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Nr. 9.

Donnerstag, 10. Januar 1935.

83. Jahrgang.

Zwischen Rom und Genf.

Gerüchte über eine Berliner Reise Lavals. — Bor der Ratstagung. Rückgliederungsbeschluß des Rates erst im Februar?

Fernostpolitik

nach Kündigung des Washingtoner Abkommens.

Die politischen Vorgänge, die sich zurzeit im Fernen Osten abspielen oder die nach zuverlässigen Jnforma-

Genfer Gespräche.

as. Berlin, 10. San. (Drahtbericht unserer Berliner Ab­teilung.) Die in Rom weilende Auslandspolitikerin des „Oeuvre" glaubt in der Lage zu (ein, eine Reise des französischen Außenministers nach Berlin ankündigen zu können. Worauf sich diese Vermutung stützt, ist nicht festzustellen, wohl aber kann man sagen, daß in der Reichshauptstadt von einer solchen Absicht Lavals nicht das mindeste bekannt ist. Abge­sehen von allem anderen, ist ja auch zu bedenken, daß der Terminkalender Lavals zunächst ganz andere Eintragungen enthält. Der französische Außenminister wird stch heute oder morgen nach Genf begeben, wo morgen bekanntlich die Ratstagung beginnt. Er wird dort mit dem englischen Außenminister Sir Sohn Simon und mit dem eng­lischen Lordsiegelbewahrer Eden zusammentreffen. Schon aus der Tatsache, daß beide englische Staatsmänner nach Genf fahren, ist zu entnehmen, daß man den dortigen Gesprächen in London eine besondere Be­deutung beimißt. Man wird sich also dort mit Herrn Laval unterhalten und so die Reife Lavals nach London ausreichend vorbereiten. Ganz offensichtlich werden die Eng­länder dabei bemüht sein, Herrn Laval klar zu machen, daß durch die Erledigung , der Saarfrage und durch die neuen Pakte die französische Sicherheit gewähr­leistet ist, sodaß nunmehr auch Frankreich sich einer Über­einkunft über die Beschränkungen der Rüstungen nicht mehr entziehen könne. Auf der anderen Seite dürften die Eng­länder uns wohl nahe legen, durch den Beitritt zu Sen Pakten das französische Sicherheitsgefühl zu stärken. So haben sich die Engländer ja auch immer wieder für den Ostpakt eingesetzt, der ans den bekannten Gründen von Deutschland abgelehnt wird. Wie die Dinge im einzelnen sich weiter entwickeln werden, läßt sich heute natürlich noch nicht übersehen,,doch werden stch die Engländer darüber klar sein müssen, daß eine deutsche Vorleistung unter gar keinen Umständen in Frage kommt.

Das große Aufgebot von Staatsmännern, das diesmal in Genf versammelt sein wird, würde es rechtfertigen, daß man sofort nach der Saarabstimmung am Sonntag den Be­schluß über die Rückgliederung faßt, der an sich selbstver­ständlich ist. Es scheint aber, als ob sich in Genf die Rich­tung durchsetzt, die füi eine Verzögerung des Be­schlusses eintritt. So berichtet auch das aus Völker- bundskreifen meist gut unterrichtete „Sournal des Nations", daß di« morgen beginnende Ratstagung noch

keine endgültige Entscheidung über das Saargebiet treffen werde. Diese Entscheidung werde vielmehr erst auf einer außerordentlichen Rats­sitzung im Februar fallen. Eine Bestätigung dieser Meldung von anderer Seite liegt allerdings nicht vor, so­daß die Annahme, es handele sich hier um einen Versuchs­ballon, nicht ganz unberechtigt erscheint. Wie einzig und allein die Entscheidung des Völkerbundsrates lauten kann, das, hat im übrigen der Saarbevollmächtigte in seiner großen Rede in Kaiserslautern gestern klar und deutlich erklärt, nämlich: Bedingungslose Rückkehr zum Reich.

Um den Zeitpunkt der Ratsentscheidung.

Eens, 10, San. (Eig. Drahtmeldung.) Aus gut unter­richteten Kreisen des Völkerbundssekretariats wird bestätigt, daß der Zeitpunkt der endgültigen Völker­bundsentscheidung über die Saarabstimmung noch ganz ungewiß und vom Ausgang der Volksabstimmung abhängig ist. Bei einer ganz klaren Abstim­mung für Deutschland, die. nirgends, auch nicht in Teilen des Saargebiets, Zweifel möglich macht, würde eine Entscheidung des Völkerbundsrates etwa acht Tage nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses möglich sein. Dann würde das Dreierkomitee sofort vom Rat mit der Ausarbeitung der endgültigen Vorschläge beauftragt werden. Gleichzeitig könnten die übrigen Maßnahmen zur Überleitung ohne Zögern in Angriff genommen werden. Sollten aber auf Grund des Wahlergebnisses Unklarheiten übrig bleiben, etwa durch kleine örtliche Mehrheiten für den Status guo, so müßte die Lage auf Grund der Ver­tragsbestimmungen erst geprüft werden, was einige Zeit in Anspruch nehmen würde. Zugleich wären diplomatische Sondierungen dann nicht ausgeschloffen. Für diesen Fall hält man es dann allerdings auch in Völkerbunds­kreisen für möglich, daß der Völkerbundsrat später, etwa im Februar, zur Entscheidung nochmals einberufen wird.

