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Nr. 26.

Sonntag, 27. Januar 1935.

83. Jahrgang.

Der Kampf gegen die deutsche Sprache.

Sprachchauvinismus in den baltischen Staaten. — Aus Einbund wird „Empalu".

„3n das Wald heulen die Wölfen".

as. Berlin, 26. Jan. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der Kampf gegen die deutsche Sprache wird seit geraumer Zeit von den jungen Staaten, die ihre Kultur zu einem beträchtlichen Teil den: Deutsch- lum verdanken, mit großem Eifer geführt. Fast überall dort, wo deutsche Minderheiten siedeln, geht man mit Schärfe gegen die deutsche Sprache vor. Wir erinnern nur an die zahlreichen berechtigten Klagen der Deut­schen in der Ts chechoslowakei, an die Magyari- sierung deutscher Namen in Ungarn, an den Kampf gegen die deutsche Sprache in Südtirol usw. In der letzten Zeit scheinen nun die baltischen Staaten sich an die Spitze dieser Bewegung setzen zu wollen. In Lett­land ist schon im Sommer vorigen Jahres beschlossen worden, die deutsche Sprache aus allen öffentlichen lettischen Grundschulen auszumerzen und sie durch englisch zu ersetzen, womit man offenbar die Kenntnis des Deutschen, das die Verkehrssprache des Ostens ist, endgültig unterdrücken will. Es ist auch kennzeichnend, daß in diesen Tagen das kürzlich begründete „Büro zur Förderung der Zusammenarbeit zwischen E st land, Lettland und Litauen" ganz allgemein die For­derung erhebt, daß in allen drei Staaten als erste Fremdsprache das Englische gelehrt werden soll. Der lettländische Kultusminister hat die törichte Maß­nahme seiner Zeit damit begründet, daß man sich „von dem einseitigen Einfluß der deutschen Kultur befreien" müsse. Als ob man mit solchen Maßnahmen die Tat­sache aus der Welt schaffen könnte, daß es vor mehr als 700 Jahren Deutsche gewesen sind, die dieses Land kolonisiert und mit ihrer Kultur durchtränkt haben! Neuerdings ist -man in Estland und Lettland noch einen Schritt weiter gegangen und hat nicht nur angeordnet, daß Schilder, Aufschriften, Filmtitel, Reklamezettöl usw. in der Landessprache abgefaßt sein müssen, wobei Est­land noch besonders vorschreibt, daß in allen Fällen der estnische Text orthographisch richtig geschrieben sein muß (!), sondern man verlangt jetzt auch noch, daß die Buchführung und der inländische Briefwechsel von allen Wirtschaftsbetrieben, die zur öffentlichen Rechnungs­ablegung gezwungen sind, sowie von allen privaten

Lehranstalten, Heilanstalten, Theatern und Stiftungen nur noch in der Landessprache geführt wird. Daß durch eine solche Maßnahme naturgemäß zahlreiche deutsche Beamte und Angestellte in Mitleidenschaft gezogen wer­den, liegt auf der Hand. In Estland — aus Lettland liegen derartige Meldungen noch nicht vor — will man nun aber auch, nachdem man bereits die deutschen Orts­bezeichnungen beseitigt hat, auch den deutschen Familien­namen zu Leibe gehen. So hat beispielsweise der estnische Ministerpräsident seinen deutsch klingenden Namen (!) Einbund in Empalu umgeändert, nach der Benennung seines väterlichen Bauernhofes. Solch Bei­spiel macht natürlich Schule und so wird denn auch ge­meldet, daß bereits 32 Offiziere mit dem Chef der 2. Division, Oberst Trankmann an der Spitze, um eine Änderung ihrer Namen eingekommen, sind. Und das alles in einem Lande, das wenig über 1,1 Million Ein­wohner zählt. Daß man in Litauen sich nicht von den Esten übertrumpfen lasten will, braucht wohl kaum be­sonders betont zu werden. Ganz besonders hat man es auf das deutsche Memel abgesehen. Auch hier hat man, um nur ein Beispiel herauszugreisen, deutsche Filmtitel verboten. So erregt es natürlich immer einige Heiter­keit, wenn in den Memeler Kinos auf der Leinwand Namen erscheinen wie Conradas Veidtas, Lilas Dalgo- veris usw. Schlimmer aber ist, daß man auch hier ver­sucht, das Deutsche aus den Schulen ganz zu verdrängen. Wo das nicht möglich ist, aber erlebt man, daß litauische Kräfte in diesem Unterricht beschäftigt werden. Dann kommen solche Glanzleistungen zustande wie die der -Lehrerin Birute Zmgaitite, die u. a. im Unterricht Sätze von sich gab, wie „In das Wald heulen die Wölfen", „Hol' mich das Buch mal" u. dergl. In einer anderen Schule aber versuchte der Lehrer die Kinder durch Gewalt zu zwingen, daß sie seine litauisch ge­stellten Fragen beantworteten, worauf sich dann eine regelrechte Keilerei zwischen den Kindern und denk Lehrer entwickelte, was nach litauischer Ansicht sicherlich eine prachtvolle Erziehung ist. Das ist aber nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus der LitLuisierungspolitik. Dieser ganze Kampf gegen die deutsche Sprache ist eines der trübsten Kapitel aus der Geschichte der jungen Randstaaten, die ohne die deutsche Kultur überhaupt gar nicht denkbar sind.

