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Nr. 355.

Sonntag, 30. Dezember 1934.

Flandin sorgt für die Landwirtschaft.

2m Kampf gegen die Teuerung und den Aberfluh. — Herabsetzung des Brotpreises in Frankreich.

Aufkauf von Getreide.

as. Berlin, 29. Dez. (Drahtbericht unserer Berliner i Abteilung.) Man hat der Regierung Doumergue wiederholt seinerzeit vorgeworfen, daß sie nichts gegen die Teuerung und nichts für die Landwirtschaft tue. Die Regierung Flandin hat aus dieser Kritik gelernt und Flandin selbst hat seinerzeit bei der Bekanntgabe seines Wirtschaftsprogramms ausdrücklich betont, Latz er sich vor allem um die Gesundung der Land- wirtschaft bemühen werde und datz dieser Gesun­dung dann die der Industrie folgen würde. Bekannt­lich leidet die französische Landwirtschaft unter einem ' Überfluß an Getreide, und es erscheint zunächst als einen Widerspruch, datz bei dieser Lage der Dinge eine Teuerung zu verzeichnen ist. Run hatte aber seinerzeit die französische Regierung für den Ankauf von ^Getreide durch die Mühlen einen Mi ndestpreis vo n ^108 Franken pro Doppelzentner festgesetzt und auf Grund dieses Mindestpreises berechnete sich auch der Brotpreis. Tatsächlich erhielt der französische Bauer aber selten oder nie den vorgeschriebenen Mindestpreis, sondern mutzte Angebote von 65 bis 75 Franken für den Doppelzentner annehmen. Es sind also sehr erheb- - liche Zwischengewinne eingesteckt worden und es ist klar, datz dadurch die ohnehin große Unzu­friedenheit der Bauern noch gesteigert wurde. Sinn hat das Parlament bekanntlich vor kurzem eine Re- ■ gierungsoorlage angenommen, durch welche die R e - g i e r u n g ermächtigt wird, für etwa 1,5 Milliarden Franken Getreide aufzukaufen. In Auswirkung . dieses Beschlusses wird die französische Regierung im Januar zunächst rund 1 Millio n Doppel- : ze n t n e r E e t r e i d e a u f k a u f e n, und eine gleiche Menge für den Export bereitstellen. Dieser Ankaufs- . preis liegt nun aber unter dem bisher vorgesehenen Mindestpreis und es ergibt sich nunmehr, datz dement­sprechend auch der Brotpreis geregelt werden mutz. Man erwartet in Paris unter diesen Umständen eine

Senkung des Brotpreises von etwa 20 bis 3 0 Centimes für das Kilogramm.

Zugleich hat die Regierung Flandin bewiesen, datz sie auch den Weinbauern zu Hilfe kommen will. Auch hier besteht ein ungeheuer großes Überangebot, das auf eine sehr gute Ernte zurüchzuführen ist und das nicht zuletzt auch eine Folge der zollfreien Weineinfuhr aus Algier und anderen kolonialen Gebieten ist. Um das Überangebot etwas zu mildern, soll der Weg der Destillierung von 15-Akillionen Hekto­liter angewandt und der so gewonnene Alkohol u. a. dem Treibstoff beigemischt werden. Zugleich hatte die Regierung auch die Bahn um die Herabsetzung der Eisenbahntarife für die Wointransporte ersucht, doch hatten sich die französischen Bahnen angesichts ihrer sehr schlechten finanziellen Lage geweigert, diesem Ersuchen Folge zu leisten. Wie schon kurz berichtet wurde, hat daraufhin die französische Regierung auf dem Verord- nungswege die Tarife für Weintransporte herabgesetzt. Auch auf diese Weise hofft das Kabinett Flandin zur Bekämpfung der Teuerung praktisch beizutragen. Aller­dings dürste das Weinproblem allein durch diese Maß­nahme noch nicht gelöst sein, sondern man wird hier früher oder später zu einschränkenden Maßnahmen beim Anbau übergehen müssen. Dabei bestehen sehr erhebliche Gegensätze zwischen den algerischen Wein­bauern und den Weinbauern in Frankreich, Gegensätze, die auch in der Kolonialpolitik Frankreichs eine nicht unerhebliche Rolle spielen.'