Auch in hiesigen französischen Kreisen verhehlt man sich übrigens nicht, daß eine klare und lückenlose Mehrheit für Deutschland — wie die Dinge heute liegen — im Grunde auch den Interessen Frankreichs am besten entspricht. Man fürchtet in diesen Kreisen geradezu, daß kleine örtliche Status-quo-Einsprengsel in völlig sinnloser Weise die Atmosphäre vergiften und die maßgebende französische Poli­tik, die heute eine schnelle Lösung der Saarfrage wünscht, aus ihrer Richtung drängen könnten.

tionen dort zu erwarten sind, haben zwar direkt mit Flottenangelegenheiten nichts zu tun, müssen aber trotzdem im engen Zusammenhang oder als eine Folge der japanischen Kündigung des Washingtoner Flotten­abkommens angesehen werden. Es wäre ja auch ganz ungewöhnlich, wenn ein solch entscheidender Schritt, wie ihn die Kündigung darstellt, nicht auf einem neuen Wege der japanischen Politik gemacht würde.

Hat schon die Loslösung von Bindungen, die Japan an die Vereinigten Staaten von Amerika und an England knüpften, das japanische Bestreben zu größerer Unab­hängigkeit von Europa und der Neuen Welt gezeigt, so wird dieses Bestreben jetzt noch mehr begründet durch ein offensichtliches Anschlußsuchen Japans an das benachbarte China und durch eine größere politische und wirtschaftliche Aktivität im neu entst an denen Munds chukuo. Zwei Ereignisse sind es, die diesen Beweis im besonderen bringen: Die beabsichtigte Reise des jungen Kaisers von Mandschukuo nach Tokio und eine Konferenz, die in Dairen die Generale der auf dem ostasiatischen Fest­lande stationierten japanischen Truppen zusammen­führte. In Moskau haben die Meldungen über diese Vorgänge kein geringeres Interesse hervorgerufen als in Nanking und in Kanton, nur daß man dort der Entwicklung der Dinge mit Skepsis und Besorgnis entgegensieht, im benachbarten China -aber mit eini­gem Optimismus, obgleich eindeutige Erklärungen von japanischer Seite noch nicht dafür vorliegen, daß dieser Optimismus auch berechtigt ist. Immerhin liegt im Bereich des Möglichen, daß die Chinesen diesmal keine Enttäuschung erleben werden. Man gibt sich in Nanking der Hoffnung hin, daß die Konferenz in Dairen zur Aufgabe hatte, Verhandlungen vorzubereiten, die zum Ziele haben, eine Grenzregulierung zwischen China und Mandschukuo herbeizusühren, ein Ziel, das alten chinesischen Wünschen und Forderungen entsprechen würde. Wenn es den Japanern ernsthaft um eine Anbahnung besserer Beziehungen zu China zu

„übereilte Absichten Englands."

Frankreich fürchtet englischen Druck in der Abrüstungsfrage.

Besorgnisse der Pariser Presse.

Paris, 10. San. Sn der französischen Rechtspresse macht sich eine gewisse Besorgnis vor einem englischen Druck auf Rüstungsbeschränkung geltend, den man kommen sieht. Man erwartet gewissermaßen nunmehr eine englische Gegenrechnung für Frankreich dafür, daß Eng­land Barthou beim Start zum Ostpakt beigeftanden und das Zustandekommen der römischen Einigung gefördert hat. Die Feststellung des englischen Wunsches ist für die Rechtspresse natürlich mit seiner sofortigen Ablehnung verbunden.

Sm „Sournal" nimmt St. B r i c e gegen „übereilte Absichten Englands" Stellung, die Frankreich zu einer Kontrolle, die doch nur Lug uns Trug fei, und i>er Bekanntgabe der Rüstungen zurückführen wollen. Der Außenpolitiker des Blattes hofft, daß die französisch-italie­nische Zusammenarbeit ausreichen werde, um der von Mac- donald und Simon bekundeten Eile Widerstand zu leisten.

„Le Sour" betont, daß Frankreich keine Zett habe, sich der Befriedigung über die römischen Ergebnisse hinzugeben. Die nächste Zukunft fordere seine ungeteilte Aufmerksamkeit in Genf, vor allem aber in London. England werde geltend machen, daß die französische Sicherheit nun besser verbürgt fei. und daß Frankreich folglich Zugeständnisse in der Rüstungsfrage machen könnte. Unter Hinweis auf die Aus­führungen (Stens will das Blatt wissen, was England unter Kollektivsystem zur Sicherung des Friedens verstehe. Wenn ein derartiger Kollektiv festumrissene Pflichten eines jeden gegen alle und aller gegen jeden empfehle, dann könnte ein solches System gut fein; wenn das Wort kollektiv aber nur eine Tarnung bedeuten sollte, wobei ein jeder sich hinter allen und alle sich hinter jedem verschanzen würden, dann wäre das System ein Betrug.