Sir John Simon fährt im Februar nach Paris.

Loudon, 26. Jan. Staatssekretär des Äußern, Sir John Simon, wird, wie der diplomatische Korrespon­dent des „Daily Heräld" meldet, am 8. Februar n a ch P a r i s j a h r e n, um an dem Festesten der briti­schen Handelskammer in Paris teilzunehmen. Der Be­such habe keine besondere Bedeutung, aber selbstver­ständlich werde sich dabei eine Gelegenheit zu weiteren Besprechungen Simons mit dem Ministerpräsidenten F l a n d i n und dem Außenminister Laval ergeben, die bekanntlich am 1. und 2. Februar zu Verhandlungen mit der englischen Regierung in London weilen.

Al WÄ für die WtiglU Der WWWliillkUlW ist nunbiehr gekommen.

Londoner Besuch nicht mehr erhoffen, als eine Unter­stützung allgemeiner Art für die ost- und mittel­europäischen Pakte."

Sir Edward Grigg hatte in seiner Oxforder Rede u. a. erklärt: England solle einen entschiedeneren Kurs in der Sicherung Westeuropas gegen einen Krieg ein­schlagen. Die Schwächen des Locarno-Paktes könnten in drei Punkten zusammengefaßt werden:

Der erste Punkt seien die Zweifel über die mili­tärische Fähigkeit Englands, eine wirkungsvolle Hilfe gegen irgendeine Macht zu leisten, die den Pakt verletzte.

An zweiter Stelle stehe die Unsicherheit über das Arbeiten der Maschinerie, durch die das Vorgehen gegen einen Angreiferstaat bestimmt werde.

Der dritte und schwerste Mangel bestehe darin, daß die britischen Dominien nicht zu den Unterzeichner­staaten des Locarno-Paktes gehörten und sich daher von jedem Vorgehen fernhalten müßten, zu dem England sich nach «dem Pakt gezwungen fühle.

Bemerkenswerter Artikel der „Times". ,

London, 26. Jan. Die „Times" fetzt sich heute in einem bemerkenswerten Leitartikel, der an eine Rede des konservativen Abgeordneten Sir Edward Grigg in Oxford anknüpft, für eine energische Initiative der englischen Regierung bei den bevorstehen­den internationalen Verhandlungen und besonders in der Rüstungs- und Gleichberechtigungsfrage ein.

„Die deutsche Wiederaufrüstung, so schreibt die „Times", ist der Mittelpunkt der euro­päischen Politik und di« deutsche Gleichberech­tigung innerhalb eines Systems der Sicherheit ist der Grundsatz, der von allen angenommen worden ist. Der Augenblick für die Beseitigung, der Deutschland, Österreich, Ungarn und Bulgarien auf- erlegten R ü st u n g s b e s chr ä n k u n gen und deren Austausch gegen ein allgemeines System der Rüstungs­begrenzung ist gekommen. Es war nicht beabsich­tigt, daß die durch die Friedensverträge aufevlegten Be­schränkungen ewig einseitig bleiben sollten. Bevor die Gleichberechtigung nicht praktisch anerkannt ist, ist ein festes internationales System unwahrscheinlich.

Das Blatt fordert eine weitere Ausdehnung des Locarno-Vertrages, der der Angelpunkt der englischen Außenpolitik sei. Eine neue Bekräfti­gung des Locarno-Paktes im Hinblick auf den Luft­krieg, solle endgültig die Möglichkeit beseitigen, daß irgend ein Land in überstürzter Weise als erster einen Nachbarstaat aus der Luft bombardiert. Keine Nation dürfe darüber im Zweifel gelosten werden, daß der Locarno-Vertrag auch auf den Luftkrieg anwendbar sei. Fs bestehen jedoch", so jährt „Times" fort, „eindeutige Grenzen für die Verantwort­lichkeiten, die England übernehmen kann. Von keinem Land darf erwartet werden, daß es tatsächliche mili­tärische Verpflichtungen in einem Falle übernimmt in dem fein« eigenen Interessen nicht berührt weiden. Man darf hoffen, daß Flandin und Laval 5ei ihrem

Vertrag zwischen Soldaten.

Ein Jahr deutsch-polnischer Freundschaftsvertrag.

