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Nr. 327

Freitag, 30. November 1934

82. Jahrgang.

Wie Frankreich die Unterhausdebatte auslegt

Südslawien und Ungarn.

Belgrad will das Erenzabkommen kündigen.

Geschäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.

Werktigllch nachmittags, Samstag, vor- n. nachmittag Fernsprecher-Sammel-Nr. 59631.

Präsident Salamanca kommt vor ein Militärgericht.

Nückfluten der bolivianischen Truppen aus dem Chaco-Eebiet.

gerade die sowjetrussische Fliegerei in Frankreich schätzt, ging ja auch schon vor einigen Tagen aus den Worten des Abgeordneten Archimbaud hervor, der unter anderem meinte, daß Sowjetrussland die beste und Frankreich die zweitbeste Luftflotte besitze. „Wenn beide Länder Zusammengehen, kann man gegenwärtig ruhig sein." Da außerdem Herr Archimbaud in erfreulicher Offenheit gar keinen Zweifel daran ließ, daß die mili­tärische Zusammenarbeit zwischen Paris und Moskau sich gegen Berlin richte, so ist die Lage sehr eindeutig gekennzeichnet. Man wird das hoffentlich in England bei der Betrachtung der Lage Deutschlands nicht außer Acht laffen. Im übrigen aber liegt irgendeine amtliche Äußerung zur Unterhausdebatte ebenso wenig vor wie eine amtliche Stellungnahme Roms. Es läßt sich im Augenblick auch nicht übersehen, ob eine solche Stellung­nahme jetzt erfolgen wird. Die Tagung des Völkerbundsrates ist ja nunmehr endgültig auf den 5. Dezember festgesetzt und hier ergibt sich wieder die Gelegenheit zur persönlichen Aussprache in den berühmten Genfer Hotelzimmern. Allerdings werden diesmal die offiziellen Verhandlungen des Rates die Aufmerksamkeit der Staatsmänner stark in Anspruch nehmen, was sowohl hinsichtlich der Saarfrage gilt als auch hinsichtlich der südslawisch-ungarischen Aus­einandersetzungen. Ob unter solchen Umständen in Genf noch die Zeit bleiben wird, um das Thema der Rüstungsbeschränkungen wieder eingehend zu behan­deln, erscheint fraglich, zymal auch Herr Laval die Genfer Tage noch dazu henutzen mochte, um sich mit dem polnischen Außenminister über den Ostpakt zu unter­halten.

Unterhaus und Völkerbund.

Nach der englischen Rüstungsdebatte. — Das Echo. — Frankreich und Sowjetruhland,

17. April halte, dann könne die französische Politik wer weiß wohin kommen.

„Le Jour" wehrt sich gegen eine deutsche Fühlungnahme nur mit ehemaligen Frontkämpfern. Der „Excelsior" schreibt, wenn die deutsche Regierung aufrichtig sei in ihrem Wunsch nach Ausgleich und internationaler Zusammenarbeit, dann werde es immer noch Zeit sein, diese Aufrichtigkeit an Hand der Bürgschaften zu ermessen, die sie den „mit Recht über die beschleunigten deutschen Aufrüstungen beunruhigten Mäch­ten" geben werde. Gewiß werde die französische Regierung Deutschland in dem Versuch einer unmittelbaren Aussprache und gerechten, vernünftigen Versöhnung nicht entmutigen, aber die früheren Enttäuschungen geböten Frankreich größte Vorsicht. Es wäre auch zweckios, zu hoffen, daß Frankreich sich damit abfinden könnte, auch nur ein Tüpfelchen von seiner Sicherheit oder einen seiner alten oder neuen Freunde zu opfern. Laval, so kündigt das Blatt an, habe den gestrigen Tag dazu benutzt, um mit seinen Mitarbeitern die aktenmäßigen Unterlagen über die internationalen Ver­handlungen zu ergänzen und seine Antwort auf die Fragen vorzubereiten, die ihm sicher bei der Beratung des Haus­haltes des Auswärtigen gestellt werden würden.

Lloyd" gibt zu dieser Drohung zweifellos die Auffassung amt­licher ungarischer Kreise wieder, daß dieses Erenzabkommen im Juli d. I. auf den ausdrücklichen Wunsch des Völker­bundes entstanden sei. Der Völkerbund habe damals auf Grund der zahlreichen Erenzzwischenfälle den Vertretern Ungarns und Südslawiens nahegelegt, auf freundschaftlichem Wege und in gemeinsamen Einvernehmen eine Regelung der Grenzbeziehungen zwischen den beiden Ländern zu erzielen. Eine Kündigung des Abkommens durch Südslawien würde sich somit weniger gegen Ungarn als gegen den Völkerbund richten.