Jedenfalls zeigen die Maßnahmen, daß die Regie­rung Flandin die Dinge nicht einfach weiter treiben lassen will, sondern entschlossen ist, den Kampf gegen die Teuerung durchzuführen, was um so notwendiger sein dürfte, als nach den letzten Berichten der französischen Blätter die Arbeitslosigkeit in Frankreich, obwohl, man ausländische Arbeitskräfte in großem Um­fange abgeschoben hat, wieder stark zugenom- m e n hat.

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Der Führer an Seihte.

Weihnächte- und Neujahrswünsche an die alten Front­soldaten.

Berlin, 29. Dez. (Eia. Drahtmeldung.) Der Vundes- ftihrer der NSDFB. (Stahlhelm), Reichsarbeitsminister Franz Seldte, erhielt vom Führer und Reichskanzler fol­gendes Telegramm: „Für die mir im Namen des NSDFB. (Stahlhelm) übersandten Weihnachtsgrütze danke ich Ihnen aufrichtig. Ich bitte Sie, meine besten Wünsche für das Weihnachtsfest und zum Jahreswechsel entgegen zu nehmen und diese auch den alten Frontsoldaten zu übermitteln.

gez. Adolf Hitler."

Simon und Mussolini.

Paris, 29. Dez. Die römischen Berichterftatter der großen französischen Blätter erklären, datz man an amtlichen italie­nischen Stellen nichts von einer Begegnung Sir John Simons mit dem Duce wisse. — Ein Sonderbericht­erstotter des „Matin" hatte Gelegenheit, Sir John Simon in Cannes zu sprechen und ihn um eine Stellungnahme zu diesem Gedanken zu bitten. Sir John Simon erwiderte, datz er auf Urlaub sei und sich demnächst nach Monte Carlo be­geben werde. Der Frage einer möglichen Zu­sammenkunft mit Mussolini wich er aus,.ohne sie aber in Abrede zu stellen. Die beiden Mitarbeiter des englischen Autzenministers im Foreign Office sind am Freitag in Cannes eingetroffen.

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9r. SWt Her W Ziele

Organisierte Sparsamkeit im Verbrauch ausländischer Güter.

Berlin, 29. Dez. (Eig. Drahtmeldung.) Der Reichsbank­präsident und beauftragte Reichswirtschaftsminister Dr. Schacht veröffentlicht in dem vom Reichsbund der deutschen Beamten herausgegebenen „Deutschen Beamtenkalender 1935“ einen bedeutungsvollen Beitrag über die Ziele deutscher Wirtschaftspolitik.

Erst wenn Deutschland die wirtschaftlichen Fesseln des Versailler Vertrages, die repa­rationsbedingte Auslandsverschuldung von sich gelöst habe, so führt der Minister aus, werde es die volle Handlungsfreiheit nicht nur auf dem Gebiete der Währung, sondern auch auf dem der Wirtschaft gewonnen haben. Wir müssen uns darüber klar sein, datz dieses Ziel sehr schwer zu erreichen sei. Es sei leider nicht damit getan, wie das von einigen Heißspornen gern vorgeschlagen werde, daß man dem Ausland einfach erkläre: „Uniere Auslandsschulden sind verkappte Reparationen, sind moralisch nicht berechtigt und werden daher in Zukunft nicht mehr bezahlt.“. Unter jenen unseligen Schuldverschreibungen stehe die private Unterschrift des deutschen Kaufmannes und wir hätten damit die Ehre unseres Kaufmannes verpfändet. Unsere kaufmännische Ehre sei aber eines der weni­gen Güter, die uns die Siegermächte nicht hätten rauben können. Das nationalsozialistische Deutschland denke nicht daran, ein so wertvolles Aktivum selbst zu zerstören.