Pertinax schreibt im „Echo de Paris", die franzön''be Regierung habe die Note Barthous vom 17. April fallen gelassen. Man habe die ganze Öffentlichkeit bisher darüber hinweggetäuscht, daß im Lause einer am 22. Dezember statt­gefundenen Unterredung zwischen Flandin, Laval und Simon der englische Staatsmann ein Ab - rücken von der Note Barthous und Doumer- gues vorn 17. April erreicht habe. Die fran­zösischen Minister hätten ihm erklärt, es sei ihnen unter bestimmten Bedingungen möglich, die deutsche Aufrüstung zu legalisieren, und sofort kehre der in der englischen Presse vom

29. Sanuar v. 3. eingenommene Standpunkt wieder auf die Tagesordnung zurück. Laval habe alle Vernunft aufgegben. Er stoße Frankreich in endlose Meinungs­verschiedenheiten und er stelle Frankreichs militärische Rüstungen damit wieder zur Erörterung. Dieser Beschluß sei ohne Befragen des obersten Landesverteidigungsrates gefaßt worden. Die angeblich von Stalien Laval zugestan- dene Spanne der Überlegenheit (das Blatt berichtet an an­derer Stelle, vor einigen Monaten sei dem französischen Botschafter in Rom von llnterftaatssekretär Suvich zugestan­den worden, daß bei Aufstellung des deutschen Rüftungs- standes dem gewaltigen Kriegspotentiell Deutschlands in jeder Weise Rechnung getragen würde) habe nur dann Wert, wenn die Kontrolle und die Sanktionen wirksam wirken. (!) Das könnten aber nur Ideologen glauben.

Kaiserslautern, 9. Ian. „Am 13. Januar: Den Weg frei zur Verständigung!" war der Leitspruch der Ausfüh­rungen des Saarvevollmächtigten des Reichskanzlers, Gau­leiter B ü r ck e l, vor der in- und ausländischen Presse. Er fühtte dabei aus: Die Welt stellt am kommenden Sonntag die Frage: Wer ist Sieger? Wer ist Besiegter? Gibt man dieser Frage einen außenpolitischen Charakter, dann könnte sie, ganz gkeich, wie der 13. Januar sie beantwortet, die Ur= fache neuer Konflikte werden. Aber nur dann, wenn man Deutschland und Frankreich als die beiden stch bekämpfenden Parteien herausftellt. Bei gewissenhafter Betrachtung des Problems, noch mehr aber bei Berücksichtigung der diesen Kampf austragenden Parteien, wird man ertiären müssen,

tun ist, so müßte es allerdings das erste sein, daß eine Bereinigung der chinesisch-mandschurischen Grenze im Sinne Chinas erfolgt. Eine solche würde von China immer zur Bedingung gestellt werden. Andererseits aber würde sich Japan kaum dazu bequemen, wenn die erstrebten guten Beziehungen nicht auch sofort praktische Form annehmen würden, und da gibt es wieder nur eine Bedingung, die Japan stellen würde, nämlich die sofortige Einstellung des wirtschaftlichen Boykotts, der von China' aus, auf Betreiben der Südregierung, gegen Japan sozusagen verhängt roorben ist und die japanische Wirtschaft ganz beträchtlich schädigt. Da in der japanischen Presse ganz unverhohlen derartige Kompensations­möglichkeiten besprochen werden und sich auch chinesische Blätter in solchen Gedankengängen ergehen, darf ohne weiteres angenommen werden, daß die japanische Politik tatsächlich diesen neuen Kurs einschkägt, dessen Weg zunächst einmal nach dem Nachbarlande führt.

daß die Saarfrage außenpolitisch keine Kon­fliktsfrage, sondern eine reine Liquida- tionsfragedarstellt. Sobald die Saarfrage aus dem Rahmen internationaler Erörterungen herausgehoben wird, ist sie eine rein deutsche Angelegenheit, weil sie nur von Deutschen unter sich gelöst wird.

Die Status-quo-Lösung nicht lebensfähig.

Zwischen die beiden Thesen, zwischen die französische, nach welcher eine Willenskundgebung genügt, um Glied einer anderen Nation zu werden, und zwischen die deutsche, nach welcher die innere Zugehörigkeit zum angestammten Volks­tum entscheidet, schob man aber noch eine dritte Lösung: das Kompromiß des Status guo! Jene Lösung näm­lich, welche versieht, daß das Saaroolk, wenn es sich aus völkischer Scham vielleicht nicht mehr für Frankreich und aus

Ilm 13. Jimsor: Den frei znr HetMnng!

Rede des Saarbevollmächligten des Reichskanzlers, Gauleiter Biirckel, vor den Vertretern der in- und ausländischen Presse.

Keine Aonfliktsfrage, sondern eine Liquidationsfrage.