Angaben beispielsweise die Zahl der „kranken Lokomotiven" im Jahre 1934 nicht weniger als 20,7 Prozent des gesamten Bestandes. Das heißt mit anderen Worten, daß rund ein Fünftel aller Lokomotiven im Laufedes ganzen Jahres außer Betri e b war. Noch schlechter fast ist die Ausnutzung des Wagenparks. Obwohl 27 000 Waggons neu geliefert wurden, blieb die Zahl der im Betrieb befindlichen Wagen doch stabil- Vor allem wird aber auch darüber geklagt, daß der Leerlauf der Wagen immer noch zunimmt. „Man sollte annehmen", so heißt es in einer sowjetrussischen Kritik, „daß die Waggons für den Gütertransport bestimmt sind, statt dessen laufen fast ein Drittel von ihnen leer." Das sind nur einige der häufiger erwähnten Mängel. Es kommt hinzu, daß die A u s b e ff e r u n g s w e rkst ä t t e n schlecht arbeiten und weit hinter dem zurückbleiben, was die schönen Pläne der hohen Behörden von ihnen verlangen. Außerdem will es ebensowenig gelingen, die Planzahlen für die 'Gleiserneuerungen innezuhalten. Nimmt man noch die äußerst mangelhafte Vorbildung eines großen Teils des sowjetrussischen Eisenbahnpersonals hinzu, so nimmt es nicht weiter Wunder, daß llnglücks- fälle auf den russischen Eisenbahnen an der Tagesorv- nung sind. Kaganowitsch übernimmt also kein ^sehr leichtes Amt, denn die schönsten 5- und 10-Jahrespläne nutzen nichts, wenn sie auf dem Papier stehen bleiben und in der Praxis nichts von ihren Wirkungen zu spüren ist.
Pole« für einen engWn MiniWeW in Won.
Ein Kommentar der halbamtlichen „Gazeta Polska".
Warschau, 2. März. (Eig. Drahtmeldung.) Die halbamtliche „Gazeta P o l s k a" äußert sich in ihrer heutigen Nummer in einem Kommentar zu dem Plan eines Besuches englischer Minister in Warschau. Polen, heißt es darin, nehme infolge seiner geographischen Lage im Zentrum Europas zwischen Deutschland im Westen und der Sowjetunion im Osten ein «Schlüssel st ellung ein. Aus diesem Grunde halte die britische Regierung einen Besuch in Warschau für eine wesentliche Ergänzung der Besuche in Berlin und Prag. Eine Annahme der Moskauer Einladung würde erst erfolgen, wenn eine entsprechende Erklärung bezüglich der erwarteten Einladung nach Warschau möglich wäre.
Das Blatt schreibt dazu: Verträge, die lediglich Westeuropa umfaßen, befriedigen offensichtlich die diplomatischen Kreise von Paris und London nicht. Hierin ist hauptsächlich der Grund für die geplante Reise des Vertreters der britischen Regierung zu suchen. Die erhebliche Bedeutung einer solchen Reise ist zweifellos, insbesondere angesichts des Charakters der britischen Politik, die sich durch große Objektivität und Elastizität auszeichnet. Es ist selbstverständlich, daß der Besuch eines britischen Staatsmannes von der pol
nischen Regierung gern gesehen würde, deren Beziehungen mit der britischen Regierung die allerbesten sind.
Sir John Simon am Donnerstag in Berlin.
Berlin, 2. März. (Eig. Drahtmeldung.) Die britische Regierung hat die Reichsregierung wissen lassen, daß der Besuch des britischen Staatssekretärs des Auswärtigen Simon in Berlin in der nächsten Woche stattfinden wird. Sir John Simon wird am Donnerstag, 7. März, abends, hier eintreffen. Die beiden folgenden Tage sind für die in Aussicht genommenen Besprechungen bestimmt.
Nach Moskau eingeladen.
Bestätigung durch den Sowjetbotschaster.
London, 1. März. Der Sowjetbotschaster in London hat jetzt bestätigt, baß von seiner Regierung eine förmliche Einladung an Sir John Simon ergangen ist, Moskau einen Besuch abzustatten.
Staatsminister Jung Regierungspräsident des Saargebiets.
Ernennung durch den Reichsinnenminister.
Saarbrücken, 2. März.' (Ei-g. Drahtmelduug.) Der Reichsiuuemnimster hat auf Vorschlag des Saarbevollmäch- tigteu Bürckel den hessischen Staatsmiuifter Jung zum Regierungspräsidenten des Saargebietes mit dem Sitz in Saarbrücken ernannt. Regierungspräsident Jung ist der erste Regierungspräsident des Saarlandes. Er wird sein Amt am kommenden Montag antreten. Jung war der einzige Staatsminister des Freistaates Hessen, da dort die Zahl der Minister auf einen verringert wurde. Durch die Übernahme der hesiischen Regierung durch Reichsstatthalter Sprenger war Luna für anderweitige Verwendung frei geworden.
Kemal Atatürk wieder gewählt.
Umbildung des Kabinetts.
Ankara, 1. März. Kemal Atatürk würbe am Freitag erneut zum Präsidenten Ler Republik gewählt. Die Wahl würbe von der Nationalversammlung vorgenommen. Sämtliche 3 8 6 Abgeordnete gaben ihre Stimme für Kemal ab. Nach der Wiederwahl Kemals demiffionierte bas türkische Gesamtkabinett. Der ehemalige Premierminister Ismet Znonue wurde mit der Neubildung beauftragt und legte dem Präsidenten die neue Ministerliste, die, -mit Ausnahme des Kriegsministers Kiazim Ozalp, aus Len alten Ka- binettsmitgliedern besteht, vor.
