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Nr. 21.

Dienstag, 22. Januar 1935.

83. Jahrgang.

Im Palt-Labyrinth.

Nach der Genfer Tagung. — Zuerst der Ostpakt. — Englische Offenherzigkeit.

„Friedenssicherung."

«8. Sterfin, 22. Jan. (Drahtbericht unserer Berliner AbteilllLL > Die internationale Presse beschäftigt sich auch, nachdem die Staatsmänner Genf wieder verlassen haben, eingehend mit dem Paktprogramm, wobei es nicht an Versuchen fehlt, uns diese Pakte in irgend einer Form schmackhaft zu machen. Im ganzen be­stätigen freilich alle diese Erörterungen nur den Ein­druck, daß man in den Genfer Hotel- zimmerbesprechulngen nicht weiter ge­kommen ist. Laval hat freilich keineswegs mehr freie Hand in dieser Frage, vielmehr hat Herr Litwi­now seinen Wechsel vom 5. Dezember präsentiert, d. h., er hat auf das bekannte Proto­koll verwiesen, in dem sich Frankreich und Sowjet­rußland — später schloß sich die Tschechoslowakei an — verpflichtete, keine Verträge zu unterzeichnen, ehe nicht der Ostpakt abgeschlossen ist. Die Beweggründe des Herrn Litwinow sind leicht zu durchschauen. Er fürchtet nicht mit Unrecht, daß ein Frankreich, das sich gut mit England steht, das sich weiterhin mit Italien angesreundet hat und das den mitteleuropä­ischen Pakt in der Tasche hätte, ein sehr viel geringeres Interesse an Sowjetrußland hat als ein Frankreich, dem diese Stützen fehlen. Es ist Herrn Litwinow ge­lungen, den Balkanbund und die Kleine Entente als Vorspann zu verwenden. Dort fürchtet man nämlich, daß Italien nach dem Abschluß des Mitteleuropapaktes sein Interesse in nicht gerade sehr erfreulicher Werse der Türkei und dem Balkan zuwenden könnte. Und so macht man sich auch hier die Forderung zu eigen, daß erst einmal der Ostpakt unter Dach und Fach gebracht werden muß, ehe man über den Mitteleuropapakt weiter verhan­deln kann. Nun hält aber Polen seine Bedenken gegen den Ostpakt aufrecht. Aber auch Polen glaubt man schließlich gewinnen zu können, wenn erst einmal Deutschland sich zum Beitritt entschließen würde. Aus diesem Grunde setzt von England her ein neuer Druck auf Deutschland ein, von dem gleichen England, das garnicht daran denkt, selbst den Ostpakt zu unterzeichnen. In schöner Offenheit erklärt die eng­lische Presse, daß sich eben, wenn wir den Ostpakt nicht unterzeichnen würden, dieser Ostpakt gegen Deutschland

richten werde. Damit wird aber wieder einmal die deutsche Auffassung bestätigt, daß diePakteFrank- reichs so konstruiert sind, daß sie steis gegen Deutschland gerichtet werden können, auch wenn ihnen Deutschland beitreten würde. Zugleich aber hört man von Laval, er habe in Genf Rußland, der Kleinen Entente und dem Balkan- bund gegenüber versprochen, daß er über keine Frage, auch nicht über die Rüstungsbeschränkung, verhandeln werde, ehe nicht Deutschland dem Paktsystem zugestimmt habe. Da nun aber die Engländer aus dem Ruhe­bedürfnis des Weltreiches heraus das allergrößte In­teresse an den Rüstungsbeschränkungen haben und da­mit an den Rüstungsgesprächen, so versucht man e b e n D e u t s ch l a n d u n t e r Druck z u s e tz e n. Sein eigenes schlechtes Gewissen beruhigt London da­durch, daß es Nachrichten in die Welt setzt, nach denen Deutschland nach dem großen Saarsieg alle möglichen Absichten gegen Memel, Österreich, Eupen-Malmedy und so weiter habe, Nachrichten, -die absolut unsinnig sind. Die ganze Taktik der englischen Presse zeigt, daß London hinter Paris steht und die französische These vertritt, d. h. in diesem Falle -die Pakte, denen „vielleicht" Rüstungsbeschränkungen folgen könnten.