Der Minister äußert sich weiter über den neuen Plan, der auch ein bisher weniger beachtetes Fernziel verfolge, nämlich die einschneidende Umgestaltung

WiltsWBtik.

unserer künftigen Handelsbilanz. Deutschland habe vor dem Kriege fast 30 Jahre lang ständig eine passive Handelsbilanz gehabt. Heute können wir uns einen Dauer­fehlbetrag in unserer Handelsbilanz einfach nicht mehr leisten. "Wir brauchten aber nicht nur eine ausge­glichene, sondern sogar eine aktive Handelsbilanz. Der neue Plan sei nichts anderes als organisierte Sparsamkeit in der Verwendung ausländischer Güter. Daher dürfe er auch nicht ausschließlich als eine augenblickliche Rotmatznahme gewertet werden, sondern er sei ein Stück Wirtschaftspolitik auf lange Sicht. Der Minister wendet sich gegen den Einwand, datz der neue Plan eine Herabdrückung des Lebensstandards bedeute, also die gleiche Wirkung wie eine Deflation habe. Rur wenn man ihn Überspanne und zu Zwecken mißbrauche, die seiner wirklichen Bestimmung zuwiderlaufen, könne er die Lebenshaltung ver­schlechtern. Ein solcher Mißbrauch sei aber ausgeschloffen. Als Grundaufgabe unserer, inneren Wirtschaftspolitik be­zeichnete der Minister die Erziehung der Wirtschaft zu dem Grundprinzip des Nationalsozialismus, dem Vorrang des Gemeinnutzes vor dem Eigennutz. Das Wesentliche sei die Aufgabe und nicht etwa die Mittel, deren man sich zu ihrer Erfüllung bediene. Es habe keinen Zweck, mit einem Schlage die "ganze Wirtschaft umkrempeln zu wollen. Es habe sich noch immer gerächt, wenn man die wirtschaftlichen Erfahrungen der Vergangenheit in Bausch und Bogen zum alten Eisen geworfen habe. Das Ziel habe der Führer gesteckt. Über die Einzelausgaben und die Reihen­folge ihrer Dringlichkeit habe ebenfalls der Führer die letzte Entscheidung. Die Wege, die zur Ersüllung dieser Ausgabe führten, würden von niemand anderem als von den Män­nern sestgelegt, die der Führer dazu bestimmt habe und die ihm dafür verantwortlich seien.

82. Jahrgang.

Genesende Wett.

Eine Neujahrswende mitten in einer Umwandlung der Weltmeinung, wie sie seit 1914 nicht ihresgleichen hatte: — das ist kein Zeitpunkt, um zu prophezeien — ganz abgesehen davon, daß dies auch sonst eine üble Gepflogenheit des Publizisten ist. . . Aber er darf als Chronist doch feststellen, daß um diese Jahreswende eine bestimmte Haltung in der zivilisierten Welt ge­wonnen wurde, die entschieden mehr Vertrauen einflößt als vor etwa einem Jahr oder gar vor zweien. Unsinnig, sich jetzt in Sicherheit zu wiegen! Aber trotz des schnatternden Kriegsgeredes, das wieder einmal in den letzten Monaten durch die Blätter draußen rauschte, trotz all der mehr oder weniger schlechten Witze, die dir entsprechende Presse auf den Sel-bstbehauptungswillen des deutschen Volkes machte: — die Welt steht im Zeichen einer Konsolidierung der Macht, und zwar einer europäischen Ordnung. Wir können feststellen, daß wir von dem Zustande von 1919 nun endgültig abgerückt sind. Daß er der Vergangenheit an- gehört, wenn man will: der GSschich^, obgleich es eine geschichtslose Epoche der Deutschen war, was diesen Zu­stand umschließt.

