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Nk. 328.
Samstag, 1. Dezember 1934.
82. Jahrgang.
Die Ziele Lavals.
Große Kammerrede des französischen Außenministers. — Deutschland soll sich an den Kollektiv-Verträgen beteiligen. — Hitlers Friedenswille anerkannt.
Frankreich und Italien.
8s- Berlin, 1. Dez. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Auf die Rebe Baldwins und Sir John Simons ist gestern eine außenpolitische Rede Lavals in der französischen Kammer erfolgt. Alan wird von ihr wohl sagen können, daß sie i m Ton ein wenig entgegenkommender war als i>ie Neben Barthous, aber man wird nicht ohne weiteres behaupten können, daß sie die internationale Entwicklung irgendwie gefördert hätte. Was wir von Laval über die internationale Politik hörten, war nicht neu. Wir vernahmen nochmals, daß Frankreich die V e r - st ä n di g u n g mit Italien erstrebt. Hier ist Herr Laval offenbar ziemlich zuversichtlich gestimmt, obwohl auch er betonte, daß eine Annäherung zwischen Paris und Rom nicht möAich ist. ohne einen Ausgleich zwischen Rom und Belgrad, was doch wohl geeignet sein müßte, den französischen Optimismus herabzudrücken. Selbstverständlich sprach auch Herr Laval von der „Unabhängigkeit Österreichs", die von Deutschland gewiß nicht bedroht wird. Und selbstverständlich setzt auch er sich für ein« enge fran z ö s i ch - so w j e t r u ss is che Zusammenarbeit ein, wobei das Militärbündnis unerwähnt blieb. Mit allem Nachdruck wandte der französische Außenminister sich dann gegen jede G r e n z r e v i s i o n. Das alles sind Dinge, die keineswegs neu sind, und ebenso wenig bedeutet es eine Änderung der französischen Außenpolitik, wenn sich Laval für die Kollektivverträge aussprach und sich gegen zweiseitige Verträge wandte. Es ist oft genug dargelegt worden, weshalb wir van den . Kollektivverträgen herzlich wenig halten, und das Heil vielmehr in einer Verständigung von Land zu Land sehen. Tatsächlich hat ja auch kein Kollektivvertrag bisher die
Lage so zu entspannen vermocht, wie etwa das zweiseitige deutsch-polnische Verständigungsabkommen.
Zum Thema Deutschland übergehend, kann man in der gestrigen Rede Lavals als Neues nur feststellen, daß der französische Außenminister die Friedfertigkeit der Erklärungen Hitlers unterstrich und damit sogar Beifall erntete. Die Verständigungsarbeit, die von französischen Frontkämpfern geleistet worden ist, ist offenbar nicht ganz ohne Erfolg geblieben. Leider fehlte aber in der Rede Lavals ebenso sehr das Wort von der Gleichberechtigung Deutschlands wie in der Rede Baldwins. Uber die R ü st ung sfrag e hat sich der französische Außenminister nur sehr vorsichtig geäußert. Er hat. wörtlich erklärt: „Wir können uns nicht vor der tatsächlichen Lage beugen, die für uns die Wiederaufrüstung Deutschlands schafft, noch können wir uns den Verpflichtungen entziehen, die uns auferlegt sind." Aber unmittelbar darauf folgte die Einladung an Deutschland, sich dem französischen System der Kollektivpakte anzuschließen. Sollte hier der Schlüssel Mr Lage liegen, das heißt, sollte Frankreich seine Stellung zur Rüstungsfrage von der Stellung Deutschlands zum Kollektivsystem abhängig machen wollen? Man hat nach den Worten Lavals nicht den Eindruck, als ob diese Frage für Frankreich besonders eilig sei, wenn man auch daraus die Bereitschaft entnehmen kann, dieses Thema wieder aufzunehmen, wenn auch nicht vor der S a a r a b st im m u n g. Diese letzte Frage würde in den internationalen Rahmen hineingestellt. Soweit Laval. Seine Ausführungen schaffen keine neue Lage, sie beweisen, daß i m w e s e n t l i ch e n alles im alten Gleise weiterläuft, wenn auch hier und da einmal ein anderer Ton anklingt. Am ganzen aber war diese Rede eben nur eine Rede mehr.
von Ribbentrop in Paris.
Privater Besuch.
Paris, 30. Roo. Havas meldet: Herr von Ribbentrop ist heute vormittag um 10.30 Uhr auf dem Pariser 'Nordbahnhof aus Berlin kommend in Begleitung seiner Frau eingetroffen. Der Besuch Herrn von Ribbentrops ist, wie aus Berlin gemeldet wird, rein privater Natur. Herr von Ribbentrop wird morgen, 1. Dezember, wieder in Berlin sein.
