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83. Jahrgang.

Freitag, 11. Januar 1935.

Nr. io.

Eine abgelehnte Einladung.

England sähe Deutschland gern in Genf. — Gegen die Verzögerung der Rückgliederung.

Der Stirn der englischen Einladung.

as. Berlin. 11. Jan. (Drahtbericht unserer Berliner Ab­teilung.) Der englische Botschafter in Berlin hat gestern an den Reichsauhenminister die Aufforde­rung gerichtet, Deutschland möge sich an der Ratstagung beteiligen, die die Entschei­dung über das Saaraebiet auf Grund des Ab­stimmungsergebnisses zu fällen hat. Reichs- allhenminister Freiherr von Neurath hat diesen in freundschaftlichem Geiste gemachten Vorschlag höflich, aber bestimmt abgelehnt. Man rann eigentlich auch in Eng­land keine andere Antwort erwartet haben, denn die deutsche Politik Genf gegenüber ist absolut gradlinig. Deutschland hat im Oktober 1933 den Völkerbund verlassen wegen der ..bewußten Verweigerung einer wirklichen moralischen und sachlichen Gleichberechtigung". Diese Gleichberechtigung aber ist Deutschland auch in. der Zwischenzeit nicht zuteil ge­worden, es konnte deshalb garnicht in Frage kommen, daß Deutschland jetzt einen Sonderfall konstituiert und von seiner bisherigen Politik abweicht. Dazu liegt auch kein Anlatz vor, da es sich in G e n f u m e i n e r e i n f o r m a l e E n t - scheidung handelt, für die wir dem Völker­bundsrat die Verantwortung nicht abneh­menkönnen. Niemals dagegen hat Deutschland eine rein sachliche Mitarbeit an der Lösung der Saarfrage abgelehnt. Es sei in diesem Zusammen­hang nur an die Verhandlungen des sogenannten Dreier­ausschusses erinnert, die auherhalb des Volkerbundsrahmens und außerhalb der Genfer Atmosphäre-bekanntlich sehr er­freuliche Ergebnisse zeitigte. So ist Deutschland selbst­verständlich auch weiterhin bereit, bei allen praktischen Fragen mit zu arbeit en, welche die Überleitung des Saargebietes unter die deutsche Staats­hoheit betreffen.

Reichsaußenminister Freiherr von Neurath hat die Unterhaltung mit dem englischen Botschafter benutzt, um auf die ernsten Bedenken hinzuweisen, die gegen jede Verzögerung der Entscheidung über das Saargebiet sprechen. Zweifellos sind in Genf gewisse Ten­denzen vorhanden, unter irgendeinem Vorwand die sofortige Entscheidung zu verschieben. Solchen Bestrebungen ist jetzt die Reichsregierung nochmals mit allem Nachdruck entgegen­getreten. Deutschland verlangt eine sofortige klare E n t s ch e i d u n g, die gar kernen anderen Sinn hat als die formale Bestätigung des Abstimmungsergebnisses.

Man wird die englische Einladung an die deutsche Adresse aber wohl noch in einem anderen Lichte sehen müssen. Die Engländer find seit langem bemüht, uns nach Genf zurückzubringen. Die Saarfrage schien ihnen ganz offenbar als ein Mittel, um Deutschland nach Gens zu bringen, wobei sie wohl in erster Linie an die Behandlung der Äbrüstungsfrage gedacht haben. Würden wir in Genf erscheinen, so "würde man die Welt glauben machen können, datz wir uns nunmehr gleichberechtigt fühlen und man würde dann den für London etwas peinlichen Eindruck vermeiden, als handele es sich bei den jetzigen Rüstungserörterungen um den Versuch eines Druckes auf Deutschland oder um eine Majorisierung. Man sähe eben in London wieder einmal gern eine deutsche Vorleistung, näm­

lich den Gang nach Genf, von dem man sich eine Erleichte­rung der Rüstungserörterungen verspräche. In diesem Zu­sammenhang wird man also die englische Einladung be­trachten müssen, und man wird auf diese Dinge verweisen müssen, wenn Mißdeutungen der deutschen Antwort in der englischen Presie erfolgen.

Die amtliche Mitteilung.