London, 30. Rov. (Eigene Drahtmeldung.) Reuter meldet aus Santiago de Chile, daß jetzt der Rück­tritt des bolivianischen Präsidenten Salamanca auch amtlich bestätigt wird. Von nicht­amtlicher Seite wird erklärt, daß Salamanca mit einem Flugzeug nach Santa Cruz gebracht wird, wo er von einem Militärgericht abgeurteilt werden soll.

Dem neuen bolivianischen Kabinett gehört auch der frühere Präsident von Bolivien Saavedra an, der seinerzeit des Landes verwiesen worden war und sich gegenwärtig in Santiago aufhält.

Nichtamtliche Nachrichten aus La Paz bestätigen die Meldungen von einem ungeordneten Rückzug der bolivianischen Truppen aus dem Chaco- Eebiet.

Budapest, 29. Nov. Zu der Meldung des „Echo de Paris", nach der Südslawien, vermutlich auch Rumänien und die Tschoslowakei, das Abkommen über die Regelung der ErenzbeziehungenmitUngarn i» kurzer Frist kündigen werden, wird von beteiligter Seite mit­geteilt, daß bereits unmittelbar nach dem Marseiller Atten­tat derartige Erwägungen angestellt wurden. Die Entschei­dung über eine etwaige Kündigung des Abkommens durch die Belgrader Regierung hänge jetzt von der Entwicklung der Lage in Genf ab. Es handelt sich hierbei um das am 19. Juli 1934 zwischen Südslawien und Ungarn abgeschloffene Abkom­men, in dem der kleine Grenzverkehr zwischen den beiden Ländern sowie die Zollfreiheit der sogenannten Doppelbesitzer derjenigen Bauernhöfe, bei denen nach der sinnlosen Grenz­ziehung der Friedensverträge der Hof auf der einen, der Grund und Boden jedoch auf der anderen Seite der Grenze liegt, geregelt wird. Diese sogenannten Doppelbesitzer waren bisher im unmittelbaren Gxenzverfehr zollfrei. Der »Pester

Die kommende Ratstagung.

a.8. Berlin, 30. Nov. (Drahtbericht unserer Berliner f Abteilung.) Die englische Abrüstungsaktion, die in der ; Ant er h ausdebatte ihren Ausdruck fand, richtet sich, wie • klar aus der Tatsache hervorgeht, baß die Rede Bald­wins vorher nicht nur in Berlin, sondern auch in Paris, Rom uni>_ Washington bekanntgegeben wurde, keines­wegs ausschließlich an die deutsche Adresse, sondern es kam den Engländern mindestens ebenso sehr auf die Rückwirkungen in den anderen Ländern an. Bisher ist aber das Echo nur sehr schwach und die Neigung, das Abrüstungsthema, oder richtiger gesagt, das Thema der Rüstungsbeschränkungen, denn von Ab- l rüftung kann ja ohnehin nicht die Rede sein, wieder aufzunehmen, ist offenbar nicht sehr groß. In Paris ist die Aufnahme der Unterhausdebatte in der Presse 1 geteilt. Vor allem ist man in der französischen Haupt- stadt unzufrieden damit, daß Baldwin „die deutsche L . Aufrüstung" mit, keinem Wort verurteilt, sondern ge- wissermaffen stillschweigend anerkannt hat. Jedenfalls aber legen die Pariser Blätter viel größeren Wert auf fe die — das Wort findet sich in vielen französischen Zei- tungen wieder — Alarmrufe Churchills als auf die Reden Baldwins und Simons. Sehr charakteristisch ist r aber auch, daß gerade in diesem Augenblick sich wieder das Blatt Herriots, „Aire Rouvelle", für Sowjetruß- land einsetzt und die räterussische Fliegerei lobt. Daraus ; kann man ohne weiteres schließen, daß dieses Blatt, und es steht damit gewiß nicht allein, größeren'Wert auf das französisch-sowjetrussijche Militärbündnis legt als auf irgendwelche Äbrüstungserörterungcn. Wie sehr man

dezug-preift: Für eine Bezugszett von 2 Wochen 94 Rpf., für einen Monat RM 2— ein- schließlich Traglohn. Durch die Post bezogm RM. 2.35, zuzüglich 42 Rpf. Bestellgeld Einzel, nummern 10 Rpf. — Bezugsbestellungen nehmen an: der Derlag, die Ausgabestellen ?ie Träger und alle Postanstalten. - Sn Fällen höherer Gewalt oder Betriebsstörungen haben die Bezieher keinen Anspruch auf Lieferung des Blattes oder auf Rückzahlung de^ Bezugspreises^

Am Kap der Guten Hoffnung.

