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Sonntag, 30. Dezember 1934.

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Drittes Blatt. , Nr. 355 1 =5sssa

Jolanthe, die Steppenreiterin.

Ein Abenteuer auf der Krim.

Bon Dionys Meyer (Wiesbaden).

I di« Ichöne Frau, streckte die Arme zur Seite, ,:t der Muskoly zu prüfen. Alle Gelenke ge- horchten diesem ephebisch schmalen, aber sehnigen Körper. Matter Feuerschein fiel auf ihren üppigen Busen, starr und rot stach mir die Knospe ihrer marmornen Brust entgegen.

Die Reiterin war ein junges, schlankes Weib, mit den unverkennbaren Zügen der edel gezüchteten slavischen Rasse. Run erhob sich,x-- -x~£i-*'- "r

die Spannkrafi

Run wandte sie den Blick zur Seite, behutsam trat sie an mein Lager.

2a praschnü Gospodine, woda." Ich bitte um Wasser, Madam.

2a prenesti, moj Gospodin." Ich bringe es Ihnen, mein Herr. Sie kniete an meinem Lager, ergriff meine Hand, fiihlte den Puls.

Was haben Sie, moj Gospodin? Ach Gott, was ist

_ .dem Wege von Karrassubasar zu den Grabern der Krimgoten, die um's Jahr 250 n. Ehr. an der taurrschen Küste siedelten, überraschte mich in der Hochsteppe " etn ^NMtter. Es kam am Nordhang des Jaila D a g h, vom Schwarzen Meere zum Meere Asow gezogen. Wie ge- Schwäne schwammen die Kumuluswolken unter der tlesblruen Himmelskuppel entlang. Die ersten Regentropfen fielen. Gierig trank sie die ausgedörrte Steppe, llrwald- raufchen begleitete die Atemzüge des aufkommenden Stur­mes. Windsbräute vollführten grandiose, dämonische Tänze, peitschten die Sanddünen haushoch empor und rissen die Kronen von, den Bäumen.

Blitz auf Blitz zuckte. Ein wunderbares Naturschauspiel, in das sich das dumpfe, grollende Dröhnen des Donners mischte, das tausendfach im Iaila sein Echo fand. Plötzlich sauste vor uns ein Blitzstrahl in die Erde. Wie gebannt blieb mein PferdVestalin" stehen, bebte am ganzen Körper und machte dann Zeinen mächtigen Sprung zur Seite und in die Tiefe. Sekundenlanges Schweben. Dann ein - Krachen, Bersten, Plumpsen. Wassergarben schlugen über un­seren Köpfen zusammen und salzige Feuchtigkeit machte sich auf den Lippen bemerkbar. Ägyptische Finsternis umgab uns. Der Regen gotz in Strömen. Nach Schwefel roch die Erde, Wie zur Herbstzeit, wenn im Rheingau die Weinfässer aus- geschwefolt werden.

Mit vielen Mühen arbeitete sichVestalin" an den Rand des Tümpels. Wer alle Versuche, in der Dunkelheit festen Boden unter die Füße zu bekommen, scheiterten an den steilen Ufern und dem undurchdringlichen Gestrüpp. Das arme Tier hatte sich in seiner Angst immer tiefer, immer fester, in den Schlamm gearbeitet. Eine Müdigkeit beschlichVestalin" und schien ihr alle Kräfte genommen zu haben. Da half der Himmel. Im Feuerschein zuckender Blitze entdeckte ich eine kleine Treppe, ritz das Tier am Zügel und Bügel zur Seite und half ihm mit Aufbietung aller Kräfte, festen Boden zu gewinnen. Ein Sprung und wir hatten das Ufer erreicht. Unter strömendem Regen trotteten wir unseres Weges. Da eine Hirtenkate. Tür auf und hinein wir waren in Sicherheit.

Auf dem Herde glimmten noch ein paar Holzkohlen. Ein Zeichen dafür, daß hier Steppenhirten hausten, die nun das Unwetter überraschte und sie hinderte, ihre Kate aufzusuchen. Bald flackerte ein lustiges Feuerchen auf der Feuerstelle em­por und der Teekessel sang sein monotones Lied dazu. Draußen aber raste das Unwetter weiter. Zeitweise erreichte es eine Heftigkeit, datz ich befürchten mutzte, das Dach über dem Kopfe zu verlieren. Die subtropische Sommernacht mit all ihren Geheimnissen und Schrecknissen brach herein. In der Steppe heulten die Schakale. Raubvögel huschten wie unheimliche Gespenster unter dem Dache hervor und er­füllten mit ihren frostigen Rufen den ohnedies schon grau­sigen Raum.