Die deutsche Politik wird sich durch solche Manöver nicht beeinträchtigen lassen. Was wir von den Pakten halten, das hat der Führer erst unlängst in einem Interview sehr klar ausge­sprochen. Er hat betont, daß wir keine Verpflichtungen eing^en werden, deren Folgen sich nicht ganz klar Übersehen lassen und er hat weiterhin unterstrichen, daß, wenn wir schon aus eigenem Willen keinen Krieg zu führen beabsichtigen, dann noch viel weniger für fremde Interessen. Wohin aber das ganze Paktsystem führen muß, das hat sehr gut die französische Zeitung „Jour" auseinan-dergosetzt, als sie schrieb, daß im Falle des geringsten Alarms, z. B. am Bosporus oder sonst irgendwo in Europa, alle Unterzeichnermächte, -d. h. ganz Europa, marschieren müsse. Man versucht also nicht mehr, den Brand auf seinen Herd zu beschränken, sondern ihn möglichst gleichzeitig an allen Stellen in Europa zum Ausbruch zu bringen, „um die Brand­stifter abzuschrecken!" Besser kann man in der Tat diese Paktpolitik der sogenannten Friedenssicherung kaum kennzeichnen.

Entspannung im Fernen Osten.

Verlauf der chinesischen Ostbahn.

Zugeständnisse der Sowjet-Union.

Tokio, 22. Jan. (Eig. Drahtmeldung.) Nach einer Ver­handlungsdauer von 19 Monaten, während der 40 Hauptbe­sprechungen stattfanden, wurden am Dienstagvormittag die Verhandlungen über den Verkauf der chine- sischenOstbahnendlichzumAbschlußgebracht.

Die japanische Presse nimmt zu diesem Ereignis ausführ­lich Stellung und erkennt die Z u g e st ä n d n i s s e der Sowjetunion, die alle japanischen Vorschläge angenom­men habe, vorbehaltlos an. Sowjetrußland habe mit dem Verkauf der Bahn seine imperialistischen Zielein Ostasien aujgegeben.

Der zum Abschluß gelangte Vorvertrag enthält alle Ein­zelheiten des Übergangs der Bahn an Mandschukuo. Danach tritt die Sowjetunion folgende Werte-ab: 1726 Kilometer Bahnstrecke, 2567 Kilometer Telegraphen- und Telephon­linien, das gesamte Vahnmatettal, Fabrikanlagen und um­fangreichen Besitz an Ländereien und Wald. Der Gesamt- preis beträgt, wie bereits im Oktober v. I. grundsätzlich vereinbart, 170 Millionen Pen. Ein Drittel dieses Betrages ist in bar zu zahlen, die restlichen zwei Drittel in Waren. Die Zahlungen haben innerhalb von drei Jahren zu erfolgen. Die Hälfte des Barpreises ist bei Unterzeichnung des Vertrages fällig. Der Restbetrag mutz mit 3 v. H. ver­zinst werden. Über die an Zahlungsstatt zu liefernden Waren werden im Laufe der nächsten sechs Monate besondere Ver­träge abgeschlossen werden. Japan übernimmt die Bürgschaft für alle Zahlungen und wird hierüber eine besondere schriftliche Erklärung an Moskau abgeben. Die Preisfestsetzung für die zu liefernden Waren wird durch eine gemischte Kommission erfolgen.

Die chinesische Ostbahn, oder wie sie von japanisch­mandschurischer Seite jetzt bezeichnet wird, die nordmandschu­rische Bahn, wird mit der Üssuribahn und der sibirischen Bahn verbunden werden. Hierüber folgt ein besonderer Ver­trag. Die bei der Bahn beschäftigten sowjetrussischen Beamten müssen innerhalb von fünf Monaten nach der Sowjetunion zurückkehren. Vergü­tungen und Pensionen für diese Beamten werden von der Sowjetunion bezahlt.

Der Hauptvertrag über den Bahnverkauf soll im Februar in Tokio unterzeichnet werden. Japan beabsichtigt, gemein­sam mit Mandschukuo die gesamte Bahnverwaltung neu zu ordnen. _____________

Japan zu einer endgültigen Verständigung mit China bereit.