Berlin, 10. Jan. Der englische Botschafter, Sir Eric P h i p p s, hat heute den Reichsminister des Auswär­tigen, Freiherrn von Neurath, aufgesucht und angeregt, datz Deutschland als Ratsm.itglied an der be­vorstehenden außerordentlichen Rats­tagung des Völkerbundes teilnehme, auf der die Entschließungen über das Saargebiet auf Grund der Ergebnisse der Abstimmung gefaßt werden sollen.

Der Reichsminister hat den Botschafter wisien lasten, datz die Reichsregierung, nachdem sie ihren Austritt aus dem Völkerbund erklärt habe, sich aus grundsätzlichenEr- wägungen nicht in der Lage sehe, dieser An­regung Folge zu geben.

Gleichzeitig wurde der englische Botschafter darauf hin­gewiesen, datz Nachrichten hier vorliegen, wonach die end­gültige Entscheidung über das Schicksal des Saar­gebietes erst in einer späteren Ratstagung er­folgen sollte, datz aber nach Auffassung der Reichsregierung ernste Bedenken dagegen bestünden, die Entscheidung über das Schicksal des Saargebieres hinauszuzögern, da es insbesondere für die saarländische Wirtschaft schwerwiegende Schädigungen mit sich brächte, wenn der ungesunde Zwischenzustand mit all seinen Unsicher- heitsfaktoren über das Matz des dringend Notwendigen hin­aus verlängert würde.

Die „Times" zeigt Verständnis.

London, 11. Jan. Die Blätter bringen die deutsche Mit­teilung über den Besuch des britischen Botschafters beim Reichsautzenminister. Während „Daily Telegraph" in einem Leitaussatz das deutsche Verhalten bedauert, bezeichnet derBerlinerVertreterder „Times" die Ant- wortals unvermeidlich. Er gibt zu, datz e i n e s o völlige Umkehr der deutschen Politik, wie sie in einer Entsendung eines Vertreters nach Genf zum Aus­druck kommen würde, gegenwärtig nicht in Be­tracht komme. Deutschland habe immer wieder erklärt, datz es eine Rückkehr nach Genf nicht erwägen werde, solange sein Recht auf praktische Rüstungsgleichheit nicht anerkannt sei. Übrigens sei der Weggang von Genf nicht nur mit der Rüstungsfrage, sondern auch mit dem jetzigen Völkerbunds­system begründet worden.

Ami he WelNW foriwt hie DeWige Dienstzeit.

Die angeblichen Mängel der jetzigen Heeresorganisation.

Paris, 11. Jan. Die Erfordernisse der Landesverteidi­gung machen nach Anficht des Generals de Castelneau die Einführung der zweijährigen Dienstzeit unerlätzlich. In einem längeren Artikel im „Echo de Paris" entwickelt de Castelneau die bekannten Gedankengänge der militaristischen Kreise Frankreichs. Er geht seibstverständlich von der „fieberhaften Aufrüstung Deutschlands" (!) und den angeblichen Mängeln der jetzigen Heeresorgani­sation Frankreichs aus und kommt zu folgendem Schluß: Das französische Heer mutz heute ständig über Einheiten verfügen, die auf Grund ihrer Ausbildung und ihres tak­tischen Wertes schnell mobil gemacht, in die Kampfzone be­fördert und eingesetzt werden können. Die einjährige Dienst­zeit macht die Erfüllung dieser Bedingungen unmöglich. Ge­wiß besteht die Stärke des Heeres in den Reserven, aber nur unter der Bedingung, datz di« Reservisten vorher hinreichend ausgebildet worben sind. Bei der einjährigen Dienstzeit aber kann man keine ausgebildeten Reserven schaffen. Man «nutz also auf dir Grundgedanken, die für das jetzige Mili- täneghne maßgebend waren, verzichten. Sie find bei der gegenwärtigen Lage Europas unvereinbar mit der Ver- teÄigungspblitik Frankreichs. Somit kommen wir vor allem am Vorabend der rekrutenarmen Jahre zur Verlänge­rung der aktiven Dienstzeit. Natürlich muß sie den wirt­schaftlichen Möglichkeiten der Nation angepaßt sein. Die zweijährige Dienstzeit entspricht einerseits den unumgäng lichen Notwendigkeiten und andererseits wird sie den ele­mentaren Einheiten (Kompanie, Schwadron, Batterie usw.) die Mr ihren Bestand, ihre Ausbildung, ihren taktischen

Wert und ihre schnelle Mobilisierung notwendigen Effektiv­bestände geben. General de Castelneau fordert die Regie­rung zur Stellungnahme auf.