Dom Sattel loste ich den Mantel. Dank des Mantel­sackes war er trocken geblieben. Nun aber die nassen Kleider vom Leibe und zum trocknen über dem Herde aufgehangen! Mich fröstelte. Gleich darauf überfiel mich ein Schüttelfrost und rüttelte mich mächtig durcheinander. Ich ahnte das Kommende: Die Vorboten der malaris tropica meldeten sich 'ju Wort. Ich warf mich ins Heu. Wie Schmiedehämmer schlugen die Zähne aufeinander und in der Umgebung der Milz spürte ich heftige Schmerzen.

Eine tiefe Ohnmacht überkam mich...

Nach Stunden setzte starkes Fieber ein. Durst quälte mich. Langsam aber begann es in meiner Mansarde zu dämmern und ich konnte mich in etwa an die jüngsten Er­eignisse erinnern. Wenn doch ein Mensch käme und dir be- hiflich wäre, zog es durch meinen Sinn. Aber niemand kam. Ich war allein in der weiten, weiten Steppe.

Da regte sich plötzlich ein fremdes Wesen am Herde. Ich schlug die Augen auf: Am Herdfeuer saß eine halbentkleidete Frau. In der Hand hielt sie einen Kamm und zog ihn mechanisch durch ihr starkes, nachtschwarzes Haar. Zwischen den Lippen hielt sie eine Zigarette. Mit Wohlbehagen zog sie den aromatischen Dust in rhre Lungen. Lange betrachtete ich das reizende Weib am Herde und feine elegante Be­wegungen, die das Zurechtmachen der Haare begleiteten.

Ihnen? Bitte, legen Sie sich ruhig. Beruhigen Sie sich", bat sie.

Sie streichelte meine Hände, sie fuhr über mein §>aar, indes nachwallende Stötze noch immer meinen zitternden Leib durcheinander rüttelten.

Quälen Sie nicht nicht. Lassen Sie sich nicht vom Fieber unterkriegen. Ich bin ja bei Ihnen, will Ihnen helfen. Zwar ein wildfremde Frau, aber doch eine Frau, die Ihnen beisteht."

Ein paar Sekunden blieb sie so über mich gebeugt, dann stand sie auf, ging zur Satteltasche und entnahm ihr ein Gläschen mit Chinin.

Hier, trinken Sie bitte einen Schluck alten Alutschta- wein. Er wird Ihnen gut tun; und hier nehmen Sie vier Tabletten Chinin. Das hilft."

Sie kuschelte sich an meine Seite. Aus einer unergründ­lichen Tiefe fühlte ich die Wärme ihres Körpers, fühlte das schmerzlindernde Streicheln beruhigender Hände und das be­rauschende Fluidum ihrer Haare. Das tat wohl; endlich wieder eine Frauenhand zärtlich nahe zu fühlen. Vielleicht auch das hatte ich in vier Jahren Krieg allzu lange entbehrt, und nun ich durch den Schleier des Fiebers Teilnahme einer zärtlich bemühten Frau empfing, überkam mich Wohliges mitten im Schmerz.

Sachte schob sie mir ein Bündel Heu unter den Kopf und ging an den Herd, sich für die Nacht anzukleiden.

Bald beruhigte sich das Fieber, nachdem mein Körper minutenlang zwischen Boden und Dach geschwebt. Chinin in Rotwein aufgelöst, tat bestens seine Wirkung.

Sehen Sie, lieber Freund, nun wird's besser und morgen können Sie wieder vergnügt über die Steppe reiten."

Jnschallah, Gospodina."

Allah ist mit Ihnen. Er ist mit jedem tapferen Manne. Er ist überall und dem Menschen am nächsten in der Ein­samkeit und in der Not."

Dankerfüllt blickte ich in die leuchtenden Augen des jungen, schönen MDtchens. Ich dankte dem Schicksal, das mir Liesen Engel in die Einsamkeit und an mein Kranken­lager sandte.

Nach einer Weile sagte die schöne Unbekannte, während sie sich an meiner Seite ihr Nachtlager richtete:Sie sind deutscher Offizier?"

Ich nannte meinen Namen und den Standort meiner Truppe.