Eine Vision.

Von Paul Rohrbach.

Das Ergebnis einer Weltreise ist zusammengefatzt in einem Buche, dem Paul Rohrbach den Titel gab „Welt­wandern in der Welten wende" (R. O. Olden- bourg, München). So weit er auch schweifen mag, immer lehrt Rohrbach Weltpolitik, immer steht ihm Deutschland in­mitten des Denkens. Zweierlei bewegt ihn dabei besonders: Englands Stellung und Wandel in der Weltkrise und Deutschlands Möglichkeiten im östlichen Raum. Und so sind in steigender Spannung die letzten Stücke ganz Deutschland gewidmet, um in der „Vision am Kap der Guten Hoffnung" noch einmal alles in einer großartigen Schau zusammenzu- faffen.

Von den berühmten Aussichtsstraßen der Welt ist die schönste, die ich kenne, die zwischen Kapstadt und dem Kap der Guten Hoffnung. Fels und Ozean geben ein meilen­langes, grandioses Bild. Gelbrot leuchtet der Fels, blau der Himmel, weiß die Brandung, purpurn die unendliche Weite des Meeres.

Die letzte felsige Spitze der Kap-Halbinsel besteht aus weißem, wie Kreide anmutendem ©eftem. Dazwischen liegen gelbliche Schichten und Blöcke und darauf eine seltsame, nur diesen Erdenfleck am Südende von Afrika bewohnende Vege­tation. Hier toben Stürme, die keinen Baum und keinen Busch aufkommen laffen, nur Kräuter und niedrige Sträucher. Ein Felsenpfad von einer halben Stunde führt von der Autostraße bis ans letzte, zwischen die Ozeane hin­ausgeschobene, einem zertrümmerten Riesenkastell gleichende Ende des Festlandes. Hier brandet zur Linken das Indische, $ur Rechten das Atlantische Weltmeer. Aus den brauenden Nebeln und sturmgetriebenen Wogen um diese äußerst« Spitze der Alten Welt erhob sich die düstere Seemannssage vom Fliegenden Holländer. Heute aber gab es weder Sturm noch Rebel, sondern durch Sonnenschein und durch ein leises, aus der Ferne sanft heranstreichendes Wehen rollte aus ozeanischen Weiten die lange Dünung heran und brach sich rauschend und schäumend am Fuß des Kaps.

Zum ersten, vielleicht auch zum letzten Mal im Leben, stand ich an diesem Punkt der Welt. Mir kam eine eng­lische Landkarte in den Sinn, die ich einmal gesehen hatte. Die Farbenerklärung dazu lautete: rot — England und seine Kolonien; blau — England übriger Besitz. Blau waren alle Meere und Ozeane. England gehört die See, England herrscht auf den Wogen! Britannia rules the wawes!

Ist denn das noch wahr? so fragte ich mich auf diesem vom Ozean umbrausten Fels, von dem die Schiffskurse hin­überziehen nach Indien und Australien, nach Amerika und Europa. Es ist nicht mehr wahr! England, das in den Welt­krieg ging, um seine Suprematie auf den Meeren zu be­wahren, hat sie verloren, äuf immer verloren. Sie ist da­hin — nicht nur, weil die Amerikaner jetzt eine Flotte be­sitzen, die der englischen ebenbürtig ist, sondern der letzte Grund liegt tiefer, ist für England furchtbarer. In Ge­danken zog ich auf dem Stein mit dem Finger die Umrisse Englands, der Insel England. „Dies Land ist eine Insel!" — so lautete, wenn die Rede auf Englands Gegnerschaft kani, durch mehr als zwei Jahrhunderte die selbstbewußt hochmütige Feststellung englischer Staatsmänner und Parla­mentsredner.