Tokio, 22. Jan. (Eig. Drahtmeldung.) Der chine­sische Gesandte in Tokio suchte am Montag Autzen- minister H i r o t a auf und hatte mit ihm eine längere Aus­sprache über die Beziehungen beider Länder. Dabei erklärte Hirota, datz Japan zu einer endgültigen Ver- ständigung mit China bereit sei und datz er diese Absicht in feiner Regierungserklärung zum Ausdruck bringen werde.

Wie „Nitschi-Nitschi" meldet, wird der japanische Gesandte in China Ariyoschi demnächst zu­rücktreten. Als Nachfolger werden der jetzt auf Reisen befindliche frühere Botschafter P o s ch i d a, der Botschafter Arita in Brüssel oder Botschaftsrat T a n i von der japa­nischen Botschaft in Hsinking genannt. Poschida hat aller­dings die meisten Aussichten.

Eingeborene ermorden 47 Franzosen.

Ein Raubzug von Stämmen aus dem abessinischen Grenzgebiet.

Paris, 21. Jan. Haoas berichtet aus D -s ch i b u t t i (Französisch-Somaliland), daß ein französischer Ad m i n i str -ato r, 18 Mitglieder der fran­zösischen Miliz und 2 8 Somalileute aus französischem Gebiet bei einem Raubzug von Stämmen aus dem abessinischen Grenzgebiet ermordet worden sind.

Der Albdruck der Koalitionen.

In den achtziger Jahren sagte der russische Botschafter von Giers einmal zu unserem Altreichskanzler, datz er stets einen Albdruck vor Koalitionen auf sich lasten fühle. (Vous avez le cauchemar des coalitions!) Der Mann, den die Mit­welt und Nachwelt als den größten Realisten der Diplomatie des Jahrhunderts anerkannt hat und der nach dem Berliner Kongreß mit Recht von sich sagen durfte, daß er Europa vierelang vom hohen Vock kutschieren könne, der Mann scheute sich nicht, diese Feststellungen seines russischen Kollegen anzu­erkennen. Da wird man es dem verantwortlichen Führer des neuen Deutschland, das sich mit herkulischen Anstrengungen aus den Fesseln von Versailles zu befreien suchen muß, gewiß nicht als Ängstlichkeit anrechnen dürfen, wenn er den jetzt wieder im Vordergrund stehenden Paktbestrebungen mit großem Mißtrauen und mit Sorge gegenüber tritt.

Die französische Politik steht zwar auch dauernd im Zeichen des „cauchemar des coalitions", aber in einem ganz anderen Sinne als es bei Bismarck und bei dem heutigen Deutschland der Fall ist. Frankreich sucht immer neue Bünd­nisse und Pakte, um ein vernichtendes Einkreifungs- und Sicherheitssystem aufzurichten und auf dessen Grundlage die europäische Vorherrschaft unerschütterlich zu begründen. So gerne wir dem französischen Außenminister Laval zutrauen möchten, daß ihm die gewaltige Dynamik in der jüngsten Ent­wicklung Europas etwas ins Bewußtsein gedrungen ist, datz er es ahnt, dag sich so etwas wie eine neue geologische Schicht, um wieder an ein Bild Bismarcks anzuknüpfen, auf der alten politischen Ebene Europas abzusetzen beginnt, so wenig sprechen doch seine letzten diplomatischen Bemühungen in Eens davon, datz er sich im Sinne dieser Erkenntnisse des .Drängens der ewig Gestrigen in Paris schon dauernd erfolg­reich zu erwehren vermöchte.