Ich heiße Jolanthe Konstantieniwna und wohne in Bad Jalta. Allah hat mir in der Nacht den Weg zu Ihnen gezeigt. Ich bin ihm so unendlich dankbar, in Ihnen einen Beschützer gefunden zu haben."

In meinem jämmerlichen Zustande, Jolanthe Konstan- tieniewna, kann Ihnen meine Hilfe bitterwenig nützen. Ich bin doch selbst Ihrer Hilfe bedürftig."

Ihre Uniform ist mein Schutz. Sie ist eine Abwehr gegen die räuberischen Horden, die das Gebirge und die Steppe unsicher machen und Schutzlose wie hungrige Wölfe verfolgen."

Das könnte höchstens ein Grund mehr sein, uns beide so schnell wie möglich in die ewigen Jagdgründe zu befördern, zumal Sie, wie ich vorhin zufällig sah, Geld und Wertsachen auf der Brust mit sich führen."

Die schöne Unbekannte schwieg. Dann sagte sie nach einigen Augenblicken Besinnens:

Ja, moj Gospodin, Geld und Schmuck führe ich bei mir. Es ist das Vermögen meiner Mutter. Vierzehn Tage schon sitze ich im Sattel und habe mehr denn 1000 Werst hinter mich gebracht. Aber morgen bin ich zu Hause!"

Sie tapferes Mädel!" sagte ich und küßte ihr die sonnengebräunte Hand.

Ihre Augen strahlten. Wohlig bettete sie ihre Wange an die meine, ergriff meine Hände und legte sie auf ihre Brust. Gute Nacht!" sagte sie.Ich bin müde." Bald darauf kün­deten tiefe, gleichmäßige Atemzüge von einem gesunden Schlaf.

Neben mir lag, nur in ein Plaid gehüllt, eine junge, schöne und schutzbedürftige Frau, der die blutrünstige Meute auf den Fersen war und sie wie ein Reh über Land und Meer jagte. Ich ahnte die Zusammenhänge, kannte aus eigener Anschauung das Los der fliehenden russischen Aristokraten, die aus allen Teilen des unermeßlichen Reiches nach Süden, zur Krim, flüchtete und Schutz suchte bei den deutschen Trup­pen. Nicht allen glückte die Flucht. Viele, viele blieben auf der Strecke, beraubt und entehrt, und wie abgeschossene Tiere liegen.

Während ich so meinen Gedanken nachhing, bemerkte ich plötzlich, wie die Pferde unruhig wurden und die Ohren spitzten. Bald darauf hörte ich den Hufschlag trabender Pferde und nun auch den Klang menschlicher Stimmen. Ich griff zur Pistole. Minuten vergingen. Nichts ereignete sich. Aber die Pferde blieben nach wie vor von einer Unruhe ge­packt und sahen in einem fort nach der Türe, folgten auch mit ihren Augen dem Klang, der ihre Artgenossen verriet.

Mit einem Male sprangVestalin" zur Seite. Derbe Fäuste rüttelten gleich darauf an der Türe. Stimmen wur-

den laut und wilde Flüche schwirrten durcheinander. Da ... ein Ruck, noch einer, ein Krachen, Bersten, Fallen die Türe flog aus den Angeln, frischer Luftzug drang in die Kate und in der offenen Türe standen plötzlich zwei Männer, die angestrengt nach allen Seiten Umschau hielten.

... '/Aermutz das Täubchen sein! Sieh nur, Stacho, die pikseme Wasche, wie sie die Bourgeois zu tragen belieben." Langsam tasteten sie sich näher an den Herd. Nun erblickten ste auch meine Uniform und entdeckten zugleich die beiden Pferde, die angebunden vor dem Heuhaufen standen.

Im Flüstertöne sprachen die beiden Männer miteinander. Hm und wieder fiel das Wort Eermanski. 2m spärlichen Feuerschein des verloichenden Herdfeuers konnte ich ihre Ee- sichtszuge erkennen: Räubervisagen, mit Narben über und über bedeckt.

-.WähEd sie noch immer beratschlagten, warf ich einen Blick zur Seite: Neben mir schlief, sanft wie ein leibhaftiger Engel, 2olanthe. Nun galt es zu handeln dunklkr°Nacht?^°^""' W3Bas in

Drauf Towaritsch!" hörte ich den Hintersten der beiden

Kumpane rufen. 2ch hob die Pistole. Der erste Schuß ver- lietz den Lauf. Die Pferde sprangen zur Seite, Jolanthe schnellte von ihrem Lager, übersah mit einem Ruck die Lage und war mit einem Satz bei den Pferden, die sich wie wild gebärdeten. Die beiden Männer aber waren verschwun- den.....