Rein, ihr Engländer, euer Land ist keine Insel mehr! so antwortete ich jetzt in Gedanken den Pitts und Cannings, den Palmerstons, Salisburys und Greys. Es hat aufge­hört, ein« Insel zu sein, seit Tausende von Flugzeugen in weniger als einer Stunde den schmalen Wassergraben über­fliegen können, an deffen festländischem Ufer der erste Napoleon zähneknirschend stand. Nur einen Tag die See- Herrschaft auf dem Kanal, und England hätte ihm zu Füßen gelegen. Nicht nur England — die Welt. Er wußte es, der Korse, aber sein Wiffen war wie das Wiffen der verdammten Seele um den Abgrund zwischen Hölle und Paradies. Hun­dert Jahre sind vergangen, seit er auf dem ausgebrannten Vulkaneiland mitten im Südatlantik als ein urgroßmütig behandelter Gefangener Englands verschied. Mit seiner Kontinentalsperre hat er den Engländern so hart zugesetzt, wie auch wir ihnen im Weltkrieg mit unseren Untersee­booten, aber bis zur Unterwerfung Albions — reichte es nicht. Jetzt hat Frankreich die Genugtuung, daß es keinen Kanal mehr zwischen seiner und der englischen Küste gibt. Englands Luftmacht ist der französischen unterlegen; Eng­land ist nicht mehr frei, die Politik eines unangreifbaren Jnsellandes zu machen.

Von allen Folgen des Weltkrieges, von allen Umgestal­tungen der Weltlage greift diese am tiefsten. Daß England keine Insel mehr ist, macht eine Tatsache aus, die bis in die letzten Fundamente der Weltpolitik hinabwirkt. Noch fehlt sehr viel daran, daß die Welt es begriffen hätte. Haben es überhaupt schon die Engländer begriffen? Ich glaube, sie haben es. In der Stille. In England liebt man es nicht, von unangenehmen Dingen zu sprechen. Drei nationale Lebenslinien sehe ich konvergieren: die deutsche, die eng­lische, die italienische. Die Stelle, wo sie zusammenfließen, liegt noch im Dunkel. Aber weder die Deutschen noch die Engländer, noch di« Italiener können ihre nationale Hand­lungsfreiheit anders erlangen, als wenn der französische Druck, der allgemein auf ihnen liegt, ein Ende nimmt.

Krieg? Nicht nötig! Wenn drei solche Völker gemein­sam wollen, sind sie stark genug, auch ohne Krieg. Poli­tischer Unverstand, sei es hier, sei es dort, als ein Hinder­nis? Gewiß, es ist ein altes Wahrwort, daß auf die Welt- rogierung nicht viel Verstand verwendet wird. Aber die Linien, di« durch die innere Natur der Dinge dem poli­tischen Geschehen vorgezeichnet werden, laffen sich wohl vor­übergehend verbiegen, aber nicht endgültig aus der Rich-

Le galisterung der deutschen Rüstung s- forderungen und Rückkehr nach Genf.

Paris, 30. Rov. (Eig. Drahtmeldung.) Der Widerhall k. der englischen Unterhausaussprache über Deutschland und den deutschen Rüstungsstand verdichtet sich hier zu der Frage, - - ob man von einer deutsch-französischen bzw. vor einer all­gemeinen Aussprache über die Legalisie rung der deutschen Rüstungsansprüche in Verbindung mit einer Rückkehr Deutschlands nach Genf stehe. Die Erklärungen Baldwins und Simons werden weiterhin in dem Sinne ausgelegt, daß England die Möglichkeit und Zweckmäßigkeit deutscher Verhandlungen habe andeuten wollen. Am besten läßt sich der Eindruck in den Warnungen - des oppositionellen „Echo de Paris" erkennen, man sei also j wieder beim Stande der Aussprache vom Januar, bei dem Versuch eines englisch-deutschen Einver­nehmens angelangt, das sich in der englischen Denkschrift vom 4. Januar und in der deutschen Erklärung vom L 16. Februar abzeichnete. Mit diesem Versuch habe die französische Note vom 17. April aufgeräumt. Wenn sich Laval nicht genau an den Wortlaut der französischen Note vom

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Knappe Mehrheit für die neue belgische Regierung.

Brüssel, 29. Nov. Das Kabinett Theunis-Franc- q u i hat am Donnerstag von der Kammer mit knapper Mehrheit das geforderte Vertrauensvotum erhalten. 93 Ab­geordnete stimmten für, 83 gegen die Regierung, 5 Abgeord­nete enthielten sich der Stimme und 6 waren der Abstimmung ferngeblieben. Die Regierung hat mit diesem Vertrauens­votum auch die Sondervollmachten, die vom König dem vor­hergehenden Kabinett Broqueville gewährt worden waren, übernommen.