Vermutungen der Pariser Presse.
Paris, 30. Nov. Die Pariser Reise des deutschen Abrüstungsbevollmächtigten von Ribbentrop bildet eines der Hauptgesprächsthemen der Pariser Abendpresie. Die Blätter ergehen sich in den verschiedensten Vermutungen, wrchei jedoch die Ansicht vorherrscht, daß der Besuch von Ribbentrops diesmal keinen amtlichen Charakter tragt. Im übrigen unterstreichen die Blätter den engen KhNtakt, der augenblicklich zwischen den französischen und den deutschen ehemaligen Frontkämpfern bestehe.
London: Einleitung neuer Rüstungsverhandlungen.
London, 30. Nov. Die aus Paris gemeldete Ankunft des Herrn von Ribbentrops wird, von der Freitagabend-Presse, die allgemein diese Tatsache auf ihren Straßenplakaten hervorhebt, als Hauptmeldung veröffentlicht. Die Blätter glauben aus der Reife des Herrn von Ribbentrop schließen zu können, daß die Einleitung neuer Verhandlungen über die Rüstungsfrage zwischen Großbritannien, Frankreich und Deutschland bevorsteht. Gleichzeitig veröffentlicht die Abendpresie -den amtlichen Berliner Kommentar, wonach Ribbentrops Besuch in Paris völlig privater Natur sei. „Evening Standard" hält es für möglich, daß Ribbentrops Mission zu einer deutsch-französischen Verständigung führen könne.
Der deutsche Botschafter bei Flaudiu.
Paris, 1. Dez. Der französische Ministerpräsident Flandin hat am Freitag den deutschen Botschafter Roland Köster empfangen, über den Inhalt der Unterredung ist nichts bekannt.
Tag nationaler Solidarität.
Am 8. Dezember Sammelaktion für das Winterhilfswerk.
Unter Führung des Reichspropagandaleiters der NSDAP. Dr. Goebbels.
Berlin, 30. Nov. Aw Samstag, 8. Dezember 1934, findet im ganzen Reich eine Sammlung für das Winterhilfswerk statt, die unter Leitung des Reichspropaganda- leiters der NsDAP., Dr. Goebbels, steht. Die verantwortliche Leitung der Sammlung in den Gauen liegt bei he» Saupropagandaleitern bzw. bei den Landesstellen- leitertt, in den Kreisen bei den Kreispropagaudaleitern und in den Ortsgruppen bei den Ortsgruppenpropagandaleitern.
An der Sammelaktion beteiligen sich sämtliche höheren Beamten und Angestellten des Reichsministeriums für Bolksaufklärung und Propaganda und der Landesstellen, sowie der dem Reichsminifterinm und de» Landesstellen unterstehenden Behörde» und öffentlichen Einrichtttttgen der Reichskulturkammer, Reichs
rundfunkgesellschaft, Werberat der deutschen Wirtschaft, Hochschule für Politik, Philharmonisches Orchester, Theater, Filmprüsstelle, Reichsausschutz für Fremdenverkehr. Ebenso beteiligen sich alle Gaupropagaudaleiter mit ihren Mitarbeitern, sowie in den Kreisen und Ortsgruppen der NSDAP, die Propagandaleiter und sämtliche in den Gauen befindlichen Redner. Außerdem werde» sich die führenden Persönlichkeiten der Partei und ihrer Untergliederungen für die Sammelaktion einsetzen. Der Chef des Stabes der SA., der Reichsführer der SS. and der Reichs- ingendführer haben einen entsprechenden Befehl an die ihnen unterstellten Gliederungen erlasien.
_ Gesammelt wird von 16 bis 19.30 Uhr auf den «t raßen und anschließend in den Gaststätten, Theatern, Kinos usw. Zeder Sammler erhält eine Sammelbüchse der RSB. mit der Anfschrift „Tag der nationalen Solidarität".
Blick in die Welt.
Die Herren Diplomaten sind Heber Zm einmal isehr tätig. Reden, Noten, Inter- Zwielicht. views, Parlamentsdebatten, das sind die täglichen Lesefrüchte, die üns den Eifer der Diplomaten klar vor Augen führen. Immer wieder wird zwar davon gesprochen, daß man für den Frieden arbeitet, aber immer wieder wird auch betont, daß man sich auf eine andere Entwicklung vorbereiten müsse. -So ist eine gewisse Panikstimmung entstanden, oder zum mindesten doch eine Stimmung, in der große Massen mit einem kriegerischen Konflikt als mit einer Selbstverständlichkeit rechnen. Nichts ist charakteristischer als, daß selbst der französische Kriegsminister sich bei den Haushaltsberatungen gegen eine solche Stimmung wenden mußte, daß sich der stellvertretende englische Ministerpräsident zu den gleichen Äußerungen veranlaßt sah, ja, daß selbst ein Mann wie Churchill seinen Vorstoß, der die Verstärkung der englischen Luft- streitkräfte zum Ziele hatte, mit den Worten einleiten mußte, daß er einen Krieg nicht für unmittelbar bevorstehend und nicht für unvermeidlich halte.