Im Vordergrund der französischen Bemühungen — wenigstens soweit sie sichtbar werden — steht heute der O st - pakt. Es ist durchaus denkbar, daß Laval in diesem Falle nicht mehr ganz mit dem Herzen bei der Sache ist. Es han­delt sich ja hier um die Einlösung eines Wechsels, der im ver­gangenen Frühjahr der Sowjetunion ausgestellt wurde und der in den Besprechungen zwischen Barthon und Litwinow noch einmal bestätigt wurde. Inzwischen haben sich die Dinge im Zusammenhang mit der italienisch-französischen An­näherung und mit der nach dem 13. und 17.. Januar tatsäch­lich geschaffenen Möglichkeiten einer deutsch-französischen Ver­ständigung doch erheblich geändert. Bezeichnend dafür war, datz gerade in einflußreichen Pariser Zeitungen besonders Herbe, ja geradezu Hohnvolle Kritik an der Genfer Rede Litwinows zum Ausdruck gebracht wurde. In den jüngeren und aufgeschlossenen Köpfen des politischen Frankreich ist die Erkenntnis sichtlich im Wachsen begriffen, datz sich die Politik ihres Landes mit ihren besten Kräften in der dauernden Verknüpfung mit fremden Interessen feit langen Zeiten ver­zehrt hat und datz die erprobtesten Mittel der alten Schule nicht ausreichen, um ein Lberkonstruiertes System dauernd funktionsfähig zu erhalten.

Nun aber zeigt sich wieder, wie recht vor Jahrzehnten der Engländer Salisbury hatte, als er im Hinblick auf eine Entente mit Rußland sagte „Wer gemeinsam mit dem Teufel itzt, muß einen langen Löffel haben". Das wird Herrn Laval nun jeden Tag recht peinlich in Erinnerung gebracht. So­bald sich die französisch-italienische Annäherung in ihren Grundrissen abzuzeichnen begann, wurde die russische Diplo­matie im europäischen Südosten besonders aktiv, und sie fand dort — sobald sich die Spitze gegen Italien wandte — selbst­verständlich ein sehr dankbares Feld. Heute sieht sich Frank­reich der Forderung der Kleinen Entente gegenüber, daß zu­nächst einmal der Ostpakt oder, wenn das sich nicht als mög­lich erweisen sollte, ein französisch-russischer Vertrag mit der Garantie dauernder Zusammenarbeit unter Dach und Fach gebracht werden müsse, ehe von einem Beitritt der Kleinen Entente zu dem mittel- und südosteuropäischen Nichtein­mischungspakt die Rede sein könne. Aus dieser Lage ist die beschleunigte Überreichung der Ostpaktnote an Deutschland und sind die lebhaften Konferenzen Lavals mit dem pol­nischen Außenminister Beck in Genf abzuleiten. Die Aus­sichten auf ein Gelingen des französischen Planes werden immer geringer, nachdem sich die Russen in ihrer steigenden Nervosität dazu verleiten ließen, bje Katze aus dein Sack zu lassen. Es ist jetzt kein Zweifel mehr, daß der Ostpakt von den Russen als die Organisation einermilitärischen Zusammenarbeit gegen einen eventuellen Angreifer gedacht ist, und man erinnert sich in diesem Zusammenhang daran, datz Litwinow schon vor längerem in den Abrüstungs­verhandlungen besonderen Wert darauf legte, daß seine Definition des Angreifers allgemein anerkannt würde. Die Aussichten für Frankreich' Deutschland und Polen für den Abschluß des Ostpaktes zu gewinnen, werden natürlich durch solche Ungeschicklichkeiten nicht gebessert.

Laval merkt es aber auch an allen übrigen Ecken und Kanten, daß er mit dem Teufel vor einer Suppenschüssel fitzt. So stießen dieser Tage die Bemühungen der Großmächte, den abessinisch-italienWen Streitfall von der Tagesordnung ab­zusetzen, auf den Widerstand des türkischen Ratspräsidenten. Der türkische Verbündete Rußlands arbeitet natürlich in höherem Auftrag im Sinne eines Drucks auf Italien, um durch Unterstütziinq Abessiniens zu erreichen, daß Italien sich mit der Zurückstellung der Donaupattverhandlungen hinter die Ostpattverhandlungen einverstanden erklärt. Hier sieht man wirklich wieder einmal, wie lang und wie biegsam der Löffel des Teufels ist. Er reicht um die entferntesten Ecken (Abessinien!) herum immer doch noch an den Suppentopf (diesmal den Ostpakt).

Von beute auf morgen kann Laval das Testament V a r t h o u s natürlich nicht ausschlagen. Wir werden uns darauf gefaßt machen, daß die Gewährung der militärischen