Das Gesicht der Erde.
März 1935.
In den Tagen, La bas deutsche Volk seine ins Mutterland heimgekehrten Brüder von der Saar herzlich und voll Dank für die bewiesene Treue und Opferbereitschaft wieder aufnimmt — in diesen Tagen eines ersten Vorfrühlings gehen draußen in der Welt schicksalsschwere Bewegungen vor sich. Es ist, -als ob mit der Liquidierung des Weltkrieges — denn das bedeutet ja die Rückkehr der Saar für uns — die -neue Problematik der Weltgeschichte sich in deutlicheren Zügen melden wollte.
Das 1919 fehlbestimmte Gesicht der Erde beginnt sich gleichsam zu einer gefährlichen Grimasse zu verzerren.
Die mit größten Propagandamitteln vorgenommene Verladung italienischer Truppen nach Ostafrika, die inneren Erschütterungen in der Sowjet-Änion, bie Spannungen zwischen USA. und Sowjetrußland, die bekannte Aktivität Japans, die Versuche der klugen und vorsorgenden britischen Politik, überall Entspannungen zu schaffen, die Ablehnung der entworfenen Verfassung für Indien durch die indischen Fürsten, die schweren Unruhen in Algier, dem Menschen- und Truppenreservoir Frankreichs in Nordafrika — all das sind die Anzeichen -eine sich steigernden politischen Krise, die ihre unmittelbaren Ursachen in den „Ergebnissen" des Weltkrieges hat.
Es ist bezeichnend, daß diese großen Spannun- g e n sich nicht -mehr in dem'kleinen Europa, -dieser Halbinsel am Rumpfe des asiatischen Weltteils, vollziehen, sondern daß sie sich nach Lraußenindieehemals als koloniale Sphäre betrachtete Welt verlagert haben. Bezeichnend für die Lage ist weiterhin, baß die gefährlichste aktuelle Spannung sich an dem letzten, nicht in den Kolonialimperialismus Westeuropas einbezogenen afrikanischen Staat, Abessinien, entwickelt. Was bie Situation des britischen Weltreiches anlangt, so ist es in dem gegenwärtigen Zeitpunkt wesentlich, sich einmal mit der Ansicht eines so bedeutenden und hoch anerkannten Schriftstellers -wie des Eeopolitikers, General a. D. Professor Haushofer, vertraut zu machen, der in seinem neuen Werk „W e l t p o l i t i k von heut e" darüber sagt: „Die weltpolitische Bewegungsfreiheit des früheren britischen Reiches ist nicht nur geringer, als die feines US. amerikanischen Tochterstaates und die der Sowjetbünde (in welchen beiden Staatenbünden wir durch die Machtverlagerung nach dem Kriege die stärksten, in der Verfolgung ihrer Fernziele unabhängigsten staatlichen Lebensformen erkennen), sondern sie vermag sich in der örtlichen Geltung kaum mehr zwischen dem mächtigsten Kriegsgewinnler, Frankreich, und dem westpazifischen Geltungsbereich Japans mit gleicher Außenwirkung zu halten -und bedarf Italiens nötiger, als selbst die ozeanisch ausgesetzte Mittelmeer- m-acht des britischen Rückhalts bedarf. So hat die Machtverlagerung seit dem Kriege nicht nur die gefallenen und behinderten Großmächte aus wirklicher Welt- und Großmachtstellung gestrichen, also -die einstigen europäischen Zentralmächte; sondern die hat auch das Gleichgewicht der Sowjetbünde zwar nach Asien verschoben, sie damit aber unangreifbarer, zielsicherer gemacht und wieder zur natürlichen Geltung als eines Sechstels der Landoberfläche der Erde zurückgeführt. Die reinen Kolonialmächte aber sind Gefahren ausgesetzt, die sie noch 1919, im Siegergefühl, nicht ahnten."
Soweit Haushofer. Wir hören in diesen Tagen von der schon erwähnten erneuten Spannung zwischen USA. und den Sowjets. Nachdem das Geschäft für Amerika — trotz der Versprechungen Litwinows nach der Anerkennung Sowjetrußlands durch Washington — bei weitem nicht den amerikanischen Erwartungen entsprach, ist man in USA. so erbittert, daß man am Liebsten die Anerkennung wieder rückgängig machen möchte. (Als ob damit etwas an der großen weltgeschichtlichen Lage geändert würde!) Die Prosperity-Mentalität Amerikas ober wenigstens seiner „smarten" Geschäftsleute möchte bie Weltgeschichte nach den Börsenansichten ordnen. Das ist einmal an den harten tatsächlichen Folgen des WÄt- krieges gescheitert, die sich um 1930 herum deutlicher ergaben, und es scheitert jetzt abermals an der „Reafiati- sievung" Rußlands, dessen weite Räume und große Vobenreichtümer, verbunden mit einer zahlreichen ausgepowerten und ausgehungerten „Abnehmerschaft" man schon für bie abhanden gekommene Prosperity neu eingeschaltet sah int amerikanischen Weltgeschäft. Die innere Neigung der Sowjetleute für den technischen Überschwang und Materialismus Amerikas schien diese liberalistische Entwicklung zu rechtfertigen. Schon reisten die jungen Amerikaner, Studenten und Techniker, scharenweise nach Sowjetrußland, nachdem bie offizielle bolschewistische Literatur dem Vorschub geleistet hatte. Da erwies sich aber die Gewalt der Erde, di« Schicksalsmacht des Landes und Volkes stärker: es