General Gamelin voraussichtlich Nachfolger Weygands.

Paris, 11. Jan. Am 23. Januar erreicht der französische Generalissimus Weygand die Altersgrenze. Entgegen anderslautenden Gerüchten bezeichnet das „Petit Journal" es als sicher, daß General Weygand endgültig in den Ruhe­stand treten und sein Nachfolger der jetzige Generalstabschef Gamelin sein wird.

Die amerikanische Währungspolitik.

Die Regierung Roosevelt betrachtet die Dollarftabilifierung als Ziel.

New York, 10. Jan. Im Zusammenhang mit dem Prozeß um die Gültigkeit der Goldklausel haben New Porter Zeitungen Umfragen in Washingtoner Regierungs­kreisen über die künftige Währungspolitik der amerikanischen Regierung angestellt. "Das Ergebnis ist, datz die Regie­rung vorläufigzwar noch nicht bereit ist, die Führung in der Frage der Stabilisierung des Dollars zu übernehmen, aber die Stabilisierung als-ein Ziel an­sieht, das schließlich doch angefteuert werden mäste. Sie werde daher alle Entwicklungen in dieser Richtung aufmerksam ver­folgen. Handelsminister R o p e r sagte, er sehe keine Not­wendigkeit für eine Wätzrungsinflation. Die Regierung sei j auch gegen eine solche. Sie erwarte, daß sich die wirtschaft- I liche Erholung ohne Inflation durchsetzen werde. 1

Volkstum im Kampf.

Die Abstimmungskiimpse der Nachkriegszeit und der Ead- kamps an der Saar.

Von Dr. Hans Steinacher, Bundesleiter 'des VDA.

Der heutige Schlutzkampf um die deutsche Saar und die kommenden 15. Jahresgedenktage an die vergangenen Volksabstimmungskämpfe in d e ut fchen Grenzgebieten lenken die Aufmerksamkeit auf jene im Zeichen des deutschen Zusammenbruchs stehende Nachkriegszeit, in der zum ersten Male wieder deutsches Volkstum feine Kraft und Bewährung zeigte, während alles ringsum zerbrochen und zerstört schien. Diese Volksab­stimmungen, die nach dem Willen und den Vorschriften der Gegner durchgesiihrt wurden, waren nicht etwa eine Freund­lichkeit oder ein Geschenk uns gegenüber. Die Friedensmacher von Versailles glaubten sich in allen Abstimmungsgebieten ihrer Sache sicher. Durch diese Abstimmungen geriet die ganze deutsche Grenze in Bewegung. Es ereignete sich etwas, was die Erfinder der Abstimmungshandlungen nicht erwartet und beabsichtigt hatten: Die Starrheit alter deutscher Staats­grenzen ward gebrochen. Für Deutschland wurde mit einem Male seine Volksgrenze weithin sichtbar. Das meist nur noch gedankenlos gesungene Lied „Von der Maas his an die Memel von der Etsch bis an den Belt", bekam wieder Leben. Die Abstimmungen, von oben befohlen und vorgeschrieben, bekamen unten eine Eigenbewegung, die in das Gegenteil von dem umschlug, was die Gegner des Reiches erhofft hatten. Ein neues deutsches Nationalgefühl, vom Volkstum aus­gehend, wurde plötzlich wach. Die Abstimmungen haben das Versäumnis von Jahrhunderten nachgeholt und das deutsche Volk an den Grenzen wie im Binnenlande gezwungen, ein­mal wieder über seinen Bestand und sein Wesen nachzu­denken. So wurden diese Volksabstimmungen in schwerster Zeit Signale einer volksdeutschen Morgenröte.