Andererseits läßt sich nicht leugnen, Die Kanonen- daß man in den R üst u ng s w e r k - fabrikanten st ä t t e n mit Hochdruck arbeitet, haben Arbeit. In Prag sind dieser Tage die Aktien der bekannten S k o d a - Rüstungswerke nicht unbeträchtlich gestiegen, denn die Skoda- werke konnten mitteilen, daß die Beschäftigung bei ihnen in allen Abteilungen größer sei als im Vorjahre, daß die übliche Abschwächung des Geschäfts im Herbst nicht eingetreten sei, daß vielmehr die Beschäftigungskurve infolge größerer Aufträge weiter ansteige. Und wie bei Skoda so sieht es auch in den anderen Rüstungswerken aus. Vickers in England arbeitet mit überstunden, in Italien haben A n s a l d o und C o g n e das neue Rüstungs-Stahlwerk Cornigliano-Cogne mit sehr großem Kapital aufgezogen. Die Brünner Waffenwerke, die u. a. in der Herstellung und Ausfuhr von Gewehren und Maschinengewehren auf dem Weltmarkt eine große Rolle spielen, fusionieren mit der Tschechoslowakischen Munitions- und Metallwerke A.--G. in Preßburg und erhöhen dabei ihr Kapital von 30 auf 70 Millionen Kronen. Das alles sieht nicht sehr nach Friedensvorbereitungen aus.
Wenn nun noch hinzukommt, daß ein Ungarn Völkerbundsmitglied die Genfer Jnsti- und tution glaubt auf Dinge Hinweisen zu
Südslawien. müssen, die geeignet sind, den Frieden zu gefährden, und das gute Einvernehmen unter den Nationen zu stören, wie es int Falle der südslawischen Beschwerde über die angebliche oder tatsächliche Unterstützung der Marseiller Attentäter durch Ungarn geschah, so sind auch das Dinge, die nicht gerade geeignet sind, die allgemeine Nervosität zu mildern. Der Völkerbund kommt durch diesen Fall in eine keineswegs leichte Lage, es wird seine Aufgabe sein, zu prüfen, inwieweit die Behauptungen beider Parteien zutreffend sind, und darüber hinaus wird man sich nun auch wohl in Genf der Frage widmen müssen, wie man überhaupt dem Emigrantenproblem beikommen kann. Immerhin will uns scheinen, als ob hier doch nach der ersten Aufregung über die scharfe südslawische Note eine ruhigere Auffassung der Dinge Platz gegriffen hat, und selbst die amtliche italienische Mitteilung, daß Rom die Auslieferung der beiden in Turin verhafteten Kroaten auf Gründ der 'französisch-italienischen Vereinbarungen ablehnt, ist in Frankreich mit erfreulicher Ruhe ausgenommen worden.
Weit entscheidender für die euro- Das französisch- päische Lage ist die Tatsache, daß wir sowjetrussische uns heute einem französisch- Militärbündnis. s o w j e t r u s s i s ch e n Militär- b ü n d n i s gegenübersehen, dessen Spitze sich ganz zweifellos gegen Deutschland richtet. Zwar sind den Enthüllungen des französischen Abgeordneten A r ch i m b a u d über dieses Militärbündnis zwischen Paris und Moskau sehr bald die üblichen Dementis gefolgt. Ihnen gegenüber hat Herr Ärchimbaud seine BehauMngen aufrechterhalten und es spricht auch nicht gerade für diese Dementis, wenn jetzt aus Moskau die Nachricht kommt, daß man dort eine französische Militärmisfion erwartet, an deren Spitze ein General stehen soll und die in der Hauptsache Techniker umfassen soll, die besondere Kenntnisse auf dem Gebiete der Kriegsluftfahrt haben. Dabei mag daran erinnert sein, daß man schon im Herbst vorigen Jahres, als der damalige französische Luftfahrtminister der sowfet- russischen Hauptstadt einen Besuch abstattete, von einer solchen Zusammenarbeit sprach. Handelt es sich hier mithin auch nicht um etwas ganz Neues, so ist doch klar, daß diese Zusammenarbeit, man mag nun den Namen