? Jolanthe kroch zur Türe und horchte in die stille, dunkle Nacht hinaus. In der Ferne war der Hufschlag am ver­klingen .....

Jolanthe bebte am ganzen Körper. Fassungslos warf sie sich über muy und küßte mir die Wangen, stammelte in einem ort Dankesworte und netzte mit ihren Tränen meine fiebernde Brust.

sind mir diese Hunde auf den Fersen, -lffchts, selbst das rasende Unwetter nicht, vermochte die wilden Gesellen von der Verfolgung abzuhalten."

Inzwischen graute der junge Tag. Ruckweise stieg die Sonne hoher Vogelgezwitscher klang über die Steppe und aromatische Dufte füllten die Kate.

JA mutz schnell fort, die Gesellen kommen bald wieder Diese Späher alarmieren ihre Kumpane, die in dunklen D°r- stecken nächtigen und nicht eher ruhen, bis das gejagte Wild erschöpft am Boden liegt."

Wir kleideten uns an. Ich fühlte beim Aufstehen, wie unendlich schwach ich war. Doch raffte ich alle Energie zu­sammen, meinem Pferde den Sattel aufzulegen.

Ich begleite Sie, Jolanthe!"

Sie wehrte zögernd ab, sagte:Sie sind noch zu schwach für einen Steppengalopp."

Versuchen wir es, Jolanthe!"

Im Galopp ritten wir über die Steppe nach Westen, über Nacht war aus Steppengras und Sand ein grüner Teppich ge­worden und die Merinoschafe, begleitet von Hirten und zahl­reichen Hunden, weideten bereits in Tälern.

Wir ritten eine Weile Schritt.

-Wie schön ist doch der Morgen, Jolanthe, und wie be­zaubernd die endlose Steppe nach einem kräftigen Gewitter­regen. Ein gewaltiges, auf Sinne und Seele wirkendes Ge- wälde, in das die Nähe des Meeres mitschwingt und wozu das imposante Jaile Dagh noch obendrein den prächtigen Rahmen gratis liefert."

Jolanthe nickte und lächelte. Plötzlich aber schreckte sie zusammen, datz ihr Pferd sich wild aufbäumte. Sie blickt- noch einmal hinter sich. Am östlichen Horizont kündeten Staubwolken das Nahen einer Kavalkade.

Sehen Sie dort die Reiter?"

Ich sah ein Dutzend Pferde über den Höhenkamm fegen und stutzte .... Jolanthe aber gab ihrem Pferd die Sporen und jagte kopflos von dannen.Doswidania" auf Wieder- sthen rief sie mir zu .... Dann war sie in der Ferne ver­schwunden.....

Die Reiter kamen näher und näher. In ihrer Mitte ritten zwei Männer in buntester Tracht. Nun parierten si- dre Pferde ... grüßten ... Es waren bayerische Ulanen mit zwei gefangenen Rotgardisten ...Ich sah ihnen lange in die Augen. Ihr Schicksal war mir nur zu gut bekannt.

Einige Wochen später gab Fürst Barjantinsky im Kasino zu Bad Jalta ein intimes Sommerfest, wozu auch di' deutschen Offiziere von Balaklawa und Sewastopol geladen waren.

Es war eine kongeniale Gesellschaft, die sich hier zusam- rnenfand .. . Eine interessante Völker-, Rassen-, Frauen- und Modenschau.

Nach dem Diner gruppierten sich die Gäste zu zwang­losem Geplauder. Im Mittelpunkte eines Zirkels stand eine junge, elegante, in weißes Pelzwerk gehüllte Dame, die die Augen der bayerischen Offiziere auf sich lenkte.

Ich trat hinzu. Die reizende Frau erzählte einem Ritt­meister ihre Flucht aus dem Kubangebiet, ihren Ritt über die Steppe und ihr nächtliches Abenteuer, mit einem preußischen Nikolaushusarckn.

Der Rittmeister schmunzelte und wiegte verständnisvoll den blonden Kops. Da blickte die reizende Dame im Kreise umher . . . Plötzlich ein Schrei, die Ulanen traten zur Seite und aus ihren Reihen löste sich die charmante Fee und fing mir entgegen. Es war Jolanthe, mein guter Kamerad, die pochenden Herzens in meinen Armen lag.

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