Nach den Friedensdiktaten von Versailles und St. Germain wurden für folgende Gebiete Abstimmungen fest­gesetzt: 1. Nordschleswig, 2. Ostpreußen, und zwar der Re­gierungsbezirk Allensteiii, 3. Teile von Westpreutzen mit Marienburg und Marienwerder, 4. Eupen-Malmedy, 5. Kärnten, 6. Oberschlesien, 7. Saargebiet. Ohne Ab­stimmung sind abgetreten: Danzig, Memel, Posen-West- preutzen, Hultschin. Ohne Abstimmung blieben ferner ganz Österreich, Südtirol und Eisatz-Lothringen. Nachträglich wurde im Gebiet von Ödenburg, das schon Österreich zuge­sprochen war, eine Scheinabstimmung durchgefühvt. Ohne Abstimmung blieben auch die. deutschen Sudetenländer, Böhmen, Schlesien, Nord-Mähren und Süd-Mähren, obwohl sie in anderer als der üblichen Abstimmungsform, aus eigenen Kräften und aus eigenem Willen eine klare und einwand­freie staatsrechtliche Entscheidung über ihre künftige staatliche Zugehörigkeit gefällt haben.

Die Gründe für die Volksabstimmungen waren ebenso verschieden wie die zur Anwendung gelangten rechtlichen Bestimmungen und Durchführungsmethoden. Auch die Ab- stimmungstermine sind ganz verschiedenartig festgesetzt. Es läßt sich ohne Mühe nachweisen, daß die Bestimmungen, Me­thoden und Termine durchweg so festgelegt wurden, wie sie nach Ansicht der Gegner am ungünstigsten für das deutsche Volk waren. Nordschleswig und Kärnten hat man in zwei Zonen eingeteilt. In der äußeren Zone hat man wegen der dort erwarteten sremdnationalen Mehrheit eine en bloc-Ab- stimmung festgesetzt, um die dieser Zone angehörenden unbe­stritten deutschen Teile durch einfache Majorisierung in das fremde Staatsgebiet zu zwingen. Die Entscheidung in der äußeren Zone sollte dann auch die innere gesichertere Zone erschüttern. Auch die Frage der Treuhänderschaft ist ver­schiedenartig durch internationale Kommissionen wie in Schleswig, durch interalliierte Kommissionen wie in den östlichen Grenzgebieten oder durch eine Völkerbunos- kommission wie an der Saar geregelt. Während aber in den übrigen Abstimmungsgebieten die Abstimmungspartner selbst noch ihre Vertretungen hatten in Form von Reichs­kommissaren wie in Ost- und Westpreutzen oder von Ple- Liszitkommissaren wie in Oberschlesien, und während dort die Bevölkerung an der technischen Wahlgestaltung durch Be­rufung von Beisitzern und Wahlfunktionären beteiligt wurde, ist an der Saar eine solche Beteiligung fortgefallen. Man wollte sich wohl an der Saar so bittere Enttäuschungen und moralische Niederlagen ersparen, wie sie seinerzeit in Ost­preußen zu verzeichnen waren, wo die Polen in zahlreichen Bezirken keine einzige Persönlichkeit fanden, die sich ihnen für diese technische Vorbereitung und Durchführung der Ab­stimmung zur Verfügung stellte.

3n Schleswig wurde der Abstimmungstag möglichst zeitig festgesetzt, um die Abstimmung int Zeichen des Hunger­winters 1919/20 und unter dem Eindruck der furchtbaren Diktatforderungen des Zusammenbruches durchzudrücken. In Ostpreußen und Westpreußen war der Zeitpunkt wider Erwarten günstiger, weil in jene Abstimmungswochen der polnisch-russische Krieg fiel. In Kärnten hat man die Abstimmungszone 16 Monate lang mit dem südslawischen militärischen Ausnahmezustand regiert in der Hoffnung, dann nach Verdrängung der deutfchgesinnten Fühlerschicht leichtes Spiel zu haben. Zur Zeit der Abstimmung wütete die Jnflafion in Österreich. Der trotzdem erfochtene klare Mehrheitssieg ist ein beispielloses Zeugnis der Treue zu Volk und Heimat. In Oberschlesien stand die Ab­stimmung im Zeichen einer rücksichtslosen Besatzung und zweier terroristischer polnischer Aufstände. Hinzu kam, datz das Reich unter ickiwerstem Druck stand, das Londoner Ulti­matum die Wahnsinnsziffer von 132 Milliarden Tribut­zahlung festgesetzt hatte, der Versuch eines nationalen Wider­standes mit der Regierung Simons zusammengebrochen war, die Franzosen die Brückenköpfe von Düsseldorf und Duisburg besetzt hatten und die deutsche Währung zu wanken begann.