Heute noch, ein Jahr, nachdem am 26. Januar 1934 die Welt von der Nachricht vom Abschluß eines deutsch- polnischen Freundschaftsabkommens völlig überrascht wurde, vermag sich Europa nicht endgültig mit dieser Tatsache abzufinden. So tiefgreifend wirkten sich die Folgen eines Abkommens aus, auf dessen Nichtzustande­kommen sehr starke und schwerwiegende politische Kal­kulationen ausgebaut worden waren. Wenn wir — wie es vor allem zuletzt in Genf sichtbar wurde — uns heute inmitten eines allgemeinen Aufbruchs, einer Lockerung aller alten Bündnissysteme befinden, dann ist dies nicht zuletzt auf dieses Abkommen zurückzu­führen, dessen Abschluß unzweifelhaft der e r st e große außenpolitische Erfolg des nationalsozialisti­schen Deutschlands einerseits und des Marschalls Pilsudski und seines Außenministers Beck anderer­seits war.

Marschall Pilsudsk i, den eine revolutionäre Tätigkeit zur Befreiung seines Vaterlandes Jahr­zehnte hindurch gelehrt hatte, weiterzublicken und in­tensiver zu kombinieren als es Staatsmänner vielleicht normaler Weise tun müssen, hat unzweifelhaft früher als die Staatsmänner bei anderen europäischen Staaten die Tatsache der Wiedererstarkung des nationalsozialisti­schen Deutschlands in seiner vollen Tragweite real­politisch in Rechnung gestellt. Er sah sich in Deutschland einem Führer gegenüber, besten Minderheitenauffassung einen vollkommenen Bruch mit dem „Erbfeindgedanken" darstellte. Zum erstenmal waren in Deutschland die Voraussetzungen geschaffen worden für eine großzügige, von allen innenpolitischen Hemmungen freie Politik, die ebenso wie die Polens von einer unbedingt autori­tären Stellung aus geführt werden konnte. Hitler wie Pilsudski sind Revolutionäre, Soldaten und Kämpfer für eine Idee der nationalen Erneuerung. Vielleicht war es nicht zuletzt dieses Gemeinsame im Schicksal und in der Aufgabe, das mit dazu half, das Werk der An­näherung der beiden Völker zu vollenden.

Das letzte Jahr sah auf Leiden Seiten erfolgreiche Bestrebungen, die tiefe Kluft auszufüllen, die in 16 langen Jahren ununterbrochener Kampfstellung der beiden Völker gegeneinander aufgerissen worden war. Dr. Goebbels sprach in Warschau. Polnische Profestoren wurden in Berlin gefeiert. Die Journalisten beider Länder besuchten sich gegenseitig und entfesselten einen Pressefeldzug zur Förderung des gegenseitigen Ver- ständnistes. Es erschienen auf deutscher wie auf pol­nischer Seite Bücher, die sich um die Erfassung der neuen Lage in beiden Ländern bemühten. Sonderzüge aus Posen trafen in Berlin ein. Deutsche Züge fuhren nach Krakau. Schließlich gelang es, nach neunjährigem Handelskrieg zwischen beiden Ländern ein Handels­abkommen zu) schließen, das zwar noch keine restlose Be­seitigung der überhöhten Zollmauern mit sich gebracht hat, aber doch zusammen mit dem später abgeschlossenen Kompensaitonsabkommen einen erheblichen Schritt vor­wärts in der wirtschaftlichen Annäherung der beiden Länder bedeutet.

Wenn wir auch nicht die Augen verschließen wollen vor so manchen Mißverständnissen, denen das aufrich­tige Bestreben der Warschauer Behörden in den ehemals deutschen Teilen Polens, vor allem bei Behörden und Verbänden, bis jetzt leider immer noch begegnete, so müssen wir doch feststellen, daß die Auswirkungen des Vertrages nicht nur den gehegten Erwartungen ent­sprachen, sondern darüber hinaus noch eine Festigung des deutsch-polnischen Verhältnisses zeitigten, die ein wertvolles Aktivum in der außenpolitischen Bilanz beider Länder darstellt. Man hofft deutscher­seits dringend auf eine Ausräumung jener unnützen Reibungen, Die wir erst jüngst in Ostoberschlesien und im Zuge der polnischen Agrarreform auch in Posen und Westpreußen erlebten, Deutschland hat sich, entsprechend dem Gelöbnis des Führers, niemals den Versuch zu machen, fremdes Volkstum gewaltsam zu assimilieren, vorbildlich der polnischen Minderheit angenommen. Klagen von polnischer Seite sind darüber niemals laut geworden.

Es hat in den letzten Monaten nicht an Versuchun­gen aller Art gefehlt, Polen von seiner selbständigen Außenpolitik wieder zurück in den Bannkreis der fran­zösischen Bündnissysteme zu bringen. Marschall Pil­sudski und sein Außenminister haben sich mit außer­ordentlich taktischem Geschick aller neuen Hoirats- anträgen zu erwehren verstanden. Im Gegenteil: Der polnische Außenminister hat in einer geräuschlosen, aber desto intensiveren Arbeit ausgezeichnete Verbindungen nach allen den Seiten ausgenommen, die noch nicht zu stark gegen die bestehenden Bündnissysteme eingereiht waren. Der ungarische Freundschaftsbund, die ange­knüpften Beziehungen zu Italien, die gegenseitigen Be­suche mit den baltischen Staaten und die jüngste Staats-