Das bedeutet aber, daß nun wieder mit festen Größen gerechnet werden kann, und daß die Welt sich wieder gewöhnt, Deutschland als weltpolitischen Faktor anzuerkennen. Und das wiederum heißt in einem weiteren Verstände, daß von jetzt ab wieder feste Maß­stäbe gelten — vor allem erst einmal in Europa. Die deutsche Revolution, die Machtergreifung durch den Nationalsozialismus hat damit genau das Gegenteil von dem erreicht, was ihre fanatischen Gegner ihr zu­schrieben: sie hat eine gewisse Stabilität und einen beginnenden Optimismus in der Welt gezeitigt.

Mussolini hat fa einmal die große Wandlung des Nachkriegs-Duropa für das Jahr 1935 prophezeit: er scheint recht zu behalten. Die Saarabstimmung wird das Prüfungsdatum für diese Wandlung. An dieser Klippe für den europäischen Frieden und den Wieder­aufstieg hat es sich ja bis jetzt schon gezeigt, daß der Wille zum Guten, der Wille zum Frieden die Ober­hand gewinnt.

Das alles bedeutet aber nicht etwa, daß nun „gesicherte Zustände“ Anlaß zu einem langen Friedens­schlaf böten! Im Gegenteil: wenn die äußere Ordnung, eine Ordnung der Ehre und der Gleichberechtigung für Deutschland erreicht worden ist, dann wird der innere Ausbau des erneuerten Reiches erst recht seinen Fort­gang nehmen können und müssen. In dem deutschen Menschen ist vieles aufgewühlt worden, was der Klä­rung bedarf. Das wollen wir an einer so bedeutsamen Jahreswende durchaus nicht vergessen oder verschwei­gen. Viele Dinge des Inneren, der Seele, ringen im neuen Ausdruck. Viele Werte sind in Frage gestellt worden durch die Revolution und bedürfen der Korrektur. Aber damit, daß eine nationale Selbstbe­sinnung und der daraus erwachsene Wille zur Selbst­behauptung der Deutschen bereits eine so tiefgehende Wandlung der Weltpolitik Hervorrufen oder mindestens anftoßen konnte — damit ist ja bewiesen, daß hier die entscheidenden Kräfte gelöst sind, die das deutsche Wesen überhaupt wieder aus der Verschüttung befreien können. Es erweist sich jetzt, daß wir durchaus nicht ge­borgen sind in einer feftumriffenen Erbzivilisation wie die westlichen Völker, sondern daß wir immer wieder unsere Lebensform neu finden müssen. Unsere Bluterbschaft ist schwer, wir wollen es bekennen, denn sie legt uns immer wieder Kämpfe auf, die wir gegen uns selber und um uns selber führen müssen. Ein solcher Kampf war die Reformation, ein solcher Kampf wird die Vollendung der deutschen Auf­gabe der Gegenwart sein. Der Kampf in uns wird immer um die Erenzscheide zwffchen römischer und ger manischer Kultur geführt werden muffen. Das ist ein Ringen um Sinn und Gestalt, um die letzten Dinge eines Volkes. Als Volk der Mitte zwischen Ost und West haben wir diesen Kampf in uns auszutragen und sind verpflichtet, uns dabei von jeder oberflächlichen Selbstzufriedenheit fern zu halten, wie von jeder klein­lichen Selbstzerfleischung. Aber im Zeichen dieses Schick­salskampfes stehen wir wieder.

Ein Fest des Gebens und Schenkens ohne Beispiel liegt hinter uns. Wer in deutschen Städten die Riesen- bescherungen unter freiem Himmel an die Kinder der Ärmsten erlebte, der spürte, daß hier eine Welle der Güte und des Vertrauens durch unser Volk flutete. Diese Welle flutet gleichsam weiter hinaus in eine ehe­mals feindliche Welt und läßt die Fernsten aufhorchen: das große Volk der Müffk und Romantik, das Volk der Arbeit und der schöpferischen Besinnung, der Kraft und der Güte besiegt das Mißtrauen und ändert die Welt zum Guten!

Dieser Wunsch eint alle Deutschen — er läßt sie hoffen, und er beschwört neues Heil für die Welt ftn neuen Jahr.